Die Sonne stirbt wie ein Tier – Tatort 922 #Crimetime 1026 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #SWR #Sonne #Tier

Crimetime 1026 Titelfoto © SWR, Alexander Kluge

Titelfoto (c) SWR, Alexander Kluge

Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss und wenn die Sonne stirbt, geht vielleicht ein Stern auf

Seit 1989 ist Lena Odenthal im Tatort-Dauerdienst, in dieser Zeit hat sie 60 Fälle gelöst – die Nr. 61 hat allerdings den wohl ausgefallensten Titel (1). Wir versuchen keine Vorab-Deutung, sondern warten ab, was sich am Sonntagabend zeigen wird. Wir hegen dabei die leise Hoffnung, dass die Sonne es noch eine Weile machen wird. Auf dem von uns verwendeten Szenenbild aus „Die Sonne stirbt wie ein Tier“ wirkt es eher so, als ob ein Pferd durch einen Gnadenschuss von Lena Odenthal stirbt.

Handlung

Lena Odenthal und Mario Kopper nehmen die Ermittlungen auf, als ein Tierpfleger auf einem Pferdehof ermordet aufgefunden wird. Der Mann wurde in der Nacht am Rande der Pferdekoppel erstochen. Schnell ist auch Fallanalytikerin Johanna Stern involviert, da der Mord möglicherweise im Zusammenhang mit einer aktuellen Pferdeschänder-Serie steht.

Wollte der Täter des Nachts ein Pferd attackieren und wurde dabei von dem Pferdepfleger überrascht? Wurde der Ermordete das Opfer unglücklicher Umstände oder galt die eigentliche Tat ihm selbst? Lena und Johanna ermitteln verstärkt in Richtung des mutmaßlichen Pferdeschänders. Aber auch auf dem Pferdehof stoßen sie auf Ungereimtheiten und die geheimnisvolle Gattin des Gestütsbesitzers.

Mit der Zeit gelingt es Lena, Johanna und Kopper, den Kreis der Verdächtigen einzugrenzen, doch der Pferdeschänder scheint weiter sein Unwesen zu treiben. Und die Auswertung von Tathergang und Täterprofil lassen Schreckliches befürchten: Ist der Täter eine „lebende Zeitbombe“? Wird er über kurz oder lang versuchen, seine sadistischen Fantasien nicht mehr nur an Pferden, sondern an einem Menschen auszuleben?

Rezension

Man muss sich hineinfühlen können. Dadurch, dass wir fünf Tage nach der Ausstrahlung rezensieren – ein Negativrekord – den Film aber vor ein paar Stunden erst gesehen haben, ist schon etwas wie ein natürlicher Abstand da. Rezension mit kühler  Nadel langsam gestrickt. Entschleunigung, den Aktualitätszwang wegnehmen, entspannen.

So, wie es Lena Odenthal auch tun sollte. Denn ihr Dasein in „Die Sonne stirbt wie ein Tier“ beginnt in einer Reha-Klinik, die eher einer größeren Skihütte gleicht. Kann es aber nicht sein, denn Lena würde sich nie aus dem nähren Umland von Ludwigshafen wegbewgen, weil sie sonst einen Mord verpassen könnte, der ihr die Gelegenheit gibt, sich selbst aus der gewiss vom Arbeitgeber angeordneten und bezahlten Maßnahme zu entlassen. Aber da wir mittlerweile auch wissen, wie es ist, wenn man Abstand gewinnen soll, lächeln wir über solche Mätzchen und überlassen sie Drehbuchschreibern, die selbst bei einem Krimi, der irgendwie realistisch wirken soll, nie außen vor bleiben. Vielleicht stehen sie aber auch im Odenthal-Lastenheft und es geht gar nicht anders. Dann liegt die Schuld bei den verantwortlichen Produzenten des Senders.

Das Ganze hat etwas Gespenstisches. Im Umfeld der Reha-Einrichtung stehen keine Bäume mehr, weil sie alle therapeutisch kleingehackt wurden – allein der Kursleiter dürfte jeden Tag mindestens einen Baum kompett zerlegen, wenn man das, was er im Film tut, auf Normalzeit hochrechnet. Und Lena? Die Regie bzw. die Kamera gefällt sich darin, sie so scharf von der Seite anzuleuchten, dass sie wesentlich älter wirkt, als die Darstellerin Ulrike Folkerts ist. Das kommt davon, wenn man sich jedesmal selbst entlässt, wenn man wieder einmal angegriffen, angeschossen oder seelisch aus dem Gleichgewicht gebracht wurde. Da kommt ein Verschleiß zustande, den niemand mehr ignorieren kann.

