Schattenhochzeit – Tatort 592 #Crimetime 1031 #Tatort #Kiel #Borowski #Jung #Zainalow #NDR #Schatten #Hochzeit

Crimetime 1031 Titelfoto © NDR, Marion von der Mehden

A Cuban Affair

Schattenhochzeit ist ein Fernsehfilm aus der Krimireihe Tatort und wurde am 20. März 2005 auf Das Erste zum ersten Mal gesendet. In seinem 4. Fall hat der Kieler Ermittler Klaus Borowski zwei Morde aufzuklären, die ihn zu einer Scheinehe und dem verhängnisvollen Doppelleben eines Bauunternehmers führen.

Klaus Borowski ermittelt in einer Geschichte von Männern und Frauen und dabei auch in eigener Sache, wobei Lebensfreude und Lebensleid dicht beieinander liegen und viel Salsa getanzt wird, der Satz „Ich höre!“ mehrmals vorkommt, und Telenovelas auf Video gibt es auch.

Im vierten Fall von Klaus Borowski zeichnet sich ab, dass er nach dem fünften Fall („Borowski in der Unterwelt“) seinen Mitarbeiter Zainalow verlieren wird. In „Schattenhochzeit“ spielen die beiden zusammen Lotto und Zainalow macht einen Gewinn in noch nicht bekannter Größenordnung. Soweit wir uns erinnern ist das nicht der einzige Grund, warum Zainalow aufhören wird, aber ein nachvollziehbarer.

Wir stellen uns vor, die heutigen Fälle Borowskis mit ihrer hohen Thrillerqualität und das Ursprungsteam von der Ostsee träfen aufeinander – das wäre fast schon zu gut, deswegen ist es auch nicht so gekommen. Wie gut „Schattenhochzeit“ ist, haben wir in der –> Rezension festgehalten.

Handlung

An dem Tag, an dem Ulrich Wahl von seiner jungen Geliebten Teresa gegen alle Abmachungen zu Hause angerufen wird, ahnt er Böses. Und all zu schnell werden seine Befürchtungen bestätigt. Blutverschmiert und völlig aufgelöst fleht ihn die junge Kubanerin um Hilfe an. Ein Toter in ihrer Wohnung, ihrem geheimen Liebesnest, muss verschwinden. Wahl sieht sich genötigt zu handeln, denn was soll sonst werden? Die fragile Konstruktion seines Doppellebens würde in Scherben gehen, mit Konsequenzen, die er nicht tragen will. Die Leiche, die Hauptkommissar Klaus Borowski zu Ulrich Wahl führt, ist aber nicht der Tote aus der Wohnung, sondern ein überfahrener Wachmann, der auf einer Baustelle des Unternehmers Wahl aufgefunden wurde. Wahls Betroffenheit hält sich in Grenzen, das registriert Borowski durchaus.

Der Wachmann, Bernd Ruda, ist ausgerechnet mit dem Wagen von Thorsten Brück überfahren worden. Und der ist der Ehemann von Teresa, außerdem Angestellter von Wahl, und noch dazu verschwunden. Borowski ahnt etwas von den Zusammenhängen und hält sich an Ulrich Wahl, dem die Zähigkeit von Borowski spürbar auf die Nerven geht. Bis Wahl erpresst wird. Da vertraut er sich dem Kommissar an; dass ihm jemand die Schuld gibt an dem Tod des Wachmanns, ihn erpresst. Wieso er das erzählt? Weil er den Erpresser kennt. Seine eigene Frau Ingrid Wahl hat scheinbar schon lang akzeptiert, dass ihr ihr Mann nicht mehr gehört. Was sollte sie nun mit dieser Erpressung bezwecken? Als Brück erstochen aufgefunden wird, glauben die Ermittler nicht mehr an eine Täterschaft von Brück. Wer glaubt schon an solch einen Zufall: Erst tötet Brück, dann wird er getötet?! Die Spur führt in eine Wohnung, in der Teresa gelebt haben soll. Aber die hat doch bei ihrem Mann Brück gewohnt? Und wer war der ältere Herr, der die Kubanerin regelmäßig besuchte? Die Schlinge zieht sich zu, doch schon länger wissen die Kommissare etwas, das Wahl aus der Bahn wirft. Wahl kann der Täter nicht sein, und Wahl fühlt sich ein letztes Mal genötigt zu handeln.

