Blasslila Briefe – Tatort 139 #Crimetime 1029 #Tatort #Mainz #Wiegand #SWF #Brief #blasslila

Crimetime 1029 Titelfoto © ARD / SWF

Länger und ruhiger

Manche Tatorte haben etwas Besonderes – bei „Blasslila Briefe“, dem zweiten Fall der Südwest-Ermittlern Hanne Wiegand (Karin Anselm) ist es unter anderem die Länge. 105 Minuten sind heute leider nicht mehr drin. Egal, ob ein Drehbuch dadurch gezogen oder gestaucht wirkt, es sind immer deren 87 bis 88 (1).

Das längere Format erlaubt beinahe kinoreife Krimis wie den berühmten „Reifeprüfung“ von 1977, den wir nach wie vor für einen der besten Tatorte aus über 40 Jahren Formatgeschichte halten (siehe wieder (1)).

Auch der Fall mit der Frau, die es nicht gibt und die dennoch stirbt, ist erkennbar als großer Wurf angelegt worden. Das ist er in vieler Hinsicht tatsächlich, aber gerade dort, wo in den 80ern noch das Wort „Krimi“ groß geschrieben wurde, patzt auch dieser Film – und zwar in vielen Details. Andere wirken zumindest sonderbar. Wir verzichten darauf, diese Ungenauigkeiten und fragwürdigen Momente einzeln anzuführen, bis auf ein Beispiel: Kommissarin Wiegand sieht im Haus des Maklers dessen Foto, kann sich aber, als sie ihn an der Wohnungstür im Tatorthaus Carolastr. 18 antrifft, offenbar nicht mehr daran erinnern, dass sie ihn schon einmal bildlich wahrgenommen hat – und das bei ihrem sehr guten fotografischen Gedächtnis).

Irgendwann vergisst man die einzelnen Grauzonen, es bleibt so eine Art Gedächtnismarkierung übrige, die da lautet: Die Rutscher steigern beinahe noch die Intensität und Skurrilität des Films. Dass Humor sehr subtil sein kann und nicht so prall daherkommen muss wie heute, das war in besonderen Filmen der 80er, wie „Blasslila Briefe“ nicht unbekannt.

Handlung

Blaßlila Briefe, von einer Marion Winterfeldt an Grete Steinbeiß adressiert, sind notwendig, damit Lutz Waldner sein Liebesverhältnis mit der Adressatin pflegen kann, selbstverständlich ohne Wissen seiner Frau und auch ohne Wissen von Grete Stenbeiß’ Mann. Da Lutz Immobilienmakler ist, bekommt Marion Winterfeldt auch gleich noch eine Wohnung, die zum Liebesnest für Lutz und Grete wird. Nach achtmonatigem Briefwechsel und verabredetem Treffen in der Stadt – Grete Steinbeiß muß immer eineinhalb Stunden von der Kleinstadt zum Liebesnest fahren – möchte der Ehemann endlich auch die alte wiederaufgetauchte Freundin Marion Winterfeldt kennenlernen. Eine Bekannte von Lutz Waldner, seit kurzer Zeit am Theater engagiert, übernimmt die Rolle der “Marion Winterfeldt”.

Als Jürgen Steinbeiß in der Wohnung ankommt, findet er dort eine Leiche, die ermordete “Marion Winterfeldt”, wie er glaubt. Als Kommissarin Wiegand das Ehepaar Waldner nach der Toten befragt, bestätigen beide die Identität der Ermordeten. Doch bei ihren Recherchen erfährt die Kommissarin, daß nirgendwo eine Marion Winterfeldt existiert. Doch bevor sie die Eheleute zur Rede stellen kann, wird die Leiche eines Mieters auf derselben Etage des Tatorts gefunden. Er ist mit derselben Waffe ermordet worden wie die Schauspielerin.

 Rezension

Hanne Wiegand (Karin Anselm) gebührt das Verdienst, mit 8 Folgen, gedreht in 6 Jahren, die erste voll etablierte Kommissarin im Tatortland gewesen zu sein, nachdem ihre Vorgängerin Marianne Buchmüller (Nicole Heesters) den Weg bereitet hatte. Ihr Charakter und ihr Outfit wurden im Lauf dieser Zeit ein wenig modernisiert, aber wenn man sie mit ihrer direkten Nachfolgerin, der heutigen Dienstzeit-Rekordhalterin Lena Odenthal vergleicht, ist die Figur erzkonservativ und bieder. Allerdings ist sie das auch im Vergleich zu ihrer Vorgängerin, die als wesentlich fescher und mehr das Weibliche betonend angelegt war.

