Sexy! / Sexy! Männer gehören an die Leine (Boy’s Night Out, USA 1962) #Filmfest 546 

Filmfest 546 Cinema (Der Film ist in Farbe)

Ein Wort, ein Ausrufezeichen, ein Fanal – und was steckt dahinter?

Sexy! (TV-Titel: Sexy! Männer gehören an die Leine, Originaltitel: Boys’ Night Out) ist eine US-amerikanische Filmkomödie von Michael Gordon aus dem Jahr 1962, die auf einer Erzählung von Marvin Worth und Arne Sultan basiert.

Dass man diese Komödie im Deutschen tatsächlich mit „Sexy!“ betitelt hat, kommt einer Revolution gleich, waren doch die deutschen Verleihtitel der Zeit oft so weit vom Thema des Films weg wie die der Mond – auf dem war 1962 bekanntlich noch kein Erdbewohner gelandet. Jedoch hatte John F. Kennedy bei seiner Amtseinführung im Januar 1961 versprochen, das werde sich bis zum Ende des Jahrzehnts ändern. Manches änderte sich in den folgenden Jahren, auch die Art, wie Präsidenten sich in Sachen Ehe verhielten.

Im Film selbst wird schon darauf angespielt, dass der Mond bald reif für die ersten Fußstapfen der Menschen ist, ein Verweis auf diese Amtseinführungsrede. Auch an einer anderen Stelle gibt es eine Anspielung auf die kurze, aber einen großen Wandel befördernde Kennedy-Ära: Als die Mutter der Hauptfigur Fred Williams die sehr direkte Art einer Kellnerin als Folge der neuen Verhältnisse kommentiert. Ist der Film so neuartig? Immerhin galt 1962 noch der Production Code, der seit 1934 die Filmstadt Hollywood zügelte, die vor seiner Einführung schon eine recht freizügige Phase hatte. Mehr dazu steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

Fred, George, Doug und Howie sind Schicksalsgenossen. Gemeinsam fahren sie morgens aus der Vorstadt zum Arbeiten nach New York City. Drei von ihnen sind verheiratet, Fred allein ist noch Junggeselle. Aber auch bei ihm dominiert, wie bei den anderen, eine Frau das Leben: seine Mutter (gespielt von Jessie Royce Landis, deren Darstellung in einer ähnlichen Rolle als bestimmende Mutter von Cary Grant in „North by Northwest“ eine der schönsten ihrer Art in der Filmgeschichte ist).

Sie alle fangen an, von etwas Außergewöhnlichem in ihrem Leben zu träumen, als sie zufällig den Chef von Fred mit dessen außerehelicher Freundin sehen. Doch ihre Gehälter reichen nicht aus, um sich Geliebte zu  halten und gleich noch deren Wohnung zu finanzieren. Sie kommen auf die Idee, alle Kosten und Freuden durch vier zu teilen und tatsächlich findet Fred am selben Tag eine Luxuswohnung zum Schnäppchenpreis und eine Blondine mit Sexappeal namens Cathy.

An den Werktagen von Montag bis Donnerstag erscheint nun jeweils ein Herr in diesem Appartement – aber es kommt nicht zum Sex, weil die Macht der Gewohnheit bei all diesen naiven Vorstädtern stärker ist als der Hunger nach verbotenen Früchten. George, der Werbefachmann, verquatscht seine Zeit, Doug, der zuhause auf Diät gesetzt wurde, wird bekocht, Howie lebt seine Ambitionen als Hobbyhandwerker aus, was ihm zuhause verboten wurde. Einzig Fred, der Single, darf romantische Gefühle entwickeln und diese werden von Kathy, der neuen Appartementbewohnerin, geteilt.

Die Sache hat nur einen Haken. Diese ist kein aus dem Nichts gekommenes leichtes Mädchen, sondern Soziologiestudentin. Ausgerechnet die unreifen Sexvorstellungen der Vorstadtmänner hat sie sich als Thema für ihre Dissertation ausgesucht und so läuft immer ein Band mit, wenn die Herren anwesend sind. Am Ende kommt natürlich alles heraus, und während die drei verhinderten Fremdgeher zurück in ihre Ehen flüchten, ist Fred sauer, weil er sich ausgenutzt fühlt. Doch ausgerechnet von ihm hat Cathy keine Aufzeichnungen gemacht, weil sie ihn ebenfalls liebt und die beiden finden sich.

Am Ende werden aus Damenkränzchen und Herrenabenden gemeinsame Unternehmungen und die Eintracht ist vollkommen.

