Kielwasser – Tatort 156 #Crimetime 1023 #Tatort #Duisburg #Schimanski #Thanner #WDR #Kielwasser

Crimetime 1023 - Titelfoto © WDR

Was vom Müllberg übrig blieb

„Mittelmäßiger Schimanski-Tatort. Zitat: ‚Sie stecken ganz schön tief in der… in der Tinte! Und das ist sehr vorsichtig ausgedrückt!‘ (Schimanski verzichtet gegenüber der hübschen Sprechstundenhilfe auf den Gebrauch des Wortes ‚Scheiße‘.)“ (Tatort-Fundus, Der Parkstudent).

Selbst das Weglassen von Scheiße kann wie ein Manierismus wirken, aber so ist es, wenn sich der Boulevard und viele Spießer über sowas aufregen: Es wird in allen Varianten zu Running Gag und provoziert irgendwann nicht mehr. Heute ohnehin nicht, zumal Schimanski („Horst, mein Name“) in diesem Film … aber darüber mehr in der -> Rezension.

Handlung

Als Waldorf wenig später ermordet in seiner Praxis aufgefunden wird, bekommt die Anklage ein anderes Gewicht. Verdächtig ist Baumgarten, der Direktor des Abfallverwertungsbetriebes, in dessen Auftrag mehrere Patienten des Arztes, darunter der an Krebs verstorbene Rheinschiffer Kaiser, regelmäßig Ladungen mit giftigen Abfallstoffen verschifft hatten. Ein Besuch an Bord bei Kaisers Witwe bringt Schimanski keine neuen Erkenntnisse darüber, ob sich Kaiser gemeinsam mit seinem Auftraggeber strafbar gemacht hat.

Schimanski muß sich auf andere Weise Gewißheit darüber verschaffen, wie Baumgartens „Abfallverwertung“ funktioniert. Jacky Ruhl, Waldorfs charmante ehemalige Sprechenstundenhilfe, zeigt auffälliges Interesse am Fortgang der Ermittlungsarbeiten. Aber bevor der Mord an Waldorf aufgeklärt werden kann, wird auch Baumgarten umgebracht. Für die Kommissare scheinen die Motive klar zu sein: Vertuschung von krimineller Umweltverschmutzung im größeren Stil. Aber wer waren der oder die Täter?

Rezension

Gab es in den 1980ern schon den Begriff „Du Horst“? Oder Namensbashing im Sinne des Kevinismus? Vermutlich, wenn Namen allzu altmodisch oder selten wirkten oder waren. Mich hat’s aber zum Grinsen gereizt, als die Sprechstundenhilfe sich namentlich vorstellt und Schimanski grundehrlich antwortet und auch dabei ein wenig grinst.

Habe ich schon erwähnt, dass Filmszenen im Aquarium einfach herrlich sind? Zumindest, wenn man das, was im Wasserbecken geschieht, mit Symbolik auflädt. Das ist hier auch der Fall: Breitmaulbarsche (oder ähnlich aussehende Fische, wie z. B. Welse) schwimmen gemächlich herum, von einer Jagd ist nichts zu sehen, wie man sie doch immerhin hätte andeuten können, weil Schimanski bezüglich der Dame längst Witterung aufgenommen hat: Mit ihr stimmt etwas nicht und dieses Mal kommt er der weiblichen Person auch nicht so nah wie sonst. Überhaupt ist „Kielwasser“ ein Tatort, der im Trüben fischt und sich außerdem recht gemächlich bewegt. Der Einstieg mit dem Drogenfall ist noch auf die übliche Weise gefilmt, es wird geprügelt und gepöbelt. Allerdings dient ebenjene Exposition nur dazu, dem Publikum klarzumachen, warum die beiden Cops namens Horst und Christian den Herrn Doktor nicht ernst nehmen, der mitten in die Vernehmungen der Junkies reinplatzt. Nun ja. Das hielt man damals wohl für fortgeschrittene Drehbuchkunst, die nicht nur in Duisburg angewendet wurde.

Fortgeschritten war auch das Umweltthema Verklappung bzw. Einleitung von Giftstoffen in den Rhein, obwohl der NDR diesen Themenkreis bereits 15 Jahre zuvor mit „Gift“ gestartet hatte, da ging es um Giftmüllfässer, die auf Hausmüll-Deponien oder sogar „wild“ im Wald gelagert werden. Dieses Thema kann man immer wieder auf aktuelle Weise behandeln, auch heute gibt es Umweltsünden wie Sandkörner am Nordseestrand. Allerdings sollte man es etwas subtiler und faktenreicher tun als in „Kielwasser“, der im Prinzip wieder ein Vehikel für Schimmi und seinen Thanner darstellt. Dass Götz George dieses Mal etwas zurückhaltender agiert als im Durchschnitt seiner Ruhrpottkommissar-Darstellungen, tut dem Film gar nicht so schlecht. Außerdem sieht man ihn mal im Anzug, weil er mit jener hintergründigen Praxisangestellten essen geht (im Aquarium-Restaurant mit den Breitmaulfischen). Für seine Verhältnisse ist das alles geradezu edel und es bedeutet: Schaut her, Leute, ich kann mich auch sehen lassen, wenn ich nicht meine olle Windjacke trage. Ich hab’s ihm so sehr abgenommen, dass ich es geradezu bedauere, dass er diese Variabilität nicht häufiger gezeigt hat. Angst, dass das Publikum nicht mitgeht und sein prolliges Image aufbricht? Außerdem wirkt er am Ende des Films sehr verständnisvoll gegenüber jener Frau Kaiser, die tatsächlich den Chef ihres Mannes aus Rache ermordet hat, während die Arzthelferin lediglich in einen fortgeschrittenen Unfall mit Genickbruch verwickelt war.

