„Zukunft Agrarwende“ (NDS) + Kommentar | #Newsroom #Wirtschaft #Wandel #Agrarindustrie #Bauern #Landwirtschaft #Bund #Landjugend #Zukunftskommission

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In der Debatte um den Klimaschutz und um Personalien geht es sachlich auch um die Verkehrswende, die für den Klimschutz ebenfalls wichtige Agrarwende wird hingegen eher nachrangig behandelt. Dabei ist sie, wie es im Papier „Gemeinsame Zukunftsvision von Landjugend und BUNDjugend“ heißt, die Grundlage von allem.

Das ist so evident und wird als so selbstverständlich hingenommen, dass man es erst einmal wieder ins Bewusstsein rufen muss. Mit einer erstaunlich positiven Tendenz gehen die Nachdenkseiten auf das Wirken der von der Bundesregierung einberufenen Zukunftskommission Landwirtschaft ein und glauben daran, dass die alte, die subventionierende, Billigprodukte, immer größere Betriebe mit immer schwächerer Ökobilanz, mit schlechter Behandlung von Nutztieren und Konzerngebundenheit einhergehende Landwirtschaft nur noch ein paar Rückzugsgefechte führen wird und dann ist die Zukunft nah. Aber ist das so? Im Artikel wird auch erwähnt, dass die gegenwärtige Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner die Ergebnisse der Zukunftskommission lobt, während sie auf EU-Ebene hinhaltend Widerstand gegen den Fortschritt leistet.

Das ist ohnehin die neue Vorgehensweise der Politik: Klatschen, die man ihr verabreicht, als wertvolle Information und Motivation flachzubügeln und weitgehend weiterzumachen wie bisher. Wirtschaftsminister Peter Altmaier, dem man nicht zutraut, wie aalglatt er sein kann, hat das bezüglich der Forderungen von Fridays For Future und zuletzt angesichts der „Klima-Klatsche“ des Bundesverfassungsgerichts eindrucksvoll, aber für alle, die ein wenig hinterfragend veranlagt sind, auf sehr frustrierende Weise vorgeführt.

Wer sich alle Ergebnisse der Zukunftskommission anschauen möchte, der kann das anhand des umfangreichen Abschlussberichts tun. Schon das Deckblatt weist aus, dass die Agrarwende eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Wohl wahr, denn was sollen wir tun, wenn wir nicht mehr genug zu essen haben? Dann werden alle anderen Anstrengungen hinter diese Kernfrage zurücktreten, wie es seit Corona weltweit wieder verstärkt der Fall ist. Die Landwirtschaft offenbart in dem, was wir gelesen haben, zu Recht ein großes Selbstbewusstsein, das nicht mit der aktuellen Situation vor allem der kleineren Betriebe korreliert. Aber selbstverständlich sind auch Landwirt:innen systemrelevant, man muss es eben auch mal erwähnen, solange die unfassbare Lebensmittelvielfalt, deren wir uns bedienen, zu sehr günstigen Preisen einfach im Regal liegt. Anders kennen wir Städter:innen es ja nicht und jetzt bitte nicht mit eklektischen Kleingärte und Balkon- oder Dachterrassenzuchten kontern. Das ist alles nice to have, aber wären wir darauf angewiesen, wäre es vorbei mit ruhig schlafen und wir würden wieder merken, wie abhängig Landwirt:innen vom Regen, von der Sonne, von Sturm und Hagel, von Ungezieferbefall und vielen anderen Unbilden der Natur sind. Ihr Ertrag aber ist unser billiges Essen.

Im Beitrag der NDS steht etwas, worauf wir gerne ein wenig einsteigen möchten: „Die Mieten konnten nur so hässlich steigen, weil die Lebensmittel so billig sind“. Das darf man so keinem Transferleistungsbezieher verkaufen wollen, dessen Mieten teilweise oder ganz vom Staat übernommen werden, der aber seit Jahren mit Lebensmittelpreisen konfrontiert wird, die viel schneller steigen als z. B. das ALG II. Wir hätten mittlerweile wieder Hungerszenarien, wenn nicht karitative Zusatzangebote wie die Tafeln, auf die der Staat sich unverschämterweise verlässt, das noch gerade verhindern würden. Aber die zwangsweise niedrige Qualität der Ernährung von Menschen mit niedrigen Einkommen ist höchst gefährlich für jeden gesellschaftlichen Fortschritt, für den sozialen Zusammenhalt und natürlich auch für die Leistungsfähigkeit vieler Menschen. Eine bessere Landwirtschaft muss mit besseren Sozialleistungen einhergehen, daran führt nichts vorbei.

