Anna Magnani – der unkonventionelle Filmstar aus Rom (La passion d’Anna Magnani, FR 2017) #Filmfest 573

Filmfest 573 Dokumentation – Titelfoto © Arte

Anna Magnani (* 7. März 1908 in Rom; † 26. September 1973 ebenda) war eine italienische Filmschauspielerin.

Den Film, für den Anna Magnani mit dem Oscar prämiert wurde, habe ich entweder noch gar nicht gesehen oder vor sehr langer Zeit: „The Rose Tattoo“. Hingegen erst kürzlich „Der Mann in der Schlangenhaut“, in dem sie mit Marlon Brando zusammenspielt, eine weitere Tennessee-Williams-Verfilmung. Die Rezension ist noch nicht veröffentlicht. Ganz sicher ist dieser erste Nachkriegs-Star des italienischen Kinos in vieler Hinsicht ein Sonderfall, das wird vor allem deutlich, wenn man andere Schauspielerinnen, auch jene, die kurz danach durch Filme des Neorealismus oder andere Kinostücke populär wurden, wenn man bis heute nachverfolgt, wie italienische Stars doch bestimmten Klischees entsprechen. Aber das eine oder andere davon trifft auch auf Anna Magnani zu. Darüber mehr in der -> Rezension. Aufrufen können Sie die Dokumentation, die von Arte gezeigt wird,  unter anderem hier:

https://www.prisma.de/mediathek/arte/kuenstlerinnenportraet/anna-magnani-der-unkonventionelle-filmstar-aus-rom,30290904

Inhalt

Der Weltruhm der italienischen Schauspielerin Anna Magnani begann 1945 mit Roberto Rosselinis Meisterwerk „Rom, offene Stadt“. Berühmt ist die Szene, in der Anna Magnani als liebende Pina dem Lastwagen der deutschen Besatzer hinterherläuft, mit dem ihr Verlobter Francesco abtransportiert wird. Von hinten Fallen die Schüsse der SS-Männer und Pina stirbt noch auf der Straße.

Pinas erschütternder Aufschrei nach ihrem Geliebten ist zu einem bedeutenden Antikriegsbild geworden. Der Neorealismus war eine Antwort auf den Faschismus in Italien und künstlerisch vom poetischen Realismus Frankreichs beeinflusst. Diese neue Art des Filmens wollte die Wirklichkeit ungeschminkt zeigen: das Leiden unter der Diktatur, die Armut und Unterdrückung des einfachen Volkes.

Anna Magnani verkörperte solche Frauenfiguren aus dem einfachen Volk. Ihr Schauspielstil steht für einen Realismus der Leidenschaften und Gefühle. Sie inspirierte renommierte Regisseure des europäischen und des US-amerikanischen Films wie Roberto Rossellini, Luchino Visconti, Federico Fellini, Pier Paolo Pasolini, Jean Renoir, Sidney Lumet, Daniel Mann, George Cukor und Stanley Kramer.

1956 gewann sie einen Oscar für ihre schauspielerische Leistung in der Tennessee-Williams-Adaption „Die tätowierte Rose“. Die Dokumentation zeichnet das Lebend der Schauspielerin anhand ihrer wichtigsten Rollen nach, ergänzt durch Berichte berühmter Kollegen, mit denen sie drehte. Erinnerungen ihres Sohnes Luca runden das Bild ab. Neben teilweise seltenen Archivdokumenten und Privataufnahmen bringt der Film auch ein unveröffentlichtes Interview, das die italienische Journalistin und Schriftstellerin Oriana Fallaci mit der Schauspielerin führte.

Rezension

Wäre „Ossessione“, gedreht 1941 nach dem Roman „The Postman Always Rings Twice“, der als erster neorealistischer Film oder als Vorläufer des Stils gilt, ein anderer geworden, hätte Anna Magnani die Frau des Tankstellenbesitzers gespielt, die mit einem Herumtreiber zusammen den Plan entwickelt, ihren Mann zu ermordet? Und wäre ihre Karriere anders verlaufen? Eine Mörderin hat Magnani meines Wissens nie dargestellt, sondern Frauen, die leiden und auf der anderen Seite stehen, waren ihre Spezialität.

