Meisterschaft im Seitensprung (Please Don’t Eat the Daisies, USA 1960) #Filmfest 514

Filmfest 514 Cinema

Der Theaterkritiker und die Hausfrau

Klar gibt es einen Bonus für einen Film, in dem ein Kritiker die männliche Hauptrolle spielt und in dem ein Sanierungstatbestand von einem Haus vorkommt, der ein Traum für alle Baumenschen ist. Außerdem wiederholt Doris Day in dem Film ihren Smash Hit „Que sera, sera“, den sie erstmalig in Alfred Hitchcocks „Der Mann, der zuviel wusste“ (1956) gesungen hat. Was wirklich geschehen wird? Wir wissen es und es steht in der –> Rezension.

Handlung (1)

Kate und Larry Mackay leben mit ihren vier Söhnen in einem New Yorker Apartment. Larry arbeitete lange Zeit als Professor. Nun will er sich als Theaterkritiker versuchen. Das erste Bühnenstück, das er rezensiert, ist eine Musical-Produktion seines Freundes Alfred North. Das Musical ist jedoch so schlecht, dass sich Larry trotz schlechtem Gewissen gegenüber seinem Freund gezwungen sieht, eine negative Kritik zu schreiben. In einem Restaurant treffen Larry und Kate daraufhin auf Deborah Vaughn, den Star von Alfreds Show. Die dralle Blondine gibt Larry eine Ohrfeige, was prompt von einem Fotografen mit einem Schnappschuss festgehalten wird. Als das Foto auf den Titelseiten der Lokalzeitungen erscheint, schreibt Larry eine Kolumne, in der er spöttisch meint, dass Alfreds Show nicht von Deborahs Schauspieltalent, sondern allein von ihren körperlichen Reizen getragen werde. Bei einer darauffolgenden Party wird Larry von der feinen Gesellschaft bejubelt und umgarnt. Auch Deborah schmeichelt sich bei ihm werbewirksam ein, worauf sich Larry wohlwollend einlässt. Alfred gibt Kate unterdessen zu denken, als er meint, dass Larry sich allmählich in einen Kritiker verwandle, der sich darin gefällt, Theaterstücke zu verreißen. (…)

Rezension

Doris Day war vor allem in den frühen 60ern deshalb so beliebt, weil sie alles verkörpert, was in „Don’t Eat the Daisies“ exemplarisch gezeigt wird und damals genau passte. Sie war adrett, ohne allzu sexy zu wirken, patent, ohne dem Mann intellektuell die Show zu stehlen, sehr positiv in der Ausstrahlung, mit oder ohne Kinder mit allen Wirren des Haushaltes vertraut und ein All American Girl (deutscher Herkunft) par excellence. Seitensprünge, auch von männlicher Seite, waren in dieser Hollywoodkomödie von 1960 noch nicht angesagt, anders, als es der deutsche Titel suggeriert.

Am bekanntesten sind ihre Komödien mit Rock Hudson („Bettgeflüster“ (1959), „Ein Pyjama für Zwei“ (1961) und „Schick mir keine Blumen“ (1964)). Ihre weiteren Partner auf der Höhe ihres Ruhmes waren James Garner und Rod Taylor. Hudson, Garner, Taylor – drei Leading Men ihrer Zeit, aber beinahe derselbe Typ. Das hat funktioniert, wie man am Erfolg der Filme sieht.

Aber David Niven? Allgemein gilt „Don’t Eat the Daisies“ als schwächerer Film gegenüber den oben erwähnten, die alle mehr oder weniger nach einem Muster ablaufen und in denen Doris Day manchmal sogar berufstätig ist. Auch Der Film mit dem Sohn, der Blumen isst, gehört zu den klassischen „Häulichen Komödien“, einem familientauglichen Subgenre  des Films mit Humor, das damals sehr en vogue war und in Deutschland u. a. durch Heinz Erhardt bedient wurde (für den Wahlberliner haben wir exemplarisch „Vater, Mutter und neun Kinder“ aus dem Jahr 1958 rezensiert, im neuen Wahlberliner ist diese Kritik noch nicht veröffentlicht). Natürlich ist „Don’t Eat the Daisies“ harmlos, auch wenn hier ein kleiner Junge beinahe die ganze Zeit über in einen Käfig mit Vorhängeschloss gesperrt ist.

