Einsam sind die Tapferen (Lonely Are the Brave, USA 1962) #Filmfest 552 #LoveMovie

Filmfest 552 Cinema – Kollektion der Lieblingsfilme

Einsam sind die Tapferen (Originalitel: Lonely Are the Brave) ist ein US-amerikanisches Filmdrama aus dem Jahr 1962. Das Drehbuch basiert auf dem Roman The Brave Cowboy des amerikanischen Schriftstellers Edward Abbey.

Malte Krüger: „…Es verwundert nicht, dass Kirk Douglas „Einsam sind die Tapferen“ wiederholt als seinen Lieblingsfilm bezeichnet hat. Denn er ist mit seiner animalischen Energie für die Rolle des Jack Burns die ideale Besetzung und liefert darin eine seiner besten Leistungen ab (…) Besonders aber in der Schlussszene vollbringt Kirk Douglas eine schauspielerische Meisterleistung; in der Disziplin, die für Schauspieler zu den schwierigsten Übungen zählt, nämlich das Gesicht in Großaufnahme zu zeigen, ohne dabei physisch zu handeln…“[2] Filmzentrale.com

In unserem Zwischenblog „Rote Sonne 17“ waren die Filme von Kirk Douglas das einzige Special, das wir aufgelegt haben, allerdings war zum Zeitpunkt des Entwurfs schon klar, dass wir das damals relativ kleine Filmfest beenden würden, 2018 sind wir wieder zu „Der Wahlberliner“ zurückgekehrt. Das Erbe ist eine relativ große Zahl von Filmen mit Douglas, der sich im Laufe der Zeit immer mehr zu einem meiner Lieblingsschauspieler der 1940er bis 1960er Jahre entwickelt hat. Liebe oder Verehrung auf den zweiten oder dritten Blick, wenn man so will. Und damit zur –> Rezension von „Einsam sind die Tapferen“.

Handlung (1)

Die Prärie im amerikanischen Südwesten. Eine typische Westernlandschaft. Ein Cowboy und sein Pferd machen eine Rast. Da wird der Cowboy von einem herannahenden Geräusch geweckt. Er schaut zum Himmel und sieht drei Düsenjäger über ihn hinwegjagen, die weiße Kondensstreifen in dem Himmel zeichnen.

Es ist der „Wilde Westen“ anno 1953: Cowboy Jack Burns lebt sein Leben nach eigenen Maßstäben, wie ein Cowboy des 19. Jahrhunderts. Er hat keinen festen Wohnsitz, keinen Ausweis und keinen festen Job. Sein Geld verdient er als Saisonkraft auf verschiedenen Ranches des amerikanischen Südwestens. Als er auf seinem Pferd Whiskey in eine Stadt nach New Mexico kommt, um seinen Freund Paul Bondi zu besuchen, erfährt er, dass sein Freund eine zweijährige Haftstrafe verbüßt, weil er illegalen Einwanderern geholfen hat.

Der Lastwagenfahrer Hinton ist zu gleicher Zeit auf seinem Weg von Joplin (Missouri) nach New Mexico. Er steht unter Zeitdruck, um eine Wagenladung Toilettenschüsseln zu liefern.

Burns beschließt seinen Freund Paul zu befreien und zettelt deshalb in einer Bar eine Schlägerei an, um sich einsperren zu lassen und seinen Freund zu befreien. Doch der lehnt es ab mitzukommen. So muss Burns alleine ausbrechen. Fortan wird er von Sheriff Johnson gejagt. Er flieht mit seinem Pferd in die Berge, um über die Grenze nach Mexiko zu entkommen in der Hoffnung, dorthin würden ihm der Sheriff und seine Leute nicht folgen.

Doch Sheriff Johnson ist hartnäckig und fordert sogar einen Hubschrauber der Armee an. Doch Burns gelingt es, den Hubschrauber vom Himmel zu holen. Als er den Gebirgskamm überwindet und trotz einer Schusswunde den schützenden Wald erreicht, scheint er es geschafft zu haben. Doch im strömenden Regen scheut sein Pferd beim Überqueren der Grenzstraße nach Mexiko, und sie werden von dem Lastwagenfahrer aus Joplin, der inzwischen kurz vor seinem Ziel ist, angefahren. Schwer verletzt liegen Jack und sein Pferd am Straßenrand. Sheriff Johnson kommt hinzu und scheint nicht sehr erfreut, den Gejagten erwischt zu haben. Er lässt Jacks Pferd von einem seiner Leute erlösen. Jack wird in einem Krankenwagen abtransportiert.