Marlon Brando hat offenbar gerne mit ihr zusammengearbeitet und das sagt  mehr aus als bei Burt Lancaster, der ein viel umgänglicherer Typ war. Brando hat ihr wohl natürliches Method Acting zugerechnet und wenn ich  mir anschaue, was ich von Magnani kenne, entspricht sie sehr wohl dem Typ Südeuropäerin, der sich ganz veräußerlichen kann und dadurch hohen emotionalen Impact erzielt. Mit einem Unterschied vielleicht doch zu ihren Kolleginnen der nächsten Generation: Bei ihr kamen die Emotionen tief von innen, sie hat also, wie auch frühe Hollywoodstars, die oft sehr cool wirkten und nach heutigen Maßstäben sogar unterspielten, nur eben in der anderen Richtung, sich selbst gegeben.

Anna Magnani, als nichteheliches Kind in Armut geboren, wuchs bei ihrer Großmutter in Rom im Königreich Italien auf. Sie trat in Nachtclubs als Sängerin auf, um als Studentin der Accademia nazionale d’arte drammatica in Rom zu überleben. Nach dem Abschluss schloss sie sich einer Wanderbühne an. Sie trat bereits 1928 in Augusto Geninas Stummfilm Scampolo und in den 1930er Jahren in diversen kleineren Filmen auf. Bekannt wurde sie jedoch erst 1941 mit dem Film Teresa Venerdì von Vittorio De Sica.

Mich erinnert das, was oben steht, ein wenig an die Biografie von Edith Piaf, aber ich glaube, man kann es nur in Bezug auf die Fähigkeit, sich freizuspielen und dabei sehr expressiv zu werden, so sehen, dass Magnani die Piaf des italienischen Films ist. Denn als Typen sind sie recht unterschiedlich, als Charaktere ebenfalls. Bei Magnani wird zum Beispiel ihre Unabhängigkeit betont, während die französische Chansonette sich stets sehr an Männern ausgerichtet hatte. Vielleicht ist Magnani auch etwas wie die Katharine Hepburn Italiens – oder eher die  Bette Davis? Ich glaube, sie war ruhiger und schüchterner als die beiden, trotz ihrer inneren Stärke. In der Dokumentation kommt das besonders in der beliebten US-Show „What’s My Line?“ deutlich zum Vorschein, bei der sie 1956 mitgemacht hat. Ihre Optik ist gewöhnungsbedürftig, besonders,vom Hollywood-Standard aus betrachtet. Im europäischen Kino war die Bandbreite ja immer etwas größer. Doch umso bemerkenswerte die Tatsache, dass Magnani immerhin fünf Filme in Hollywood gedreht hat und dabei so sehr überzeugen konnte, dass sie für ihren ersten Auftritt in Tinseltown den Oscar erhielt.

Der Durchbruch als international gefeierter neuer Filmstar Italiens gelang ihr 1945, als Roberto Rossellini – mit dem sie auch privat liiert war – ihr die Rolle der Pina in Rom, offene Stadt gab, einem Meisterwerk des Neorealismus. Von da an arbeitete sie nur noch für den Film und mit vielen wichtigen Regisseuren der 1950er und 1960er Jahre.

Allerdings war die Beziehung zu Rosselini auch ein Drama. Die sicher beste, versierteste Stelle der ansonsten konventionell aufgebauten Dokumentation ist, wie sie in „Amore“ gezeigt wird, als sie Sätze ins Telefon spricht, die auf ihr Verhältnis zu Ingrid Bergman rekurrieren könnten, obwohl sie im Film nichts mit der Schwedin zu tun haben, die Hollywood verließ, um mit Rosselini Filme zu machen. Gegen Bergman hatte Magnani wohl keine Chance und Bergman vesuchte, in „Stromboli“ mehr als bisher à la Magnani zu spielen. Diese arbeitete währenddessen am Konkurrenzprodukt „Vulcano“ mit dem deutschstämmigen US-Regisseur William Dieterle, das sicher gut zur Situation passte. Von der Presse wurde diese Rivalität der Filme und der Darsteller:innen nur allzu gerne aufgegriffen.

Finale

Anna Magnani ist in der Tat ein unkonventioneller Star gewesen, den man sich am besten über sein Spiel erschließt. Und das funktioniert noch heute, wie ich kürzlich anhand des oben erwähnten Films feststellen konnte. Ihre Beliebtheit in Italien dürfte die aller anderen Stars überragt haben. Sie verstarb 1973, im Alter von 65 Jahren, ein Jahr zuvor hatte sie noch einen Kurzauftritt in Fellinis „Roma“. Wie alle Arte-Dokumentationen von 50 bis 60 Minuten Länge ist der Film „La passion d’Anna Magnani“ vor allem zum Einstieg geeignet. Eine Bereicherung war er für mich auf jeden Fall, denn über Anna Magnani wusste ich bisher vergleichsweise wenig.

TH

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