Harmlos heißt aber nicht komplett flach. Gerade die ungewöhnliche Paarung mit David Niven, der ein Jahr zuvor für seine Darstellung in „Separate Tables“ den Oscar als männlicher Hauptdarsteller gewonnen hatte und damit zur ersten Garde zählte, bietet viel Kontrast und dazu kommt ein Script, das ganz offensichtlich dem Leben abgeschaut wurde, denn die Witze und Situationen sind zwar nicht mit sehr scharfem Strich geschrieben oder inszeniert, aber ganz locker, flüssig und sehr natürlich. Wer das gegenüber dem heute oft als sehr künstlich wirkenden Humor jener Zeit bevorzugt, der ist mit „Don’t Eat the Daisies“ gut aufgehoben.  Wir wollen nicht Punkt für Punkt abgleichen, ob er besser ist als Days bekanntere Komödien mit Rock Hudson, die auch heute noch als Höhepunkte ihres Filmschaffens angesehen werden, zumal wir diese in jüngerer Zeit nicht gesehen haben. Aber unsere etwas vage Erinnerung sagt uns, dass wir dort manches ein wenig übertrieben und die Dialoge überstrapaziert und die Quirligkeit von Doris Day etwas bemüht fanden.

Das alles gibt es in „Don’t Eat the Daisies“ nicht, allenfalls kann man auch hier jene gewisse Dialoglastigkeit konzedieren, die aber bei Screwballkomödien nie jemanden gestört hat. Der Film hat Ansätze zur Screwballkomödie, jedenfalls in den Szenen, in denen nicht die vier Jungs des Ehepaares MacKay vorkommen. Das Drehbuch entstand nach einer Vorlage von Jean Kerr, der Frau des berühmten New Yorker Kritikers Walter Kerr, und die hat ersichtlich aus der Realität geplaudert, so frisch und in den ernsten Momenten auch rührend wirkt das, was Day und Niven einander zu sagen haben. Zudem ist die Kritikerfigur von Niven nach unserer Ansicht gut gelungen. Damals gab es wirklich einige Zunftgrößen, die entscheidenden Einfluss auf die Gesamtrezeption von Theateraufführungen und wohl auch auf Karrieren hatten. Walter Kerr gehörte gewiss  zu jenen, ebenso, wie Bosley Crowther von der New York Times eine überragende Stellung als Filmkritiker innehatte.

Dass die Szenen mit den Kindern manchmal etwas over the top sind, liegt nicht etwa daran, dass sie sozusagen außerhalb des Realsimus stehen. Wir haben’s nachgeschaut, Jean Kerr, von der die Buchvorlage stammt, hatte sogar deren sechs. Wir bezweifeln auch nicht, dass Kinder in einem Intellektuellenhaushalt schon damals etwas wilder und schräger waren als auf dem Land im Mittelwesten – viele negative Meinungen zum Film lassen übrigens durchblicken, dass es auch ums Verhalten der vier Jungs geht, das nicht in gewisse, in den USA auch heute noch weit verbreitete konservative Schemata passt. Zudem ist die Welt der Theaterleute und speziell ihrer Kritiker wohl doch etwas – speziell.

