Zwischen zwei Welten – Tatort 908 #Crimetime 1018 #Tatort #Luzern #Flückiger #Ritschard #SRF #Welten #zwei #zwischen

Crimetime 1018 Titelfoto © SRF, Daniel Winkler

Helfen hilfreiche Geister?

Zwei Mal klingelt hier nicht der Postmann, aber gibt das Medium Pablo Guggisberg den Ermittlern Hinweise zum mysteriösen Tod von Donna Müller – oder wenigstenst zum Aufenthalt von deren Tochter, die auf dem Weg in den Suizid ist. Männer, die von ihren Kindern ferngehalten werden, Mütter, die von Männern verfolgt werden, Kinder, die zwischen den Welten stehen und zerrieben werden zwischen feindlichen Kräften und am Ende die Erkenntnis, dass die Lage sich nicht dadurch ändert, dass am Sorgerecht gedreht wird.

Im Leben ist nicht nur nicht alles, sondern im Grunde gar nichts eben. Kommissare in der Midlife-Crises, Kommissarinnen, die von Vätergruppen als lesbisch geoutet werden (wie ist das Foto zustande gekommen?), Väter voller Hass und Mutter auf dem Trip nach Goa oder sonstwo in Indien, wo bekanntlich die Esoterik das Leben bestimmt, nicht die Zuwendung zu den eigenen Familienangehörigen; Kinder, die durch die Atmosphäre zuhause, die von gegenseitigen Schuldzuweisungen der mittlerweile getrennten Elternteile massive  Hassgefühle entwickeln – und vielleicht zu Tötungshandlungen fähig sind. Was Eltern Kindern antun und wie müde man von dem jahrelang angeschauten zwischenmenschlichen Elend und von der eigenen Einsamkeit werden kann, das wird uns in „Zwischen den Welten“ eindringlich vorgeführt, wobei der Titel eine zweite Deutung durch das erwähnte Medium bekommt, das zwischen Toten und Lebenden und erstaunlicherweise sogar zwischen Bewusstlosen und verzweifelt suchenden Polizisten vermitteln kann. Mehr zum 908. Tatort lesen Sie in der –> Rezension.

Handlung

Die dreifache Mutter Donna Müller wird von einer Brücke gestossen und ist sofort tot. Die beiden Luzerner Ermittler Reto Flückiger und Lit Ritschard nehmen die Ermittlungen auf. Zunächst müssen sie sich um die drei Kinder kümmern, die von drei verschiedenen Vätern stammen. Das städtische „Care-Team“ wird gerufen, um die Kinder zur Beobachtung ins Kinderspital zu bringen. Niemand in Donnas Umfeld weiß, was die junge Frau am Abend ihres Todes vorhatte und wer ein Interesse an ihrem Tod haben könnte. Doch der Vater der Ältesten, Emma, macht sich verdächtig: er lässt kein gutes Haar an Donna und ist zudem noch Mitglied in einer radikalen Vätergruppe. Der Vater der Jüngsten, Alisha, wohnt zwar in Luzern, hat aber weder zu seinem Kind noch zu deren Mutter Kontakt. Er ist verheiratet, und das Mädchen ist das Ergebnis eines Seitensprungs. Auch Ravi sieht seinen Vater, der in Indien in einem Ashram weilt, kaum.

Donna hat eine Ausbildung zur „Spirituellen Heilerin“ gemacht. Ihr Lehrer Pablo Guggisberg, dem übersinnliche Fähigkeiten zugeschrieben werden und der angeblich mit Toten kommunizieren kann, bietet der Polizei seine Mithilfe an. Für Liz Ritschard ist das alles nur Blödsinn. Für sie steht fest, dass Emmas Vater Daniele Rossi, der im Dauerstreit mit seiner Exfrau lag, für ihren Tod verantwortlich ist. Doch Reto Flückiger glaubt nicht an Rossis Schuld. Weil die Lösung des Falls nicht vorankommt, nimmt Flückiger das Angebot von Medium Pablo an. Aber die spirituelle Sitzung führt zu nichts. Pablo erklärt, der Kontakt zur toten Donna sei plötzlich abgebrochen. Weiss er mehr, als er zugeben will? Oder bedeutet der Abbruch des Kontaktes mit der Toten für die Ermittlungen etwas völlig anderes?