Rezension

Der Wandel, den das Wort „Sexy!“ suggeriert, ist allerdings stärker als der wirkliche. Im Original heißt der Film ja auch einfach „Boy’s Night Out“, was etwa bedeutet, dass die hier gezeigten vier Männer im Grunde noch pubertäre Jungs sind, die Nachts Abenteuer erleben – wollen. Denn zur Ausführung, man kann es sich angesichts des Entstehungszeitpunktes des Films denken, kommt es nicht in dem Sinn, den sich die vier Leichtmatrosen in Sachen Seitensprung vorgestellt haben.

Natürlich erkennt man gewisse Zeitzeichen, aber der Film ist von MGM, und das hieß über Jahrzehnte, man ging bedächtig an Neues heran und am Ende steht eine Botschaft, die vielleicht noch systemtreuer ist als die romantischen Endings der romantischen Komödien der 50er Jahre – nicht die Versöhnung oder die große Liebe ist die Essenz, die Ehe keine Folge davon, sondern sie als Institution zu akzeptieren der gültige Rat an alle Männer, die sich auf Abwege zu begeben denken. Von Frauen, die das Gleiche tun könnten, hört und sieht man im Film nichts.

Man spürt in vielen Filmen jener Jahre, dass sich das alte Hollywood-Kino totgelaufen hatte und etwas anderes kommen musste. Aber was? Davon hatte man 1962 ersichtlich noch keine genaue Vorstellung. MGM hatte aus den 50er Jahren, in denen das einst mächtigste Studio der Filmwelt sukzessive an Einfluss verloren hatte, noch keine ernsthaften Konsequenzen gezogen und versuchte es mit vorsichtigen Schritten. Das Wort „sexy“ wird in der deutschen Version nur im Titel verwendet, und da der Originaltitel das Wort nicht enthält, kann man davon ausgehen, dass es auch in der gesamten Originalfassung nicht vorkommt. Man kam also in Deutschland auf den Trick, durch die Titelvergabe einen Film ausnahmsweise nicht nur etwas reißerischer, sondern moderner wirken zu lassen, als er wirklich ist.

Nett gemacht ist er schon, und auch interessant als ein typisches Zeitzeugnis. „Boy’s Night Out“ ist aber noch komplett old School und das trifft auf beinahe alle Filme aus 1962 und 1963 zu. Genauer: Auf die Komödien. Im ernsten Fach deutete sich der Wandel stärker an. Die Kennedy-Ära hatte ihren eigenen Schwung, aber das, was die Filmstadt als bewährt erkannt hatte, loszulassen ging natürlich nicht von heute auf morgen. Man könnte sogar denken, erst durch dessen Ermordung und den dadurch ausgelösten Schock trat eine erhebliche Beschleunigung ein. Altmodische Filme gab es auch später noch, aber in 1964 bis 1967, aber z. B. an der schwindenden Rezeption der Doris-Day-Komödien kann man erkennen, dass der alte Stil immer drückender die Fortentwicklung belastete. Dann kam der Wandel und er war so radikal, wie ihn der Film zuvor höchstens einmal erlebt hatte, nämlich durch den Wechsel vom Stumm- zum Tonfilm – und danach nie wieder.

Formal ist „Boy’s Night Out“ klassisches Hollywood. Schöne Dekors in großzügigen Räumen, Rückprojektionen bei Fahrtaufnahmen in Zügen oder Autos, teilweise witzige Dialoge, aber auch eine unüberhörbare Geschwätzigkeit, die besonders typisch für Filme der frühen 1960er war und die durchaus mit der heutigen, überbordenden Action und Effekthascherei eines gemeinsam hat: Sie sollte verdecken, dass inhaltlich nicht viel auf dem Programm stand.

Sexy or not? Kim Novak ist sicher eine attraktive Frau gewesen und wenn man den Typ mag, auch sexy. Das kommt in „Sexy!“ aber weitaus weniger zum Tragen als zum Beispiel in „Vertigo“ von Alfred Hitchcock, wo sie eine unterschwellige, aber mächtige Erotik einbringt und von ihrer geheimnisvollen Doppelrolle auch mehr gefordert wird als im seicht-komödiantischen Fach, das sie in den frühen 60ern zumeist beackerte. Komödien wie diese, die immerhin von Übermut, weniger von Aufbruch kündeten, beherrschten die Leinwände (mit Spitzenwerken an ausufernden Gag-Kaskaden wie „It’s a Mad, Mad, Mad World“, auch aus 1962). Zwar gab es 1962 die höchst gefährliche Kubakrise und die Russen waren in Sachen Raumfahrt ein paar Erdumkreisungen voraus, doch war das Lebensgefühl der Amerikaner alles andere als pessimistisch.

