Der Fall Reinhardt – Tatort 905 #Crimetime 1012 #Tatort #Köln #Ballauf #Schenk #WDR #Reinhardt

Crimetime 1012 – Titelfoto © WDR, Uwe Stratmann

Die Ballade von Karen und Gerald

Wenn Lebensträume sterben und mit ihnen Familien, dann ist das genau der Fall, in dem Max Ballauf und Freddy Schenk glänzen können. Ruhig und intensiv entspinnt rollt sich das Drama der Reinhardts vor den Ermittlern auf und wenn es eine eigene Rangliste für die Tatorte mit der depressivsten Stimmung gäbe, wäre dieser wohl unter den allerbesten.

Niemand stirbt für immer in den Herzen seiner Menschen, und so hängt ein Bild von Franziska mit Trauerflor in der Dienststelle der Kölner und uns bleiben die vielen Filme, in denen sie die beiden Recken der kriminalistisch-sozialen Erkenntnisgewinnung verständnisvoll und aufopfernd, nicht immer ohne Murren, doch stets ohne Tadel begleitet hat.“

Das ist unser persönlicher Nachruf auf Franziska Lüttgenjohann aus der Vorschau zum Film, denn mehr als das Bild gab es leider nicht mehr, im ersten Tatort nach ihrem Filmtod. Aber der Fall, der passt wunderbar in die Grundstimmung auf dem Revier, die es nach einem solchen Tod wohl geben sollte. Gut, dass der Film wenigsten im Frühling ausgestrahlt wurde und nicht im November. Das wäre eine Nummer zu krass gewesen, nachdem der erschütternden Tod der beliebtesten aller Tatort-Assistentinnen erst knapp drei Monate her ist. Und wie fühlt es sich danach in Köln an? Mehr dazu und zum Fall Reinhardt in der –> Rezension.

Handlung

Schon wieder Feueralarm in Köln: Eine Serie von Brandanschlägen hält die Stadt in Atem, jetzt gibt es sogar Todesopfer. In der ausgebrannten Villa kommen drei Kinder ums Leben. Max Ballauf und Freddy Schenk brauchen einen schnellen Fahndungserfolg, denn die Abstände zwischen den Brandanschlägen werden immer kürzer.

Am Tatort treffen die Kommissare die unter Schock stehende Karen Reinhardt. Sie hat eine leichte Rauchvergiftung, sonst aber keine Verletzungen. Dass ihre Kinder den Brand nicht überlebt haben, will sie nicht wahrhaben. Und von ihrem Mann Gerald Reinhardt fehlt jede Spur.

Nachbarn sagen, er sei bei der Firma Cologne Airtech als Luftfahrtingenieur beschäftigt. Doch die Ermittlungen ergeben: Hier wurde ihm bereits vor zwei Jahren gekündigt.

Rezension

In der Vorschau haben wir überlegt, werden Max und Freddy sich dialektisch am Fall abarbeiten, wie früher, wenn es um soziale Themen geht? Um Familie, um Arbeitslosigkeit, um Flucht, Verdrängung und inneren Tod? Nein, tun sie nicht. Das ist uns in ihren letzten Tatorten schon aufgefallen, wobei „Franziska“ sich auch thematisch nicht geeignet hatte. Aber Köln geht jetzt auch den ganz bitteren, dramatischen Weg. Nicht dass es gerade diese Familiendramen hier nicht schon gegeben hätte, aber jetzt machen sie Nägel mit Köpfen und nehmen die andere Variante: Die Blicke. Die der Beteiligten am Drama und die von Max, der nie weit weg ist, sondern immer berührt.

Wie die Vorab-Kritiken, die wir gelesen, darstellten, war es im Wesentlichen: Der Krimi trat in den Hintergrund, angesichts der Tragödie der Familie Reinhardt. Während des Films waren wir gar nicht übermäßig involviert, denken auch jetzt noch, welch ein Extremfall, angesichts des Auslösungsgrundes Arbeitslosigkeit, der ja höchstens noch für Beamte eine Katastrophe sein dürfte, denn die müssen was Schlimmes getan haben, um gefeuert zu werden. Alle anderen müssen heutzutage immer damit rechnen, dass ein Wandel kommt. Expect the Unexpected, sollte sich jeder einprägen, der in der freien Wirtschaft tätigt ist.

