Harold und Maude (Harold and Maude, USA 1971) #Filmfest 565

Filmfest 565 Cinema

Harold und Maude ist eine schwarze Komödie von Hal Ashby aus dem Jahr 1971. Sie entstand nach einem Drehbuch von Colin Higgins, der die Geschichte unter demselben Titel noch im gleichen Jahr als Roman herausbrachte. Als Harold und Maude veröffentlicht wurde blieb der Erfolg bei Kritikern und Publikum zunächst aus, 1983 wurde der Film jedoch entdeckt[1] und wird bis heute als Kultfilm gehandelt. Das Werk wurde unter anderem ins National Film Registry aufgenommen.

Ich kann beides nachvollziehen. Dass der Film ursprünglich kein Hit war ebenso, wie dass er heute als Kultfilm gilt und demgemäß häufig im Fernsehen gezeigt wird. Für ein Movie der Flower-Power-Epoche war er eigentlich schon zu spät, die Initiation durch das Ausrücken ins Unkonventionelle durch „Die Reifeprüfung“ irgendwie besetzt und außerdem mutet der Film stellenweise wie eine Produktion der Monty Pythons an, das Makabere betreffend und nimmt, zumindest im Mainstreamkino, muss ich mittlerweile beifügen, den Hang zu etwas mehr sichtbarem Blut vorweg. Es geht aber nicht nur blutig zu und mehr steht in der –> Rezension.

Handlung (1)

Der etwa 20-jährige Harold lebt mit seiner wohlhabenden Mutter in einer Villa in Kalifornien. Er hat eine distanzierte Beziehung zu der Mutter, die oberflächlich ist und fast nur auf gesellschaftliche Etikette achtet. Er versucht immer wieder, durch realistisch inszenierte Schein-Selbstmorde ihre Aufmerksamkeit und Zuneigung zu erlangen. Er ist vom Tod fasziniert, was sich auch in den fingierten Selbstmorden ausdrückt. Anfangs fährt er einen gebrauchten, zum Leichenwagen umgerüsteten Cadillac und später baut er das Geschenk seiner Mutter, einen silbernen Jaguar E-Type, ebenfalls zu einem Leichenwagen um.

Harold fühlt sich auch zu Friedhöfen und Beerdigungen hingezogen. Bei den Bestattungen begegnet er mehrmals der exzentrisch anmutenden 79-jährigen Maude. Sie freunden sich bald an. Maude ist wie ein Gegenpol zu ihm: unkonventionell, energisch, impulsiv und lebensfroh – weil sie auch schlimme Zeiten durchgemacht hat. Später wird in einer Einstellung eine tätowierte Nummer auf ihrem Arm gezeigt, die sie als Überlebende eines nationalsozialistischen Konzentrations- oder Vernichtungslagers ausweist; an anderer Stelle teilt sie Kindheitserinnerungen an das Wien der Kaiserzeit. Trotz ihrer unterschiedlichen Charaktere fühlen sich die beiden zueinander hingezogen und verbringen immer mehr Zeit miteinander. Gleichzeitig versucht Harolds Mutter, ihn über eine Heiratsagentur mit jungen Frauen zu verkuppeln. Harolds Selbstmord-Inszenierungen sorgen jedoch dafür, dass die Kandidatinnen ein ums andere Mal entsetzt flüchten. Als Harolds Mutter ihn mithilfe seines Onkels, des fanatischen Generals Victor Ball, in den Vietnamkrieg schicken will, wissen Harold und Maude dies mit einer List zu verhindern.

Im Laufe seiner Beziehung zu Maude lernt Harold das Leben schätzen und emanzipiert sich zusehends von seiner dominanten Mutter. Schließlich verkündet er seiner Mutter, dass er Maude liebe und sie heiraten wolle. Harold und Maude feiern gemeinsam Maudes 80. Geburtstag. Doch Maude hat beschlossen, an diesem Tag zu sterben, da sie dies für das richtige Alter hält, um abzutreten. Dem entsetzten Harold unterbreitet sie, dass sie bereits entsprechende Tabletten zu sich genommen habe. Er bringt sie ins Krankenhaus, aber es ist zu spät. In der vorletzten Szene stürzt Harolds Jaguar die Klippen hinunter. Der Eindruck, dass er sich schließlich doch getötet habe, wird in der nächsten Szene entkräftet: Er steht oben auf den Felsen und spielt auf dem Banjo, das ihm Maude geschenkt hat.

