Falling (CA, DK, GB 2020) | 5 Empfehlungen | Filmfest 545

Filmfest 545 Empfehlungen

Falling ist ein Filmdrama von Viggo Mortensen, das im Januar 2020 beim Sundance Film Festival seine Premiere feierte.

Der Anlass dafür, dass wir über den Film einige Worte verlieren möchten, ist der deutsche Kinostart von „Falling“, der wegen der Coronakrise mehrfach verschoben wurde und nun für den 12. August 2021 geplant ist. Vielleicht eingangs ein paar Worte zu Viggo Mortensen:

Viggo Peter Mortensen (* 20. Oktober 1958 in Manhattan,[1] New York City) ist ein dänischUS-amerikanischer Schauspieler, Filmregisseur, Fotograf, Dichter, Maler und Musiker.

Er wurde weltweit bekannt durch seine Rolle als Aragorn in der Verfilmung von Der Herr der Ringe. Für seine Rollen in Tödliche Versprechen – Eastern Promises (2008), Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück (2017) und Green Book – Eine besondere Freundschaft (2019) wurde er jeweils für den Oscar als Bester Hauptdarsteller nominiert.

Daran können wir anknüpfen, denn „Green Book“ habe ich kürzlich gesehen, die Kritik zu diesem Werk, das auch den Oscar für den besten Film des Jahres 2018 gewann, wird allerdings frühestens 2022 auf dem Filmfest des Wahlberliners vorgestellt werden. Aufmerksam wurde ich auf „Falling“ durch diesen Text von „Film plus Kritik“

„Falling“ versucht ein in weiten Teilen überzeugendes Porträt einer gescheiterten Vater-Sohn-Beziehungskonstellation, das trotz aller verbalen Übergriffe und Gehässigkeiten schließlich doch einen Funken Hoffnung auf Versöhnung vermittelt: Ein alles in allem sehr gelungenes Regiedebüt. Übrigens in einem Cameo: Mortensen-Förderer David Cronenberg, diesmal auf der anderen Seite der Kamera als Arzt. (Christian Klosz)

Der Rezensent kommt auf 87/100 und das ist eine Ansage. Vor allem im Vergleich zu einem aktuellen Nutzer:innen-Durchschnittswert von 6,4/10 in der Internet Movie Database. Der US-Kritiker-Metascore liegt bei 63/100, also nur unweit dessen, was die IMDb-Nutzer sehen. Siche kommt es ein wenig darauf an, ob man mit diesem schwierigen Thema etwas anfangen kann oder auch, ob man sich an dieses Thema herantraut, das viele Kinder und Eltern betrifft. Für die Beschreibung besonderer Schwierigkeiten im Mutter-Sohn-Verhältnis wurde der Begriff Ödipus-Komplex erfunden, Mütter und Töchter sind sowieso meistens beste Freundinnen, Väter sind bei ihren Töchtern entweder übergriffig oder liebevoll, wobei ich allen Töchtern ganz fest die Daumen drücke, dass nur Letzteres auf ihre Beziehung zum Vater zutrifft.

Das Vater-und-Sohn-Konkurrenzverhältnis, das initial stets von den Vätern begründet wird, ist bis heute eine erklärbare, aber offensichtlich schwer zu handelnde Sache und Familien, in denen des deswegen brodelt,  deswegen schwierig zu harmonisieren, möglicherweise auch, weil der Blackbox-Effekt bei ihnen besonders stark ausgeprägt ist. Gefühlt eine Million Jahre Psychotherapie und einhunderttausend Jahre Sozialarbeit haben dieses soziale Kernproblem noch nicht lösen können. Nun ja, vielleicht schafft es die nächste Generation, in der sich langsam die Spuren von Krieg und institutionalisierter Gewalt im engsten Umfeld, die gesellschaftlich früher weitaus mehr toleriert wurde als heute, verwischen sollten. Dann würde es auf der Welt insgesamt friedlicher zugehen und am Ende des Films gibt es ja gemäß Aussage in obiger Kritik einen Hoffnungsschimmer.

