„Endspiel: Emotion gegen Verstand“(Neue Debatte) + Kommentar | #Frontpage #Politik #Demokratie | #Medien #Emotion #Hysterie #Verstand #Fakten #Gefahr

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An Tagen wie diesem, an denen ich mich erschöpft fühle, sei es aus politischen oder privaten Gründen oder wegen ständiger Katastrophenmeldungen (ist es mal nicht Corona, dann kommt garantiert eine Flutkatastrophe), bin ich froh, wenn ich es bis zum WordPress-Reader dieser Webseite packe und dort einen Artikel von Georg Mersmann in „Neue Debatte“ finde.

Diese Beiträge sind nicht so selten, aber ein wenig zu abstrahieren und Gedankengänge, die dabei entstehen, wiederum in Bezug zu aktuellen Vorgängen zu setzen, das ist manchmal nicht drin. Heute heißt Georg Mersmanns Beitrag zur Lage der Nation und der Welt „Endspiel: Emotion gegen Verstand“.

Es geht darin um die zunehmende, medial stets bestens beförderte Hysterie, die es nicht mehr ermöglicht, rational mit Problemen umzugehen: Anhand von Fakten die richtigen Schlüsse zu ziehen und dementsprechend zu handeln. Was ich an Mersmanns Texten besonders mag: Sie öffnen das Fenster und sind vielfältig interpretierbar und man kann mit ihnen komplexe Assoziationsketten aufbauen, man kann sie aber auch auf Kreisklasseniveau behandeln und sie dem eigenen Narrativ über die Welt dienlich machen. Letzteres, finde ich, zeigt aber genau dieses vernagelt sein, das der Autor den meisten von uns unterstellt. Denn eines nehme ich vorweg: Was hier beschrieben wird, ist nicht so neu und galt früher manchmal auch als fundierte, nicht so leicht zu erschütternde Weltanschauung. Dazu zählt auch der Umgang mit Fakten: Was der eine als Alarmsignal wertet, wenn es zum Beispiel um die Veränderungserscheinungen des Klimas geht, das beunruhigt den anderen nicht im Mindesten. Der eine sieht einen ganz anderen Zeithorizont als der andere. Der eine schaut in die Zukunft der nächsten Generationen und die junge Generation schaut zurück und ist sauer, der andere nur auf seine eigene Lebensspanne oder, genau umgekehrt: Hat sich die Welt nicht immer irgendwie verändert, auch, als es noch gar keine Menschen gab? Und reicht es nicht, wenn ich einigermaßen gut durch dieses irdische Tal komme?

Was auffällt, ist die Tatsache, dass die genauen Hintergründe, die zu einem Ereignis führten, keine Rolle mehr spielen. Wer nachfragt, was denn eigentlich passiert ist, wer was aus welchem Grunde gemacht oder gesagt hat, wird sogleich stigmatisiert als jemand, der die vermeintliche Tat unterstützt.

Das ist es, was ich an Mersmann mag. Jeder kann es exakt auf seine eigenen Ansichten beziehen, egal, ob er sich dem vorgeblich rationalen Mainstream zugehörig fühlt oder den anscheinend hysterischen Querdenkern, beispielsweise. Natürlich sehen die Querdenker das genau umgekehrt. Die anderen sind die panischen Lemminge, die sich sogar impfen lassen, diese unzureichend mit Verstand ausgestatteten Geister. Gerade bei diesem Thema geht die Diskussion dermaßen quer durch die politischen Lager, dass ich eines sofort konzediere: Die Gesellschaft wird atomisiert. Menschen, die gestern noch meine politischen Freund:innen waren, outen sich plötzlich als nach meiner Ansicht komplett faktenresistent. Aber sind meine Fakten denn die richtigen?

Es versteht sich von selbst, dass die Form der Realität, die nicht genehm ist, in summa als Fake News und Verschwörungstheorien diskreditiert wird.

