Geschlechtergerechte Sprache in den Medien? | #Frontpage #Umfrage | #Civey #Gesellschaftspolitik #Gender #Gendersprache

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Liebe Leser:innen, heute starten wir zur Abwechslung wieder einmal mit einer ganz aktuellen Umfrage ins Rennen der politischen Meinungsbildung ein. Civey fragt uns: Sollten Medien wie Nachrichtensendungen „geschlechtergerechte“ Sprache benutzen?

Ich habe schon abgestimmt, mit „eher ja“. Eher ja, meint, dort, wo es nicht bis zum Exzess getrieben wird in der Form, dass Texte unlesbar werden und unter Berücksichtigung des heutigen Standes. Mein Eindruck ist, dass irgendwann eine Balance gefunden werden muss und ich mache mir bereits Gedanken darüber, wie es ausschauen würde, wenn fiktionale Texte nicht nur um Überbleibsel rassistischen Denkens sprachlich bereinigt werden, sondern die Gendersprache auch dort Einzug halten würde, wo die Sprachästhetik eine wichtigere Rolle spielt als im Alltagsjournalismus.

Wir gendern im Wahlberliner nicht alle Artikel gleichermaßen konsequent, sondern aktivistische in Nuancen anders als informationsorientierte und diese wiederum deutlicher als essayistische Texte. Wir sind übers große Binnen-I via Genderstern zum Binnen-Doppelpunkt gelangte und verwenden dort, wo es nicht komplett kurios klingt, mittlerweile häufiger die neutrale Form, z. B. „Mitarbeitende“ anstatt „Mitarbeiter:innen“. Wir tun das aber nicht, wenn wir (z. B. in den erwähnten aktivistischen Artikeln) Gruppen gezielt adressieren oder herausheben.

Ich sehe die Gefahr, dass eine zu sehr zerstückelte, den Lesefluss hemmende Sprache ihre Wucht, ihren Impact, ihre Aussagekraft verliert und das wäre dann ein Symbol dafür, wie eine zu exzessive oder zum politisch exklusiven Mindset einer Person gerinnende Identitätspolitik uns spaltet, anstatt uns für wichtige Ziele zu vereinen und zu erlauben, dass wir uns gegenseitig für jene Ziele zu interessieren, die uns am Herzen liegen, dass wir uns nicht verbarrikadieren, auch nicht hinter dem korrekten Sprachgebrauch, sondern offen bleiben und aufeinander zugehen können. Ich befürchte weiterhin, dass gerade versierte, rhetorisch begabte Sprachverwender:innen in ihren Möglichkeiten durch eine zu starke Störung der Ausdruckskraft aufgrund der Genderung am meisten an Eindringlichkeit verlieren und fühle mich dadurch auch persönlich betroffen.

Grundsätzlich aber wird im Wahlberliner gendergerechte Sprache verwendet, weil es sich um einen Bestandteil von diskrminierungsfreiem Umgang miteinander handelt. Hinter der Vermeidung von Diskriminierung stehe ich und gehe dafür den sprachästhetischen Kompromiss ein. Ob ich das auch bei fiktionalen Texten tun würde und mich, ginge es um sie, nicht bei einerentsprechenden Civey-Umfrage anders entschieden hätte, das ist noch nicht raus. Ich habe leider manchmal das Gefühl, dass mit einer zu radikalen Umwälzung der Sprache in eine einzige Richtung gleich zwei Gruppen ihrerseits diskriminiert werden sollen: Diejenigen, die nicht ständig Up to Date bleiben können, denn es geht ja, wenn man es richtig machen will, nicht nur um Gendergerechtigkeit, sondern auch um deren Einbettung in den State of the Art bezüglich des übrigen Wordings. Ebenfalls benachteiligt werden aber auch jene, zu deren persönlichen Ausdrucksmitteln eine schöne, eine wohlklingende Sprache zählt, mit der sie sich herausheben, weil es sich um eine Fähigkeit handelt, die nicht jedem gleichermaßen gegeben ist. Diese Fähigkeit gezielt anzugreifen, ist wiederum kein Ausdruck von sozialer Gerechtigkeit, sondern wirkt sich kulturell zerstörerisch aus. Auf jeden Fall wird die Einheitlichkeit der Sprache und damit eine wichtige Basis, auf der wir uns verständigen, nach der missglückten Rechtschreibreform der 2000er einen weiteren Rückschritt erleiden, das ist gar nicht mehr aufzuhalten. Ich persönlich empfinde das als Opfer, das der Sache wegen bringe, nicht per se als super.