Wie auch die damaligen männlichen Ermittler, von Schimanski abgesehen, der wiederum in gewisser Weise Pate für Odenthal gestanden haben dürfte, war Wiegand eher eine Person, der man auf der Straße nicht nachschaut.

Trotzdem ist Wiegand keine langweilige oder gar schwache Figur – die Art, wie sie Verdächtige mit unwahren Angaben in die Falle lockt oder mit ihrem Assistenten Korn umgeht (so schlimm, dass dieser hin und wieder einen Korn nehmen muss), ist im Grunde ganz emanzipiert, denn auch männliche Kriminaler jener Zeit lockten Täter gerne in Fallen, die zudem nicht immer legal waren – auch wenn Wiegand nicht aufdringlich, sondern eher zurückgenommen wirkt, ist sie ein Profi im Stil der Zeit. Man testet zwar das heute so wichtige Moment der weiblichen Intuition, die aber 1982 noch nicht so heißen darf, sondern eher etwas marottenhaft dargestellt wird – und am Ende siegt. Männer hatten diese Intuition übrigens auch immer schon, sie hieß „ich hab ein sicheres Gefühl“.

Das Ende des Films ist allerdings ziemlich vorhersehbar, nach heutigen Maßstäben und für einen halbwegs geübten Tatortgucker. Trotzdem wird der Fall nicht ausermittelt, sondern es wird ein Geständnis durch die unwahre Behauptung herbeigeführt, der Mann sei mit der Geliebten über alle Berge oder in die Berge, also schon damals gerne in die Schweiz, verschwunden ist.

Wäre er wirklich ausgebüchst und hätte die Geliebte mitgenommen, dann hätte der Stuttgarter Kommissar Bienzle (Dietz-Werner Steck) später keine Frau gehabt.

Dass die Figuren grundsätzlich in den 70ern und 80ern ruhiger gespielt wurden, dass die Geschichten aus einer gewissen Distanz heraus entwickelt wurden, ist aus unserer Sicht kein genereller Nachteil. So war die Zeit im Film, sofern es das deutsche Fernsehen betraf. Dafür kommen Eruptionen und plötzliche Anwandlungen mit ganz anderer Wucht als in heutigen Tatorten, deren Dramaturgie oft schon deshalb flach ist, weil während 90 Minuten versucht wird, am oberen Limit zu fahren.

Dass der damalige Südwestfunk moralisch konservativ gedacht hat, zumindest in diesem Krimi, sieht man daran, dass alle, die Fehltritte begehen, verlieren und diejenigen, die in das Spiel um verborgene Affären und eine falsche Identität hineingezogen werden, ausnahmslos verloren haben, bevor der Abspann einsetzt. Titel erst nach Minuten und Abspann im Film und nicht im berühmten blauen Feld mit gelbem oder weißem Fadenkreuz waren damals offenbar nicht selten, heute sind auch die wiederkehrenden Gestaltungselemente weitgehend vereinheitlicht.

Es ist ein Irrtum zu glauben, die Figuren in diesem Film hätten keine Tiefe. Gerade ihre  flache Art, mit Gefühlen umzugehen (die Frau glaubt, sie liebe, der Mann schreibt mit energischer Geschäftsmannshandschrift zarte Worte, die von Liszt abgekupfert sind, der Ehemann wirkt zwar misstrauisch und will wissen, was vor sich geht, wirkt aber auch emotional eher moderat berührt, die Ehefrau der anderen Seite, eine kühl wirkende, große Person, mordet eher aus verletztem Stolz als aus einer unbändigen Verlustangst).

Ist uns ein wenig der Sinn fürs Subtile abhandengekommen, in dieser reizüberfluteten Zeit, in der Tatorte und ihre Figuren größer oder verrückter als das Leben sein müssen, um uns in den Bann zu ziehen? Einige eher stille und auf die Figuren und deren Authentizität ausgerichtete Tatorte um den Jahreswechsel 2012-2013 herum beweisen, dass das Publikum weiterhin konzentriert dargebotene Filme mit Realitätsnähe zu schätzen weiß. Ausgerechnet Berlin, das seit Jahren an der Entfremdung der Tatorte von der Lebenswirklichkeit der meisten Leute mitwirkt, hat dafür mit „Machtlos“ einen anerkennenswerten Beweis geliefert.