Aber dann diese immer noch hübschen, wachen Augen und eine Fähigkeit zur Empathie, die etwas Hellseherisches hat. Dieses Pendeln zwischen eigener Überforderung und dem Umgang mit Menschen, speziell mit Verdächtigen, die auch niemandem vertrauen können und sich und anderen zu viel zumuten, indem sie zu viel alleine durchziehen wollen, ja, in denen spiegelt sich Lena und da wirkt es ganz natürlich, dass sie mit einer überführten Mörderin Händchen hält. Ludwigshafen ist politisch besonders korrekt, das dürfen wir nicht vergessen. Trotzdem hat es dramaturgisch keinerlei Bedeutung, dass der Anwaltsgatte der von ihrer Vergangenheit gepeinigten Frau einen Migrationshintergrund hat. Vielleicht liegt die PC aber auch in der Quote, die auch irgendwo im Lastenheft der LU-Tatorte festgelegt sein könnte.

Doch einen Knaller gibt es jenseits der Handlung auch: Lena will Kopper verlassen und sich eine eigene Wohnung suchen. In der Vorschau haben wir noch über dieses Zusammensein reflektiert, und, zack, da geht ein Ruck durch den SWR und das Beste von allem wird über Bord geschmissen. Ende allerdings offen. Wie auch für Lena, denn in der Schlussszene wirkt sie so, dass man ihr unbedingt eine Fortsetzung der Reha empfehlen möchte. Das Sich-Einlassen auf das Verbrechen hat die zur Distanz Angehaltene wieder einmal so reingezogen, dass es Furchen vertieft und die Stimmung abermals vermiest hat. Sicher ist das auch eine Art Konzept, Lena so wirken zu lassen, denn man nimmt es in diesem Tatort nicht zum ersten Mal wahr.

Aber trotz des leicht unsinnigen Titels „Die Sonne stirbt wie ein Tier“ gehen wir dieses Mal mit und setzen uns an den Tisch im Wald oder im Präsidium und schauen zu, wie sich die Emotionen entwickeln. Wir langweilen uns dabei nicht. Wir sind auch nicht sauer, weil man uns wieder einen Bären aufbinden will, plotmäßig. Denn von der Reha-Verkürzung abgesehen, ist der Film nicht schlecht konstruiert. Konstruiert ist er, das merkt man deutlich, und er wirkt selbst in den emotionalen Momemten akademisch, aber es gibt nicht dieses ständige Wandeln auf Glatteis, das sich andere Tatorte in letzter Zeit – wieder – geleistet haben.

Ein Lob geht an Ben Münchow, der den Jungen mit der eisigen Mutter gut spielt und wie man eine psychische Störung anerzogen bekommt, die sich möglicheweise im Schänden von Tieren manifestiert. Frauen sind was Wunderbares, aber nicht für jeden Mann. Nicht für einen, der sich die Enttäuschungen selbst bastelt, obwohl er nicht unangenehm aussieht und diesen hilflosen Charme hat, auf den viele Frauen abfahren. Und dann dieses schicke Stottern, wenn’s ernst bzw. aufregend wird. Der Selbstmord erscheint konsequent, als er sich die Frau, die er unversehens erobert hat, wegnimmt und sich auch nicht an Pferden abreagieren kann, weil die Pferdebesitzer sich zur Schutzwehr zusammengeschlossen haben, mit Mario K. mittendrin. Klar, dass die ganzen Jagdgewehre nicht verwendet werden, die da mitgebracht wurden, denn er ist der Chef.

Okay, je mehr wir darüber schreiben, desto mehr Seltsamkeiten gibt es doch, und wenn wir noch lange nachdenken, müssen wir auch hinterfragen, ob jemand sich tatsächlich an den Geschlechtsteilen von Pferden abreagiert, weil er mit Frauen nicht klarkommt. Im Grunde klingt das absurd, selbst wenn man berücksichtigt, welch inniges Verhältnis substitutiver Art viele Frauen zu Pferden haben und man daraus konstruieren kann, dass man die Frauen trifft, wenn man ihre Pferde misshandelt. Also diese Tiere, denen man vertrauen kann. Nein, nicht wie manchen Menschen auch, sondern viel mehr als allen Menschen.

