The Woman in the Window (USA 2021) | 6 Empfehlungen | Filmfest 537

Filmfest 537 Empfehlungen

The Woman in the Window ist ein MysteryThriller von Joe Wright, der am 14. Mai 2021 in das Programm von Netflix aufgenommen wurde. Der Film basiert auf einem Roman von A.J. Finn.

Bei „The Woman in the Window“ denke ich zunächst an einen Film – nicht. Nämlich an Alfred Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“, zumal dort zwar viele verschiedene Menschen, überwiegend Frauen, in Fenstern zu sehen waren, aber es bereits einen Film mit dem exakt gleichen Namen gibt, und dieser ist ein Film-noir-Klassiker von Fritz Lang aus dem Jahr 1944.

Aufmerksam wurde ich auf „The Woman in then Window“, über den wir vorerst eine Empfehlungsrezension anfertigen, durch eine Kritik von „Film plus Kritik“, in der vor allem die Leistung von Hauptdarstellerin Amy Adams hervorgehoben wird. Allerdings kommt das Online-Magazin am Ende auf eine Bewertung von 57/100. In der Wikipedia heißt es eingangs des Absatzes „Rezeption“:

Die Rezeption des Films durch die professionelle Filmkritik und durch das Publikum fielen insofern unterschiedlich aus, als die Kritiker mehrheitlich zu dem Schluss kamen, der Film habe seine selbst gesteckten Ziele nicht erreicht, er andererseits Ende Mai 2021 zumindest die Spitze der globalen Netflix-Charts erreichte.[8]

Die Spitze der Netflix-Charts sagt nach meiner Ansicht wenig über die Qualität eines Films aus, zumal, wenn sie nur kurzfristig erreicht wird, daher habe ich in der IMDb nachgeschaut, und, Surprise: Das Publikum bewertet den Film durchschnittlich wie? Mit 5,7/10 (Stand 14.07.2021). Das ist wenig, um es vorsichtig auszudrücken, wenn man bedenkt, mit welch hohen Ambitionen man an diese Produktion herangegangen ist. Und damit weiter zu den empfohlenen Kritiken:

Marius Nobach vom Filmdienst schreibt, Regisseur Joe Wright und Drehbuchautor Tracy Letts hätten sich bei ihrer Adaption des Romans von A.J. Finn eine Extradosis Alfred Hitchcock einverleibt, und die Parallelen zu Das Fenster zum Hof seien offensichtlich. Auch das meist von oben gefilmte Treppenhaus könnte eins zu eins aus Psycho übernommen worden sein, und Ethan wirke wie ein Wiedergänger der jungen Soziopathen aus Cocktail für eine Leiche. Allerdings fehle es The Woman in the Window an eigener Inspiration, zumal der Kriminalplot keine Originalitätsansprüche befriedigt, so Nobach. Wright forciere deshalb die potenzielle Spannung mit Faktoren wie Schatten- und Lichtspielen, Unheil verheißendem Sound-Design und dem Haus als Kulisse, in der in jeder Ecke weitere Gefahr lauern kann. Die musikalischen Attacken von Danny Elfman bewegten sich dabei immer wieder am Rande des Übermaßes oder aber der Konventionalität. Als Thriller erfülle der Film auf diese Weise zwar solide sein Soll, könne aber nicht das Gefühl verdrängen, dass er im Kern eine interessantere Geschichte zu bieten hätte als die der hier begangenen und aufgedeckten Verbrechen.[9]

Es werden also gleich mehrere der berühmtesten Hitchcock-Thriller in Bezug genommen und dadurch steigt bei den Zuschauer:innen die Erwartungshaltung und sie erhalten eine bestimmte Idee davon, was die Macher des Films wollten und ob ihnen das gelungen ist.

Daniel Kortschulte von der Frankfurter Rundschau ist beeindruckt von der „faszierenden Filmmusik“ und des Lobes voll über Kameramann Bruno Delbonnel: „In einem behutsamen Zusammenspiel von Ausstattung und Licht taucht er die Innenräume in matte Buntstiftfarben, was wunderbar mit der Film-Noir-Ästhetik von expressionistischem Halbdunkel kontrastiert. Es ist schon ein seltenes Vergnügen: Während man einer Handlung folgt, die bis zu ihrem grotesken, unfreiwillig komischen Finale immer blödsinniger wird, bewundert man Bilder wie von Edward Hopper.“[10]

Ich bin ein ausgewiesener Fan von Edward Hopper und habe zusammen mit Schreibkolleg:innen nach einem Bild von ihm eine kleine interne Kurzgeschichten-Ausschreibung veranstaltet (2020), die Ergebnisse werden wir in irgendeiner Form noch veröffentlicht sehen, vermutlich werde ich mir den Film schon deswegen anschauen, wenn er frei erhältlich oder wenigstens ohne Netflix-Abo auszuleihen ist.

