Café Europa (G.I. Blues, USA 1960) #Filmfest 566

Filmfest 566 Cinema

Café Europa ist ein US-amerikanischer Musikfilm von Norman Taurog aus dem Jahr 1960. Es war der fünfte Film, in dem Elvis Presley als Schauspieler auftrat und der erste nach seiner Zeit bei der Army.

Der King ist uns als Schauspieler nun schon mehrfach begegnet. Nach den obigen Angaben müsste sein Auftritt in „Flaming Star“ nach dem in G. I. Blues stattgefunden haben. So gesehen gab es keine ununterbrochene Abfolge von Komödien, die immer mehr im Seichten endeten, es wäre vielleicht eine andere Entwicklung möglich gewesen. Aber auf eines weist diese zeitgenössische deutsche Kritik hin, darauf werden wir in der –> Rezension noch etwas mehr eingehen.

Der film-dienst befand: „Wer Presley aus früheren Filmen kennt, ist einigermaßen überrascht, hier eine wesentlich sympathischere Neuausgabe des singenden ’Zitteraals‘ zu entdecken. Hoffentlich nutzt er die Chance, in ein anderes Fahrwasser zu kommen. Daß der Rock’n’Roll so gut wie tot ist, beweist auch dieser Film.“[6]

Handlung (1)

Die in der Bundesrepublik Deutschland stationierte Panzereinheit um den jungen Soldaten Tulsa wird nach Frankfurt am Main verlegt. Am Wiesbadener Hauptbahnhof treffen die GIs auf den Soldaten Turk, der gerade aus Frankfurt kommt. Er erzählt von seinen Affären, muss jedoch zugeben, dass er bei der schönen Lili nicht landen konnte. Bis zur Haustür durfte er sie bringen, sie jedoch nicht mit in ihre Wohnung begleiten. Er wettet mit dem Schürzenjäger Dynamite, dass auch er es innerhalb von sieben Tagen nicht schaffen wird, mit Lili allein eine Nacht zu verbringen. Tulsa, der seinem Chef Sgt. McGraw gerade mehrere hundert Dollar für einen in der Heimat geplanten Nachtclub für seine Dreimannband abgeschwatzt hat, setzt alles Geld darauf, dass Dynamite Lili verführen kann. Noch am Bahnhof wird Dynamite jedoch aufgrund seiner Eskapaden und den damit einhergehenden Beschwerden der Väter nach Alaska strafversetzt. Seine Freunde überreden Tulsa, an Dynamites Stelle die Wette zu übernehmen, und der sagt notgedrungen zu.

Lili ist Tänzerin im Frankfurter Café Europa. Obwohl sie Tulsa gegenüber zunächst abweisend ist, beginnt sie sich für ihn zu interessieren, nachdem er im Café gesungen hat. Um einem anderen aufdringlichen Verehrer zu entgehen, verlässt sie mit Tulsa überstürzt das Café. Tulsas Freund Cookie verliebt sich unterdessen in die italienische Serviererin Tina. Es gelingt ihm, mit Tina in ihre Wohnung zu gehen. Kurze Zeit später erscheinen auch Tulsa und Lili, die den gesamten Abend miteinander verbracht haben und nun auf der Wohnung etwas essen wollen – Lili und Tina teilen sich eine Wohnung und Tulsa und Cookie gehen, da die Wette nur gilt, wenn Tulsa mit Lili allein ist.

Lili verabredet sich für den nächsten Tag mit Tulsa und beide fahren nach Rüdesheim am Rhein,[1] wo sie mit der Seilbahn zum Niederwalddenkmal herauffahren, eine Schiffstour auf dem Rhein machen und sich eine Kasperletheatervorstellung ansehen. Als Tulsa Lili zum ersten Mal küsst, bekommt er ein schlechtes Gewissen wegen der laufenden Wette. Am nächsten Tag geht er zu Lili in die Garderobe und trennt sich von ihr, da er für sie mehr empfinde, als er als stationierter Soldat es sollte. Er kündigt Cookie gegenüber die Wette auf. (…)

Rezension

Der Druck der Öffentlichkeit, religiöser Organisationen, sowie staatliches Eingreifen begrenzte oder entfernte den Rock ’n’ Roll zunächst aus den Medien und führte dann Ende der 50er Jahre zu dessen allgemeiner Ächtung. Als eine Folge zogen sich Stars komplett aus dem Musikgeschäft zurück oder suchten nach einer Läuterung durch extrem angepasstes Verhalten den erneuten Zugang zu den Massen und kommerziellem Erfolg. So wandte sich Little Richard in der Überzeugung, Rock ’n’ Roll wäre vom Teufel gemacht, dem Studium der Theologie zu. Gene Vincent wanderte nach England aus. Der gleichzeitige Tod von Big Bopper, Buddy Holly und Richie Valens bei einem Flugzeugabsturz im Jahr 1959 sowie von Eddie Cochran 1960 leiteten das Ende des rebellischen Rock ’n’ Roll ein.