Rezension (enthält Angaben zur Auflösung)

Wir haben jetzt nachgeschaut, wie es ist, mit dem Jugendstrafrecht in der Schweiz, weil wir nur die deutsche Situation kennen und sind fast hintenübergekippt. Wir dachten, okay, ein Jahr mehr oder weniger als bei uns wird’s wohl sein, dass ein Kind oder ein(e) Jugendliche(r) für strafmündig erklärt wird. Aber im Unterschied zu Österreich entstammt das Schweizer Recht nicht im Wesentlichen den gleichen Quellen wie das deutsche, und das merkt man sehr.

Da die junge Täterin Emma 15 Jahre alt ist, bleibt sich das in allen genannten Ländern gleich – sie ist strafmündig und wird nach Jugendstrafrecht behandelt. Aber wäre sie jetzt zum Beispiel erst elf Jahre alt – dann würde sie in der Schweiz bereits zur Verantwortung gezogen. Die Strafmündigkeit in Deutschland beginnt mit 14 Jahren. Das hat uns dann doch verblüfft, dass sie in der Schweiz bereits mit 10 Jahren einsetzt. Es ist wahr, dass ein Kind ab etwa dem 10. Lebensjahr „bewusst denkt“, aber Strafmündigkeit mit aller Fähigkeit zur moralischen Bewertung eines Tuns ist eine andere Sache. Vielleicht ist aber des Jugendstrafrecht bei den Eidgenossen besonders flexibel ausgestaltet, das können wir bei einer Direkt-nach-Premiere-Rezension aus Zeitgründen nicht ermitteln.

Wir fühlen mit Reto. In einem Land, in einer Zeit, in einer Gegend, in der es um solche intimen Dramen geht wie hier, nicht um thrillige OK-Fälle mit eindeutigen Gut-Böse-Zuweisungen, kann man nur den Blues bekommen. Das spielt Stefan Gubser sehr gut. Nicht, dass wir solche Blicke nicht vom Maxe aus Köln kennen würden, aber es passt zum Fall und zur Stimmung. Atmosphäre und auch die Ermittlungen passen – soweit sie dem Realismus zugeneigt sind.

Das andere haben wir befürchtet, wir schrieben schon in der Vorschau darüber. Wenn Esoterik, dann – ja, dann nicht so verzagt, bitte. Hier wirkt es so, als ob man gedacht hat, wir versuchen mal ein bissl was Übersinnliches und gucken, was das Publikum denkt und wenn alles gut geht, machen wir nächstes Mal das Doppelte oder doch ein paar Prozent mehr. Entweder bedient man sich eines Mediums oder nicht, und wenn es funktioniert, dann bitten wir darum, dass zwecks Ermittlungbeschleunigung dieses Medium auch an allen anderen Tatorten tätig werden darf. Denn dann könnte man sich ganz auf die sozialen Aspekte eines Falles konzentrieren, ohne diese lästige Polizeiarbeit. Die ist zwar mittlerweile so technisch, dass man nur noch vernünftige Plots zusammenbekommt, wenn man sie in großen Teilen weglässt, wie auch hier wieder, aber hat nicht diese elegante Transzendenz wie die tatsächliche Verbindung mit den Toten. Dass sogar die Lebenden angerufen werden können, wird künftig sogar die Ortung von Mobiltelefonen ersparen.

Schade, dass man sich auf diese Ebene begeben hat. In Münster würd’s passen, aber der Tatort „Zwischen den Welten“ ist ansonsten zu ernst dafür. Etwas blöd jetzt, weil wir im Wege der Vorschau Kontakt zu diesem Tatort-Team hatten (nicht übersinnlich, nur kommentarweise), aber es führt nichts daran vorbei und es hat nichts mit der Darstellung zu tun: Wir sind unzufrieden. Entweder macht man das richtig und geht das Risiko, dass die Leute den Kopf schütteln, wie bei „Tod im All“, oder man lässt es und konzentriert sich auf das Drama, das genug Möglichkeiten individueller Figurenzeichnung bietet.

Auch da hätte man mehr tun können. Wer sind die Väter, die Mütter, wie schaut ihr Leben aus? Wie denken, wie fühlen sie, jenseits von ausgesprochenen Schlagworten wie Feminismus, Sorgerecht und Selbsthilfe,jenseits von nicht genannten, aber mitschwingenden Begriffen wie Menschlichkeit, Altruismus, Eogismus, Gerechtigkeit, Wohl des Kindes.

