Mama kommt bald wieder – Polizeiruf 110 Episode 251 #Crimetime 1015 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #MDR #Mama #Wiederkehr

Crimetime xxx - Titelfoto © MDR,

Nie wieder Familie sein

Wenn es um Kinder geht, wird es immer besonders emotional und Krimis, in denen Kinder eine Rolle spielen, haben eine Form von emotionalem Vorsprung. Es ist nicht schwer, sich als Zuschauer zu identifizieren und sehr betroffen zu sein, wenn es Kindern schlecht geht. Das Schicksal von Kindern zu beleuchten, war schon eines der hervorstechenden Merkmale der DDR-Polizeirufe, insfoern steht „Mama kommt bald wieder“ in einer langen Tradition. Es gibt allerdings auch Unterschiede zwischen dem 251. Polizeirufen und jenen zum Thema, die vor der Wende gedreht wurden. Darüber und über weitere Aspekte des Films steht mehr zu lesen in der -> Rezension.

Handlung

Während eines Routineeinsatzes werden die Kommissare Schmücke und Schneider Zeugen eines beginnenden Wohnungsbrandes. In einem der oberen Stockwerke des Altbaus ist ein Kind am Fenster zu sehen und so versuchen die Kommissare den Jungen zu retten. In der brennenden Wohnung angekommen, finden sie sogar zwei Kinder. Eins der beiden war jedoch schon vorher tot, der zweite Junge kann gerettet werden. Dem Ernährungszustand nach müssen die Kinder schon längere Zeit sich selbst überlassen gewesen sein.

Von einem Mieter erfährt Schmücke, dass die Mutter schon zwei Wochen nicht gesehen wurde. So wird nach Susanne Mehlhorn gefahndet, auch der Vater Sven Mehlhorn, der vor einem Jahr die Familie verlassen hat, kann nicht gefunden werden. Lediglich die Großeltern, Carola und Bernd Rosemeyer, können benachrichtigt werden. Da sie gerade erst aus ihrem zweiwöchigen Urlaub zurückgekommen sind, schockiert sie die Nachricht vom Tod ihres Enkels. Auch sie können sich das Verschwinden ihrer Tochter nicht erklären. Sie sei eine fürsorgliche Mutter und hätte ihrer Meinung nach die Kinder nie allein gelassen.

Schmücke und Schneider finden über eine Diskothek eine Spur, wonach sich Susanne mit dem Vater ihrer Kinder getroffen hat. Sven Mehlhorn ist zurzeit auf einer Baustelle in der Stadt. Dort wollen ihn die Ermittler befragen, doch Mehlhorn ergreift beim Eintreffen der Beamten die Flucht. Als Bernd Rosemeyer erfährt, dass sich seine Tochter mit ihrem Noch-Ehemann getroffen hat, beschuldigt er diesen, seiner Tochter etwas angetan zu haben. Mehlhorn kann in einer Gartenlaube ausfindig gemacht werden und leugnet, etwas mit dem Verschwinden seiner Frau zu tun zu haben. Geflohen sei er nur, weil er befürchtet habe, dass seine Gläubiger ihn gefunden hätten. Um Beweise gegen Mehlhorn zu haben, versuchen die Kommissare krampfhaft, die Mutter der Kinder zu finden. Dafür wird sogar ein Waldstück abgesucht, was zunächst keinen Erfolg bringt. Doch findet man Susanne Mehlhorn dann tot in einem alten Steinbruch. Die Untersuchung ergibt, dass sie bereits seit zwei Wochen tot ist und bei einem Verkehrsunfall starb.

Trotzdem bleibt Sven Mehlhorn der Hauptverdächtige, der inzwischen einräumt, seine Frau in der Disco getroffen zu haben. Sie hätten sich gestritten und sie sei daraufhin weggerannt. Da er allerdings kein Auto, sondern nur ein Motorrad besitzt, muss der Verdacht gegen ihn fallen gelassen werden. Susanne Mehlhorn wurde auf einem Waldweg angefahren und ist mit dem Kopf auf einen Holzstapel geschlagen. Die Waldwege können nur von autorisierten Nutzern befahren werden. Dazu zählt auch der Förster Marco Schade, der zum Freundeskreis des Polizeipräsidenten gehört und derzeit als Lokalpolitiker kandidiert. Einige Indizien deuten darauf hin, dass er den Unfall verursacht hat. Nachdem sich die Beweise verdichten und er sich überführt sieht, erschießt er sich in seiner Jagdhütte. Ihm ist klar geworden, dass der Junge nicht so qualvoll hätte sterben müssen, wenn er sich zu seiner Schuld bekannt und die Leiche nicht versteckt hätte.