Da frohlockte die kirchliche Kritik wohl nicht nur in Deutschland, dies erklärt auch den obigen Duktus: Nur ein Elvis Presley, der sich vom Rock’n Roll entfernt, kann sympathisch im Sinne von mainstreamig und unrebellisch wirken. In der Tat: Bei allem, was Presley über die Jahrzehnte hinweg verkörpert hatte, schon während seiner tatsächlichen Stationierung in Deutschland im Jahr 1958 wandelte er sich vom Rebellen, vom Idol der Jugend, zu einem Mainstream-Popstar. Durch herausragende Lieder und seine unverkennbare Stimme konnte er oben bleiben, doch der Stil dieser Songs wurde deutlich konformer und erreichte in den 1960ern teilweise sogar etwas Hymnisches, symbolisiert nicht zuletzt in Coverversionen populärer sakraler Musik und neuer Lieder in dieser Richtung wie „Crying in the Chapel“ (1969). Aber er schaffte es, sich von einem Idol zu einer Ikone weiterzuentwickeln und kam damit auf mehr verkaufte Tronträger als alle anderen, die Beatles und die Stones eingeschlossen, ohne dass er bloß nostalgisch wirkte.

„Elvis Presley […] posiert in diesem Postkarten-Film erstmalig verinnerlicht; er brüllt nicht mehr ekstatisch, sondern wimmert in GI-Uniform heimelig Muß i denn und G’schichten aus dem Wiener Wald. Die Handlung, mit der die zehn Blubber-Nummern des Nato-Soldaten garniert wurden, strotzt von rührenden Klischees: Frolleins, Kasperle-Theater und Pumpernickel ergeben ein Bild deutscher ‚Gemütlichkeit‘, wie es amerikanische Bilder-Blätter ihren Lesern beharrlich weiszumachen versuchen.“ – Der Spiegel, 1961[5]

Wer die Paris-Filme der Amerikaner aus den 1950ern kennt oder auch die Italien-Filme, der kann sich vorstellen, wie dieses Werk gestaltet ist. Mit dem Unterschied, dass in einigen dieser Filme erstklassige Künstler auftraten, und das waren diejenigen, die in „G. I. Blues“ mitspielten, eindeutig nicht, auch nicht der King selbst, der stellenweise etwas ins Schwimmen kommt und ansonsten eher „bland“ wirkt, wie es eine britische zeitgenössische Kritik für den gesamten Film formuliert.

Ein weiterer Aspekt, der den Film stark beeinflusst und die Gestaltungsmöglichkeiten verengt: Schon im Vorspann erwähnt das produzierende Studio Paramount deutlich, dass dieses Werk mit voller Unterstützung der US-Streitkräfte zustandegekommen ist. Damit konnten die Armeeangehörigen natürlich nicht problembehaftet und lost in der Fremde gezeigt werden, selbst eine Kneipenshlägerei, die sie anzetteln, geht einigermaßen glimpflich aus. Vielmehr ist „G. I. Blues“ trotz seines Namens, der auf eine weniger komödienhafte Grundstimmung hinweist, ein Fraternisierungsfilm mit totalem Happy-End geworden, denn alle drei maßgeblichen G. I.s finden in Deutschland ihre Liebe, einer sogar in Person einer hübschen Italienerin, die hier schon als „Gastarbeiterin“ in der Gastronomie tätig ist.

Selbstverständlich gab es solche Fälle tatsächlich, sie waren nicht selten und natürlich ist es schön, wenn ein US-Film Deutschland einmal nicht ausschließlich als die Heimat der Nazis darstellt, sondern auf die durchaus idyllische Weise, die es nach dem Krieg tatsächlich hatte, sagen wir, ab Mitte der 1950er, als die wirtschaftliche Erholung sich durchsetzte. Deutsche Filme aus der Zeit zeigen fast die gleichen Panoramen, vielleicht etwas weniger auf Hochglanz gemacht, aber auch das trifft nicht auf alle Gegenwartsfilme der damaligen Zeit zu, Heimatfilme beispielsweise waren noch wesentlich kitschiger aufgezogen als zum Beispiel „G. I. Joe“, der durchaus Besatzungsmentalität offenbart. Deutsche Frauen werden mehr oder weniger als leichte Beute für die meist blendend aussehenden US-Soldaten dargestellt, das waren sie aber Ende der 1950er nicht mehr. Fairerweise wird der weiblichen Hauptfigur zumindest zu Beginn auch eine gewisse Urteilskraft und allemal wirtschaftliche Selbstständigkeit zugeprochen, anders ausgedrückt: Sie verdient wesentlich mehr als ein G.I., wie man gleich sehen wird.