Rezension (mit Auflösung)

Es ergibt einen Unterschied, ob man ein Dienstverhältnis so grandios wie in „Schattenhochzeit“ hochleben lassen kann, indem man mehr als nur ein Techtelmechtel und einen kleinen intellektuellen Machtkampf unter Ebenbürtigen generiert, nämlich einen heißen Flirt beim Tanz – und mehr? –, oder ob ein älterer Mann sich an eine junge Frau heranmacht. So wäre es heute, wenn Borowski und seine jetzige Kollegin Sarah Brandt einander privat näherkämen. Deswegen müssen die Gast- und Nebenrollen fürs Funken sprühen mit Borowski sorgen, wie etwa in „Borowski und die heile Welt“, Frieda Jung war damals allerdings auch noch an Bord.

Für uns ist das Zusammenspiel Borowski / Jung in „Schattenhochzeit“ mit das Beste, das wir bisher gesehen haben, locker inszeniert, schöne Mimik, fantastisch trocken-humorige Dialoge. Das gilt auch für das leider etwas zu hierarchische Verhältnis zwischen Borowski und Zainalow, das den Kieler Kommissar damals für manche etwas unsympathisch gemacht hat, die sich in die Rolle des Zainalow versetzt haben und sich Borowski als ihren Chef vorgestellt haben, der höchstens aus Versehen und nur beinahe mal lobt. Borowski und dessen eigener Chef wiederum haben eine schon damals nette Männerfreundschaft, die sich in späteren Kiel-Tatorten noch intensivieren wird.

Schön wird das Verhältnis Jung und Borwoski als Paar, das bezüglich des Alterunterschiedes noch akzeptabel ist, mit dem Fall eines kubanischen Mädchens gespiegelt, das sich nach Deutschland geheiratet hat, um im Land bleiben zu können und das der Begierde von Männern ausgeliefert ist, die eine stärkere Position haben.

Die persönlichen Verhältnisse sind so wunderbar gezeichnet, dass der Fall dahinter zurücktritt – auch qualitativ. Wie jemand anhand von Pizzabestellungen ermittelt werden soll, die er unter falschem Namen an falsche Adresse liefern lässt, ist uns nicht klargeworden, vor allem, wer isst an der falschen Adresse die Pizza?

Auch sonst wirkt manches gehudelt, wie zum Beispiel, dass ein Typ wie dieser Ulrich Wahl, der zwar einer jungen Frau verfällt, aber nicht wie ein Gewalttäter wirkt, plötzlich einen Wachmann über den Haufen fährt, obwohl die Sache auch weniger krawallig hätte gelöst werden können. Woher soll der Wachmann ahnen, dass Wahl eine Leiche im Auto hat? Dass er hingegen als Chef der Baustelle auch in der Nacht mal hinfährt, um die Kontrolle zu kontrollieren, wäre darstellbar gewesen und dass er ein falsches Tatwerkzeug als Trophäe behält, wird nicht dadurch psychologisch stimmig, dass Frieda Jung als Psychologin es uns für stimmig erklären möchte. Wenn der Teppichboden sich nicht von Blut säubern lässt, muss er sofort getauscht werden, das zu arrangieren sollte für einen Bauunternehmer kein Problem sein, ansonsten braucht er gar nicht aufzuräumen so eindeutig ist der Mord am Tatort (etc.).

Aber mit „Schattenhochzeit“ ist es ein wenig wie mit den Münster-Tatorten. Man hat so viel Spaß, dass der Plot auch mal etwas dünn oder bei näherem Hinsehen mit Mängeln behaftet sein darf. Man mag den Film trotzdem.

Sicher spielt dabei mittlerweile eine Rolle, dass wir nun mit „Schattenhochzeit“ eine der letzten Lücken bei den frühen Borowskis geschlossen haben, von Nr. 1 bis Nr. 6 sind wir nun komplett, in der Anthologie beim Wahlberliner fehlen von 22 Fällen mit dem Kieler Gegenstück zum glücklichen Wiener Grantler nur noch drei. Das heißt, wir haben ein Gesamtbild, wir kennen die weitere Entwicklung, wir wissen, wann Borowski wirklich mit Frieda Jung in die Kiste steigen wird und dass sie auch wegen dieser zu groß gewordenen Nähe aus Kiel weggehen wird.

Was sich nach vier Tatorten höchstens andeutete, ist heute gesichert: Der Kieler Kauz ist einer der Besten im mittlerweile dicht besetzten Tatortland. Er ist eine Marke und ein Typ und seine Fälle sind mittlerweile fast durchgehend eine Show, mehr als in „Schattenhochzeit“. Dass jetzt alle Titel mit „Borowski und …“ beginnen, offenbar eine leicht ironische Hommage an Bienzle, bei dem das von Beginn an so war, stärkt den Eindruck, dass man auf Wiederekennungswert und Unterscheidbarkeit setzt, auch wenn die Titel dadurch manchmal sperrig wirken.

