Wer liest, was in der Zeitung steht? Ländervergleich | #Timeline #Kultur #Zeitung #Lesen | Ländervergleich #Statista

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Liebe Leser:innen,

haben Sie gewusst, dass wir keine Zeitung sind? Sie werden es sich gedacht haben. Zumindest trifft das zu, falls man Zeitungen immer noch mit bedrucktem Papier assoziiert, das man wunderbar prätentiös in der U-Bahn hochhalten, was vergleichsweise effizient ist und den Blickkontakt mit unbekannten Zeitgenoss:innen vermeiden hilft – oder im Café, à la Literat oder / und Bohemien, während andere arbeiten und keine Zeit haben, um zu lesen, was in der Zeitung steht.

Nun haben mittlerweile alle Zeitungen Online-Ausgaben und diese tragen immer mehr zum Geschäftsergebnis bei. Einige täglich erscheinende Blätter, etwa die Taz, haben bereits den Offline-Betrieb eingestellt und bieten nur noch Digital-Abos (auf freiwilliger Basis) an. Andere schreiben kurze Lockartikel und verstecken die wirklich interessanten Beiträge hinter Paywalls. In die dadurch entstehende Lücke stoßen junge Medien, die wir an dieser Stelle nicht mit „Alternativmedien“ gleichsetzen möchten. Der Informationsmarkt zu den täglichen gedruckten Nachrichten ist höchst unübersichtlich geworden. Vorbei die Zeiten, in denen ganze Generationen dadurch geprägt wurden, welche Zeitung in der Familie auf den Tisch kam.

Die sozialen Netzwerke tun ein übriges, um die Informationslandschaft zu zerfleddern, während das Fernsehen dadurch geradezu eine Sammelstelle für diejenigen geworden ist, die sich schnell und einigermaßen seriös informieren wollen. Gemeint sind die öffentlich-rechtlichen Sender, die unbedingt erhalten werden müssen.

Der Print ist, wie nicht anders zu erwarten, auf dem Rückzug. In einigen Ländern mehr als in anderen? Mancherorts wurde immer schon mehr gelesen als anderswo. Außerdem zeigt schon der erste Blick auf die Grafik, die Statista erstellt hat, dass man nicht sofort sagen kann: Wo weniger Zeitungsleser (Print) existieren, ist die Politik populistischer und Fakenews-lastiger. Das mag man denken, wenn man sieht, dass die USA und Brasilien Länder sind, in denen das Lesen von Gedrucktem nicht besonders populär sind, die Politik hingegen an populistischer Ausprägung nur wenig vermissen lässt:

Hier geht’s zur Statista-Infografik und zum nachfolgenden Begleittext

33 Prozent der für den Statista Global Consumer Survey in Deutschland befragten Menschen lesen täglich gedruckte Tageszeitungen. Zum Vergleich: Fernsehen hat eine Reichweite von 90 Prozent, bei Radio sind es 76 Prozent. Damit spielen Printnews im Vergleich mit Österreich und der Schweiz hierzulande eine vergleichsweise kleine Rolle, wie der Blick auf die Statista-Grafik zeigt. besonders verbreitet sind Papier-Zeitungen in Indien. Mehr als die Hälfte der Befragten nutzt sie täglich. Und wie sieht es in unserer übrigen Nachbarschaft aus. Franzosen, Schweden oder Polen greifen noch seltener zur klassischen Tageszeitung als wir. Besonders niedrig ist der Anteil mit 18 Prozent in den USA. In Brasilien sind sogar nur zwölf Prozent tägliche Leser.

Der deutschsprachige Raum steht vergleichsweise gut da, sofern man das Lesen von Printzeitungen als Ausweis kultureller Betätigung einstuft. Die Schweiz und Österreich liegen in der Tat besser als Deutschland, aber das überrascht nicht sehr. Man muss sich nur die bessere Rechtschreibung der Österreicher:innen im Vergleich zu dem anschauen, was bei uns ohne Scham an die Öffentlichkeit getextet wird, dann weiß man, dass das geschriebene Wort inklusive der Fähigkeit, es selbst zu produzieren, dort höheren Rang genießt als bei uns.* Bei den Schweizer:innen fällt das nicht so auf, weil ihre Rechtschreibung teilweise von unserer abweicht und daher Fehler nicht immer sofort auffallen.