So viel wurde nicht ermittelt, dass man da nicht hätte mehr Butter bei die Fisch tun können. Der Haken ist: Dann hätte der Tatort schneller gefilmt sein müssen, wo er aber doch von der elegischen Stimmung, die lange Einstellungen und eine Begrenzung der Handlungselemente bedingt, die von gedehnten Dialogen und Reflektionen ohne Worte lebt, dieser Tatort andererseits profitiert. Das ist das Gute, dass man sich nicht hat hetzen lassen. Vielleicht war’s ja deshalb notwendig, bestimmte Dinge so zu lösen, wie man’s eben getan hat. Nein, nicht notwendig, aber man konnte schon mal auf die Idee kommen. Trotzem, etwas in diesem Sensorium, das immer wieder Filme bewerten muss und durch immer mehr Erfahrung im Rezensieren immer feiner kalibriert wird, flüstert uns zu: Es passt nicht, es passt einfach nicht, so, wie es hier inszeniert wurde.

Ja, dadurch, dass die Tote nur bis dahin erzählt, wo ein Mann hinter ihr her ist, führt sie die Ermittler in die Irre, deswegen ist es eben nicht so logisch, dass man sofort auf die Tochter kommt, wie einige Zuschauer es gerne im Nachhinein darstellen. Man hätte aber trotzdem gleichmäßiger ermitteln dürfen.

Was aber passt? Wir sagen, Flückiger passt. Das können wir mittlerweile als Grundtatsbestand festhalten. Wir finden, er wirkt nicht nur im jetzigen Tatort etwas kompakter als bisher, sondern auch mitten im Leben und es ist gar nicht undenkbar, dass jemand über seine eigene Welt nachdenkt, wenn er in andere Welten eindringen muss, ermittlungsweise. Aber er könnte sich sagen, angesichts der Ehen, die er gesehen hat, könnte er sich zum allein sein auch beglückwünschen. Vielleicht ist er aber ein Sorgenmensch, der sich darüber Sorgen macht, dass sein eigenes Leben im Vergleich mit dem anderer zu unkompliziert ist. Und beim Sterben ist niemand allein, da gibt es heute wunderbare Einbindungen auch für anhanglose Senioren. Also, immer die Ruhe. Beamter und keine nervige Familie, das ist doch was. Wir schreiben das nicht, weil den Reto nicht verstehen, sondern nur zur Aufmunterung. Wir sehen die Dinge des Lebens auch nicht jeden Tag gleichermaßen positiv.

Leider stellt sich immer mehr heraus, dass Liz Ritschard mit ihm nicht gut in Kontrast oder in Abstimmung gebracht ist, was auch immer das Grundkonzept sein könnte. Liegt’s an der viel besprochenen Synchronisation, dass das Verhältnis der beiden immer etwas steif wirkt? Wir meinen, nicht allein. Denn es gibt ja noch die Interaktion per Handlung, Geste, Blick. Aus allem zusammen ergibt sich: Nicht reserviert, nicht gleichgültig, aber auch nicht inspiriert. Klar, aus den beiden kann nichts werden, da Liz gleichgeschlechtlich orientiert ist, aber darum geht’s nicht – aus all den Kumpeln in verschiedenen Tatort-Städten können ja auch in der Regel keine Paare werden (das wäre übrigens ein Tipp für das nächste neue Tatort-Team, ein schwules oder gleich ein lesbisches Ermittlerpaar ins Rennen zu schicken, das hatten wir noch nicht).

Es liegt in „Zwischen den Welten“ auch  mehr an Ritschard als an Flückiger, dass die Chemie so schwach ausgeprägt ist. Es sind Kleinigkeiten, die sich summieren, wo sie  zu hart mimt, zu indifferent oder zu sehr an ihm vorbei, trotz „Bierli“, das aber auch nicht zustande kommt. Hätten sie doch mal ein Bierli zusammen gezischt, wer weiß. Freundschaften entstehen aus magischen Momenten, nicht durch kontinuierliches Arbeiten im selben Büro. Es liegt aber auch daran, dass die beiden zu viele Plattheiten sagen müssen, wenn’s ums Miteinander geht. Zu viele Allgemeinplätze, zu wenig individuelle Kenntlichkeit. Unser Tipp: Schaut’s euch  mal an, wie es in Wien funktioniert. Nein, nicht zum Nachbauen, aber zum Auflockern.

