Risiko – Polizeiruf 110 Episode 314 #Crimetime 1021 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #Winkler #MDR #Risiko

Crimetime 1021 Titelfoto © MDR, Andreas Wünschirs

Sexismus und Freunde, die nichts trennen kann

„Risiko“ ist der 44. Fall des Hallenser Kriminalduos Schmücke und Schneider – die beiden waren zum damaligen Zeitpunkt bereits 14 Jahre zusammen unterwegs und was immer man heute über ihre Filme denkt, sie haben im Wesentlichen dafür gesorgt, dass das zuvor von arger Unruhe und einem eineinhalbjährigen Totalstopp (1991/1992) gebeutelte Ost-Krimiformat sich erhalten hat. Die waren das ruhige Zentrum der Reihe. Aber die Art, wie Krimis gemacht werden, hatte sich von den mittleren 1990ern bis zum Beginn der 2010er Jahre erheblich verändert, Schmücke und Schneider aber gingen im Wesentlichen nicht mit. Andererseits wollte man das bewährte Team damals noch nicht absetzen – wie gedachte man dieses Dilemma aufzulösen? Darüber und über andere Aspekte des Films ist mehr zu lesen in der -> Rezension.

Handlung

In einem Bergwerkstollen im Harz wird die Leiche der siebzehnjährigen Gymnasialschülerin Nadine Iwanowski gefunden. Die Kommissare Schmücke und Schneider beleuchten zusammen mit Oberkommissarin Lindner zunächst das Umfeld der jungen Frau. Nadine jobbte im Tennisclub. Den Ermittlungen nach muss sie sich unmittelbar nach Arbeitsschluss mit jemandem getroffen haben, der sehr wahrscheinlich auch ihr Mörder war. Die Kommissare hoffen durch die Überwachungsaufnahmen des Tennisplatzes dem Täter auf die Spur zu kommen, doch sind die entsprechenden Festplatten gestohlen worden.

Zu Nadines engstem Freundeskreis gehören Patrick Funke und Daniel Reimers, der mit ihr auch enger befreundet war. Zusammen waren sie als „Troika“ bekannt und sind durch „dick und dünn“ gegangen. Als der Gerichtsmediziner feststellt, dass Nadine in der sechsten Woche schwanger war, gibt das dem Fall eine neue Wendung: Eifersucht unter den beiden Jungs. Patrick Funke wird vernommen und gibt zu, in Nadine verliebt gewesen zu sein, doch ihre Entscheidung für Daniel hätte er akzeptiert, schließlich sei auch Daniel sein bester Freund.

Sie erfahren, dass Nadines Familie durch den Neubau eines Hauses und den Abschluss eines Versicherungsvertrages in eine finanzielle Schieflage geraten ist. Deshalb hatte Nadine mit Volker Kanellas, dem Leiter der Halleschen Bank und Mitglied im Tennisclub, Kontakt aufgenommen. Ehe sie Kanellas dazu näher befragen können, wird er überfallen. Geschäftlich hat er viel mit Patricks Vater zu tun, der als Finanzdienstleister arbeitet und seine Kunden stets an ihn vermittelt. Die Kriminaltechniker finden auf Kanellas Computer Aufnahmen der Überwachungskamera des Tennisclubs, die ihn mit Nadine im Streit zeigen, was auf eine Erpressung hindeutet. Es stellt sich jedoch heraus, dass Nadine zusammen mit ihren beiden Freunden diese Aufnahmen inszeniert hatten, um Kanellas unter Druck setzen zu können, damit er ihren Eltern einen Kreditaufschub gewährt. Die Situation eskalierte, Nadine stürzte und kam dabei um. Kanellas hatte die Leiche mit der Hilfe von Patricks Vater im Stollen entsorgen wollen, den Richard Funke von seinen Ausflügen als Hobby-Tierfotograf kannte. Patrick und Daniel hatten bis zuletzt versucht, ihren Plan in Nadines Sinne zu Ende zu führen und Kanellas überfallen, um die Zwangsversteigerung von Iwanowskis Haus zu verhindern.

