KGB – Schild und Schwert (GB / DE 2018) #Filmfest 570

Filmfest 570 Dokumentation

ARTE zeigt aktuell eine dreiteilige Dokumentation über die russischen Geheimdienste seit Lenins Machtübernahme im Jahr 1917. Hießen sie Tscheka, GPU, NKWD, KGB, oder, wie heute, FSB, sie sind immer mindestens eine Säule des Staates gewesen. Ihre Geschichte ist äußert spannend und so gruselig, dass ARTE bei einer Dokumentation warnt, der Stoff sei für verschiedene Menschengruppen nicht geeignet.

Hier finden Sie die Dokumentation bis zum 15.09.2021:

https://www.arte.tv/de/videos/078149-001-A/kgb-schild-und-schwert-1-3/ (Dserschinski & Co.)

https://www.arte.tv/de/videos/078149-002-A/kgb-schild-und-schwert-2-3/ (Berija & Co.)

https://www.arte.tv/de/videos/078149-003-A/kgb-schild-und-schwert-3-3/ (Putin & Co.)

Die drei Teile bestehen aus über 150 Minuten Stoff, aus dem die Alpträume des Normalbügers sind oder sein sollten und eines dürfen wir nicht vergessen, obwohl es im Film nicht erwähnt wird: Die Stasi war nach dem Vorbild des KGB organisiert worden, auch wenn sie nicht deren Höhe und Tiefe erreichte, und die Nachwirkungen, die der Spitzelstaat im Osten Deutschlands verursachte, sind noch heute zu betrachten. Noch in der DDR aufgewachsene Bürger:innen werden sich gewiss an das Wachregiment der Stasi „Feliks Dzierzynski“ erinnern, benannt nach dem Gründer des ersten sowjetischen Geheimdienstes „Tscheka“.

Wie wird es da wohl in Russland aussehen, in dem es eine ungebrochene, nunmehr über 100-jährige Geschichte der großen Macht der Geheimdienste gibt? Wer weiß. Es ist bei so viel Leid ja auch eine große Leidensfähigkeit nötig zum Überleben, und über diese verfügen die Russ:innen gewiss in weitaus stärkerem Maße als die Menschen hierzulande.

An einer Stelle wird gezeigt, wie einer der berüchtigten „Cambridge Five“ in der DDR vor Stasi-Kadern einen Schulungsvortrag hält, sicher eines der interessantesten Filmdokumente. Sie wissen nicht, wer die „C5“ sind? Sie erfahren es im zweiten Teil der Dokumentation, in dem man wenigstens keine Massenerschießungen mehr sieht, anders als in Teil 1.

Wenn es im dritten Teil heißt, mit Wladimir Putin hat sich der Geheimdienst seinen Staat gemacht, anstatt nur Teil des Staates oder eine seiner Säulen zu sein, dann ist das sicher richtig und die Gefahren, die davon für die Welt ausgehen, sollte man nicht unterschätzen. Trotzdem hat der dritte Teil der Dokumentation, im Gegensatz zu den ersten beiden, auch etwas Spekulatives, denn manche Vorgänge seit 1990 sind bezüglich ihrer Zuordnung bisher nicht bewiesen worden.

Die zusammengetragenen Fakten sind erheblich, äußerst eindrucksvoll und lassen es im Zusammenhang mit der ausführlichen Schilderung von Putins Aufstieg so wirken, als ob Russland heute viel gefährlicher sei, als es ökonomisch scheint, mit einem BIP, das immer noch wenig mehr als die Hälfte des deutschen beträgt. Aber wenn es stimmt, dass die Destabilisierungsaktionen, die vor allem im Internet vom FSB gesteuert werden, die westlichen Demokratien tatsächlich beschädigen, dann ist das natürlich im Verhältnis zu dem Russland, wie es sich aktuell darstellt, zu berücksichtigen. Nehmen wir an, die Anschläge, die auch im Ausland stattfinden, führen nicht zum Tod derjenigen, denen sie gelten und der FSB steckt wirklich dahinter. Sind sie dort zu blöd geworden, ganze Arbeit zu machen oder soll ein viel stärkeres Zeichen gesetzt werden dadurch, dass man sagt, wir könnten, fast überall, wenn wir ernsthaft wollten, aber noch ist es nicht wichtig genug?