Das Drehbuch stammt von Chiem van Houweninge (der auch die Figur „Hänschen“ spielt) und für sich selbst hat er relativ wenig Spielzeit hineingeschrieben, auch Thanner tritt nicht so hervor wie in einigen anderen Filmen. Das Gleiche kann man für die Episodenrollen konstatieren, die ebenfalls nicht sehr stark ausgeformt sind, wenn man davon absieht, dass Frau Kaiser am Ende eine romantische Rächerin aus sich hervorquetscht. „Kielwasser“ ist also auf Schimmi konzentriert, und trotzdem hat man nicht das Gefühl, er ist überpräsent, man kann auch festhalten, „Kielwasser“ ist ein Tatort, in dem es nicht so stürmt wie manchmal sonst in Duisburg.

Ich fand das ganz okay, dadurch kommt es nicht zu gar so vielen Unglaubwürdigkeiten und wirklich grottigen Szenen wie manchmal sonst. Trotzdem lebt auch dieser Film nicht von einem sehr ausgefeilten Plot, sondern davon, dass man den Kommissar mit der Jacke spannend findet, auch wenn gar nichts Spannendes passiert. Wird er sich mit Verdächtigen prügeln? Nein. Er kriegt bloß eins auf die Nase. Wird er sichtbar verletzt? Ja. Die Nase blutet. Kriegt er Frauen ins Bett und wenn ja, wie viele? Keine. Erstaunlicherweise. Die blutende Nase war eben doch ein zu schwieriger Start für ihn und die Dame, die ihren Dr. med. überlebt hat.

Finale

Es ist nicht so leicht, zu diesem Film viel zu schreiben, weil er so wenig Signifikantes enthält. Deswegen eine Wiederholung: So schlimm fand ich das gar nicht, auch deswegen, weil es eine Ausnahme darstellt, dieses sehr Schlichte, dieser Whodunit, in dem es nur wenige Verdächtige gibt und in dem es nicht möglich ist, mit einer Figur richtig mitzufiebern. Schließlich habe ich mich schon oft genug negativ geäußert, die Übertreibungen in den Schimanski-Tatorten betreffend. Und er bedauert zwar am Ende, dass die Rächerin ins Gefängnis muss, er inszeniert aber keine Beweismittelfälschung oder was sonst heute bei Fernsehcops üblich ist, wenn ihnen das Ermittlungsergebnis aus ethischen Gründen nicht gefällt. In diesen Dingen war Schimanski noch geradezu konservativ. Während des Anschauens von „Kielwasser“ kann man sich geradezu entspannen, meistens jedenfalls und wenn man bedenkt, die Umweltverschmutzung, die hier mit Himbeersaft inszeniert wird, ist nicht echt. Dafür kann auch mal Punkte geben, aber nicht zu viele, denn ein großer Tatort ist „Kielwasser“ ganz sicher nicht.

6,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Was ist die Umwelt wert?

„Im Tatort „Kielwasser“ ist ein Arzt einem Umweltskandal in Duisburg auf der Spur. Kurz darauf wird er tot aufgefunden. Die Kommissare Horst Schimanski (Götz George) und Christian Thanner (Eberhard Feik) ermitteln. „Oh je, schon wieder so ein Weltverbesserer“, denken die Tatort-Kommissare Schimanski und Thanner, als am Beginn der Folge „Kielwasser“ der Arzt Dr. Waldorf in ihrem Büro auftaucht. Nervös und aufgebracht faselt der Doktor etwas von einem Umweltskandal und bringt mehrere wirre Anschuldigungen hervor. Es geht dabei um die Verklappung von Giftstoffen in den Rhein, die zum Tod mehrerer seiner Patienten geführt haben soll. Schimanski und Thanner halten den Mann für hysterisch und erklären sich für nicht zuständig für dieses „Kielwasser“.“ (Redaktion Tatort Fans)

Heute Abend wird wieder einmal ein Schimanski-Tatort gezeigt, den ich noch nicht kenne und auf den ich unsere Leser*innen hinweisen möchte. Die Schimanski-Rangliste auf der Plattform Tatort-Fundus zeigt ihn auf Platz 10 von 29 Fällen mit dem Duisburger Kommissar und insgesamt steht er auf Rang 456 von 1151, also sicher in der oberen Hälfte. Das sollte ausreichen, um das Interesse des Kollektionisten wachzurufen und ich werde den Film heute Abend aufzeichnen. Aufgrund der Forcierung des Filmfests und der Arbeit an der dritten Staffel von „Babylon Berlin“ ist es schwierig zu prognostizieren, wann die Rezension zu „Kielwasser“ erscheinen wird, aber vermutlich noch im Jahr 2020 (halber Scherz). Das Drehbuch des Films stammt von Multitalent Chiem van Houweninge, der als „Hänschen“ auch eine wichtige Rolle in den Schimanski-Tatorten innehat, van Houweninge hat mehrere Skripte für Duisburg-Tatorte verfasst.

In den 1980ern wurde Umweltverschmutzung immer mehr ein großes Thema, aber schon 1971 entstand in Hamburg der Tatort „Gift“, der sich mit dem wilden Deponieren von Gefahrstoffen befasste, die Rezension dazu wird demnächst im Wahlberliner erscheinen.

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Schimanski – Götz George
Hauptkommissar Thanner – Eberhard Feik
Baumgarten – Hermann Treusch
Frau Kaiser – Elisabeth Caza
Jacky – Franziska Oehme
Dr. Blatt – Franz Kollasch
Dr. Waldorf – Felix von Manteuffel
Königsberg – Ulrich Matschoss

Drehbuch – Chiem van Houweninge
Regie – Hajo Gies

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