Medien zwischen Online und Print auf Messers Schneide; neue Zahlen + Kommentar | #Frontpage #Wirtschaft | #Digitalisierung #Wandel #Media #Medien

Berlin, 7. Juli  2021. Heute gab es neue Zahlen über die Verbreitung unserer konventionellen Medien.

Konventionell meint nicht unbedingt die Art, wie sie verbreitet werden, sondern ihre Inhalte. Denn bei der Verbreitungsart gibt es erhebliche Veränderungen, wie sie bereits über Jahre hinweg zu beobachten sind.

Fast alle wichtigen Medien, die auf der Meedia-Infoseite zu den neuesten Zahlen gelistet sind, können online zulegen. Der Grad der Steigerung weist allerdings Unterschiede aus, die signifikant sind und sich auch in der Printverbreitung spiegeln. Wer online besonders zulegt, schaut meist auch bei den Printzahlen nicht schlecht aus. Hinweis: Ausgewiesen sind beim Print die vermutlichen Nutzer:innen, die geringere Zahl von verkauften Exemplaren einer Publikation wird nicht ausgewiesen.

Was macht den Unterschied zwischen Print und Online aus? Was ist der Unterschied, zwischen Leser:innen, und Nutzer:innen? In unserer Zeit der hektischen Rezeption von Nachrichten bedeutet Nutzer:in, nichts weiter, als dass jemand die App  eines Mediums angeklickt hat. Über die Intensität die Dauer, und auch wie viele verschiedene Nutzer innen zugange waren im Vergleich zu den Zugriffen, die bei unseren Blogstatistiken zwei gesonderte Balken darstellen, sagt das nichts aus.

Deswegen ist der Maßstab für das, was eine Publikation wirklich kann und wie sie angenommen wird, immer noch der Print. Dort, wie es bei Meedia heißt, überwiegen die Verlierer. Gewinner sind lediglich das Handelsblatt mit einem Plus von 8,2 % die Zeit mit 5 %, die FAS mit 2 % und bei den Monatsmagazinen gibt es ein leichtes Plus für weitgehend unbekannte Publikationen wie das Handwerk Magazin und Markt und Mittelstand, die möglicherweise aber auch von Verbänden an ihre Mitglieder ausgegeben werden und einen Teil ihrer Auflage dadurch erreichen.

Interessanterweise wird die Bildzeitung überhaupt nicht bei den Tageszeitungen gelistet, auch nicht die Bild am Sonntag bei den Sonntagszeitungen.

Aber schauen wir uns Die Welt Werktag aus dem Springer-Verlag an: Das Minus von 12,2%, das wir hier beim Print sehen, ist das höchste in der gesamten Tabelle, über alle nach Publikationsperiode hinweg getrennten Medien hinweg. Bei den Tageszeitungen schneidet auch die FAZ, anders als bei der Sonntagsausgabe, mit -8,4% sehr schlecht ab.

Wenn wir das, was wir sehen, politisch deuten, dann können wir z. B. sagen, dass ein Mainstream-Mitte-Journalismus wie derjenige der Zeit – sic! –  im Trend der Zeit liegt. Hingegen verlieren sehr konservative Publikationen wie die FAZ und rechte Medien, die der antisozialen Propaganda hingeben, wie die Welt, massiv an Leser:innen. Zugespitzt gesagt, wer einem Spalter wie „Don Alphonso“ so viel Raum einräumt und als einzigen vernünftigen Journalisten noch den Immobilienspezialisten Michael Fabricius an Bord zu haben scheint, wer zudem marktschreierisch jede journalistische Petitesse zu einem Riesending aufbauschen will, obwohl er in Sachen Investigativjournalismus nie eine Leuchte war, der zahlt mittlerweile massiv mit Verlusten an Reichweite dort, wo es darauf ankommt und das Geld verdient werden kann: Beim Gedruckten.