Die Deutsche Film- und Medienbewertung versah den Film mit dem Prädikat besonders wertvoll. In der Begründung heißt es, die Intensität, der Naturalismus und der schonungslose Blick, mit denen Mortensen den Film inszeniert habe, erinnerten an das europäische Kino, etwa von Ingmar Bergman. Jede Rolle sei perfekt besetzt und Mortensen habe das Ensemble so präzise auf die verschiedenen Situationen des Dramas eingestimmt, dass bei jeder Figur deutlich werde, wie sie mit den Verletzungen und Enttäuschungen umgeht, die Willis ihnen zugefügt hat. So zeige Mortensen, dass er auch als Regisseur einen eigenen Ton und Stil hat, was neugierig auf noch kommende Filme von ihm mache.[16]

John Nugent vom Empire Magazine schreibt, die Quadratur des Kreises scheine die Philosophie des Films zu sein, wenn man Mitgefühl und Verständnis für einen Elternteil aufbringt, dies jedoch nicht erwidert wird. So kümmere sich John während des gesamten Films geduldig um seinen Vater Willis und helfe ihm bei seinem Umzug, der jedoch reagiere stets feindselig und sei sogar „ein bisschen ein Arschloch“, so Nugent. Lance Henriksen spiele ihn mit eindrucksvoller Bildschirmpräsenz und seiner dröhnenden Stimme, was beeindruckend sei und eine seiner besten Leistungen in einer über 60-jährigen Karriere darstelle. Auch bemerkenswert sei Viggo Mortensens scheinbar natürliche Begabung als Filmemacher, der ein klares Auge für Komposition und Inszenierung habe und sich für ein erfrischend nichtlineares Drehbuch entschieden habe, das sich in unerwartete Richtungen entwickelt.[14]

Im Metascore wird Nugents Kritik als 80/100 bewertet.

(…) John reagiert (…) mit wahrer Engelsgeduld auf das erratische Verhalten und die ständigen Provokationen seines Vaters und vermeidet es konsequent, sich in einen fiesen Zwist hineinziehen zu lassen. Zusammenfassend bemerkt Sterneborg: „Indem Viggo Mortensen, der auch den feinen Soundtrack des Films komponiert hat, sich selbst zum schwulen Ehemann eines asiatischen Krankenpflegers mit adoptiertem Kind umschreibt, bricht er ganz nebenbei noch eine Lanze für Diversität und alle Formen von Beziehungen jenseits der katholischen Norm.“[15] – Anke Sterneborg, epd Film

Nicht nur Katholiken sind homophob und ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist, sich von ihnen absetzen zu wollen, weil man für ein evangelisches Magazin schreibt. Es gibt insgesamt noch keine volle Akzeptanz von sexuellen Beziehungen außerhalb des traditionellen Mann-Frau-Schemas. Weiterhin heißt es, der Film drehe sich um die großen Fragen von Schuld und Vergebung und die Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz.

Im Zeitalter der allgegenwärtigen Kinopräsenz unkaputtbarer Superheld:innen muss man einen Film wohl als „Indie“ konzipieren, um darüber noch reflektieren zu dürfen, wie Viggo Mortensen es getan hat – als kompletter Autorenfilmer, denn nicht nur die Regie, sondern auch das Schreiben des Drehbuchs hat er übernommen. Allerdings wurde auch er selbst durch seine Präsenz in Filmen dieser Art berühmt. Eine komplett negative Kritik zeigen wir hier nicht, obwohl es solche Meinungen auch gibt, sondern schließen mit einer Bewertung von 50/100 (2/4 Sterne) aus dem Haus, für das Roger Ebert seine weltberühmten Texte über Filme schrieb:

The well-intentioned drama never makes the case why a decent man would stay close to his detestable father. – Richard Roeper, Chicago Sun-Times

Warum erhält jemand ein Verhältniss, in dem er scheinbar nichts gewinnen kann, nicht einmal Anerkennung? Masochismus? Mangel an Mut? Wer sich den Film angeschaut hat, bekommt vielleicht eine Idee davon und kann daher die obige Kritik ergänzen oder kontern.

TH

Regie Viggo Mortensen
Drehbuch Viggo Mortensen
Produktion Daniel Bekerman,
Chris Curling,
Viggo Mortensen
Musik Viggo Mortensen
Kamera Marcel Zyskind
Schnitt Ronald Sanders
Besetzung

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