Der unsichtbare Gegner – Tatort 134 #Crimetime 1028 #Tatort #Duisburg #Schimanski #Thanner #WDR #Gegner #unsichtbar

Crimetime 1028 - Titelfoto © WDR

Nur ein Mensch wie viele andere

Auf die Vorschau bezogen, habe ich mich gestern gefreut: Bei WDR gehen sie den falschen Weg offenbar weiterhin nicht mit, alte Tatorte ins 16:9-Format umzusetzen, sondern belassen es bei der Bilddiagonale von 4:3. Dadurch wirken die Filme authentischer, auch ein wenig intimer – und zu „Der unsichtbare Gegner“ passt das besonders gut. Warum das so ist und über andere Aspekte des Films steht einiges in der -> Rezension.

Handlung

Kalle Schlumm, ein ehemaliger Jockey, wird ermordet aufgefunden. Einige Tage später zieht man die Leiche des Malers Adolf Krage, der mit Schlumm befreundet war, aus dem Duisburger Hafen. Krage scheint nach einem Autowrack getaucht zu haben. Die Untersuchung ergibt, dass das Fahrzeug bei einem Banküberfall einige Zeit zuvor in Lüdenscheid benutzt wurde. Hauptkommissar Horst Schimanski und sein Kollege Christian Thanner erfahren schließlich von Krages Frau die Zusammenhänge: Schlumm war geflohen, als seine beiden Komplizen entgegen den Abmachungen Schusswaffen gebrauchten.

Rezension

Das Format passt zum Film, schrieb ich eingangs. „Der unsichtbare Gegner“ ist einer der ruhigsten und am meisten kammerspielartigen Tatorte mit dem Duisburger Kommissar und stammt aus dessen Anfangszeit (1981). Er ist eine Mischung aus Whodunit und Thriller, wobei Letzteres überwiegt und es ist wirkungsvoll, die Identifikationsfigur, in dem Fall den Cop und seine Freunde von der Dienststelle, selbst zu involvieren. Der Film ist stellenweise wirklich sehr spannend, ohne auch nur einmal aus dem Takt zu geraten. Auch die Stimmung ist großartig: Der Ruhrpott als Ansammlung von Menschen, die von der Hoffnung leben; die einen mehr, die anderen haben kaum noch welche. Vor allem die Szene in der Wohnung der Lebenspartnerin des Mannes, der hinter Schimanski her ist – da hat man nicht mal die Fingers-Griffspuren von den Glastüren des uralten, hässlichen Schranks im Wohnzimmer entfernt.

Die Schimanski-Tatorte sind nicht gerade berühmt für ihre kleinteilige und detailverliebte Modellierung sozialer Milieus und persönlicher Lebenswelten, auch wenn der erste Film dazu diente, Schimmi auch anhand seiner verwahrlosten Bude zu charakterisieren. Doch bei „Der unsichtbare Gegner“ ist das anders, er wirkt sorgfältiger gemacht als die meisten der 29 Schimanski-Fälle, außerdem bietet er manch Überraschung aufgrund gut gewählter Bildausschnitte: Manche Information erhält man als Zuschauer erst während einer Szene, zum Beispiel, als Schimanski aus dem Auto steigt und in seine Absteige „Ideal“ geht, man aber man die zweite Person im Wagen bzw. dass eine solche darin sitzt, erst erfährt, weil man sieht, wie die obere Türkante sich bewegt, dann fährt die Kamera noch etwas höher und man sieht den Rücken von Hänschen (oder ist es Thanner?). Dieses plötzliche Erkennen, dass der Gerne-mal-Einzelgänger nun konsequent begleitet wird, hat bei mir etwas ausgelöst. Dass es trotzdem zur unvermeidlichen Lebensgefahr für ihn kommt, ist – genau, unvermeidlich, sonst hätte der Film keinen Höhepunkt.