In den 70ern, mit dem „Neuen deutschen Film“, war es aber State of the Art geworden, Figuren reduziert und so darzustellen, dass gerade in dieser Reduktion ihr Charakter kenntlich wird, und der ist zumeist nicht erfreulich. Das war eine Reaktion auf Opas flaches Gefühlsdusel-Kino und wurde in Deutschland spät, aber ziemlich radikal vollzogen. In etwa zeitgleich mit den Umbrüchen der Jahre 1967-68. Die coole Inszenierungstechnik, die daraus hiervorging, harmoniert erstaunlich gut mit der heißen Phase des sozialen Wandels.

In dieser Tradition steht „Blasslila Briefe“ noch sehr fest, ebenso wie z. B. „Der Mord danach“, ebenfalls mit Hanne Wiegand als recht kühl wirkender, aber unter der Oberfläche sehr feinnerviger und mit Antenne – eher für Täter als für Opfer – ausgestattete Polizistin. Tatorte trugen ihre Botschaft damals in Handlungen, in Gesten und Verhaltensweisen vor, nicht in Form von Deklarationen und Diskussionen, wie es heute oft der Fall ist. Insofern waren die damaligen Werke erzähltechnisch moderner als die heutigen und haben dem Publikum mehr Raum fürs eigene Nachdenken und Interpretieren gelassen. Heute scheint die Welt so unübersichtlich geworden, dass nur noch klare Ansagen und hammermäßig überdeutliche Aktionen Orientierung zu bieten scheinen.

Mögen diese auch noch so gut gemeint sein, sie sind für mündige Menschen manchmal schwer zu ertragen; demgegenüber ist das Angucken von Filmen, die so nett hintenherum und ohne vorgetragene Manifestationen von politischen Ansichten manipulieren wollen wie „Blasslila Briefe“ geradezu vergnüglich.

Dass eine Kommissarin in jener Zeit mit Trillerpfeife zur Demo geht, wie die PC-Meisterin Inga Lürsen aus Bremen es in der Tatort-Gegenwart schon getan hat, wäre vor 30 Jahren undenkbar gewesen. Nicht einmal in Bemerkungen, nur in Blicken und kleinen Wechseln im Gesichtsausdruck erkennt man, dass Wiegand keineswegs neutral, sondern mit klarer moralischer Position zu dem Fallgeschehen steht – und den darin vorkommenden Menschen.

In „Blasslila Briefe“ tritt zudem eine sehr auffällige Regiehandschrift zutage. Dieser Tatort lebt von vielen kleinen Gesten und symbolischem Styling. Da ist zum Beispiel dieser schrecklich dicke Pelzmantel, den Frau Steinbeiß (schöner Name für eine Bauunternehmersgattin) trägt, am Ende sogar mit Mütze. Und immer dasselbe rote Kleid. Das kommt sicher nicht daher, dass im Kostümfundus beim SWF gerade Ebbe herrschte. Pelz in dieser Aufmachung galt schon damals eher als dekadent und diese Hülle falscher, weil Tieren gegenüber gefühlloser Eleganz, die immer gleich ist, verbirgt eine statische, an falsche Gefühle glaubende Person, die nicht merkt, dass ihr Geliebter sie eben doch nur als Affäre sieht, auch ihre falschen Ausbrüche gehen damit konform. Als sie vom Tod der fiktiven Marion erfährt, weint sie nicht um die tatsächlich ermordete Schauspielerin Vera, sondern, weil nun eine Lücke im System entstanden ist.

Da ist die plötzliche, in der Kneipen- und Taxiszene echt witzige Kumpanei zwischen Walder und Korn das genaue Gegenteil. Absichtlich flapsig inszeniert, um die Männerrituale auf ebenjenes Korn zu nehmen. So heißt auch Frau Wiegands Assistent, der einen Verdächtigen aufs Korn nimmt, um sich anschließend mit ihm zu verbrüdern und dabei im Dienst  einen zur Brust zu nehmen. Das wirkt nonchalant und so gezeigt, dass man die Abgrenzung zur klaren und strukturierten Hanne Wiegand deutlich bemerkt.