Mir wäre im obigen Satz ein „oder“ lieber gewesen. Denn es sind die Mainstreamer:innen, die abweichende Ansichten gerne als Verschwörungstheorien brandmarken und es sind die Verschwörungstheoretiker:innen, die sehr viele Fakten schon deshalb als „Fake News“ bezeichnen, weil sie von offiziellen oder der Verschwörung zuzurechnenden Stellen geliefet werden. Das Problem bei letzerer Sicht: Zumeist ist man nicht in der Lage, glaubhaft bessere Fakten zu präsentieren oder gar alternative Fakten, die es eigentlich nicht geben dürfte, denn sofort, wenn unterschiedliche Zahlen zum selben Thema im Raum stehen und sie alle in Zweifel stehen, sind es keine Fakten mehr, die interpretiert werden, sondern Behauptungen, die gegen andere Behauptungen stehen. Der Zweifel an Fakten hat in letzter Zeit stark zugenommen, das ist keine Frage. Auf einem so neuen Gebiet wie der Corona-Pandemie kann man besonders leicht die Fakten in Zweifel ziehen, weil es ganz offensichtlich ist, dass z. B. der Weltvergleich hinkt: Die Art der Erfassung von Tatbeständen der Pandemie ist ein verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich. Aber ist das so neu? Ich erinnere daran, dass die OECD die von den kommunistischen Staaten gelieferten Fakten zur Basis ihrer Datensammlungen gemacht hat, auch wenn jeder, der je selbst durch die DDR fuhr, sich hätte denken müssen, dass das Pro-Kopf-BIP dort nicht höher liegen konnte als in Frankreich.

Vielleicht gibt es aber auch Fakten, die man nicht anzweifeln sollte. Es war heute an diesem Ort soundsoviel Grad heiß und das gab es nicht seit Beginn der Wetteraufzeichnungen und es fiel in manchen Gebieten so viel Regen, dass Fluten höher stiegen als jemals, seit man Pegelstände misst. Darüber sollte eigentlich keine Diskussion möglich sein, aber nun kommt es, wenn es schon keine alternativen Fakten gibt, zur Interpretation: Zum Beispiel: Der erwähnte unterschiedliche Zeithorizont. Mit Sicherheit gab es vor mehreren Millionen an ersterem Ort mal einen Tag mit mehr Hitze und am anderen Ort schoben sich erodierte Gesteinsmassen ins Tal, in dem zum Glück noch keine Hütten standen.

Eigentlich ist alles schon einmal dagewesen. Nur noch keine Spezies wie der Mensch, so viel kann man, auf die Erde bezogen, mit Sicherheit sagen. Und auch diese Spezies wird vergehen, ganz rational betrachtet. Weil sie zwar alle Möglichkeiten hat, sich für ewig zu erhalten, aber viel zu irrational ist, um diese Möglichkeiten zu nutzen. Aber im Verlauf wird Mersmann konkreter und streift Beispiele, deswegen tue ich das hier nun auch.