Rezension

Die kurze, aber wichtige Einstellung wird in der Handlungsbeschreibung erwähnt, in der sich erweist, dass Maude die Überlebende eines KZ-Aufenthalts ist. Bis zu dem Moment hing für mich ihre eigenwillige Lebensweise ziemlich in der Luft, besonders ihre Nekrophilie. Sie hat eine Wiener Vergangenheit und die Wiener schätzen bekanntlich nichts mehr als den Zentralfriedhof, er wurde sogar poetisch verewigt. Aber ob das Publikum in den USA sich damit auskannte oder heute auskennt? Wohl kaum. Ihr Leben im Hier und Jetzt, das Auskosten eines jeden Tages, das wird jedoch verständlich ohne weitere Kommentare, als der Zuschauer erkennt, dass sie dem gewaltsamen Tod gerade noch entkommen konnte und man sieht vor sich, wie das Trauma der Lagerhaft entstand.

Beim ersten Mal, da war’s noch Zufall. Da hatte Harold einen Unfall und hätte dabei wirklich sterben können. Doch das Sterben gefiel im dann so gut, dass er es immer wieder auf neue Weise zu inszenieren wusste. Bei ihm gibt es kein KZ-Trauma, sondern nur eine sterile, lieb- und leblose Welt, die ihn vorzeitig apathisch gemacht hat und Todessehnsucht in ihm weckt. Er kann im Grunde tun und lassen, was er will, denn seine Familie scheint sehr vermögend zu sein. Was macht man mit Jungs, die abgehärtet werden müssen? Man steckt sie ins Militär, wo ein Onkel tätig ist, natürlich in hoher Position, der sich darüber ärgert, dass nach den beiden Weltkriegen keine richtig guten Siege mehr für die USA gegeben hat. Harold hätte eingezogen werden und nach Vietnam gehen können, bzw. er wäre dorthin geschickt worden.

Harold und Maude wehren also dieses Ansinnen seitens Harolds Familie ab, wobei er eine übertriebene Blutrünstigkeit zur Schau stellt, die aber recht gut zu seinen Suizid-Inszenierungen passt und daher für eine glaubwürdige Macke gehalten zu werden scheint. 1971 gab es zwar schon Filme darüber, wie man sich vor dem Kriegseinsatz in Vietnam drückt, aber noch keine kritische Auseinandersetzung mit dem Krieg selbst in Hollywood. Das hätte man damals wohl als Angriff von hinten an der Heimatfront empfunden und so mussten sich die Kinogänger:innen mit Machwerken wie „The Green Berets“ begnügen oder konnten bei Anti-Kriegs-Demos mitmachen. Das Publikum war also möglicherweise etwas verdutzt und pikiert über die Darstellung des Militärs, aber auch über Harold und Maude als Figuren.

Harold mag Maude so sehr und lernt sie lieben, dass er sie heiraten will. Mehrere Menschen machen ihm klar, dass das eine schreckliche Idee ist, besonders beeindruckend der Priester, der in sinisterem Ton vor sich hin murmelt, wie es denn sein wird, wenn straffes Fleisch und schlaffes Fleisch … nun ja, ein Priester eben, die haben sexuell viel mehr Fantasie, als man so denkt, aber selbstverständlich spielt dieser große Altersunterschied zwischen einem etwa 20-Jährigen und einer Frau von 79 Jahren tatsächlich eine Rolle bei der Rezeption des Films und macht ihn bis heute zu einer Ausnahme. Maude-Darstellerin Ruth Gordon war übrigens 75 Jahre alt, als der Film herauskam und lebte nach dessen Erscheinen noch 14 Jahre. Sie brachte sich also nicht mit 80 um, weil dies eine gute Zeit zum Sterben sein könnte. Heute ist dieser Aspekt gar nicht unaktuelle, weil die Menschen wieder um einiges älter werden, als das zu Beginn der 1970er Jahre der Fall war. Wer heute geboren wird, zumindest als biologisch weibliche Person, hat sehr gute Chancen, älter als Maude zu werden und so alt wie ihre Darstellerin (89 Jahre).