Diese Eitelkeiten und Allüren, die der Film sehr schön zeigt und von denen auch Laurence MacKay nicht frei ist, sind branchenspezifisch ausgeprägt und wir fanden viele Dialoge, die sich mit diesen Aspekten befassen und im Theatermilieu angesiedelt sind, wundervoll. Das heißt, wie eingangs angedeutet, wir haben insgesamt eine Sonderbeziehung zu dem Film, die unsere Bewertung gerne ein wenig beeinflussen darf. Wir geben wenigstens zu, dass Kritik immer subjektive Elemente hat. Was im Film übrigens ein wenig verknappt wird, um in den Vordergrund zu stellen, dass es auch objektiven Mist gibt, der dann auch offiziell als Mist bezeichnet werden darf. So führt es Laurence („Larry“) MacKay aus. Ein weiterer witziger Aspekt, der hier nicht zu kurz kommt und die Handlung vorantreibt – was schreibe ich, wenn Mitglieder der Community, die man schätzt oder mehr als das, Mist produzieren? Eine heikle Sache. Was wird Walter Kerr über die Stücke seiner Frau geschrieben haben?

Auf die Spitze getrieben könnte man sich die Situation vorstellen, dass ein Kritiker ein Stück zu bewerten hat, das er einst unter Pseudonym schrieb, das nie aufgeführt wurde und dann doch irgendwie an die Öffentlichkeit gelangt – und das Stück ist richtiger Mist. So geht es hier Larry MacKay und auch den Part finden wir stimmig. Hat nicht mal irgendwer über den deutschen Kritikerpapst Marcel Reich-Ranickigesagt, dieser würde ein lebenslanges Trauma durch Verrisse abarbeiten, weil er als Schriftsteller („Schriftschteller“) in seinen jungen Jahren keinen Erfolg hatte? Vielleicht war das auch  jemand anderes, aber diese Figur des verhinderten Beststellerautors, der sich später als Feuilletonist rächt, ist für viele ausgefallene Einblicke in die menschliche Seele und nicht nur des besonders extrovertierten oder mimosenhaften Autors oder Bühnenmenschen gut.

Die Inszenierung von Charles Walters, der u. a. „Lili“ (1953) mit Leslie Caron gefilmt hat, „Easter Parade“ mit Fred Astaire und Judy Garland (sicher eines seiner besten Werke) und die Musicalversion der Top-Komödie „Die Nacht vor der Hochzeit“, die 1956 als „High Society“ herauskam, hat das Fließende, das wir auch von anderen seiner Filme kennen und wirkt sehr schauspielerfreundlich, weil die Schauspieler so frei und selbstverständlich agieren. Allerdings kann er nicht die die Höhen und Tiefen in den Darstellern selbst in einer Komödie noch hervorbringen, die Topregisseure auszeichnet. Das kann man gut festmachen an „The Philadelphia Story“ („Die Nacht vor der Hochzeit“) und „High Society“. Ersterer Film wurde 1940 von George Cukor inszeniert, der auch Kriminal-Psychodramen wie „Gaslight“ zu großartigen Filmen verdichtete und ist eine echte Screwballkomödie, während das Musical-Remake weniger scharfzüngig und energiegeladen, manchmal sogar etwas larmoyant und mit zweifelhaftem Zungenschlag versehen wirkt. Einst, so mit 17, fanden wir Grace Kelly und den Film wunderbar, mittlerweile ist ein wenig Erfahrung im Angucken von Kinofilmen hinzugekommen.

Umso überraschter waren wir, dass uns „Don’t Eat the Daisies“ gut gefallen hat. Wir haben auch nicht mehr abzuarbeiten, dass diese Art von Komödien ein paar Jahre später vom New Hollywood überrollt wurde, dafür sind die 50er und 60er schon zu lange her und wir spannen den weiten Bogen hin zu heutigen Filmen – die als Komödien oft nicht witziger sind als die von Doris Day, aber lange nicht mehr so charmant wie „Don’t Eat the Daisies“.

72/100 

© 2021, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiv: Wikipedia

Regie Charles Walters
Drehbuch Isobel Lennart
Produktion Joe Pasternak
Musik David Rose
Kamera Robert J. Bronner
Schnitt John McSweeney Jr.
Besetzung

 

 

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