Hexenjagd – Polizeiruf 110 Episode 348 #Crimetime 1025 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Brandenburg #Lenski #Krause #RBB #Hexenjagd #Hexe #Jagd

Crimetime 1025 - Titelfoto © RBB, Oliver Feist

Fucking Schulkrimi

Freidrehende Schüler*innen, überforderte Lehrer*innen, Sprengsätze im Klassenzimmer, mitten im Chaos die Polizei, die mit Kleinkind auf dem Arm ermittelt – wer kennt das nicht aus seinem Alltag oder dem seiner Kinder oder Eltern? Ob man daraus einen guten Krimi machen kann, klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Hauptkommissarin Olga Lenski und Hauptmeister Horst Krause haben einen Anschlag mit einer Rohrbombe an einer Mittelschule aufzuklären, der offenbar der Direktorin galt. Statt derer wird jedoch eine junge Referendarin schwer verletzt. Sie überlebt die Explosion, wodurch dieser Polizeiruf letztlich ohne Leiche auskommt.[1][2][3]

Die zehnten Klassen stehen kurz vor dem Abschluss, sodass zunächst die Schüler überprüft werden, insbesondere die deren Mittlere Reife gefährdet ist. In der Anfangsszene mobben die Zehntklässler die Referendarin, was die Schulleiterin bei einem Kontrollgang unmittelbar mitbekommt. Darum sitzt die nervenschwache Frau fatalerweise im Direktorenzimmer, das die resolute Schulleiterin wegen Geräuschen im Sekretariat nebenan kurz verlassen hat, als die Bombe hochgeht.

Doch auch die Lehrer mit Zugang zum Chemikalienraum machen sich mit unwahren Aussagen verdächtig. Zudem rückt die Mutter eines gefährdeten Schülers ins Visier der Ermittler, die als Vorsitzende des Elternbeirats über Facebook erfolgreich zum Unterrichtsboykott aufruft. Des Weiteren sind zudem der zunächst unscheinbare Hausmeister verdächtig, der sich als in der Schule jobbender Doktorand der Philosophie herausstellt und zugleich heimlich ein Verhältnis mit der Direktorin hat, sowie ein suspendierter älterer Lehrer, der sich im Krankenhaus beflissen um die verletzte Referendarin kümmert, die überraschenderweise bei ihm wohnt.

Schließlich stellt sich heraus, dass tatsächlich zwei Schüler die Bombe planten, bastelten und in der Schule deponierten. Doch nach der Verhaftung und im Verhör, ohne den elterlichen Schutz, brechen sie ihr Schweigen so glaubhaft, dass sie für die Platzierung der Bombe im Direktorenzimmer nicht mehr infrage kommen. Die Referendarin selbst war es, die die beiden Schüler beobachtet und die Bombe umplatziert hatte, weil sie sechs Jahre Studium und Referendariat als sinnlos gescheitert ansah. Allein die Empfindlichkeit des Zeitzünders hatte sie unterschätzt. Denn dieser reagierte verfrüht schon auf einen Luftstoß hin, als die Direktorin, dem Geräusch folgend, nach dem Öffnen des Fensters auch noch die Türen zum Nachbarraum und dann zum Flur öffnete.

Kritiken

Formell wird diese Episode von Katharina Riehl für die Süddeutsche Zeitung als „konventioneller Kriminalfall mit Figuren, die man alle schon sehr lange zu kennen glaubt(,) (…) für die Sonntagabend-Puristen“ eingeordnet.[3]

Inhaltlich erkennt Christian Buß für den Spiegel „die unfreiwillige bittere Pointe dieses sich besonnen gebenden ‚Polizeiruf‘ (dass) wir uns irgendwann auf Seite der von Corinna Kirchhoff einnehmend jovial gespielten Direktorin und Diktatorin (finden). Sie scheint die Einzige, die dem Bildungs-, Organisations- und Ethikmangel Einhalt gebieten kann.“[2]

Man kann es auch so sehen:

Gestern war es Corinna Kirchhoff im Polizeiruf 110 „Hexenjagd“, die aus der Schulleiterin Bärbel Strasser ein schauspielerisches Ereignis machte. „Du musst ihnen die Stirn bieten, sonst fressen die Schüler dich bei lebendigem Leib“ sagt sie an einer Stelle (sinngemäß), und das spielt sie dann. Allen bietet sie die Stirn, steht ihre Frau, und die kleine Verfehlung mit dem jungen Hausmeister – der über das Böse promoviert: na ja, sehen wir über blödsinnige Ideen hinweg – diese kleine Verfehlung gönnt sie sich. So spielt man Souveränität. (Berlin ist …)