Rezension

Der 23. Fall von Schmücke und Schneider zeigt natürlich ein routiniertes Team, aber man schafft es tatsächlich noch, des Schneiders neue Kleider als etwas Neues zu verkaufen, obwohl es das Drängen Schmückes auf ein eleganteres Outfit seines Kollegen mindestens in einem weiteren Polizeiruf gab – ah, jetzt fällt’s mir wieder ein. Es ist „Blutiges Eis“, da bleibt Schneider mit seinem neuen Mantel an einem Geländer in der Eishalle hängen. Na bitte, geht doch. Ich wollte wissen, welcher Polizeiruf diesbezüglich das Original darstellt und welcher die Kopie, denn von einer  Kopie (in Bezug auf dieses Thema) darf man mehr genervt sein als vom Original, in dem auch wenig überzeugende Ideen doch immerhin neu sind. „Blutiges Eis“ ist drei Jahre älter als „Mama kommt bald wieder“.  Um ehrlich zu sein, ich finde eher die Reaktion derer, die nicht akzeptieren wollen, dass Schneider mal was versucht, um sein Image aufzupolieren oder sich dazu überreden lässt, diskriminierend, zum Beispiel Frau Weigands Ironie. Allerdings gilt Gleiches im Grunde auch für Schmücke, der nun einmal eine andere Persönlichkeit hat als sein Kollege.

Dafür spielt die Kriminaltechnikerin Weigand in diesem Film eine recht große Rolle und die Kritik hebt den Realismus der hier gezeigten Polizeiarbeit hervor. In der Tat wird besonders viel an Autos gearbeitet, und das mit Erfolg. Der wahre Täter, der Unfallflucht begangen hat, wird auf diese Weise zielsicher eingekreist. Einen Mord gibt es in „Mama kommt bald wieder“ nicht, nicht einmal eine vorsätzliche Tötungshandlung, möglicherweise auch keine fahrlässige. Es gibt im Grunde nur die Unfallflucht, aber sie hat einen starken moralischen Impact: Es wird nicht rekonstruiert, ob die überfahrene Frau hätte gerettet werden können, wenn der Mann, der mit seinem Pickup mit ihr kollidiert ist, zur Polizei gegangen wäre, vermutlich war sie sofort tot. Aber niemand denkt daran, dass sie Kinder hat und dass diese Kinder nun in der Wohnung eingeschlossen sind.

Dieser Fall dürfte tatsächlich nicht häufig vorkommen, denn es tritt der unglückliche Zufall hinzu, dass die Großeltern vorzeitig in Urlaub gefahren sind und sich daher nicht routinemäßig um die Kleinen kümmern und es ist nachvollziehbar, dass es diesbezüglich ein Missverständnis gab. Man kann den Film auch so lesen, dass die Familienverhältnisse bei den Rosemeyers den Tod eines der beiden Kinder mitverursacht hat und vielleicht auch den der Frau. Wäre die Lage nicht so angespannt gewesen, hätte Frau Rosemeyer sich nicht von ihrem Vater zur Scheidung drängen gelassen, wäre der Vater in der Nähe gewesen und hätte natürlich auch nicht diese Auseinandersetzung in der Disco mit seiner Exfrau gehabt, die dazu geführt hat, dass diese durch den Wald rannte und dort in den Wagen des Jägers.

Aber die Verkettung von eher ungewöhnlichen Umständen, die in diesem Film stark ausgespielt wird, ohne dass sie unglaubwürdig oder an den Haaren herbeigezogen wirkt, macht die ethische Bewertung auch schwierig. Sehr viele Faktoren haben zum Tod des kleinen Thorsten geführt und nur deren Zusammenwirken, keiner von diesen Umständen allein, hätte das bewirken können bzw. nicht ein einziger davon hätte wegfallen können, ohne dass der „Erfolg“ nicht eingetreten wäre. Da aber diese Umstände größtenteils nicht beabsichtigt waren, bleibt nur die Trauer über das unglückliche Schicksal einer jungen Familie, und Schicksale dieser Art sind in der Tat nicht so realitätsfern, sind Tragödien, ohne dass eine einzelne Person sich ganz außergewöhnlich verhalten hätte, z. B. durchgedreht wäre und einen erweiterten Suizid begangen hätte. Die Ängstlichkeit der Mutter, das Fremdgehen des Vaters, die Abneigung des Schwiegervaters, der Urlaub, ein Autounfall, den niemand vorhersehen konnte und der wiederum auf einem außerehelichen Verhältnis fußt, weil der Fahrer sonst zu der Zeit nicht an dieser Stelle unterwegs gewesen wäre – das alles ist ja für sich fast normal oder häufig.