Man versteht aber auch die Bunkermentalität, die sich in Russland breitgemacht hat, denn Geheimdienste sind nur dann von Nutzen, wenn sie gegen äußere und innere Feinde in Stellung gebracht werden können, und wenn keine da sind, schafft man sich welche und indoktriniert die Bevölkerung und fördert ihren Nationalismus.

Dass Putin kein Engelchen ist, ist seit vielen Jahren klar, dass die Cyberangriffe und das Infiltrieren von sozialen Netzwerken mit Fake News viel billiger sind als das klassische Ausspähen, dass die USA selbst einen zu aktiven und weit ausgebauten Geheimdienst haben, als dass man auf deren Boden viel ausrichten könnte, ist auch nicht gerade neu. Trotzdem kam es noch in den 1990ern zu einem hochrangigen Maulwurf im Dienste Russlands genau im Zentrum der Macht. Was man aber vor allem vor sich sieht: Die Historie der russischen Geheimdienste, ihr ungebrochenes Selbstverständnis, das sich keiner Demokratie unterordnet, sondern Diktatur, Hierarchie und nunmehr auch die Ausplünderung des eigenen Landes fördert, seit nicht mehr Ideologie, sondern simples Gewinnstreben weniger Mächtiger auch in Russland das Bild beherrschen.

Man merkt, dass dieser riesige Apparat nicht zum Spaß installiert ist und dem Nichtstun frönt und man kann aus der Historie heraus noch einmal besser einschätzen, was es bedeutet, dass Russland von einem Mann regiert wird, der nie im Leben etwas anderes sein wollte als ein Geheimdienstler, dessen ganzes Streben auf eine Karriere in diesem Machtkomplex ausgerichtet war, der den FSB sogar für kurze Zeit leitete, bevor er Ministerpräsident und später Präsident wurde und welche Vorgänger er möglicherweise wertschätzt. Der Gründer der Tscheka, Feliks Dserschinski, dürfte auf jeden Fall darunter sein. Warum? Auch das kann man im dritten Teil sehen.

Dummerweise hilft im Sinne des Modells der drei Imperien, wenn man Russland aufgrund seines weltweit aktiven Geheimdienstes nun doch dazurechnen will, nichts: Der Westen muss sich mit dem Land positiv auseinandersetzen, denn wenn China und Russland sich nicht mehr als Rivalen sehen, sondern als Verbündete gegen den Westen, wird es eng. Eigentlich traut man sich gegenseitig nicht, eigentlich sind Russen eher Europäer, aber wenn die geostrategische Lage keine andere Option für Russland zulässt, als sich China anzunähern? Der FSB ist für alles gerüstet, scheint es.

Andererseits. Wenn es tatsächlich möglich ist, die westlichen Demokratien und deren Meinungsfreiheit auf so simple Weise zu nutzen, wie es dem FSB unterstellt wird, dann stimmt in diesen Demokratien auch etwas nicht. Dann ist es wohl so, dass immer mehr Menschen erhebliche Gerechtigkeits- und Demokratiedefizite sehen und dass es daher leicht ist für russische Organisationen, Nadelstiche zu setzen. Darauf hysterisch zu reagieren, ist falsch, selbst dann, wenn die Wahl von Donald Trump im Jahr 2016 von Russland beeinflusst gewesen sein sollte. Viel gebracht hat Trump den Kreml-Herren sowieso nicht, aber sich von Putin ebenso abkochen lassen wie von Xi Jinping. Die Geheimdienste hatten in den letzten Jahren wieder viel zu tun.

Alles, was wir hier für die letzten Jahrzehnte kurz anreißen, ist nicht vergleichbar mit den unfassbaren Gräueltaten während der Zeit der Sowjetunion und besonders während der Ära, in der die Grausamsten der Grausamen zusammenwirkten, Stalin und Jeschow, dann Stalin und Berija. Wir reden mittlerweile von Einzelfällen, von Attentaten, auch von einer Fortführung des Gulag-Systems, aber nicht davon, wie es seinerzeit auch errichtet wurde, um Millionen von Arbeitssklaven für die besonders rücksichtslose Art der stalinschen Industrialisierung bereitzuhalten, nicht davon, wie ganze Volksgruppen „umgesetzt“ und Millionen von Menschen nach dem Motto präventiv ermordet wurden: „Lieber zehn Unschuldige töten, als dass ein Schuldiger entwischt“. Es gibt heute noch Stalinisten, die diese Herangehensweise super finden. Doch, wirklich. Diese sollten aber bedenken, dass viele, die sich selbst damals für absolut loyal hielten, ein paar Jahre später keinen Kopf mehr hatten, wenn es Stalin gefiel, wieder eine Wendung zu vollziehen.