Harolds Inszenierungen fand ich skurril, ich mag das Schräge eben generell. Hingegen hatte ich zu Maude erst einen Zugang gefunden, als ich ihren biografischen Hintergrund kannte. Auf den dürfte es in einem Film, der alles zeigt, was ein lebenslustiger älterer Menschen einem Jungen, der zu Hause quasi lebendig eingegruftet ist, zeigen kann, aber nicht unbedingt ankommen, damit man sich mit den Figuren identifizieren kann.

Der Film fiel 1971 bei der Kritik durch. So nannte ihn die Zeitschrift Variety etwa eine „geschmacklose schräge Komödie“, die den gleichen Witz aufweise „wie ein in Flammen stehendes Waisenhaus“.[8] Roger Ebert meinte, dass der Tod potenziell witzig sein könne, aber nicht wie in Harold und Maude.[9] Inzwischen hat sich die Rezeption des Films jedoch grundlegend gewandelt. Auf Rotten Tomatoes wurden zuletzt 86 % positive Kritiken gezählt. Zusammenfassend heißt es dort: „Hal Ashbys Komödie kann für manche zu düster sein und manchmal etwas übertrieben, aber der Film lebt von seinem warmen Humor und großem Herz.“[10]

Die Kritiker:innen der heutigen Generation sind ja auch von vielen schrägen Filmen geprägt und durch wirklich blutige und brutale Movies ganz andere Dinge gewöhnt als das, was Harold vorführt. Aber damals hat der Schock-Effekt sicher ganz gut funktioniert und ich finde den Tod in der gezeigten Form einer Inszenierung sehr wohl witzig. Weniger gut klargekommen bin ich allerdings damit, dass eine Frau, die noch gesund ist und so lebenslustig, ihr Leben sozusagen termingemäß beendet, weil sie sich das irgendwann vorgenommen hat. Das ist auch schon wieder zu gestanzt und entspricht nicht dem, wie wir Maude erleben. Als sie zum ersten Mal andeutete, dass sie gedenkt, selbstbestimmt zu handeln, hat mich das wirklich gestört.

Weil es keinen ersichtlichen Grund dafür gibt. Sie hätte noch so viele vernachlässigte Straßenbäume retten und so viele Beerdigungen besuchen können. Sicher wirkt es sehr philosophisch, dass ihr Tod den jungen Harold erst wirklich ins Leben geholt hat, wie man in der Schlussszene sieht und die Symbolik mit dem Banjo, das sie ihm geschenkt hat in Zusammenhang mit dem über die Klippe gestürzten Leichenwagen spricht für sich selbst. Es erinnert mich ein wenig an die Gitarre in „Orfeo Negro“ oder an die Balalaika in „Doktor Schiwago“. Das Leben geht immer weiter und wenn eine Generation abtritt, nachdem sie es zur Meisterschaft im Musik machen gebracht hat, übt die nächste, geht die ersten unsicheren Schritte, spielt die ersten leisen Töne des eigenen Lebens und trägt die Botschaft über die Liebe zum Leben weiter. Die Instrumente wandern mit dem Leben von Besitzer zu Besitzer und in jedem, der neu darauf spielen lernt, ist das künstlerische und allgemeine Vermächtnis der Ahnen angelegt.

Insofern ist „Harold und Maude“ durchaus optimistisch, aber in mir hatte sich sogleich nach dem Ende der Eindruck festgesetzt, man lässt Maude doch lieber sterben, als dass man zeigt, wie sie eine Ehe mit Harold führt. Im selben Bett sind die beiden ja einmal zu sehen und die Zuschauer:innen dürfen darüber knobeln, ob sie Sex hatten. Außerdem ist das Ende zu vorhersehbar. Vermutlich, weil man die Rettungsaktion nicht zum Klamauk ausarten lassen wollte, aber diesbezüglich ging man auf einem schmalen Grat und hinterließ uns eine Nuss zum Knacken.