Jedoch – die sexuelle Revolution stand noch aus, und die moralische auch. Vordergründig mag der Film ein wenig frivol wirken, er geht immerhin in Dingen, die zuvor nur gedacht wurden, etwas weiter und benennt sie. Der Ehebruch wird aber weiterhin nicht vollzogen, all diese braven Jungs trauen sich gar nicht, ihn zu begehen, obwohl ihre Frauen wahre Tyraninnen sind. Jedermann hätte nach heutigem Verständnis jedes Verständnis für nicht nur versuchte, sondern auch vollzogene Ausbrüche, aber der einzige Single in der vierköpfigen Boygroup kriegt das Mädchen. Das wollen wir nicht vergessen, denn nur so kann man von einem Happy End sprechen.

Heute würde man sagen, eine Ehe ist nur dann der Rettung wert, wenn genug gemeinsames Potenzial für die Fortsetzung vorhanden ist und beide Partner haben die Pflicht, an ihrer Beziehung zu arbeiten. Sogar in den 50ern waren Versöhnungen im Film regelmäßig von Kompromissen, von neu entdeckter Liebe und von Krisenbewältigung geprägt, gab es Prüfungen zu bestehen und man ging dramatisch auseinander und band sich neu – oder eben nicht. Aber was in „Boy’s Night Out“ vorgeführt wird, ist eher eine Reaktion. Die Verhältnisse werden als ziemlich verfahren dargestellt, aber man hat sie zu akzeptieren, denn jede Entwicklung könnte ja noch schlimmer sein als der Bestand, geheimnisvoll und gefärhlich.

Natürlich darf man einem solchen Film nicht zu viel Tiefgang andichten, aber auch im eher Banalen zeigt sich oft der Geist der Zeit mehr als im Literarischen. Der Film an sich ist also eher wenig sexy – und im Grunde schreit die gute Idee ausnahmsweise nach einem Remake. Da würde sich ein solches einmal lohnen, man könnte das heute ganz anders, mit viel erotischem Pfeffer und schärferem Wortwitz gestalten und natürlich mit der Verwirklichung des Auf- und Ausbruchs.

Finale

„Sexy!“ ist letztlich harmlos, aber auch nicht wirklich ein Familienfilm. Ob sich das Anschauen lohnt, ist Geschmacksache. Große Stars, die Sammler reizen könnten, gibt es nicht zu bewundern, James Garner, als Detektiv Rockford bekannt und hier in der männlichen Hauptrolle zu sehen, war damals beliebt, aber keiner der Stars, über die man heute noch als Ikonen des alten Hollywood spricht Tony Randall war etwas zu oft der „zweite Mann“ hinter anderen Stars wie Rock Hudson, u. a. in den erwähnten Doris-Day-Komödien. Große Erkenntnisse überdie sexuelle Revolution gibt es auch nicht zu vermelden, der Film ist auch nicht rasant, sondern durch seine Dialoglastigkeit langsamer, als eine wenigstens übermütige Komödie sein sollte.

Variety zeigte sich enttäuscht. So überraschend und humorvoll die Vorlage gewesen sei, ist der Zuschauer gezwungen, die komödiantischen Elemente zu suchen. Sie seien nur vereinzelt in individuellen Gags und Situationen zu finden.[3] Auch Bosley Crowther von der New York Times äußerte sich verhalten. Der Beginn erinnere ein wenig an Marty und Das Appartement, doch dieser Eindruck werde zerstört, wenn der Film sich in eine Ehestreitfarce verwandle.[4]

Es stimmt in gewisser Weise, dass der Anfang an „Das Appartement“ erinnert, weil der Plot gedreht wird: Das Appartement einer weiblichen Situation ist jetzt die Anlaufstelle für Möchtegern-Ehebrecher, aber im Grunde ist dies auch die professionelle Wohnung eines Callgirls und eine Satire wie „Das Appartement“, wenn auch eine mit viel Herz, ist „Boy’s Night Out“ von Beginn an nicht. Eher stimmen wir der Ansicht zu, dass es zu wenige gute Gags gibt.

Wenige Jahre später gab es schon andere Lösungen für verknotete Eheverhältnisse, wie etwa in „Wie bringe ich meine Frau um“, und das wird uns von Jack Lemmon vorgeführt, der Komödien prägen konnte wie kein zweiter Schauspieler seiner Generation. Was aber noch lange nicht ging war, dass die Frauen auf die Idee kamen, ihre Männer umzubringen. Ausgerechnet in den 1980ern, der Zeit des konservativen Rollbacks, änderte sich das und der Rosenkrieg war endlich mit gleichen Waffen für beide biologischen Geschlechter möglich. Zur Zeit der Wiederveröffentlichung dieser Rezension haben wir „Der Rosenkrieg“ aufgezeichnet und werden demnächst darüber schreiben.

59/100

Regie Michael Gordon
Drehbuch Ira Wallach,
Marion Hargrove
Produktion Martin Ransohoff
Musik Frank De Vol
Kamera Arthur E. Arling
Schnitt Tom McAdoo
Besetzung

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