Es ist das Verdienst dieses Krimis, dass gerade dann, wenn es keinen großen Bösewicht gibt, die Tragik erst richtig wirken kann, die immer wieder Menschen einholt, ohne dass sie das zu verantworten hätten oder dass es „gerecht“ wäre, weil man ihr Verhalten besonders negativ bewerten muss. Deswegen halte ich persönlich auch nichts davon, dass in jedem Schicksalsschlag ein tieferer Sinn verborgen sein soll. Manches, was geschieht, ist einfach nur Scheiße und das Beste daraus zu machen, ist oft nicht damit verbunden, dass es besser werden kann als vor diesem alles verändernden Ereignis, es wird immer ein großer Verlust bleiben und es wird mehr Energie erfordern, im Minus zu überleben, als das bessere Leben zuvor an Einsatz und Stärke verlangt hat.

Deswegen wiederum fand ich die Szene schön, in welcher der brave Schneider den Vater der Jungen zur Trauerfeier begleitet hat, weil dieser sich nicht traute, dem Schwiegervater alleine gegenüberzutreten, der Probleme gerne mal kraft seiner überlegenen Körperlichkeit löst (er war einst stärkster Mann der DDR und wird von Hansjürgen Hürrig prägnant verkörpert).

Finale

Selbstverständlich ist der Fall ein Whodunit, das unterscheidet ihn bereits von der Anlage vieler DDR-Polizeirufe, in denen die Entwicklung bis zum Verbrechen oder zum tragischen Ereignis nachgezeichnet wird. Die konventionelle Plotanlage zieht es auch nach sich, dass die Kinderdarsteller nicht viel zu tun haben. Der überlebende Junge muss am Grab seines Bruders und seiner Mutter nur einmal „Papa!“ sagen, als er den Verstoßenen erblickt. In den DDR-Polizeirufen traute man sich hingegen im Laufe der Zeit immer mehr, die Famillien-Blackboxen richtiggehend zu öffnen und damit Filme zu kreieren, die sehr zum Diskutieren und Nachdenken einluden.

Man kann auch viel über die gesammelten Charakterschwächen nachdenken, die zum Tod des einen Jungen geführt haben, insofern würde ich die erwähnten Varianten nicht per se unterschiedlich bewerten. Aber die schmerzliche Dichte und das unabwendbare Desaster, das Psychodrama, das in einigen Vorwende-Filmen der Reihe inszeniert wurde, das lassen die Schmücke-Schneider-Polizeirufe nie zu, weil die auf ihre Weise robusten und gesettelten Ermittler immer dazwischen stehen und die Zuschauer*innen auf ihre Weise beruhigen und auf Distanz zu den Schicksalen der Opfer halten können. Dass Schneider auch gerade von seiner Frau verlassen wird, passt zwar formal gut in diesen Film, hindert ihn aber nicht daran, seiner Arbeit wie gewohnt gewissenhaft nachzugehen. Das suggeriert auch, dass ein guter Typ auch mit solchen Situationen fertig werden kann, Gleiches gilt für Schmücke, als ihn Edith ein paar Jahre später vor die Tür setzt, und an dieser Suggestion, die immer wieder das Schicksal von Opfern relativiert, die man in jenen Filmen sieht, auch von Menschen, die als nicht so sortiert gezeigt werden, wage ich Zweifel anzumelden. Trotzdem ist „Mama kommt bald wieder“ ein Tatort, der auch bei mir im Vergleich zu anderen Halle-Tatorten aus der „mittleren“ Periode der beiden Herberts mehr Emotionen ausgelöst hat.

7,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Jürgen Bretzinger
Drehbuch Lutz Schön
Produktion Susanne Wolfram
Musik Markus Lonardoni
Kamera Hartmut E. Lange
Schnitt Claudia Fröhlich
Besetzung

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