Rezension

Wieder ein Film mit Kirk Douglas, dieses Mal beinahe ein Solo – und eine Paraderolle?

Je mehr ich von Douglas sehe, desto mehr schätze ich ihn. Das kam erst mit der Zeit, dass ich ihn als einen meiner Favoriten ansehe – vielleicht, weil sein Schauspiel und seine Physiognomie es erfordern, dass man sich darauf einlässt, dass man vielleicht auch schon einige Menschen gesehen haben sollte, um das Besondere an diesem Typ zu erkennen. Außerdem ist er mittlerweile natürlich durch sein pures Alter von 100 Jahren und dem damit einhergehenden Status als letzter Überlebender des klassischen Hollywood-Zeitalters eine Legende. In diesem Sinn müsste ich die letzte Szene so interpretieren, dass er seine Verletzung überlebt. Sein Pferd, das Symbol des alten, störrischen Westens, der sich der Zivilisation nicht anpassen möchte, ist tot, aber er wird nun, von diesem Symbol getrennt und durch seinen Beinahe-Tod geläutert, (ein wenig mehr) anpassungsfähig werden.

Meine Vermutung war, dass er den Film selbst produziert und sich diesen ihm auf den Leib geschnittenen Stoff ausgesucht hat, wie bei einigen Werken zuvor. Letzteres mag der Fall gewesen sein, aber es ist ein konventionell für die Universal produzierter Streifen, der aber deutlich macht, dass kritische Töne im Kino der frühen 1960er angekommen waren und dass mit Filmen wie diesem, der noch traditionell in Dramaturgie und Schauspiel ist, aber schon das Ende einer Ära thematisiert, auch eine Filmepoche zur Neige geht. Die Übergangszeit zu New Hollywood stand bevor und viele Karrieren, die Jahrzehnte währten, gingen in jener Zeit zu Ende oder hatten ihren Höhepunkt hinter sich.

Deswegen hat dieser schlichte Film etwas sehr Elegisches, auch wenn Kirk Douglas seinen letzten Cowboy mit der Verve spielt, die es wohl braucht, damit eine solche Figur nicht zum traurigen Clown wird, sondern als Widerstandskämpfer gegen die Einengung  freier Menschen begriffen wird. Wer würde heute nicht einen Wert in dieser Darstellung erkennen und der Zaun, den er durchklemmt, weil er übers Gelände der Wasserwerke reiten will, der verbindet das Gestern mit der Zeit, in welcher der Film spielt, mit dem  Heute: Im klassischen Western waren die Zäune schon Thema, weil sie die unendlichen Weidegründe in Parzellen zerschnitten, die Filme, die darüber gemacht wurden, nahmen dabei unterschiedliche Standpunkte ein – mit einer zunehmenden Tendenz zum Verständnis für die Siedler, die ihre Areale gegen die Herden der Rancher schützen wollten. In „Mit stahlharter Faust“ war auch Kirk Douglas schon 1955 in einen solchen Konflikt involviert und schlägt sich auf die Seite der Zaunbauer. Sieben Jahre später geht er den umgekehrten Weg. Und heute? Die immer stärkeren Einschränkungen der Bürgerrechte aus vorgeblich sicherheitsbedingten Gründen sind die Zäune, die wir stellenweise auch optisch wahrnehmen, die aber von den meisten ebenso gedankenlos akzeptiert werden wie das Vordringen einer Zivilisation, in der Wasserklosetts durch die Weiten des Westens gekarrt werden.

Auch der Truck, der den Cowboy letztlich erwischt, dieses hässliche, verschmutzte Monster, das möglicherweise Steven Spielberg zu seinem „Duell“ von 1972 inspiriert hat, ist ein Symbol für diese Zeit, in der die Schönheit, symbolisiert vor allem durch das hübsche Pferd von Burns, einer mediokren Massenzivilisation weicht, die vor allem auf Konsum zielt.

