Der Buchhandel auf dem Prüfstand – wie weiter in & nach Corona? | #Newsroom #Lesewelt #Kultur | Statista #Absatzzahlen #Entwicklung #Buchhandel #Buch

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Ein Leben ohne zu lesen ist möglich, aber nicht sinnvoll. Leider unterschreiben immer weniger Menschen diesen Satz, so scheint es zumindest auf den ersten Blick. Ganz sicher aber verschieben sich die Lesegewohnheiten. Schneller, kürzer und im nachrichtlichen Bereich leidet der Print und Zuwächse im Online-Bereich können das vielfach nicht ausgleichen. Und das Buch, die Krönung der Lesekultur?

Wir schauen ein wenig auf die Zahlen der letzten Zeit und machen uns Gedanken über die Weiterentwicklung. Die kurzfristige Bilanz mit ihren corona-typischen Spezifitäten sieht so aus:

Hier zur Grafik und zum Begleittext

Dazu heißt es von Statista:

Während der ersten Corona-Lockdowns Anfang 2020 brachen die Umsätze des deutschen Buchhandels laut Branchen-Monitor BUCH stark ein. Zwar verkauften viele Buchhändler mehr über das Internet, aber unter dem Strich lag der Umsatz über die zentralen Vertriebswege (Sortimentsbuchhandel, E-Commerce inkl. Amazon, Bahnhofsbuchhandel, Kauf-/Warenhäuser, Elektro- und Drogeriemärkte) trotzdem 2,3 Prozent unter dem des Vorjahres. Und auch der Jahresbeginn 2021 hat der Branche keine Erleichterung verschafft, wie der Blick auf die Statista-Grafik zeigt. Im März und April 2021 haben sich die Umsätze zwar wieder positiv entwickelt, aber angesichts der extrem schwachen Vorjahresmonate sind die zweistelligen Zuwächse kein Grund zum Jubeln. Auch das moderate Umsatzplus im Mai deutet auf eine weiterhin durchwachsen Bilanz des Buchhandels hin.

Wir halten also fest, dass trotz der Tatsache, dass viele Menschen während der Pandemie mehr Zeit gehabt hätten, sich dem Lesen zu widmen, obwohl viele andere Beschäftigungsmöglichkeiten eingeschränkt waren, genau das nicht passiert ist. Zumindest nicht in der Form, dass mehr neue Bücher gekauft worden wären als zuvor. Sicher hat im März 2020 der Präsenzbuchhandel stark gelitten, wegen des ersten Lockdowns. Aber in der obigen Grafik sind auch Online- und Versandverkäufe erfasst. Bezüglich dessen, was gekauft wurde, gab es nachvollziehbare Veränderungen im Jahr 2020 gegenüber 2019. Dass Reiseführer im ersten Corona-Jahr schlechter gingen, versteht sich beinahe von selbst, aber man sieht auch, dass Verluste in manchen Sparten nicht durch Verbesserungen in anderen ausgeglichen werde konnten:

Hier zur Statistik und zum Begleittext

Besonders die Tatsache, dass auch die Belletristik, der man hätte zutrauen können, dass sie Leerstellen der bisherigen Freizeitgestaltung während der Lockdowns füllen kann, einen Verlust hinnehmen musste, ist bedenklich und offenbart die Bücherkrise, die keineswegs beendet scheint. Wir unken nun nicht weiter, was passiert, wenn die Digital Natives und ihre Nachkommen immer mehr marktbestimmend werden und gar keine Bücher mehr in die Hand nehmen, zumindest nicht freiwillig.

Das nicht zu tun, wird auch keineswegs mehr als peinlich empfunden oder als Mangel an Bildungseifer, sondern geradezu offensiv herausgestellt, wie u. a. die eine oder andere Darstellung auf Youtube beweist. Immerhin, Kinder- und Jugendbücher konnten ein wenig zulegen, vielleicht ist das ein kleiner Hoffnungsschimmer. Kinder wieder zu lesenden Menschen machen, das fällt schwer, wenn man selbst nicht so angeleitet wurde, aber vielleicht kommt es eines Tages zu einer Realphabetisierung, ähnlich der Etablierung der Lese- und Schreibfähigkeit, die mit der allgemeinen der Schulpflicht einherging und mit der Bildungsoffensive der 1960er und 1970er, die das regelmäßige Lesen in breitere Bevölkerungsschichten brachte.