Dass man so überreagiert wie Gerald Reinhardt, kommt davon, wenn zum falschen Amt geht. Die Bewerbungstrainings-DVD, welche die Kommissare dem Reinhardt vorspielten, hatte eine Jobcenter-Aufschrift, aber ein Mann, der längere Zeit sozialversicherungspflichtig beschäftigt war, wie Herr Reinhardt, kommt eben nicht dorthin, sondern zur Arbeitsagentur. In Berlin sogar zur Sonder-Arbeitsagentur für Akademiker. Dort wird man unseres Wissens anständig behandelt und erhält Hilfestellungen in einer Qualität, von denen diejenigen, die es erst einmal zum Jobcenter verschlagen hat, allerdings nur träumen können – und dort wird dann wohl auch der Respekt fehlen, dessen Absenz dem Coachee Reinhardt so auf den Zeiger ging, dass er den Coach angegriffen hat.

Nachdem wir darüber entsetzt waren, wie eine Familie so auseinanderfallen kann, wirkt der Film jetzt aber nach. Das hat auch mit dem Wohnungsbrand zu tun. Wer selbst einmal von so etwas betroffen war oder es aus der Nähe erlebt hat, der träumt noch lange davon. Deswegen rennen die Finger nicht ganz so schnell über die Tastatur wie meistens sonst. Die verkohlten Kinderleichen kommen jetzt erst so richtig hoch.

Ist der Film eine Anklage? Gegen die Männer? Ist das Kind des blonden Ex-Kindermädchens auch noch von Reinhardt? Die Klärung der Vaterschaft des Kindes läuft noch, da ist der Fall bereits geklärt. Jedenfalls kann man Frauen nur raten, keinen Ingenieur zu heiraten, die sind sowas von labil, wenn sie ihren Job verlieren. Ja, manche Menschen identizieren sich sehr, sehr mit ihrer Arbeit, leben immer damit und nur dafür. Auf den Fotos von den Reinhardts und auch aus dem heraus, was man weiß, wirkt es nicht unbedingt so. Aber der soziale Abstieg! Freddy wirft das so in den Raum. Das war uns etwas zu leichtfertig. Die Reinhardts gehören bereits einer Generation an, die bemerkt haben sollte, dass es nicht mehr so linear aufwärts geht wie vor der Wiedervereinigung – wobei es damals auch schon Strukturrisse gab, die wurden durch die Veränderung der Lage aber erst richtig groß und sichtbar.

Wir merken schon, dass wir jetzt versuchen, Gründe zu suchen, warum man nicht so entgleisen darf wie Karen Reinhardt, und aus Verzweiflung das Haus anzünden und die Kinder umbringen. Wir wissen, dass es Mehrfachmorde durch Mütter gab, spektakuläre Fälle – wenn auch u. E. nicht in Verbindung mit einem Brand. Wir sind und klar darüber, dass das Zusammentreffen bestimmter Umstände und bestimmter Persönlichkeitsstrukturen zu solchen Extremhandlungen führen kann.

Aber es kam sehr viel zuammen. Manche Menschen verkraften es, im Stich gelassen zu werden, andere nicht. Keine dankbare Rolle für Ben Becker, den Vater Reinhardt zu spielen, der das alles, was passiert ist, mitzuverantworten hat. Aber sowas kann er ja und macht es hier recht zurückhaltend und so, dass es zu diesem Tatort in Moll hervorragend passt. Genau so konzentriert und dem Fall angemessen agieren die Kommissare und Susanne Wolff als Karen Reinhardt spielt am Limit, das merkt man deutlich.

Dieses Mal wurde im Präsidium das Licht ausgeknipst, wurden die Bilder der Beteiligten von der Wand genommen. Dieses Mal gab’s keine Currywurst mit dem Dom im Hintergrund. Es wäre auch kurios gewesen, wenn Max und Freddy in Feierabendstimmung darüber diskutiert hätten, wer jetzt welche Rolle in dieser Tragödie innehatte.

Es gibt natürlich eine Schuldige im strafrechtlichen Sinn, die entweder keine Amnesie hatte und einfach schweigen wollte und leer war – oder doch sehr plötzlich von vom Gedächtnisschwund genesen ist, nachdem sie sich zunächst nach eigener Aussage an nichts erinnern konnte. Eine gewisse üble Ahnung hatten wir schon, als sie „Mein Mann!“ schrie, als nach dem Brand aufgegriffen wurde. Dass es nicht heißen sollte, mein Mann hat’s getan, sondern mein Mann ist schuld. Das ist er im moralischen Sinn sehr wohl und wir schämen uns stellvertretend.