Rezension

Jedenfalls ist Dr. Strasser („Wussten Sie, dass der Schulleiter eine Frau ist?“) die zentrale Figur dieses Films, auch wenn der Titel „Hexenjagd“ in die Irre führt. Blöderweise wird auch noch die Bemalung einer Schulbank eingeblendet, die wirkt, als sei sie möglicherweise ein satanisches Zeichen, um die Zuschauer schön weiter auf einer sehr schmalen und falschen Spur zu halten. Denn es handelt sich im 349. im Wesentlichen um den alltäglichen Kleinkrieg an öffentlichen Schulen. Dieser eskaliert, eine Bombe wird gebaut, die Bombe wird von einer Person, die beobachtet, wie die Bombe platziert wird, woandershin verbracht und da sie zu früh explodiert, weil der Zeitzünder dilettantisch konstruiert ist, bringt sich die Gelegenheits-Attentäterin beinahe selbst um.

Nicht mal einen anständigen Sprengsatz kriegen heutige Schüler hin, es ist zum Verzweifeln, mit dem Bildungsnotstand. Aber führt Dr. Strasser nun wirklich ein Schreckensregime, das sie zur Hexe stempeln könnte – oder tut sie bloß alles, damit dieser an allen Ecken und Enden eiernde Schulbetrieb nicht zusammenbricht? Diese Schöler! Wie albern sind die denn! Und die Kolleg*innen. Der Vizedirektor fühlt sich zurückgesetzt und wird von der Chefin manipuliert, weil sie ihn wegen Lehrermangel braucht, schreibt ihm eine miese Bewertung, damit die Versetzung nicht klappt, sein Narzissmus lässt aber die Position als Nr. 2 nicht zu – ein anderer, sanfter Pädagoge, typischerweise in der antiautoritären Zeit geprägt, kommt nie mit dem Stoff durch, weil er seinen Schülern nicht den Spaß am Lernen vollkommen nehmen will. Und die Referendarin: durchsetzungsschwach, Opfer: „Fotze!“. Wird dann handgreiflich einer Schülerin gegenüber, von der sie provoziert wird. Kennen wir. Erinnerung: Dauergestresster Lehrer schmeißt die Schulbücher eines notorischen Störers in einem Anfall von Nervenflattern aus dem Fenster, fünf Stockwerke tief fallen sie, die Eltern des kleinen Arschlochs gehen zur Schulleitung, sägen den Lehrer ab. Da haben sie drauf gewartet, dass der Mann mal entgleist.

Die Aggressionen im Klassenzimmer sind nichts Neues, schon Sokrates hatte sich über die Jugend beschwert und dass sie notabene nichts taugt. Hätte uns besser gefallen, wenn der unverwüstliche Krause diesen Spruch gebracht hätte, nicht der sonst weniger zu Philosophen-Zitaten neigende „Polizist Neumann“, wie er in der Besetzungsliste ausgewiesen ist. Anders als Krause, der in den verdienten Ruhestand geht, wird er später mit Lenski allerdings ins deutsch-polnische Kommissariat nach Świecko wechseln und dort als vertrautes Gesicht helfen, die Zuschauer*innen im neuen Setting zu ankern.

Über einige Drehbuchvolten kann man sich tatsächlich streiten, außerdem ist nicht jedes Handlungselement schlüssig – gerade die Bombenstory leidet unter einigen nicht erklärten oder nicht gut gelösten Details, etwa, wie kommt die Referendarin an das Teil heran, das die Jungs in einem Spind unterbringen; die Sache mit dem Luftzug ist ebenfalls ungeschickt und kann nur mit viel Weichzeichner und in Zeitlupe gefilmt werden, um zu kaschieren, dass die Direktorin, nachdem sie das Fenster geöffnet hatte, erst einmal ihr Büro verlassen musste, um nicht selbst verletzt zu werden. Entweder löst die Bombe durch den Luftstoß sofort aus oder gar nicht, aber nicht nach zehn Sekunden.