Faszinierend sind deswegen auch die Interviews. Opfer kommen zu Wort, die noch die Sowjetzeit erlebt haben, aber auch Ex-Angehörige der Geheimdienste. Darunter welche, die bis heute hart geblieben sind und im Wesentlichen das Vorgehen des KGB und seiner Vorgänger und Nachfolger verteidigen. Boris Jelzin kommt bei ihnen nicht deshalb schlecht weg, weil es in Russland unter seiner Ägide in mehrfacher Hinsicht chaotisch zuging, sondern, weil er die Macht der Geheimdienste, er gliederte den Ex-KGB in mehrere auf, wenn auch teilweise mit untauglichen Mitteln, beschneiden wollte. Ein weiterer Bestandteil der Dokumentation: Junge, internationalistisch und pazifistisch gesinnte Schauspieler:innen lesen politische Witze in einem Comedy-Club vor, die man früher nur im engsten Familienkreis erzählen konnte. Drang etwas davon nach draußen, war man schnell verhaftet, ähnlich wie bei den Nazis, denen die Schergen in der SU auch nicht bei der Vernichtung von Menschenleben nachstanden.

Immerhin, dieser Bestandteil demokratischer, regierungskritischer Kultur, der sich in den 2000ern etablierte, scheint noch nicht komplett verschwunden zu sein.

Inhalt

KGB – Schild und Schwert (1/3) Dserschinski & Co.

1917 gründet Lenin die Geheimpolizei Tscheka, unter dem „eisernen“ Feliks Dserschinski, mit dem Auftrag: Terror und „Säuberungen“. Lenins Nachfolger Josef Stalin baut den Geheimdienst weiter aus. 1937 beginnt er sein Regime des „Großen Terrors“: Der Geheimdienst NKWD soll jegliche Opposition vernichten …

Nach der Machtergreifung der Bolschewiki 1917 gründet Lenin eine provisorische Geheimpolizei: die Tscheka. Ihr Chef wird der „eiserne“ Feliks Dserschinski. Er überzeugt Lenin von der Notwendigkeit organisierten Roten Terrors und von „Säuberungen“, mit 100.000 Opfern. Lenins Nachfolger Josef Stalin baut den Geheimdienst weiter aus. Er lässt durch Dserschinski Hunderttausende politische Gegner, aber auch Kriminelle und unschuldige Menschen in den Straflagern des Gulag-Systems inhaftieren, als billige Arbeitskräfte für die Modernisierung des Landes.
1937 beginnt Stalin sein Regime des sogenannten Großen Terrors: Der Geheimdienst NKWD soll jegliche Opposition vernichten. Sein neuer Leiter der Geheimpolizei ist der gewissenlose Sadist Nikolaj Jeschow, der eine Tötungswelle im industriellen Maßstab startet. Danach wird er selbst exekutiert. Stalin ersetzt ihn durch Lawrenti Berija, der einer der berüchtigtsten Männer der Sowjetgeschichte werden wird. Nach dem geheimen Nichtangriffspakt mit dem Deutschen Reich 1939 und dem sowjetischen Überfall auf Ostpolen lässt Berija 22.000 polnische Gefangene in Katyn erschießen. Er hat auch einen Maulwurf in den Rängen der Gestapo, warnt Stalin allerdings vergeblich vor dem bevorstehenden Überfall der Wehrmacht. Berija baut seine Organisation in Kriegszeiten massiv aus und lässt ganze Volksgruppen als angebliche Kollaborateure deportieren.
Berijas Meisterstück: Er lässt das geheime US-Atombombenprojekt ausspionieren. Was folgt, ist ein Wettrüsten, das die Welt ganz nah an den Abgrund bringen wird. Das Spiel der Spione im Kalten Krieg beginnt.
 

KGB – Schild und Schwert (2/3) Berija & Co.