Deren Anweisungen an Korn funktionieren allerdings und damit auch ihr Plan, Walders Frau in die Irre zu führen, damit diese aus Wut und Enttäuschung ihre beiden Morde gesteht.

Finale

Wir finden „Blasslila Briefe“ absolut sehenswert, auch wegen seines Detailreichtums. Die Figur des Maklers Walder fällt zum Beispiel dadurch auf, dass der Mann so viele Gesichtsausdrücke beherrscht und sich immer wieder irgendwohin fasst, auch bei Herrn Steinbeiß ist das in einer Szene zu erkennen.

Das ist heute eher unüblich, wirkt aber lebendig und authentisch. Viele kleine Dinge ergeben zudem ein Sittenbild. Eines erwähnen wir beispielhaft. Da kauft Steinbeiß tatsächlich für das Treffen mit der fiktiven Marion Blumen, lässt aber von der Blumenfrau drei Rosen aus dem Strauß nehmen, um den Preis von 25,60 DM auf 20 DM zu drücken. Der Mann ist Bauunternehmer, kein einfacher Arbeiter. Es geht um einen gewissen instinktiven Geiz oder noch eher um ein Bemessen der Welt in DM-Einheiten. Die Blumenfrau behauptet später, er habe den Preis gedrückt, was so nicht stimmt, denn er hat ja auch weniger Ware gekauft – auch sie ist ein gewisser Typ, den wir alle kennen und wird von den Polizisten zur Aussage geschleift.

Nach dem Auflisten vieler Besonderheiten und Eigenheiten, die uns gefallen haben, kommen wir zu einer Bewertung, die sich, unbeschadet anderer Parameter, ähnlich liest wie bei vielen heutigen Tatorten: Als Krimi von mäßiger Qualität, aber als Sittengemälde großartig. Mit dem Bonus, dass die retrospektive Betrachtung einer, man kann schon sagen anderen Epoche die Spannung erheblich steigert und vielleicht handlungsimmanenten Thrill knapp ersetzen kann. 

7,5/10

© 2021, 2015 (Entwurf 2013) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Die Rezension wurde ursprünglich im Mai 2013 verfasst und wurde 2015 veröffentlicht, mittlerweile wissen wir, dass insbesondere ältere Berliner Tatorte durchaus mehr als 100 Minuten hatten (Phase Markowitz, Anfang der 1990er Jahre), auch im Süden / Südwesten gab es mehrere Filme mit einer Spielzeit, die heute „Überlänge“ wäre, am nunmehr eindeutig festgelegten Tatort-Format gemessen. Anmerkung anlässlich der Wiederveröffentlichung 2021: Gleiches gilt für die ersten Tatorte des Norddeutschen Rundfunks aus Hamburg mit Kommissar Trimmel.

(2) Als Beigabe-Feature zu „Die Sonne stirbt wie ein Tier„, dem aktuellen Tatort mit Bezug, haben wir dieses Mal einen Film mit Hanne Wiegand, der Vorgängerin von Lena Odenthal, gewählt, interessant bei beiden Krimis sind auch die ungewöhnlich markanten Titel, die jeweils im Stil ihrer Zeit gehalten sind.

Kommissarin Wiegand – Karin Anselm
Grete Steinbeiss – Rita Russek
Jürgen Steinbeiss – Wolf-Dietrich Berg
Lutz Walder – Hans-Dieter Jendreyko
Eva Walder – Angela Schmid
Kommissarassistent Korn – Rolf Jülich
Vera Kneipier – Monika Bleibtreu
Zoske – Uli Krohm
Arzt – Helmut Ehmig
Sophie – Peter Schmitz
Blumenfrau – Melanie Horeschowsky
Regisseur – Aart Veder

Buch – Kurt Rittig
Regie – Stanislav Barabas
Kamera – Johannes Hollmann
Szenenbild – Jörg Höhn
Kostüme – Nuscha de Archer
Schnitt – Gudrun Weber
Musik – Rolf Kühn
Produktionsleitung – Werner Rollauer
Produktion – Peter Schulze-Rohr

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s