Der Film hat ein weiteres hochaktuelles Thema, das mit dem genannten zusammenhängt. Es gibt nämlich einen weiteren Zaun oder doch eine gesicherte Grenze, nämlich die nach Mexiko. Der Film positioniert sich klar zugunsten der Mexikaner, die auf der Suche nach Arbeit und einer Chance auf ein besseres Leben einwandern und so wirkt es natürlich, dass Burns seinen Freund aus dem Gefängnis befreien will. Der Freund hat nicht als Schleuser gearbeitet, sondern nur dabei geholfen, eingewanderten Mexikanern Jobs zu verschaffen. Aber auch er hat eine andere Motivation als Burns: Er ist altruistisch und lässt sich sogar von seiner Familie trennen, sitzt seine Gefängniszeit ab, während Burns gar keine Bindung zustande gebracht hat und offenbar der Ansicht ist, er muss seinen Freund befreien, weil Freiheit das Wichtigste überhaupt ist. Auch an dieser Aktion, sich ins Gefängnis einliefern zu lassen und dann auszubrechen, die seine Verfolgung auslöst, sieht man, dass Burns und die ihn umgebende Welt nicht mehr viel miteinander zu tun haben. Auch die Art, wie Burns und „Der Einarmige“ miteinander kämpfen und wie die in der Pinte Anwesenden darauf reagieren, lässt sich ablesen, dass Burns der letzte Aufrechte in einer Menge von Typen ist, die 2016 vermutlich alle Trump gewählt haben und begeistert sind von dessen Schmähreden und seiner Art, in großer Eile Barrieren zwischen Menschen aufzurichten, die wieder zu beseitigen eine Aufgabe von Jahrzehnten sein könnte. Inklusive der Zäune oder Mauern Richtung Mexiko, falls dieses Vorhaben ausgeführt wird.

Durch die anschließende Verfolgung wird „Einsam sind die Tapferen“ auch zu einem schönen Manhunt-Thriller, in dem ein Mann sich in die Berge kämpft, sein Pferd nicht zurücklassen möchte und dadurch immobil wird, weil es mit den zu überwindenden Geröllhalden nicht klar kommt. Was einst dem Westerner Freiheit gab, sein Reittier, wird zum Hindernis. Seine Weigerung, vielbefahrene Straßen anstandslos zu queren, ist dann der I-Punkt auf dieser Symbolik.

Allein hätte Burns alle Zeit der Welt gehabt, sich zu verstecken und zu entkommen, aber „Whisky“ verunmöglicht das.

Sein Verfolger ist Sheriff Johnson, hervorragend gespielt von Walter Matthau. Die obige Handlungsangabe wirkt, als sei der Mann sehr erpicht darauf, Burns zu erwischen, am Ende dann aber doch nicht. Wie alle Interpretationen in Handlungsangaben finde ich auch diese problematisch (auch, dass der Film nicht 1953, sondern in seiner Entstehungszeit, also zu Beginn der 1960er spielt, ist klar erkennbar, auch der Polizeihubschrauber ist ein 1960 produziertes Exemplar von Bell).

Johnson ist zwar ein Polizist alter Schule, aber von Beginn an macht er kein Aufhebens um seine Rolle und das Gesetz, das erkennt man früh, als er keine lästigen Presseleute empfangen will. Er setzt alles in Bewegung, was ihm die Pflicht gebietet, lässt dabei seinen Mitarbeitern viel Spielraum, aber auch sein ironischer Kommentar dem Fluggerät gegenüber, das er nicht etwa selbst anfordert, wie oben zu lesern ist, sondern das ihn von einem General aufgedrängt wird, passt zu seiner Haltung, dass er innerlich von Beginn an einen gewissen Missmut gegenüber dieser Aufgabe, einen Flüchtigen einzufangen hegt, dessen Motive er möglicherweise nachvollziehen kann. In den 1950ern begann Walter Matthau mit wirklich fiesen Rollen, seinen Bekanntheitsgrad zu steigern und seine Physiognomie ist ja auch für solche Darstellungen geeignet, aber die Figur Johnson ist die differenzierteste in diesem Film und vielleicht sogar die interessanteste.

Getrieben ist hingegen der Polizist Guiterrez, der Burns schon im Gefängnis vermöbelt hat und dessen Ausbruck wohl als persönliche Niederlage empfindet, einer von jenen Hassern, die der Film hellsichtig beschreibt, in einer Zeit, als in den USA vieles dafür sprach, dass die soziale Versöhnung gelingen könnte.

Gleichwohl nennt Kirk Douglas diesen Film an vorderster Stelle, wenn es um sein Werk geht und nicht wenige Kritiker sind derselben Ansicht. Vor allem die Schlussszene hat viele beeindruckt, und ich fand sie in der Tat bewegend auf eine Weise, wie es bei dieser Art von kritischen Filmen eher selten vorkommt, weil beim Anschauen dieser Werke meist eine Distanz bleibt, die mich eher im reflektiven Modus belässt, als dass ich mich so stark identifiziere wie am Ende von „Einsam sind die Tapferen“.