Durch Lawrenti Berijas NKWD erlangen die Sowjets schon 1949 eigene Atomwaffen und den Status der Supermacht. Als Stalin 1953 stirbt, wird Berija von Nikita Chruschtschow verhaftet. Der Geheimdienst wird umbenannt in KGB. Unter Juri Andropow werden Oppositionelle in der Psychiatrie drangsaliert. Der KGB spielt eine wichtige Rolle in der Kubakrise …

Als die USA die erste Atombombe zünden, ist Stalin nicht besonders beeindruckt. Der Geheimdienst liefert der sowjetischen Regierung längst Daten des Manhattan-Projekts. Diese Informationen ermöglichen den Sowjets, schon 1949 eigene Atomwaffen zu bauen – unter Aufsicht Lawrenti Berijas. Das Agentennetz des NKWD verschafft der Sowjetunion den Status der Supermacht. Als Stalin 1953 stirbt, ist Berija ein aussichtsreicher Kandidat für die Nachfolge. Doch Nikita Chruschtschow, ebenfalls hoher Parteifunktionär, lässt ihn vor den Augen des Zentralkomitees als Spion verhaften. Er schränkt die Macht des Geheimdienstes ein und gibt ihm einen neuen Namen: Komitee für Staatssicherheit – KGB. Er ist im Inland nicht mehr das uneingeschränkte Unterdrückungsinstrument. Doch durch Folter in den Gefängnissen und durch Einweisung in die geschlossene Psychiatrie wird der Geheimdienst Oppositionelle weiter drangsalieren, besonders später unter dem neuen KGB-Chef Jurij Andropow.
Der Kalte Krieg erreicht 1962 in der Kubakrise einen Höhepunkt – und bringt die ganze Welt so nahe an den Abgrund wie nie zuvor. Nikita Chruschtschow weiß unter anderem über seine britischen Agenten der „Cambridge Five“ oder durch Sex-Spionage und Erpressungsaktionen Bescheid. Während die atomare Konfrontation der USA und der Sowjetunion kurz bevorsteht, hilft Alexander Feklisow, KGB-Agent in Washington, die Katastrophe totaler atomarer Zerstörung zu verhindern. Doch dann wirbt der KGB einen Maulwurf an der Spitze der CIA an.
 

KGB – Schild und Schwert (3/3) Putin & Co.

Ein Putsch, Attentate, Auftragsmorde, Sexskandale – was nach James Bond klingt, ist im modernen Russland ganz real. Wladimir Putin wird vom Geheimdienstoffizier zum Präsidenten. In seine Amtszeit fallen Giftmorde, Verfolgung und Tötung kritischer Journalisten. Politiker oder Ex-Geheimdienstler. Früher hatte der Staat einen Geheimdienst, jetzt ist es umgekehrt.

1991 scheitert ein KGB-Putsch gegen Gorbatschow. Kurz darauf zerfällt das Riesenreich, und Russlands Präsident Jelzin löst den alten KGB auf. Durch Teilung versucht er, ihn besser unter Kontrolle zu halten. Viele Ex-KGB-Mitarbeiter werden als Sicherheitsbeauftragte reich. Auch Oberstleutnant Wladimir Putin profitiert und wird FSB-Chef. Er muss sich mit Sprengstoffanschlägen in Moskau auseinandersetzen, wird aber als der neue starke Mann Russlands Präsident und herrscht mit Hilfe der Führungsebene von Geheimdienst, Armee und Polizei. Putin führt jahrelang Kriege gegen Tschetschenien, bis die Tschetschenen den Terror in die Hauptstadt tragen und ein Theater überfallen. Bei der Befreiungsaktion des FSB gibt es viele Tote, in der Folge auch unter den Journalisten der Untersuchungskommission. In Putins Russland ist jeder, der aus der Reihe tanzt, in großer Gefahr. Michail Chodorkowski, der reichste der Oligarchen, erlaubt sich 2003 kritische Bemerkungen über die grassierende Korruption im Staat, wird bald danach verhaftet und verurteilt.
Ein Auftragskiller des FSB, der an die Öffentlichkeit geht, stirbt qualvoll an einer Verstrahlung. Der ukrainische Präsidentschaftskandidat Juschtschenko überlebt ein Attentat des Geheimdienstes nur knapp. Angehörige des militärischen Geheimdienstes GRU sind im Einsatz, als Putin die Krim annektieren lässt. Geheimdienst-Hackergruppen sind inzwischen handfeste, ständige Bedrohungen. Unter Wladimir Putin beherrscht der KGB, heute unter dem Namen FSB, Russland mit eiserner Hand – direkt vom Kreml aus.
 
***
 
TH

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