Keine Diskussion hingegen darüber, dass Corinna Kirchhoff die Managerin des Bildungsnotstands absolut glaubwürdig verkörpert – hart, taff, aber nicht grausam über das Maß hinaus, das wohl notwendig ist, damit nicht alles drunter und drüber geht. Eine Hexe ist sie nicht. Es kommt vor, dass ich Fahrer*innen der nachgemachten Minis von BMW für nicht maximal gesellschaftsfähig halte, aber nicht umsonst trägt der Wagen die Farbe Weiß und damit wird ausgesagt: Geht nicht anders. Nur so ist der Schulbetrieb heute noch durchführbar. Besonders da draußen in Brandenburg? Oder in Berliner Brennpunktvierteln? Diese Frau macht das Beste aus der Situation. Und wird die Referendarin nicht tatsächlich als ungeeignet dargestellt, ist der Chemielehrer nicht wirklich sehr eitel und klaut sogar Prüfungsaufgaben, damit seine Schüler besser dastehen? Weil er sie vor Schaden bewahren will oder aus Eigennutz? Und ist der Lehrer mit dem 1970er-Touch nicht wirklich zu verträumt?

Ich bin auch der Meinung, die Abschaffung des 13. Schuljahrs war eines von vielen Bildungsverbrechen der letzten Jahrzehnte, aber was hilft’s? Schule und mittlerweile auch Uni sind auf Funktionalität auf mittlerem Niveau, nicht mehr auf Vertiefung und Erkenntnis ausgerichtet. Der Prüfungsdruck wächst, zumal ja jeder Abitur haben muss, auch das wird angesprochen. Die Noten werden immer besser, aber gerade das macht den Druck nicht geringer, denn jeder weiß: Es wird nicht selektiert, sondern geschleimt, vor allem den Eltern gegenüber, die bei jeder ihnen nicht genehmen Zensur ihrer Kinder zum Anwalt rennen und natürlich auch ihre mittelbegabten Sprösslinge mit dem SUV am liebsten bis ins Klassenzimmer fahren würden, wie die Helikoptermutter, die hier exemplarisch vorgeführt wird.

Kein Wunder, dass es in der an erster Stelle gezeigten Kritik heißt, diese Figuren kennen wir alle. Wir kennen sie alle aus dem realen Leben und machen uns Gedanken darüber, ob dieses „Zivilisation“ nicht doch bald ihr verdientes Ende erreicht haben wird. Denn einen Aspekt gab es bei allen früheren Klagen älterer über jüngere Generationen nicht, und dabei geht es um die ökologische Situation, in der wir leben und die SUVs, die für einen gravierenden Mangel an Erkenntnis stehen.

Und die Polizist*innen so? Lenski und Krause arbeiten im 348. Polizeiruf hübsch harmonisch zusammen, es gibt keine Kabbeleien mehr, wie noch zuletzt in „Vor aller Augen“, der ein Jahr früher entstand. Dafür macht ihr Kind nun erste Sprechversuche. Der Vater versucht weiterhin, Olga wieder näherzukommen, sie ist etwas weicher als in „Vor aller Augen“ ihm gegenüber, aber dann kriegt sie mit, dass er eine Beziehung hat. Wusste sie nicht, er hat’s ihr nicht gesagt. Ist aber sehr offensichtlich, denn Lenskis Kind sitzt mit den beiden am Tisch. Hm. Nie ist mal was leicht. Krause hingegen findig wie selten, unverwüstlich wie je. Gut, eine Aktion bringt er in fast jedem Film, die nicht nach den Vorschriften gestaltet ist, obwohl das doch der Part der jüngeren, antiautoritär geprägten Lenski wäre.

Finale

Der Schulbetrieb wird prägnant auf den Punkt gebracht und die Referendarin hat mich stark an eine Person erinnert, die ich aus dem Realleben kenne – ja, nicht jeder ist ist berufen und schon gar nicht auserwählt. Nicht einmal mehr in der Grundschule, wo die Kinder früher noch vor allem niedlich waren. Vielleicht ist das aber auch eine verklärte Sicht auf eine Zeit, in der man nicht, wie in „Hexenjagd“, strikt darauf achten musste, dass keine Kinder mit Migrationshintergrund zum Kreis der Verdächtigen zählen – es gab damals kaum welche mit ausländischen Wurzeln. Schon gar nicht in Dörfern, die gerade zu Vorstädten ausgebaut wurden. Es ist sicher alles härter geworden, aber das liegt auch daran, dass das Schulsystem den Umständen nicht angepasst wurde – im Gegenteil, es ist finanziell ebenso unterausgestattet, wie zahlreiche pädagogische Ideen angesichts der Realität überambitioniert sind.

7,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Angelina Maccarone
Drehbuch Kristin Derfler,
Angelina Maccarone
Produktion Heike Streich
Musik Jakob Hansonis,
Markus Böhm
Kamera Florian Foest
Schnitt Bettina Böhler
Besetzung

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