Kritik

Rainer Tittelbach von tittelbach.tv meint anerkennend: „Es geht aufwärts mit dem ‚Polizeiruf‘ aus Halle. Die Frischzellenkur, die dem altväterlichen Duo Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler […] verpasst wurde, setzt sich in […] fort. Zwar wird der Generationenkonflikt arg biedermännisch angegangen – aber selbst dafür ist man schon dankbar im ‚Polizeiruf‘-Ost-Ableger mit seinem Muppet-Show-liken Nörgel-Duo. Drei oft parallel ermittelnde Kommissare im Allgemeinen und Lindner alias Gerschke im Besonderen bringen Tempo in die Geschichte, die trotz enormer Handlungsdichte sich nicht verliert im Ungefähren, sondern immer wieder – oft mit hartem Schnitt – in neue Situationen überspringt. Der für MDR-‚Polizeiruf‘-Verhältnisse junge Regisseur Thorsten Schmidt (‚Deadline‘) tut dem dramaturgischen Konzept gut.“[2]

Rezension

Zum Beispiel dadurch, dass die drei Ermittler*innen getrennte Wege gehen. Das sieht man in Tatorten ebenfalls häufig, ist aber in der Realität nicht die Regel – gefährliche Situationen erfordern Absicherung und manchmal muss ein Cop auch dem anderen als Zeuge dienen. Was wiederum in Tatorten und Polizeirufen äußerst selten ausgespielt wird. Aber die Hauptveränderung ist natürlich der Einsatz von Isabell Gerschke als Nora Winkler, die nun das dritte, eine Generation jüngere Teammitglied darstellt. „Risiko“ ist ihr zweiter Einsatz. Ich habe den ersten („Blutiges Geld“) noch nicht gesehen, aber auch im zweiten wird die neue Teamsituation sehr herausgehoben. Deswegen auch die dem folgende Hervorhebung in der oben zitierten Kritik.

Schmücke hat sie angefordert

Dies sei vorab erwähnt, weil die von Beginn an zum Team zählende Kriminaltechnikerin Weigand es erwähnt. Ich muss es erwähnen, weil Winkler mit der Neuen kein Problem hat, Schmücke aber sehr wohl – oder sie mit ihm. Nein, er mehr mit ihr als umgekehrt. Ob der Konflikt altväterlich ausgetragen wird, ist Ansichtssache, denn dieser Polizeiruf ist auch ein Thesenfilm, auch dies eine Parallele zu bestimmten Tatort-Städten, in denen gerne dialektisch vorgegangen wird.

Schmücke macht im Wesentlichen kein Mansplaining gegenüber der Jüngeren, versucht nicht, ihr die Kriminalwelt zu erklären, eher schon kann man den beiden Herren unterstellen, dass sie es hin und wieder nicht ungern sehen, wenn der Nachwuchs das eine oder andere Problemchen bekommt, das aus einem Mangel an Erfahrung resultiert.

Vielmehr wird Sexismus zum Aufhänger verwendet. „Was uns eben fehlt, ist die weibliche Perspektive“ sagt Winkler zu Schmücke, als dieser mit Winkler nicht klarkommt. Es geht zunächst um das Mordopfer, das „augebrezelt“ war, später auch um Winkler selbst, als sie im knappen Radler-Outfit unterwegs ist. Schmücke verwendet für Nadines Outfit sogar den Begriff „nuttig“. Dadurch sind die Ermittler interessanterweise aber nicht bereit, eine Provokation seitens des Mädchens in Erwägung zu ziehen, nachdem klar ist, wer mit ihr im Außenbereich des Tennisheims zusammengetroffen ist. Ausgerechnet Winkler mit ihrem scharfen Blick sagt den beiden, dass der Banker des Grauens zunächst die passivere Person war – und das Mädchen, das ihn angemacht hat, dann weggestoßen hat, woraufhin sie unglücklich auf etwas Hartes fiel. Die Jungs hatten dem Banker auch nur vier Stills zugespielt, nicht das gesamte Video, das sich die Polizei nun anschaut.

Nicht seine Art

Damit diese leider etwas nervigen Sexismus-Diskussionen entstehen können, muss Schmücke gegen seine Art eingesetzt werden. Der Kommissar mit dem schelmischen Lächlen und dem Hang zum guten Leben tritt sonst nie mit übergriffigen Parolen hervor – allerdings wäre der kreuzbrave Schneider noch weniger geeignet gewesen, um sich mit der neuen Kollegin zu zoffen, die den Nachnamen des Schneider-Darstellers Winkler sozusagen ehrenhalber als Rollennamen trägt. Auf mich hat Schmückes Verhalten befremdlich gewirkt. Hingegen hat mich die Frage beschäftigt, ob ich einfach so schreiben darf, dass ich Winkler / Gerschke noch im Jahr 2020 als eine der attraktivsten Frauen empfinde, die je in einer der beiden Premiumreihen Tatort oder Polizeiruf als Ermittlerin tätig war? Oder geht das auch schon nicht mehr? Und sogar beifügen, dass ich im Grunde nicht blondaffin bin? Aber die Neue hat auch ein angenehm unprätentiöses Wesen, das macht eine Menge aus.