Bei der Welt kommt beispielsweise hinzu, dass sie wirklich jeden mittelmäßigen Kram versucht hinter dem Plus-Abo zu verbarrikadieren, und dafür ist er den meisten Menschen nicht wertvoll genug. Sorry, das geht für online. Das betrifft allerding den Online-Bereich und in der Hinsicht sind die Zahlen nicht sehr gut auswertbar, welche in der Tabelle gezeigt werden: Wie weit geht die Reichweite bei kostenfreien Artikeln und wie viele Plus-Artikel oder gar Online-Abonnements können verkauft werden? Mittlerweile ist es Mode geworden, alles was den Machern als relevant erscheint, als Plus-Artikel, natürlich mit freiem Zugang für Abonnenten, zu deklarieren, und nicht etwa das was besonders viel Aufwand oder Tiefgang Aufgang erfordert hat oder Tiefgang zeigt. Wer aber, der sich angewöhnt hat, unseren Blätterwald aus journalistischen Gründen so zu checken, dass er mehrere Meinungen zum selben Thema sieht, kann sich die Plus-Abos alle leisten? Das können nur große Redaktionen, ebenso Mitarbeiter:innen, die sich auf die Auswertung konzentrieren, und von jenen, sowohl den gut aufgestellten Redaktionen wie den darin verorteten Menschen, gibt es immer weniger.

Die Konsequenz ist, dass kostenfreie online Publikationen und Artikel immer mehr an Leserschaft gewinnen. Sie werden in den vorliegenden Tabellen nicht ausgewiesen, weil sie in der Regel keinen Printbereich haben. Dadurch verschiebt sich auch die Wahrnehmung der Statistik, in der Nachfolge der Verschiebung der Wahrnehmung der Leser:innen über das, was in Deutschland an Medien angeboten wird – und darüber hinaus. Denn eines darf man nicht vergessen: Seit fast jede:r zumindest des Englischen einigermaßen mächtig ist, wird auch gerne mal über den Tellerrand geschaut, zum Beispiel bei uns. Bisher zeigen wir dieses erweiterte Panorama allerdings nur selten anhand der Artikel, die wir besprechen. Aber auch Aufgaben die Meedia-Auswertungen stellen eine Erweiterung des Spektrums dar.

 Die Tatsache, dass sehr dezidierte und extreme Meinungen publizierende Medien meist kostenfrei sind, sorgt dafür, dass Medienmacher:innen am rechten wie am linken Rand immer mehr an Einfluss gewinnen. Bei vielen von ihnen gibt es einen Spendenmodell, dass wir grundsätzlich auch in Ordnung finden, allerdings bedingt es, dass sich die Artikel schlecht lesen lassen, es sei denn, man schaltet auf eine Nur-Lese-Ansicht. Denn auch Werbung spielt natürlich dort, wo es keine Paywalls gibt, eine besonders große Rolle, ebenso wie bei dem Teil des Privatfernsehens, der zum Free TV zählt.

Der Eindruck der Medienbewegungen im Jahr 2021, bisheriger Stand, wirkt auf den ersten Blick, als wenn die online Zugriffe den Verlust an Printleser:innen mehr als kompensieren würden, aber gerade rechte und konservative Blätter verlieren vor allem dort an Publikum, wo es um Vertiefung und um eine Art Hauszeitung geht, die man hauptsächlich oder sogar als einzige liest, die also eine starke Bindung zwischen Leser:innen und Journalist:innen generiert. In der Konsequenz bedeutet das immer weitere Zurückgehen des Prints nichts anderes, als dass der Markt sich immer mehr marginalisiert. Schwieriger werden dadurch nicht nur die Haltung und die Konzentration auf gehaltreiche Artikel,  sondern auch die Recherchekapazitäten, die das erst ermöglichten, werden geringer. Ein klassisches Beispiel dafür ist Der Spiegel, der es schwer hat, sich zu halten (minus 4 Prozent) und seine großen Geschichten bei weitem nicht mehr so zeigen kann wie in jener Zeit, als wir anfingen, ihn zu lesen und auch abonniert hatten.