Was sagt uns die aktuelle politische Lage zum Beispiel? Wir haben drei Kanzlerkandidat:innen für die Wahl am 26. September und ist es nun besonders rational oder besonders emotional-irrational, zu schreiben: Keiner dieser Personen würde ich mich anvertrauen, wenn es um eine persönliche Entscheidung geht. Ich kann dieses emotonale Misstrauen aber mit Fakten belegen: Laschets beständiges Lügen, Scholzens tricky Umgang mit Finanzskandalen, Baerbocks narzisstischer Hang, sich ständig besser darstellen zu wollen, als man ist. Die Parteien, die keine Kanzlerkandidat:innen stellen, sind nicht besser. Entweder aus rational nachvollziehbaren Gründen unwählbar (FDP, AfD) oder ihre Protagonist:innen triggern mit ihrer kindischen Zerstrittenheit und ideologischen Borniertheit sowohl die Emotionen als auch den Verstand (Die Linke). Nur: Ist das, was wir sehen, ein Beweis für den Niedergang oder machen wir es ganz wie diejenigen, die längerfristige Betrachtungen bevorzugen und könnten dann mutmaßen: Es ging nur früher nicht alles so schnell viral. Die Medien nahmen eine Kataylsatorfunktion wahr, die sie heute nicht mehr haben, weil wir alle nicht nur unsere eigenen Beobachter und Interpreten sind, sondern viele von uns auch medial tätig sind, also nicht mehr unabhängig. Ein Teil von irgendetwas zu sein, das gilt sogar für ein Kleinmedium wie dieses, ist eben nicht dieselbe Position wie diejenige des Außenstehenden, der sich, wie Mersmann es bezüglich seiner eigenen Person milde suggeriert, das Treiben anschaut und nur noch den Kopf schüttelt. Aber keine Bange, wir sind alle mittendrin, auch dann, wenn man die eigene Position versucht, im Wesentlichen als die eines Beobachters von abroad zu bestimmen. Die Kunst ist nicht, sich abseits zu stellen oder sich selbst einreden zu wollen, man stünde außerhalb des Spielfelde und alles schrecklich zu finden, was darauf an Betisen und Balgereien passiert, sondern aus dieser Lameng des Lebens heraus trotzdem einigermaßen kühlen Kopf zu bewahren.

Es gibt aber Dinge, die sich mir aufdrängen, wenn ich Mersmann lese, nicht erst seit „Endspiel“. Zum Beispiel, wie auf emotionaler Ebene, mit Begriffsbedeutungswandel, Neologismen Framing und auch Verunglimpfung gearbeitet wird, wenn es um den Umgang mit Problemen geht. Ich ziehe jetzt nicht blank und benenne kein einzelnes, oder doch? Benennen allein kann die Lösung bringen, nicht, das Ganze hinter einem kaschierenden Wording zu verstecken und es in aller Ruhe oder auch nicht weiter wachsen zu lassen. Viele sind, glaube ich, auch deshalb so aufgeregt, weil sie genau wissen, dass ihre mit Aplomb vorgetragenen und in pointierte Twitternachrichten gefassten Sätze auf dem dünnen Eis, auf dem sie gehen, leicht einbrechen können. Zum Beispiel, wenn Probleme, die man unter dem Deckel halten wollte, so vehement ans Licht drängen, dass wir persönlich von ihnen betroffen sind. Und es gibt derzeit viele Probleme, von denen wir direkt betroffen sind und weitere, von denen wir genau wissen, dass sie uns betreffen, aber wir trauen uns nicht, sie zu benennen, weil irgendein wichtiges politisches Narrativ der Benennung entgegensteht. Man kann sich auf solche Erzählungen immer noch einigen, ihre Headlines als Basis des korrekten Umgangs miteinander definieren, und sich emotional dadurch abgesichert fühlen, aber der Preis dafür ist enorm, das muss uns der Verstand sagen.

Zum Ende hin schreibt Mersmann wieder einen Satz, der für mich wie gebacken ist:

Es sei darauf hingewiesen, dass die Wetten auf einen Wechsel von der Hysterie zur Vernunft im Moment sehr schlecht stehen. Und es wird darüber spekuliert, wie das Ende des Weges wohl aussehen wird. Da tauchen schon Vorstellungen auf, die von einer chinesischen Kolonie oder einem amerikanischen Protektorat sprechen. Und im Land selbst mehren sich die Stimmen, die das eine wie das andere als ein geringeres Übel ansehen wie die jetzigen Zustände. Kann die Verzweiflung markanter zum Ausdruck kommen?

Das Narrativ vom amerikanischen Protektorat gibt es seit dem Kalten Krieg und zuvor war es das Protektorat der jüdischen Weltverschwörung. Deswegen bin ich immer strikt darauf bedacht, Systeme zu kritisieren, nicht Staaten oder Gruppen als Urachen eines Missstandes zu benennen, sondern das Handeln von Staaten und wichtigen Persönlihckeiten als von den Systemen geprägt anzusehen, die sie sich gegeben haben bzw. mit denen sie so gut zurechtkommen, dass sie als Profiteure dieser System angesehen werden können.