Die Motivation des Täters, warum er also Schimanski um die Ecke bringen will, ist überzogen, gerade, weil sich herausstellt, dass er auch nur eine arme Sau ist, die sich durchs Leben schlägt, offenbar ist „Vertreter für Fußbodenreinigungsmittel“ sein tatsächlicher Beruf, wenn er nicht gerade Banküberfälle begeht (150.000 DM Gesamtbeute, ein Drittel Anteil für jeden Beteiligten). Dass am Plot einiges nicht passt, ist evident: Zum Beispiel die Beschreibung, die man vorher vom Täter erhalten hat, nicht zu ihm. Er ist größer als Schimanski und schlank, nicht 1,70 und korpulent, offenbar nur deswegen, weil damit auch der Interims-Dienststellenleiter in Verdacht geraten kann, der Königsberg vertritt. Der Film ist emotional so fesselnd, dass man möglicherweise nicht gleich darüber nachdenkt, wie absurd das ist. Bei mir: Ich habe nicht auf Logik gesetzt und gedacht, durchaus möglich, dass sie es mit einer gewagten Konstruktion hinbekommen, auch den Polizisten, mit dem Schimmi und der mit Schimmi keine normale Kommunikation führen kann, in die Ereigniskette und ins Personaltableau so einzubauen, dass er als ein möglicher Gegner infrage kommt. Der dann allerdings nicht unsichtbar gewesen wäre.

Peter Bongartz, mit Bart gut verfremdet, hat in dem Film nur einen recht kurzen Auftritt als Maler Krage, die übrigen Darsteller*innen sind nicht überragend bekannt, aber es spielt sich alles sowieso mehr in den Köpfen der Polizisten und damit in ihrer Dienststelle, in ihren Wohnungen und an ihren Einsatzorten ab. Wenn mich nicht alles täuscht, gibt es in „Der unsichtbare Gegner“ keine Szene, in der Schimanski nicht anwesend ist und agiert – mithin ist dies auch ein sehr persönlicher und subjektiv gefilmter Fall, wodurch sich wiederum das Gefühl von Intimität erklärt, auch Thanner und Hänschen betreffend, obwohl Letzterer mitten in die Handlung fällt wie vom Himmel.

In der Tat ist er das Überraschungsei – ohne Federlesens wird der „Holländer“ in die Handlung integriert, als sei er immer schon da gewesen. Was aber nicht der Fall ist, in den beiden ersten Schimanski-Tatorte „Duisburg-Ruhrort“ (Rezension noch nicht veröffentlicht) und „Grenzgänger“ existiert die Figur noch nicht, die von Chiem van Houweninge so reizend verkörpert wird und das Team erst komplett macht. Der wilde Schimmi, der steife, aber treue Thanner und der joviale, lockere Hänschen – ein Dreamteam. Eigentlich. Leider hat man die drei nicht selten mit schwachen Drehbüchern unterhalb ihrer Möglichkeiten bleiben lassen, obwohl zwei Schimanski-Tatorte die ersten der Reihe waren, die fürs Kino gedreht wurden und daher etwas aufwendiger sein durften.

Fast schon wieder ein Gag: Schimanski sagt in seinem dritten Fall nicht ein einziges Mal „Scheiße“, deutet es auch nicht an, sondern schiebt sich einen Kaugummi in den Mund. Trotzdem ist er selbstverständlich kaum zu bändigen. Da die Action in dem Film aber begrenzt ist und er für seine Verhältnisse eher selten in den Dreck fällt (so schlimm hätte seine Jacke von dem Müll, der aus dem öffentlichen Papierkorb gekippt ist, nicht aussehen dürfen) und nur zwei Mal körperlich angegangen wird, hat man ein Gefühl beinahe unheimlicher Normalität – und gerade das macht es so spannend. Die Nutzer des Tatort-Fundus sehen das ebenso und reihen diesen Film unter die Top 10 aller Schimanski-Filme ein (derzeit Platz 6).

Finale

„Hätte man alle seine Filme so gestaltet, wäre ich Schimanski-Fan geworden“ mag vielleicht ein wenig übertrieben sein, aber Götz George spielt hier gut, ebenso wie die anderen von der Polizei, die Spannung hat mich in den Film ab dem zweiten Drittel gut hineingezogen, obwohl ich mal wieder viel zu spät in der Nacht vor dem Fernseher gelandet und auf der Couch zum Sitzen gekommen bin. Die Unterschiede zwischen den Figuren werden auf gekonnte Weise genutzt, etwa, wenn Schimanski mit seinen blauen Augen der Frau Krage ins Gesicht schaut und sagt: „Wer Arbeit finden will, der findet auch welche“ und aus dem Off Thanners Stimme kommt: „Blödsinn!“. Da tauschen der Konservative und der Rüpel auch mal die Rollen ein wenig und man sieht, wer mehr über Soziales nachdenkt. Thanner sitzt in der Szene am Schreibtisch und tippt noch an einem anderen Fall, denn noch liegt kein Tötungsdelikt vor, hört aber immer eifrig mit, was der Kollege sagt. Da steckt einiges drin, was das Verhältnis der beiden und Thanner kennzeichnet.