Hier nun der Begleittext von Civey, falls Sie Entscheidungshilfe benötigen:

In letzter Zeit häufen sich Debatten über Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache. Es wird diskutiert, ob und wie in den Medien, der Politik oder auf Ämtern verschiedene Geschlechter stärker berücksichtigt werden sollten. Für sogenannte „geschlechtergerechte“ Bezeichnungen wird etwa das Gendersternchen („Politiker*in“), die gleichzeitige Nennung weiblicher und männlicher Formen oder das Binnen-I („PolitkerInnen”) benutzt.

Im Radio und Fernsehen hört man meist nur die männliche Form wie der „Politiker“. ARD und ZDF verwenden nun vermehrt eine geschlechtergerechte Sprache, so auch Moderator Claus Kleber im Heute Journal. Das ZDF erklärt, es möchte „möglichst diskriminierungsfrei kommunizieren“ und achte „dabei auch darauf, wie sich Gesellschaft und Sprache verändern.“

Friedrich Merz und Christoph Ploß (beide CDU) forderten ein gesetzliches Verbot von geschlechtergerechter Sprache für staatliche Einrichtungen. Ploß missbillige eine Sprache, „die ständig das Trennende betont.” SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz findet das vorgeschlagene Verbot „peinlich”, er lehnt Regelungen zum Gebrauch der Gendersprache ab. Merz bezweifelt, dass „gendern“ zu mehr Gleichberechtigung führt. Die Grünen halten eine Gendersprache für notwendig.

Die Linken halten sie auch für notwendig. Wieso werden sie eigentlich nie erwähnt? Sie haben die Grünen bezüglich bestimmter Formen gesellschaftspolitischer Progressivität überholt. Gegenwärtig sieht es schlecht aus, gut zwei Drittel derer, die abgestimmt haben, verweigern ganz klar, nicht nur überwiegend, gendergerechte Sprache, „eher nein“ ist die Einstellung weiterer 10 Prozent. Nur 12 Prozent sind klar dafür, weitere 7 Prozent, wie ich, eher dafür. Ich vermute aber, dass sich dies im Verlauf des Tages und des Wochenendes noch ein wenig zugunsten der Gendergerechtigkeit verändern wird und wenn Sie dazu beitragen wollen, oben haben wir den Link zur Umfrage gesetzt.

TH

2 Kommentare

  1. Die Frage, ist, ob nicht gerade durch das Gendern eben das Geschlecht in den Fokus gerückt wird und damit die Spaltung größer wird. Wenn plötzlich Bäcker gleichbedeutend ist mit Menschen, die sich als Männer fühlen und Brot backen. Vielleicht ist mein Gedanke einfach zu utopisch, aber ich möchte die Menschen nicht aufgrund ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Vorliebe, ihrer Weltanschauung, ihrer Religion oder ihrer sozialen Herkunft diskriminieren. Wenn wir nur auf das Geschlecht schauen, dann übersehen wir womöglich die anderen Ungerechtigkeiten.

    Sprachliche Vorherbestimmung

    Gefällt 1 Person

    1. Das ist auf jeden Fall diskussionswürdig und ich danke für die Ergänzung, die der Artikel darstellt. Besonders interessant finde ich, dass eine Studie belegt hat, dass gerade eine Form, die so gut wie gar nicht verwendet wird, am meisten geeignet ist, „Neutralität“ herzustellen.

      Gefällt 1 Person

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