Selbstverständlich sind die USA die westliche Führungsmacht und wir alle in Europa sind mangels Größe und mangels Einigkeit, darauf angewiesen, dass jemand uns zu seiner Einflussszone rechnet. Wäre die Welt nicht in wenige Imperien aufgeteilt, wären wir also wirklich trotz unserer geringen Macht in der Lage, uns unabhängig zu stellen, dann wäre vielleicht alles schöner, vielleicht aber auch nicht, angesichts der kleingkeistigen Streitsucht von Kleinstaaten, die sich im Laufe der Geschichte immer wieder gezeigt hat. Diese Verbissenheit, die so irrational wirkt, die ist ebenfalls nicht neu.

Wenn wir aber nicht Zusammenschlüsse hätten, in denen andere die Richtung angeben, würde sich unter den Bedingungen des angeblich so unabhängigen Kleinstaatentums die Tendenz noch verstärken, dass die zweifellos vorhandenen Imperien uns als Spielbälle ihrer Interessen betrachten. Die Machtverhältnisse haben sich verschoben, verschieben sich weiter, das kann man anhand von Fakten recht gut belegen, sofern man nicht sagt, nur die Fakten, die ich selbst erarbeitet habe, sind echte Fakten. Aber man darf sich darüber sehr wohl Sorgen machen und damit einer Emotion Raum geben. Und dann wieder in die Ratio zurückkehren und handeln.

Denn sonst tritt wirklich noch das andere ein, was Mersmann genannt hat, die chinesische Kolonisierung. Für mich ist das Protektorat nicht gleichzusetzen mit der Kolonisierung durch eine Einparteiendiktatur, deshalb finde ich die Erwähnung in einem Satz, als wenn es sich mehr oder weniger um das Gleiche handeln würde, nur in Rot-Weiß und Blau mit gelben Sternen oder in Rot mit im Halbkreis angeordneten gelben Sternen. Und man sollte etwas nicht verwechseln: Die politische Rede und die faktenbasierte Mahnung. Wenn die Fakten über China stimmen, dann ist die zunehmende wirtschaftliche Dominanz dieses Landes besorgniserregend, weil sie eben einhergeht mit ganz anderen Anschauen zur Demokratie, wie wir sieh haben oder haben sollten, nach unseren historischen Erfahrungen. Dass viele bei uns eine solche Diktatur schick finden würden, dem stimme ich ohne Weiteres zu. Sie rechnen sich wohl aus, dass sie von den neuen Machthabern dafür belohnt werden, dass sie diese als freundliche Kooperationspartner verkaufen konnten. Aber, ganz rational betrachtet: Für ewige Kritikaster ist ein solches System nicht gut. Und auch dessen Bewunderer könnten schnell feststellen, dass im Stadium der Kolonisierung der Haussklave nicht derjenige ist, der wirklich etwas zu sagen hat und seine Machtgelüste ausleben darf. Die Haussklaven werden sich dann über uns, die wir auf dem Felde werkeln und so geduckt vor uns hin grummeln, dass man unser Mienenspiel vom Herrenhaus aus nicht identifizieren kann, erheben. Aber sie sind trotzdem Sklaven. Und wir grummeln vor allem deshalb, weil wir trotz des Wissens über die Fakten nicht in der Lage waren, uns ganz emotional zu solidarisieren und dem, was nun Stand der Dinge ist, gemeinsam entgegenzuwirken. Wir sind zu Recht versklavt worden. Nicht, weil wir emotional waren, sondern, weil wir uns von falschen Vorstellungen und Annahmen haben leiten lassen.

Derzeit kann man rational festhalten: Die Demokratie ist in Gefahr und dafür gibt es viele Gründe. Man muss die Demokratie aber lieben, um sie verteidigen zu können, und Liebe ist eine sehr starke Emotion, die auch Toleranz gegenüber Mängeln und Fehlern einschließt, die wir rational als solche erkennen.

TH

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