Von Vertrauen und dessen Abwesenheit ist viel die Rede und ist abseits der Dialoge viel spürbar in diesem Tatort, und wir finden’s nicht schlecht gemacht. Filmisch ist sowieso alles okay, diesbezüglich ist der Tatort-Standard mittlerweile sehr hoch. Optisch merkt man weitaus mehr als bei vielen Drehbüchern, dass dies ein Premium-Produkt des deutschen Premium-Fernsehens öffentlich-rechtlicher Natur ist.

Wir folgen trotz einiger Zweifel bezüglich der psychologischen Herleitungen in diesem Film und einiger zu  simpler Analysen wie Lenas Erkenntnis, dass die Neue, Frau Stern, Analytikerin geworden ist, weil sie die Fälle nicht wie ein Einsatz-Kriminaler an sich heranlassen mag. Soll so sein. Sie wirkt nicht so, aber sie befragt ja auch nicht. Sie ist die spannende Figur, die man unbedingt beibehalten sollte, denn sie verändert die Konstellation, sie hebt vielleicht sogar die Balance Kopper-Odenthal auf, stellt das Team neu auf. Und vielleicht kann sie eines Tage übernehmen. Das wäre schick. Sie würde sich dann zwar in die Reihe sehr junger Ermittler einreihen, aber diese Leitende käme wenigstens nicht aus dem großen Nichts, sondern wäre gut eingeführt.

Das Doofe: Lena kann nicht abgeben. Das merkt man auch dieses Mal wieder. Sie kann sich zurücknehmen, das schon, aber nicht wirklich etwas abgeben. Man hat diese Leidenschaft für seinen Beruf, oder man hat sie nicht. Wenn man sie hat, dann schwindet sie bei einem Typ wie Lena auch nicht mit sichtbarer Erschöpfung.

Finale

Ein Aufbruch zu neuen Ufern ist der 61. Fall von Lena Odenthal nicht, aber er ist auch bei weitem nicht so schlecht, wie er von unseren Fankollegen beim Tatort-Fundus derzeit geschrieben wird. Wenn das Bashing erst einmal begonnen hat, wird’s schwierig, dem etwas entgegenzusetzen. Das ist auch Psychologie – Massenpsychologie. Wir haben haben aber auch schon zweimal eine deutliche Wende erlebt, seit wir für den Wahlberliner über Tatorte schreiben. In Köln, wo in letzter Zeit so gute Filme entstanden wie selten zuvor – und in Berlin, vor dem Abschied von Ritter und, etwas später, Stark.

Wir halten so etwas auch bei Lena Odenthal immer noch für möglich. Allerdings bedarf es wohl doch eines Krachers, damit’s auch alle merken, dass sich etwas getan hat. „Die Sonne stirbt wie ein Tier“ hat zwar einen mutigen Titel, doch der Film selbst hätte schärfer sein können, packender. Schließlich ist er halb Whodunit und halb Thriller. Während die Whodunit-Seite konventionell wirkt, ist der Thriller-Part nicht mit der Spannung unterlegt, die sich bei dieser Konzeption so wunderbar verwirklichen lässt.

7/10

© 2021, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Zahlenangaben beziehen sich auf die Zeit der Erstveröffentlichung dieser Rezension anlässlich der Premiere des Films im Jahr 2015.

Edith Keller – Annalena Schmidt
Hauptkommissar Mario Kopper – Andreas Hoppe
Hauptkommissarin Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Fallanalytikerin Johanna Stern – Lisa Bitter
Kriminaltechniker Peter Becker – Peter Espeloer
Gerd Holler – Ben Münchow
Silvia Magin – Alma Leiberg
Paula Bender – Lisa Charlotte Friederich
Konstantin Yildiz – Ercan Karacayli
Ludwig Bauer – Ben Akkaya
Hendrix – Robert Besta
Polizist – Jörg Gennun
Polizist – Zlatko Maltar
Frau Holler – Andrea Jacobi
Verkäuferin – Anke Sonnentag
u.a.

Drehbuch – Harald Göckeritz
Regie – Patrick Winczewski
Kamera – Andreas Schäfauer
Musik – Heiko Maile

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