Dass man Schmücke und Schneider schon drei Jahre später in den Ruhestand schickte – war das 2010 schon so gedacht? Da Schmückes Darsteller Jaecki Schwarz wohl doch etwas kapriziöser ist als Wolfgang Winkler es war, hat er sich deutlich negativ über das vom MDR verordnete Ende geäußert. Und Nora Winkler hat man gleich mit abgesetzt und dafür mit der Magdeburg-Schiene das düsterste Szenario installiert, das je in einem Polizeiruf oder Tatort zu betrachten war. Mit der mega komplizierten Doreen Brasch als Teammittelpunkt, die in der Realität niemals als „Leitende“ arbeiten könnte. Auf mich wirkt dieser Wechsel bis heute zu radikal, zu gewollt – wie sich ein*e Zuschauer*in mit irgendemandem aus dem heutigen Team identifizieren soll, zumal Brasch nun schon zwei männliche Partner verschlissen hat, man sich also nicht dem Weg eingewöhnen kann, die von Brasch unsanft und unkooperativ Behandelten zu bedauern, kann, bleibt das Geheimnis des produzierenden Senders.

Noch eine Gewöhnungssache

Der Film weist eine deutliche Steigerung des Tempos und der Spannung während der Spielzeit auf. Mein Eindruck: Es geht nicht nur um die Spannungskurve, die hier gut angelegt wurde, sondern auch darum, den Wechsel hin zu einer neuen Generation filmisch zu symbolisieren. Zu den Jugendlichen der „Troika“, aber auch zu Nora Winkler. Schnelle Schnitte kommen vermehrt ab der zweiten Hälfte zum Einsatz, sodass der Film auf den ersten Blick stilistisch etwas auseinanderfällt, aber wenn man sich hinzudenkt, dass diese Veränderung programmatisch ist, erschließt sich diese Veränderung. Man wollte in gewisser Weise also das Publikum vom Schmücke-Schneider-Tempo an die 50 Prozent schnellere Gangart gewöhnen, die sich durch das dritte Teammitglied ergibt. Okay, so viel schneller ist „Risiko“ weieder nicht, zumal es mit Kriminaltechnikerin Weigand schon lange eine dritte Figur eingesetzt wurde, die in der Lage war, die Ermittlungen zu beschleunigen.

Das Ding von Schmücke und Winkler und der Bezug zum Fall

Würde die Diskussion über das, was Frauen darstellen (wollen) und das, was Männer darüber denken, zwischen Nora Winkler und Herbert Schmücke einfach so im Raum stehen, wäre es erheblich nerviger, aber es verbindet sich ja mit dem, was Nadine mit dem Bankler Kasalla macht und dass dieser freizügige Darstellungen von jungen Frauen auf seinem Computer abgespeichert hat. Nicht einfach aus dem Internet heruntergeladen, sondern erkennbar in seiner Wohnung gefertigt, wie man anhand eines Wandgemäldes im Hintergrund sehen kann. Offenbar wissen recht viele Menschen von diesen Neigungen des Wächters über das Geld der anderen, sonst wäre die „Troika“ nicht auf die Idee gekommen, ihn damit zu erpressen. Ganz schlüssig wirkt dieser Part nicht, denn er geht – sic! – mit seiner Art, sich die Welt schön oder befriedigend zu gestalten, ohnehin ein Risiko ein.