Kate Erbland vom IndieWire, die schon A.J. Finns „Instant-Bestseller“ für ein schamloses Ripoff (Plagiat) von Rear window hält, ist der Meinung, Joe Wrights Film mit Amy Adams als Star lasse alles vermissen, was ihn interessant mache. Betrachte man die Entstehungsgeschichte des Films, so könne man glauben, er sei verhext. Es sei jedoch noch viel schlimmer: „Er ist langweilig“. Was die Protagonistin sympathisch oder glaubhaft mache, sei im Drehbuch herausgestrichen. Man könne nur vermuten, dass alles, was Spannung und Nervenkitzel betreffe, auf dem Boden des Schneideraums gelandet sei.[11]

Warum sollte man alles, was Spannung bringt, herausschneiden? Üblich ist eher, dass erklärende, die Figuren näher erläuternde und retardierende Momente entfallen, sodass Filme eher an Tiefe als an Spannung verlieren, wenn sie geschnitten werden und manchmal auch an Plausibilität.

Alissa Wilkinson von Vox.com, fragt sich, was mit dem Film schiefgelaufen ist und betitelt ihren Beitrag mit „Netflix’s flashy, star-studded new drama is a big old dud“.[12] Der pedigree des Films sei makellos, er warte mit einem vielversprechenden Plot auf, einem Reigen hervorragender Schauspieler, einem preisgekrönten Drehbuchautor und mit Danny Elfman als Komponist. Die Übertragung der Geschichte auf die Leinwand habe aber einfach nicht funktioniert. „Die Obsessionen sind nicht obsessiv genug, die Bedrohungen sind läppisch und die Geheimnisse sind alles andere als geheimnisvoll […] Man kann das beste Team der Welt haben […] und trotzdem einen Flop produzieren […]“[13]

Die Darsteller:innen werden also durchaus gewürdigt, aber manchmal ist man auch buchstäblich im falschen Film, der aus Gründen, die nicht in der Schauspielkunst zu suchen sind, das Erringen von Preisen für ebenjene Kunst verunmöglicht. Wir kennen dieses Phänomen hinreichend, es sucht uns immer wieder bei Arbeiten für die Rubrik „Crimetime“ heim, wo uns manchmal die vor der Kamera Mitwirkenden leidtun, weil sie drehbuchseitigen Quatsch möglichst glaubwürdig darstellen müssen.

Elizabeth Weitzman, Filmkritikerin des US-amerikanischen 0nline-Magazins The Wrap, zieht das Fazit: „Wrights Hingabe an sein Thema ist – auf gewisse Weise – lobenswert, aber seine beharrlichen Anstrengungen, eine Meisterikone zu beschwören, anstatt sich auf seine bewährten Instinkte zu verlassen, fühlen sich letztlich an wie ein Akt der Selbstzerstörung.“[14]

Ich habe „The Woman in the Window“ schon wegen des Titels und der Assoziationen, die er bei mir geweckt hat und natürlich wegen der vielfach beschworenen Anklänge an Filme von Alfred Hitchcock auf unsere Merkliste gesetzt. Noch einmal zu Amy Adams: So sehr unter dem Radar fliegt sie ja nun offenbar nicht, wie „Film plus Kritik“ eingangs schreibt:

Amy Lou Adams (* 20. August 1974 in Vicenza, Italien) ist eine US-amerikanische Schauspielerin. Sie trat seit Ende der 1990er Jahre in über 50 Film- und Fernsehrollen in Erscheinung, überwiegend in Komödien. Bekanntheit errang sie vor allem mit der Darstellung unschuldig-naiver Figuren in Spielfilmen wie Junikäfer (2005), Verwünscht (2007) oder Glaubensfrage (2008). Adams zählt zu den bestverdienenden Schauspielerinnen Hollywoods und wurde bereits sechsmal für den Oscar nominiert. 2014 und 2015 gewann sie für ihre Hauptrollen in den Spielfilmen American Hustle und Big Eyes einen Golden Globe Award und für Ersteren noch einen Critics’ Choice Movie Award.

Offen ist also nur noch der Gewinn eines Oscars, wenn es um die ganz großen Ehrungen geht. Wir drücken einfach mal die Daumen und hoffen, es wird für die Darstellung in einem Film sein, der nicht versucht, mit untauglichen Mitteln Hitchcock nachzuahmen. Schon die „echten“ Remakes seiner und anderer Klassiker sind angesichts der Ergebnisse eine Form von Sakrileg, ihn deutlich zu zitieren, aber den Geist seiner Filme dabei nicht zu erfassen, geht in die gleiche Richtung.

TH

Kursiv und in Zitatform: Wikipedia bzw. zitiert nach der Wikipedia.

Regie Joe Wright
Drehbuch Tracy Letts
Produktion Eli Bush,
Anthony Katagas,
Scott Rudin
Musik Danny Elfman
Kamera Bruno Delbonnel
Schnitt Valerio Bonelli
Besetzung

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