Wir wissen nicht, wie die Ehe, die Familie der Reinhardts vorher war. Offenbar nicht unharmonisch, mit teilweise hochbegabten Kindern und intelligenten Eltern. Kein langsames Auseinanderbrechen. Ein wenig denken wir dann doch: Man muss es zu schätzen wissen, wenn man so etwas aufbauen konnte, eine solche Familie. Denn auf was, wenn nicht auf Solidarität nach so vielen Jahren, wäre sonst alles aufgebaut? Wo ist das Vertrauen, wo ist die Empathie? Wieso können diese kommunikativ gewiss nicht unterbelichteten Leute nicht offen miteinander sein und Lösungen erarbeiten? Nicht sofort, aber nach einer Zeit der Schockbewältigung über den (vorläufigen, zwischenzeitlichen!) Verlust der wirtschaftlichen Grundlage. Aber was, wenn die Frau, die alles für die Familie aufgegeben hat, dann doch allein ist, ganz allein, und alles aus dem Ruder zu laufen droht und dann noch die neue Frau des verschwundenen Mannes im Garten auftaucht?

Keine Ahnung, wie wir in einer solchen Situation reagieren würden. Vermutlich anders, aber das sagt sich aus einer anderen Position leicht.

Finale

Was zumindest kur nach dem Anschauen bleibt, ist Fassungslosigkeit. Man kann es nicht analysieren, man kann jemanden, der so handelt wie jeder der Eheleute Reinhardt, nicht kritisieren und sich an ihre Stelle zu setzen. Das war es auch wohl, was der Tatort auslösen wollte: Entsetzen und Trauer über vernichtete Chancen und Leben und es ist fast, als würde die Zukunft der Welt verbrannt. Wir haben Freunde mit Kindern, die gerade riesige Probleme verursachen und dann gibt es Scheidungen, gibt es Rechtsstreitigkeiten, gibt es fast alles, was es nie geben sollte, und was man nie wahrhaben will, wenn  man sich bindet – dass niemand unbesiegbar ist.

Aber wir hoffen inständig, das alle, die wir kennen und die sich mit teilweise gravierenden familiären Problemen verschiedenster Art herumschlagen müssen und die sich dabei Niederlagen einfahren, die Angst um die  Zukunft der Ihren haben und vor den Trümmern von Ehen und Beziehungen stehen, trot allem halbwegs den Durchblick bewahren und sich sagen, es gibt immer ein Morgen und immer eine Hoffnung. Jedes Kind, das aus Verzweiflung getötet wird, ist ein zu hoher Preis. Gerade in einer Gesellschaft, die ohnehin kaum noch Kinder haben mag.

Was wir ohne Witz allen raten, die in solchermaßen schwierige Lagen kommen wie die Reinhardts: Es nicht zu machen wie all diese Tatort-Paare, nämlich ihr Ding allein durchziehen wollen, sondern sich Hilfe suchen. Es gibt Krisenzentren, die wissen, was sie zu tun haben, wenn sich jemand an sie wendet. Bloß nicht zu stolz sein, wenn alle Ampeln des Lebens auf Rot stehen, sondern aussteigen und die nächste Stimme anrufen, die Rat geben kann. In der Folge wird es psychologische und für sitzengelassene Elternteile mit Kindern vor allem auch finanzielle Hilfe geben. In solchen Notlagen ist es nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht gegenüber den Kindern, Hilfe zu suchen.

Selten haben wir einen Tatort so wenig von der Krimiseite aus betrachtet, diese ist so geraten, dass wir trotz der groß gespielten Tragödie nicht auf einen ganz hohen Wert kommen- wir machen jetzt aber keine große Sache daraus und sagen die Punkte an: 8/10. Wieder ein überdurchschnittlicher Tatort aus Köln.

© 2021, 2014 Der Wahlberliner, thomas hocke

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Dr. Roth – Joe Bausch
Tobias Reisser – Patrick Abozen
Dr. Bernd Reiche – Peter Benedict
Karen Reinhardt – Susanne Wolff
Gerald Reinhardt – Ben Becker
Uwe Schatz – Roland Silbernagl
Iris Fries – Friederike Linke
Kerstin Ruh – Bettina Engelhardt
Patrizia Großkreutz – Karyn von Ostholt-Haas
u.a.

Drehbuch – Dagmar Gabler
Regie – Torsten C. Fischer
Kamera – Holly Fink
Musik – Fabian Römer, Steffen Kaltschmid

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