Was uns in der fünfseitigen Vision der beiden Jugendverbände besonders gefehlt hat: Ein partizipativer Ansatz. Landwirt:innen sind die Herr:innen über Grund und Boden, es bleibt alles im privaten Unternehmertum. In diesem Punkt sind wir zumindest in Berlin eben doch weiter. Anhand der Wohnungspolitik wird mehr und mehr die Frage in den Vordergrund gerückt, welche Eigentumsstrukturen unseren Bedürfnissen am meisten gerecht werden und immer mehr erkennt die Zivilgesellschaft: Es sind nicht private Konzerne und fiese Ausbeuter, es ist auch nicht der Staat, es sind genossenschaftliche und ähnliche Strukturen, die das Modell der Zukunft darstellen werden. Sie funktionieren auf dem Gebiet der Wohnungswirtschaft ohnehin schon lange und stellen einen guten Kompromiss zwischen Staatseigentum und großem Privateigentum für wenige dar.

Dieses Modell muss auch in der Landwirtschaft mehr Raum greifen, freilich im eigentlichen Sinne des Wortes, denn die LPGen der DDR, an die man dabei unweigerlich denkt, waren in Wirklichkeit Staatsbetriebe, kein Eigentum der Produzent:innen und der Konsument:innen und schon gar nicht „des Volkes“. Heute Betriebe würden trotz ihres hohen Technologisierungsgrades vielen Menschen Lohn und Brot geben, die in der ebenfalls unter Rationalisierungsdruck stehenden Industrie und Dienstleistungswirtschaft nicht mehr Fuß fassen und oder mit Bullshitjobs vorlieb nehmen müssen. Mehr Menschen in einer mehr ökologisch orientierten Landwirtschaft wären eine gar nicht dumme Alternative dafür, die außerdem vielen Menschen wieder Sinngebung verschaffen würde. Aber sie wollen natürlich als erfahrene Mitglieder der Zivilgesellschaft auch mitreden, nicht als Knechte nah der Pfeife von Großgrundbesitzer:innen anstatt von „Unternehmern“ anderer Branchen tanzen.

Die Präferenz kleiner Betriebe, die Hochwertiges erzeugen gegenüber Agrarkonzernen sehen wir wohl, aber nicht gleichermaßen die Privilegierung von Familienübergängen gegenüber genossenschaftlichen Agrarmodellen als zwingend oder in jedem Fall begrüßenswert an. Was zum Beispiel, wenn die Sukzession nicht gesichert ist oder nur unter großem Verlust an Qualität und Engagement gesichert werden kann?

Ohnehin wird es notwendig sein, dass viele Betriebe sich zusammenschließen, um eine Gegenmacht zu den Lebensmittelkonzernen aufzubauen, die sich selbstverständlich auch die Bio-Landwirtschaft aneignen wollen, was man am Wandel der Sortimente in den Supermärkten sehr deutlich erkennen kann. Wir sind uns sicher, dass dabei viel Schmu betrieben wird, den Unterschied zwischen Biolabels und wirklich nachhaltiger Produktion betreffend. Die Landwirt:innen haben gleich mehrere Verbände, die sich um sie kümmern, wie sich auch an der reichhaltigen Bestückung der Zukunftskommission gezeigt hat, aber diese sind offenbar nicht in der Lage, sich gegen die supranationalen Konzerne hinreichend zu wehren, welche die Produkte der Landwirtschaft abnehmen, manchmal nach industrieller Verarbeitung, bei der auf Nachfrageseite ebenfalls mächtige Vertragspartner den Lauf der Dinge dominieren.

Wir brauchen nicht nur eine ökologisch besser aufgestellte Landwirtschaft, sondern auch eine, die Hand in Hand mit Entwicklungen in den Städten die Möglichkeiten und Wünsche der Bevölkerung, die aktive Teilhabe in den Mittelpunkt rückt. Wir sind sicher, dass die Lebensmittelproduktion dann nachhaltiger und hochwertiger wird.

Was wir hingegen nicht möchten, ist, dass unter dem Label einer Kooperation zwischen Stadt und Land alles beim Alten bleibt, die Besitzverhältnisse an Grund und Boden betreffend, Städter:innen aber zusammen mit Landwirt:innen bzw. sogar an deren Stelle ins Risiko für die oben beschriebenen Unbilden der Natur gehen, wie es sich hier jemand sehr schlau und sogar unter Verwendung von Neologismen ausgedacht hat.

TH

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