Weithin gelobt wird die Musik von Jerry Goldsmith, der hier den ersten Beweis seines Könnens abliefert, die aber auch zeittypisch ist. Sparsam zu Beginn, mit der damals nicht untypischen Gitarre als Führungsinstrument, dann doch voluminöser orchestriert zur Klimax hin, während der Verfolgungsjagd. Ebenfalls überzeugend ist das Drehbuch von Dalton Trumbo, das sich in einem wichtigen Punkt gegen einen Trend stellt: Die nachdenklichen Filme der frühen 1960er waren oft sehr dialogreich und gedehnt, die Figuren wurden in epischer Länge erklärt bzw. erklärten sich selbst, während der von David Miller inszenierte „Lonely are the Brave“ sehr mit Symbolik und nur dort, wo die visuellen Mittel unterstützt werden sollten, mit Sprache arbeitet. Er ist also viel mehr dem Kino als eigenständigem Medium verpflichtet als andere ernst gemeinte Werke seiner Zeit. Manchmal war mir die Symbolik ein wenig zu deutlich inszeniert, Interpretationsspielräume bleiben allenfalls bei der Johnson-Figur, nicht aber bei den übrigen Charakteren und bezüglich der Aussage des Films, die klar ein Plädoyer für das Individuum und die Freiheit darstellt. John F. Kennedy soll „Einsam sind die Tapferen“ aus einer im Weißen Haus verfügbaren Auswahl herausgegriffen haben, gegen das Votum der übrigen Anwesenden, die ihn als brutalen, hässlichen kleinen Western bezeichnet hatten (Info: IMDb).

Finale

„Schön“ ist sicher nicht die richtige Bezeichnung für diesen Film, der so traurig endet, auch wenn das Schicksal der Hauptfigur nicht eindeutig besiegelt ist. Vorhersehbar ist er ebenfalls, denn alles deutet von Beginn an darauf, dass die Freiheit nicht verteidigt werden kann. Dass Kirk Douglas einen solchen Film tragen kann, ist unstreitig. Wie wir heute mit seiner Botschaft umgehen, sollte ebenso unstreitig sein. Ist es aber nicht. Gerade haben sich 60 % der Beteiligten an einer Umfrage für eine stärkere Überwachung des öffentlichen Raumes zwecks Terrorabwehr ausgesprochen, obwohl bei den Anschlägen der jüngsten Zeit eine solche keinerlei Wirkung gehabt hätte. Die übrigen 40 % sind die Tapferen, die über Sinn und Unsinn unserer Anforderungen nachdenken und das Unwohlsein des einsamen Cowboys angesichts einer freiheitsblinden Mehrheit teilen.

Zu dieser finalen Betrachtung müssen wir angesichts der erstmaligen Veröffentlichung dieses Textes während der Corona-Krise etwas hinzufügen: Was wir eindeutig nicht meinen, ist die Freiheit einiger Egoisten, sich auf Kosten der Mehrheit als sogenannte Covidioten aufzuführen. Denn die Freiheit des Einzelnen begrenzt sich an der Freiheit der anderen, an ihrem Wohlergehen und am Allgemeinwohl.

„Einsam sind die Tapferen“ fordert geradezu eine dialektische Abhandlung der Prinzipien Freiheit und Solidarität. Beides ist Burns wichtig, wie seine Grundhaltung einerseits und seine Haltung gegenüber „Whisky“ beweist. Kirk Douglas war kein politischer Parteigänger von John Wayne und wäre heute gewiss kein „Trumpist“. Das Titelbild ist ein besonders gelungener Moment: Der einsame Cowboy auf einem Pferd sieht sich der modernen Polizeimaschinerie gegenüber, welcher er nicht entkommen kann, symbolisiert durch den kreisenden Hubschrauber. Groß, ungezähmt ist das Individuum und erkennbar, anonym die Macht, sie wirkt klein und beengt, eingeschlossen, nur der Durchsetzung der Ordnung, scheinbar keinem höheren Prinzip verpflichtet und ist längst allgegenwärtig. So eindeutig ist es natürlich nicht, weil auch die Gegenseite personifiziert wird, aber diese Einstellung lässt sich so deuten. Vor allem, wenn man weiß, dass es Burns gelingen wird, den Hubschrauber abzuschießen, ohne dass er am Ende die Freiheit erlangt.

86/100

© 2021 (Entwurf 2017) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie David Miller
Drehbuch Dalton Trumbo
Produktion Edward Lewis
Musik Jerry Goldsmith
Kamera Philip H. Lathrop
Schnitt Leon Barsha
Besetzung

 

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