Die einzigen Medien, die noch journalistische Vollversorger, die stets vor Ort sein und jederzeit auf hohem Niveau Nachrichten darbieten können, sind die öffentlich rechtlichen Fernsehsender, weil sie durch Gebühren finanziert werden. Das wirkt unangenehm auf viele, riecht nach Zwang, aber wegen dieser einzigartigen Fähigkeiten, die auch vom Privatfernsehen nicht annähernd nachzubilden ist, muss ihre Position gestützt werden. Es ist nicht demokratisch und freiheitlich, sondern das Gegenteil, diesen Medien ihre Möglichkeiten beschneiden oder sie deswegen abschaffen zu wollen, weil die Nachrichten nicht immer diejenigen sind, die man gerne hätte. Es wäre auch hier vieles zu verbessern, manchmal qualitativ, oft die Ausgewogenheit betreffend, aber so wie bei ARD und ZDF ist, die mit ihren Online-Nachrichten in Konkurrenz zu den klassischen Printmedien getreten sind, ist es immer noch besser, als das was abdrehende Zeitungen wie die Springer-Marken liefern können.

Auffällig sind die vielen Interviews, die mittlerweile in den früheren reinen Printmedien angeboten werden und Gastbeiträge von Menschen, die vermutlich vor allem schreiben, um die Wahrnehmung ihrer Person zu steigern, nicht, weil sie als Journalisten dafür anständig bezahlt werden müssen oder sollten. So kommt es, dass rechte Zeitungen linke Politiker:innen interviewen, was beiden nach unserer Ansicht keine Meriten bringt, vor allem aber den Interviewten nicht. Aber man kann derlei am besten hinter Paywalls verstecken, weil alle politischen Referent:innen und die meisten Journalist:innen gar nicht anders können, als diese Artikel zu lesen. Glauben sie jedenfalls, aber wenn sie es nicht tun, werden sie in den sozialen Medien von jenen Amateur:innen überrannt, die es getan haben und dort markige Statements absetzen. Wer sich darüber ein Bild machen will, ob da etwas dran ist, muss zwangsläufig den in Bezug genommenen Text lesen. Von den vielen Blender:innen, die nur aufgrund von Überschriften narzisstische Spins twittern, reden wir nicht. Jedenfalls geht durch dies alles der Überblick mehr verloren, als dass die Medienrezeption besser wird.

Deswegen plädieren wir dafür, endlich die Erhöhung der Rundfunkgebühren zu beschließen, die niemandem wehtun, aber die Qualität der öffentlich-rechtlichen Medien einigermaßen absichern. Wir halten das angesichts eines immer mehr im wörtlichen Sinne zerfledderten Medienmarkt sogar für ein für den Erhalt der Demokratie unabdingbares Element. Wer wer an Printnutzer:innen stark verliert, wie z. B. die Springer-Presse an die neurechten Medien, der tendiert, wie man im Moment sehen kann, nicht dazu, seriöser zu werden und sich dadurch neue Leser:innen zu erschließen, sondern immer weiter abzudriften.

Vermutlich wird diese Strategie nicht erfolgreich sein, aber Not kennt offenbar kein Gebot und   auch kein strategisches Nachdenken. Alte Muster werden wiederholt oder sogar durch Panik verstärkt Deswegen ist es nur zu begrüßen, dass Medien, die auf Hetze und Spaltung setzen, an treuen Printnutzer:innen verlieren. Es spricht nichts dagegen, dass die bisherige Entwicklung sich weiter fortsetzen wird. Gehen wir also hin und retten lieber den Büchermarkt, denn er hat es verdient. Und setzen wir uns dafür ein, dass einige wenige Medien erhalten bleiben, die sich noch um Qualitätsjournalismus bemühen. Zumindest manchmal.

TH

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