Finale

Das Lexikon des internationalen Films bezeichnete den Film als „[e]ine sanft anarchistische Komödie, die die verträumte Lebenslust der amerikanischen Blumenkinder der späten 60er-Jahre beschwört und vom Charme ihrer Hauptdarsteller profitiert“.[11] Reclams Filmführer sieht ihn als „effektvollen Rundumschlag“. Ashby habe hier eine „Komödie voller Widerhaken“ gedreht, „ein skurriles Spiel, das für Individualität ebenso wirbt wie für Pragmatismus und das die Ohnmacht der Institutionen bei der Lösung zwischenmenschlicher Konflikte zeigt. Der ‚American Way of life‘ erscheint als Schreckensvision, die traditionellen Ordnungskräfte wie Militär und Polizei sind zur Karikatur degeneriert, und der Glaube eines Psychoanalytikers an seine Wissenschaft ist nur noch Anlass zur Belustigung.“[12]

Auch das Filmlexikon bezieht sich also auf die Flower-Power-Epoche, besonders gut geschrieben finde ich die Anmerkungen ab „skurriles Spiel“. Ein Eheanbahnungsinstitut ist zwar keine Institution, aber die Ehe selbst ist schon eines, und natürlich das Militär. Die Polizei wird ebenfalls auf die Schippe genommen und welchem jungen Menchen hätte das 1971 nicht gefallen? Nun ja, vielleicht doch einigen, sonst wäre der Film ja damals schon ein Hit geworden. Manchmal glaube ich, ich habe eine Abneigung jenes Lebensmodell, das Maude führt. Das komplett Anarchische mag ich schon, aber es ist immer klar, dass es surreal ist, bei den Marx Brothers oder den Monty Pythons. Die ältere Dame hingegen wirkt, als ob sie nicht sät, nicht erntet, aber der Vater im Himmel doch für sie sorgt, und zwar besser als für die meisten, die materiell um so vieles besser aufgestellt sind.

Vermutlich traue ich mich nicht, aufs Ganze zu gehen und es so zu machen wie sie. Maude erinnert mich an etwas, das ich nie gelebt habe und das mich vor Fragen stellt und vor allem diesen Hint gibt für weitere Jahre des Nachdenkens gibt: Ist es je zu spät, um die Tretmühle zu verlassen und etwas zu tun, was niemandem schadet, aber eine Harmonie mit dem eigenen Ich bewirkt, die man bis dahin vielleicht nicht für möglich gehalten hat? Alles hinter sich zu lassen, war Menschen, die so viel erlebt hatten wie Maude vielleicht eher möglich, aber es muss ja nicht alles, was man für sich selbst tut, Ergebnis eines zentralen Traumas wie dem Überleben im Holocaust sein. Es kann genauso gut ein Prozess sein, den man gestalten und genießen, basierend auf vielen Erfahrungen und Einsichten.

Es ist seltsam, ich hatte den Film schon einmal aufgezeichnet, mit dem Anschauen begonnen, abgebrochen und dann zählte er zu den Verlustposten, als ich den Media Receiver wechselte. Damals konnte man die Festplatten noch nicht von einem Gerät aufs nächste übertragen. Ich hatte den Eindruck, es würde kein Lieblingsfilm von mir werden. Das ist er nach dem Anschauen nicht geworden, aber er hat witzig-makabere und auch einige berührende Momente. Ich glaube, ihn weitgehend zu verstehen und werde über „Harold und Maude“ noch ein wenig nachdenken und dann weitermachen wie bisher.

78/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hal Ashby
Drehbuch Colin Higgins
Produktion Colin Higgins,
Charles Mulvehill
Musik Cat Stevens
Kamera John A. Alonzo
Schnitt William A. Sawyer,
Edward Warschilka
Besetzung

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