Nur Lili ist anders und sie heißt wohl so, weil ihre Darstellerin ein wenig auf Leslie Caron kommt, aber auch Lili Marleen war den Amerikanern wie den Deutschen natürlich ein Begriff. Dafür konnte sie mit einer Beinlänge von 39,6 Inches aufwarten, bei einer Körperhöhe von 1,73 Metern. Dieser Vorzug wird aufgrund ihres Jobs als Tänzerin im fiktiven Frankfurter Nachtclub „Café Europa“ gebührend herausgestellt. Sie fährt sogar einen Mercedes 190 SL, wie Rosemarie Nitribitt und in derselben Stadt, in der sich deren Schicksal entwickelte und erfüllte. Ob den Amerikanern, die den Film machten, diese Anspielung bewusst war, die sich auch aus dem Film „Das Mädchen Rosemarie“ (1958) ergeben haben könnte? Falls nicht, dann ist es keine Anspielung.

Als Babysitter und Frauenversteher macht Presley, wie seine Kameraden, eine eher durchschnittliche Figur, aber die Ansprüche haben sich seitdem auch verändert. Einen sehr niedlichen Moment gibt es dennoch, und da muss man nicht so streng sein wie der Spiegel: Elvis macht beim Kasperltheater mit und singt „Muss i denn zum Städtele hinaus“, teilweise mit einem freien englischen Text, hin und wieder aber auch in einem gar nicht so schlimmen Deutsch. Damit leitete vermutlich die deutsche Welle ein, die Zeit, in der unzählige Weltstars tatsächlich auch in Deutsch sangen. Kann man sich das heute noch vorstellen, wo jedes mittlere Talent hierzulande vor allem darauf achtet, in möglichst unauffälligem Englisch zu performen? Okay, der Trend, auch auf Deutsch zu singen, setzte bereits in den Jahren zuvor ein, als die BRD sich zu einem heißen Markt in Europa entwickelte, aber Elvis macht das sowohl gesangsmäßig als auch visuell sehr charmant und beweist in dieser Szene einen Humor, den man ihm nicht zugetraut hätte. Gut möglich, dass es ihm wirklich Spaß gemacht hat. Was man nicht gemacht hat: Sich auf deutsche Schauspieler:innen verlassen, von zwei sehr kleinen Nebenrollen abgesehen.

Der Film führte in Deutschland zu einer großen Nachfrage nach dem Titel Wooden Heart, Elvis Presleys Cover-Version des Volkslieds Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus. Innerhalb weniger Wochen wurden in Deutschland rund 400.000 Platten verkauft. Der Bayerische Rundfunk und der Westberliner Rundfunk boykottierten die Presley-Version jedoch. Als Grund wurde die „bewußte […] Verschnulzung deutscher Volkslieder“ angegeben und der Anspruch der Sender, Volksmusik nur „ernsthaft“ pflegen zu wollen.[4]

Dass der bayerische Rundfunk sich so verhielt, hat mich nicht überrascht, aber Berlin, das auch von der Kultur im amerikanischen Sektor geprägt war? Gemeint ist sicher nicht der oder das Berliner RIAS, sondern der SFB, der Vorgänger des heutigen RBB, der auf mich auch immer wieder mal den Eindruck macht, dass er konservativer ist als die Stadt selbst.

Finale

Handlungsseitig ist der Film nicht besser oder schlechter als andere Musikkomödien, man auch sagen, es gibt Schlimmeres. Aber schauspielerisch hängt er hinter Spitzenprodukten des Genres zurück, und das macht sehr wohl einen Unterschied, auch im Bereich reiner Unterhaltungsfilme. Dadurch, dass Elvis Presley in Deutschland war, wirkt das, was wir sehen, vergleichsweise authentisch, zumal einige Außenaufnahmen tatsächlich hier entstanden. Sie wurden aber in den Film eingefügt, die Schauspieler drehten komplett in den amerikanischen Paramount-Studios und den Unterschied sieht man teilweise deutlich; sogar bei der Panzertruppenübung, die anfänglich gezeigt wird. Als Zeitdokument ist auch dieser Film durchaus nicht wertlos, ansonsten eher etwas für Elvis-Fans oder jene, die sich daran erfreuen, wie Deutschland damals war und wie es hätte sein können, wäre es ganz und gar amerikanisiert worden. Trotz der Dominanz der US-Kultur im Alltag nehmen die politischen Differenzen seit der Wende eher zu als ab.

56/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Norman Taurog
Drehbuch Edmund Beloin,
Henry Garson
Produktion Hal B. Wallis
für Paramount Pictures
Musik Joseph J. Lilley
Kamera Loyal Griggs
Schnitt Warren Low
Besetzung

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