Risiko

Aber auch die „Troika“ mit ihrem gar nicht so dummen Plan scheut sich nicht vor Wagnis. Es gibt so viele Möglichkeiten, was bei einer solchen Aktion schiefgehen kann, selbst wenn die beiden anderen des dreiblättrigen Kleeblatts in der Nähe sind, wenn Nadine ihre Attacke startet – und dann verspätet sich der eine auch noch und der andere war nicht dabei, weil gerade dicke Luft herrscht: Nummer drei hat herausgefunden, dass Nadine von Nummer zwei schwanger ist, und damit ist die unverbrüchliche Freundchaft und allenfalls platonische Liebe der beiden Jungs zu Nadine zu Ende, der Vertrag sozusagen gebrochen, zumindest aus der Sicht desjenigen, der sich nun als das dritte Rad am Motorrad fühlt oder allenfalls noch im Beiwagen Platz nehmen darf. Nach seiner Ansicht ist das zumindest so, aber die Realität geht meist wirklich in die Richtung, dass eine so entscheidende Veränderung eine Kleinclique zerstört, aus einer größeren lösen sich dadurch meist Mitglieder heraus.

Aber warum?

Der Banker will den in wirtschaftliche Not geratenen Eltern des Mädchens, dem Ehepaar Iwanowski, einen Hauskredit kündigen, der sowieso auf Kante genäht war und an dem sowohl der Banker als auch der Finanzvermittler, welcher zudem Vater des einen Jungen aus der Troika ist, gut verdient haben. Auch beim Vermittler ein Generationenkonflikt, denn der Junge findet das Verhalten seines Vaters unmoralisch, jeden Kunden so weit wie möglich in die Schulden zu treiben. Die Mitglieder der Troika haben also allesamt gute Motive: Einer davon will seinem Vater eins auswischen, dessen bester Freund der Banker ist, das Mädchen seinen Eltern helfen, ihr nunmehr Geliebter natürlich ihr helfen, außerdem ist die jahrelange feste Verbundenheit der drei ein wirksames Element.

Da man die beiden männlichen Jugendlichen im Lauf der Zeit kennenlernt und sie beide gute Typen sind, kann man auch mitgehen und das Ende des Films bedauern: Erpressung bzw. eine radikale Form von Nötigung, hinzu kommt auf der Seite des einen schwere Köperverletzung, als sich in der Tiefgarage doch beide Jungs mit dem Banker befassen.

Finale

Der Film beginnt zwar unspektakulär, wenn man von der Mädchenleiche im Fledermausstollen absieht, verknüpft seine Themen  jedochrecht gut miteinander . Dass Schmücke und Schneider durch den Einsatz von Nora Winkler noch älter wirken als zuvor, ist ein Nebeneffekt, den man möglicherweise nicht bedacht hat, als man ihnen die junge Kommissarin zur Seite gestellt hat. Das Ende kam drei Jahre später, totz einiger gut rezipierter Filme der – sic! – nunmehr Troika von der Mordkommission Halle. Von 2012 bis 2016 spielte Isabell Gerschke in „Heiter bis tödlich – Akte Ex“ und seitdem in Episodenrollen.

Die üblichen Running Gags zwischen Schmücke und Schneider sind dieses Mal aufgrund der hohen Zahl von Handlungselementen und des vergleichsweise guten Tempos des Films in seinem Verlauf zum Glück in Grenzen gehalten worden. Natürlich muss Schmücke unbedingt mit seinen italienischen Tretern mal in den Dreck und sogar in die Scheiße Latschen; der eigentliche Gimmigck ist das stets verhinderte oder wegen Zwist Schmücke / Winkler in verkleinerter Besetzung abgehaltene Grillen. Winkler steigt sogar aus dem Dienstwagen und geht davon. Trotz des etwas artifiziell wirkenden Hochziehens dieses Konfliktes: die erwähnte Spiegelung kommt der Handlung zugute, weil man beinahe zwangsläufig über das Thema Sexismus reflektiert.

Die jüngere Troika wirkt auch deshalb so nett, weil die drei Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten kommen. Einer der Jungen lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter in in einem wenig prächtigen Mietshaus, die Eltern des Mädchens kratzen ihre Abfindung zusammen, der Vater hat seinen auf einer Werft verloren, um ein Haus zu bauen, und der Vater des toten Jungen ist einer, der kleinen Leuten Kredite aufschwatzt, die für deren Ruin sorgen können. Meistens sind Jugendcliquen homogener, was die Herkunft der Beteiligten angeht,  ethnisch ist die Troika das allerdings auch.

7,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Thorsten Schmidt
Drehbuch Xaõ Seffcheque,
Jürgen Starbatty
Produktion Peter Gust
Musik Andreas Koslik
Kamera René Richter
Schnitt Anke Berthold
Besetzung

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