Aber die Vorstellung, dass der Wiener oder die Wienerin in einem typischen Kaffeehaus sitzen und dort in aller Ruhe den „Standard“ verschmökern, während in Deutschland die Menschen zwischen prekären Jobs und Sorgen um die Rente aufgerieben werden, ist ja auch zu charmant. Als Bild davon, wie es sein kann, nicht, wenn man darüber nachdenkt, wie Deutschland sich tatsächlich entwickelt. Genug mit den Klischees und dazu, wie es sich bei uns entwickelt. In dem Haus bzw. der Berliner Stadtwohnung, in welcher der Wahlberliner entsteht, gibt es nämlich keine abonnierte Printzeitung. Wir erhalten immer wieder Angebote zum Probelesen. Vom „Tagesspiegel“, von der „Zeit“. Wäre reizvoll, darauf einzugehen, würde den Briefkasten schmücken, aber es würde uns wenig bringen, weil unsere Rezeption selektiv einerseits und vielfältig andererseits orientiert ist. Das hat Effizienzgründe, einerseits, berücksichtigt aber auch den hier vorherrschenden Ansatz:

„Wir können uns schon wegen des journalistischen Gegenchecks nicht auf ein Medium beschränken, also lesen wir das Wichtigste online, haben dafür einige Newsletter abonniert, besuchen Nachrichtenportale. Die Prämisse ist, so zu lesen, dass es für dieses Blog verwertbar ist. Wir konzentrieren uns hier auf wenige Themen, zu denen wir in der Regel mehrere Meinungen brauchen, das gilt vor allem für politische Gegenstände. Für den Feu ist leider kaum Zeit, obwohl er sicherlich bereichernd wäre und nicht so stressig, weil die Konfrontation mit sehr unterschiedlichen Ansichten in Sachen Politik immer auch eine Herausforderung ist und aufgrund unserer Leidenschaft für diese Sache Emotionen hervorruft. Im Kulturellen liegen die Stärken von Publikationen wie „Die Zeit“, während das, was man ohne Paywall online kriegt, bei politischen Gegenständen nicht ausreicht, um ein umfassendes Bild zu erhalten. Ohne die Möglichkeit, das Wichtigste unkompliziert und vergleichend online zu lesen, wäre eine Publikation wie „Der Wahlberliner“ gar nicht möglich. Was auf keinen Fall geht: Dass wir jede Paywall nach Bedarf einzeln überwinden und für ein generelles Online-Abo lesen wird keine Publikation häufig genug. Außerdem möchten wir gerade nicht, dass durch eine solche Bindung eine zu große Einseitigkeit bei der Informationsaufnahme entsteht.“

Selbstredend wäre es wichtig, zu wissen, wie sich im Vergleich zum Print das digitale Lesen entwickelt hat. Wird weniger gelesen, wenn man alle journalistischen Online-Angebote in Betracht zieht und selbst dann, wenn man die Posts in sozialen Netzwerken mitrechnet, die sich oftmals wiederum auf journalistische Artikel beziehen? Man ist immer versucht, das zu bejahen, wenn man sieht, wie der Büchermarkt seit Jahren leidet und die Befürchtung haben muss, dass Belletristik sich in Deutschland gar nicht mehr zu existenzsichernden Preisen verkaufen lässt. Zum Glück herrscht hier die Buchpreisbindung, sonst ginge es ganz dahin, wie man an den Preisen für Print und E-Book in China und anderswo sehen kann. Der Informationsmarkt läuft aber anders.

Eines ist jedoch offensichtlich, ohne Bewertung: In der großen Zeitung lesen als öffentlich sichtbarer kultureller Vorgang wird nie wieder die Stellung erreichen wie einst, dafür sorgt eine veränderte Ökonomie, einhergehend mit einer veränderten Medienrezeption / Aufmerksamkeitsökonomie. Das Glotzen aufs Handy in ungesund gekrümmter Haltung ist mittlerweile das, was sich als Ausdruck der Befassung mit Medien im Alltagsbild manifestiert hat. Und da werden ja auch irgendwelche Texte gelesen. Welche? Solange die Lesefähigkeit nicht gänzlich verloren geht, ist die Zivilisation nicht verloren und es ist uns nicht so wichtig, ob der Wahlberliner in der beschriebenen Stellung oder in aller Ruhe am Desktop gelesen wird. Hauptsache, er wird.

TH

*Tippfehler in diesem Blog sind vorwiegend dem Zwang zu hoher Geschwindigkeit aus Zeitgründen und der Tatsache geschuldet, dass wir, falls überhaupt, nur zeitversetzt redigieren, wenn wir merken, dass ein Artikel stark nachgefragt wird. Wir bitten darum, uns nicht die Fehler in dieser Publikation zu spiegeln, sofern sie nicht eindeutig auf Unwissen beruhen.

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