Oder wie Schimanski auf der Folie eines Overhead-Projektors Tatbestände des laufenden Falls Krage visualisiert, als dieser dann umgebracht wurde. Diese Szene ist schon beinahe eine Parodie auf die seinerzeit noch mehr als heute typischen Erkläreinschübe fürs Publikum, denn der stv. Dienststellenleiter und die beiden Polizisten beteiligen sich an der minutiösen Aufbereitung dessen, was bisher geschah, während während eine Zeugin vernommen wird. Solche Szenen wegzulassen, muss übrigens kein Beweis für höhere Kunst sein.

8/10

© 2021 (Entwurf 2020) Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Schimanski zum Dritten

Vielleicht macht es der WDR tatsächlich. Alle Schimanski-Fälle wiederholen, die nicht vor einigen Jahren in einer Retrospektive gelaufen sind. Damals waren es allerdings die bekannteren, aber auch die werden jetzt teilweise wiederholt. Vor einiger Zeit hat man diejenigen Filme rausgehauen, die nach Ansicht der Fans, die auf der Plattform Tatort-Fundus ihre Bewertungen hinterlassen, als die schwächsten des Duisburger Duos Schimanski und Thanner gelten. Sie heißen „Doppelspiel„, „Das Haus im Wald„, „Katjas Schweigen„, „Rechnung ohne Wirt“ etc.

Nun kommen auch Filme wie „Duisburg-Ruhrort“, der Starter, wieder und sicher noch weitere von den „großen“ Schimanskis, etwa die fürs Kino gedrehten Filme „Zahn um Zahn“ und „Zabou„. Einige Rezensionen werden wir in den nächsten Tagen republizieren, weil die Filme nun wieder gezeigt wurden oder werden. Die lange nicht mehr gezeigte Episode „Der unsichtbare Gegner“ zählt nach Ansicht der Fans zu den besseren, liegt in der Schimanski-internen Rangliste des Fundus derzeit auf Platz 6 von 29. Ich freue mich also auf einen von den sechs Filmen mit dem Ruhrpott-Duo (Schimanski und Thanner), die es geschafft haben, im Fundus eine Bewertung von 7/10 oder höher zu erhalten (Stand 13.09.2020). In nächster Zeit wird es zu ihm auch eine Rezension geben, da ich diesen Film noch nicht kenne, was wiederum die Erstellung dieser Vorschau begründet. In der ARD wird dieser Film als „restaurierte Fassung“ ausgewiesen. Gut so. Abgesehen von einer Sache, die mir nicht gefällt, die aber von den meisten Sendern jetzt so gehandhabt wird:

Die Filme, die noch im 4:3-Format entstanden sind, und dazu zählen alle Schimanski-Tatorte, werden häufig auf 16:9 umgestellt, was zwangsläufig dazu führt, dass Teile des Originalbildes verschwinden und die Bildausschnitte, bei denen sich Regisseure oder Kameraleute damals etwas gedacht haben könnten, verändert werden. Abgesehen davon, dass das Flair der Filme, die bis ca. 1995 entstanden sind, durch diese Maßnahme beeinträchtigt wird. Aber so ist das, wenn für ein Massenpublikum gearbeitet wird, das denkt, der Fernseher ist kaputt, wenn nicht der ganze Bildschirm ausgefüllt wird. Richtiges Breitwandkino bedingt auch beim heutigen 5:3- oder 1,66:1-Format übrigens immer noch Streifen oben und unten und manche Tatorte sind mittlerweile auch tatsächlich in einem noch breiteren Format gefilmt.

Besetzung und Stab

Kriminalhauptkommissar Schimanski – Götz George
Kriminalhauptkommissar Thanner – Eberhard Feik
Kriminalrat Kissling – Werner Schwuchow
Hänschen – Chiem van Houweninge
Frau Krage – Helga Engel
Herr Krage – Peter Bongartz
Pistolen-Manne – Joachim Krietsch
Erich – Wolfram Weniger
Schwarz – Reinhard Glemnitz
Sylvia – Nate Seids
Vater Henschel – Rudolf Schündler
Marion – Barbara Ahren

Buch – Horst Vocks, Thomas Wittenburg
Regie – Hajo Gies

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