Die Wiener Weisner und Fellner sind weitaus symmetrischer angelegt als Flückiger und Ritschard, viel temperamentvoller vor allem sie – das ließe sich nur schrittweise ändern. Lockerer oder gehaltvoller könnte auch heißen, mehr Spannung zwischen den beiden. Nicht durch bloß unterschiedliche Ansichten, wer denn jetzt der Mörder ist (Reto hatte Recht, als er dagegen war, sich gleich auf den Vater des Mädchens Emma festzulegen), sondern auch durch eine persönliche Reibung, durch etwas, das man als Dauertatbestand aufbauen könnte. Viele Teams haben solche kontinuierlichen Dinge, die immer wieder interessant sind, zum Beispiel sinnlose Alleingänge, zu große Verschwiegenheit (sehen wir bald in München wieder), oder – wie wär’s denn, wenn die beiden politisch kenntlicher würden, wie Inga Lürsen? Gerade für uns als Nicht-Schweizer wär’s interessant, wenn zur Ernsthaftigkeit mehr Kenntlichkeit käme, denn wir wollen verstehen ist eine wichtige Voraussetzung für Mitgehen, für Identifikation und Empathie. Wenn der Moment nicht für das blöde Foto der Männergruppe missbraucht worden wäre, hätten wir das mit dem Kuss von Liz für die Squash-Partnerin charmant gefunden. Ein Outing im XXS-Format, soszusagen.

Finale

Aus allen Aspekten schält sich heraus, dass die Richtung stimmt. Wir haben in der Vorschau empfohlen, die Schweizer Tatorte in die Richtung weiterzuentwickeln, wie sie am Bodensee schon zu tollen Ergebnissen geführt hat: Leise, intensiv, mit der Spannung in und zwischen den Figuren, gerne als Thriller, wobei es den am Bodensee auch selten gibt,  zugegeben. Warum nicht einmal ein richiges Duell inszenieren, einen Howcatchem, der von erstklassiger psychologischer Zeichnung der Charaktere profitiert? Da müssten Flückiger und insbesondere Ritschard allerdings noch mehr ran, mehr zeigen.

Jetzt wird’s schwierig – mit der Bewertung. Wenn wir sagen, der Weg stimmt, heißt das nicht, dass wir „Zwischen den Welten“ als Steigerung z. B. gegenüber „Schmutziger Donnerstag“ ansehen. Uns fehlt noch das Griffige und Einheitliche, dieses Gefühl, dass die Ausführenden eine große Sicherheit und Souveränität gewonnen haben und sich trauen, uns ganz dicht an die Figuren heranzuführen oder das Gegneteil zu tun, jedenfalls aber alles zu vermeiden, was solche Irrlicht-Assoziationen hervorruft wie hier das Medium. Wir sind nicht in „Rashomon“, sondern beim deutschen Fernsehkrimi, und hier erzählen die Toten nichts über die Täter. Hingegen sind die Ermittler gehalten, mal in Wohnungen nicht so rudimentär nach Hinweisen  zu suchen, wie das hier bei der Familie der Toten gezeigt wird, sondern so richtig konsequent alles zu filzen. Hätte nicht so viel gebracht, in diesem Fall, aber kann man das wissen?

Wir kommen auf 6,5/10. Wir würden aus Sympathie gerne etwas höher gehen, aber das wäre anderen Tatorten gegenüber ungerecht. Steigerung ist weiter möglich.

© 2021, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Reto Flückiger – Stefan Gubser
Kommissarin Liz Ritschard – Delia Mayer
Alain Schaller „Shankar“ – Juan Bilbeny
Alisha Müller – Anna Fritz
André Barmettler – Benjamin Grüter
Biljana Lukovic – Stojcetovic Danijela Milijic
Daniele Rossi – Hans-Caspar Gattiker
Elena Bernasconi – Donna Müller
Elsa Giger – Suly Röthlisberger
Emma Rossi – Annina Walt
Eugen Mattmann – Jean-Pierre Cornu
Pablo Guggisberg – Grégoire Gros
Ravi Müller – Pablo Caprez
Yvonne Veitli – Sabina Schneebeli
u.a.

Stab
Drehbuch – Eveline Stähelin, Josy Meier
Regie – Michael Schaerer
Kamera – Stéphane Kuthy
Musik – Lorenz Dangel

 

 

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