Interessant ist in dem Zusammenhang, dass der Online-Buchhandel zwar immer wichtiger wird, sein Absatzanteil aber in den Jahren vor Corona nicht so rasant gestiegen ist, wie man hätte glauben mögen. Das dürfte unter anderem daher kommen, dass gerade Vielleser:innen immer noch ihre Haus- oder Stammbuchhandlung haben, in der sie das, was nicht am Lager ist, bestellen. Auch der Direktverkauf durch die Verlage übertraf zumindest 2019 noch den E-Commerce mit Büchern. 2020 dürfte es allerdings bei den Anteilen der Distributionswege am Gesamtumsatz mit Büchern eine größere Veränderung gegeben haben als in den Vorjahren.

Zur Info-Grafik

Aber an der recht gemächlichen Zunahme des Online-Anteils am Umsatz mit Büchern sieht man auch, dass Leser:innen ihre Gewohnheiten zumindest auf diesem Gebiet nicht wechseln wie das Hemd. Der E-Commerce hat sich anteilsmäßig zwischen 2008 und 2019 nicht einmal verdoppelt, während in der Zwischenzeit ganze Digitalmedienkohorten aufgestiegen und niedergegangen sind und Veränderungen beim Konsum audiovisueller Medien wesentlich deutlicher ausfallen. Wie es insgesamt aussieht, verdeutlicht wiederum diese Grafik:

Hier geht’s zur Grafik

Dass die meisten Bücher noch immer im Laden gekauft werden, ist keineswegs beruhigend für die Läden, denn der Umsatzrückgang von ca. 5 Milliarden Euro im Jahr 2009 auf ca. 4,3 Milliarden im Jahr 2019 ist deutlich erkennbar und als Minus von ca. 15 Prozent in der Grafik ausgewiesen. Auch insgesamt ist die Buchbranche bestenfalls von Stagnation gekennzeichnet. Bereits nominal besteht in Minus von 400 Millionen Euro im Zehnjahresvergleich, real, abzüglich der Geldentwertung, ist der Verlust deutlich höher und liegt auf jeden Fall insgesamt im zweistelligen Bereich. Schlussendlich zeigt die Grafik nach Sparten, die das Jahr 2020 beinhaltet, noch einmal deutlich, wo es das Hauptproblem liegt:

Hier zur Infografik

Besonders die Belletristik als größter Teilmarkt hat selbst im theoretischen Roman-Lesejahr 2020 weiter verloren. An Umsatz. Ob dies auch für den Absatz in Stück zutrifft, ist eine andere Frage, denn der zunehmende E-Commerce wirkt sich negativ auf die Preisgestaltung gerade in diesem Teilmarkt aus, der nicht der Buchpreisbindung unterfällt. Nun eine Grafik, die schon ein wenig betagt ist, aber den Stand der Dinge vor fünf Jahren spiegelt. Dank der Buchpreisbindung sind Bücher in Deutschland vergleichsweise teuer und das kommt auch E-Books zugute:

Hier zur Infografik

Es kam ihnen zugute, muss man schreiben. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist der Gap auch in Deutschland größer geworden, was vor allem damit zu tun hat, dass Self-Publishing und die Auftrennung von Markenlinien bei Verlagen dafür sorgen, dass E-Books mittlerweile erheblich günstiger angeboten werden. Die Möglichkeit zum Self-Publishing ist ohnehin eine höchst zweischneidige Angelegenheit: Wer seine Bücher beispielsweise umsonst anbietet, wie viele es mittlerweile tun, nur um bekannt zu werden, handelt gegen jede Marktlogik.

Das kann man einmal als Werbeaktion machen, aber es dauerhaft zu tun, heißt, die Konditionen für alle Autor:innen zu verschlechtern. Der Mangel an Selbstbewusstsein in der Branche ist deutlich zu verspüren, die Flutung des Marktes mit drittklassigem Material durch Self-Publishing allerdings auch. Dass in China Bücher so billig sind, ist schön für die Leser:innen, aber schlecht für diejenigen, die ihr Geld mit der Herstellung verdienen: Autor:innen, Verlage, Druckereien. Auch deutsche Verlage lassen übrigens längst in China produzieren und können dadurch recht hochwertig aufgemachte Druckbücher zu sehr günstigen Preisen anbieten. Ein Beispiel dafür ist der Taschen-Verlag, der Kunst-Bildbände herausgibt.

Die Zukunft ist wie immer, auch bezüglich des Buchmarkts offen, aber die Zeichen stehen nicht gerade auf einen Hype bei jener Form von Lesen, die eine gewisse Ausdauer, eine gewisse Offenheit gegenüber Neuem und intellektueller Bereicherung sowie einen positiven Zugang zur Sprache im Allgemeinen erfordert.

TH

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