Jung und Borowski wirken in „Schattenhochzeit“ auch deshalb so stark, weil die Inszenierung es geschafft hat, die ohnehin guten Dialoge locker klingen zu lassen, natürlich und cool – und mit einer Bildsprache zu verbinden, die dem Ganzen viel erotischen Pfeffer gibt – auch die hervorragend passende Musik wirkt dabei mit. Es kommt alles ein wenig ironisch, nie lächerlich, wenn der Kieler Kommissar auf Tuchfühlung geht und mit Frau Jung ein Tänzchen aufführt.

Diese trotz der gewissen Einsamkeit der Singles doch wunderbare Welt mit ihrer manchmal recht geringen Schwerkraft spiegelt sich in den Sehnsüchten einer Armutsmigrantin nach einer heilen Welt oder einer Welt von Licht und Schatten im Stil der lateinamerikanischen Telenovelas. Uns hat das berührt, wie das kubanische Mädchen angestrengt-aufmerksam vor dem Fernseher sitzt und sich in diese Fiktion stürzt, angesichts einer fremden und kalten Wirklichkeit von Abhängigkeiten – und in diesen Filmen gibt es noch einen Spiegel, wenn wir’s richtig gesehen haben: Da kommt in einer Szene eine Ehefrau ins Zimmer und überrascht ein Paar.

So, als würde Wahls Frau, die von der jungen Kubanerin als Geliebte ihres Mannes weiß, plötzlich auftauchen. Seltsam, wie durch Projektion auf eine Fiktion die Ängste des realen Lebens gebannt werden können – vielleicht auch, weil im Schmalzfilm alles gut auszugehen hat.

Lina Rebecca, die junge Schauspielerin, die das kubanische Mädchen verkörpert, spielt diese Mischung aus gelernter Geliebter und irritierter Fremder, die mit Borowski aber immerhin Spanisch sprechen kann, sehr schön. Besonders der Blick, als Borowski das Hochzeitsfoto mitnehmen will, ist wunderbar. Das Mädchen verbirgt sich einerseits, will vorsichtig sein, hat aber eine andere Mentalität, die sich sehr von den Norddeutschen unterscheidet, und die bricht dann in kleinen Gesten und Blicken durch.

Dass da, wo die Kubaner sind, immer getanzt und Musik gemacht wird, versteht sich hingegen von selbst, man muss halt auch mal das eine oder andere Klischee bedienen. Und wenn man zum Beispiel in Berlin mitbekommt, wie die lateinamerikanischen Communities sich uns vermitteln, darf man konstatieren, dass ein Klischee auch wahr sein kann. Und warum nicht, es ist ja kein negatives. Es ist auch wahr, dass die Menschen gerade auf Kuba offenbar auch dann noch dem Leben etwas abgewinnen können, wenn es sich aus materieller Sicht trist darstellt. Vielleicht sollten wir über diese Art von Lebensfreude mehr nachdenken. Allerdings ist „Schattenhochzeit“ zehn Jahre alt, was wir nicht wussten ist: Dass Kuba ein Land ist oder damals war, aus dem Mädchen per Scheinehe fliehen und dass es dort Telenovelas gibt. Das eine hatten wir eher in Thailand, das andere in Brasilien verortet.

Fazit

„Schattenhochzeit“ ist ein schöner Schauspieler-Tatort, bei dem alle Figuren stimmig sind und die Schauspieler wissen, wie sie zu agieren haben, um ihre Rollen mit wenig Übertreibung lebendig werden zu lassen. Auch der Dialoge und er Schnitt mit den kleinen Auslassungen und Sprüngen tragen dazu bei, dass der Film flott und einheitlich wirkt. Die vergnüglich-ironische Spielart bricht sich auf eine Weise etwas mit dem Thema, die Nebenhandlung mit Borowski und Jung korrespondiert damit aber auch wieder auf eine recht interessante Weise.

Die Handlung kann mit der Inszenierung nicht mithalten, aber das ist ja nichts Neues. Um des auszudrücken, könnten wir nunmehr einen Textbaustein mit einer Optimalformulierung entwickeln, der bei zwei von drei Tatorten einsetzbar wäre. Eine solche Effizienzsteigerung würde das Maß der Verstimmung möglicherweise reduzieren, die uns trotzdem immer wieder ereilt, wen man sieht, wie einzelne Handlungselemente gehudelt oder verpatzt sind. So schlimm ist es hier aber nicht, dass wir den Spaß am Tatort verloren hätten, daher 8/10.

© 2021, 2015, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kursiv: Wikipedia

Regie Kaspar Heidelbach
Drehbuch Karl-Heinz Käfer
Produktion Martina Mouchot
Doris J. Heinze
Kerstin Ramcke
Musik Arno Steffen
Kamera Daniel Koppelkamm
Schnitt Corina Dietz
Besetzung

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