Rosis Baby – Polizeiruf 110 Episode 294 #Crimetime 1039 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #München #Tauber #Obermaier #BR #Rosi #Baby

Crimetime 1039 - Titelfoto © BR, Clau

Nach eineinhalb Jahren Beschäftigung mit der Reihe „Polizeiruf 110“ kann ich, wenn ich auf die bereits gesehenen Filme der letzten zehn, fünfzehn Jahre zurückblicke sagen: Rostock ist das Herzblatt und der emotionale Turbo der Reihe und München der Mercedes unter den Polizeirufen – wenn das nicht etwas despektierlich wäre, gerade in Bayern. Jedenfalls werden dort die „besonderen“ Fälle gemacht, die auf ihre Weise ebenso an die Grenze des Möglichen gehen, wie man das im Grunde in allen vier verbliebenen Polizeiruf-Städten versucht –  mit unterschiedlichen Ansätzen. Meine Anmerkung zu den München-Krimis deutet schon auf etwas hin und wird erklärt in der -> Rezension.

Handlung

Kriminalhauptkommissar Jürgen Tauber und seine Kollegin Jo Obermaier lernen unter dramatischen Umständen die behinderte Rosi Drechsler kennen: Rosis Mutter, Judith Drechsler, war nach einem schweren Überfall auf einem Rastplatz ins Koma gefallen.

Niemand will von dem folgenschweren Überfall etwas gesehen haben, auch Rosi nicht, obwohl sie sich noch kurz zuvor in der Raststätte mit ihrer Mutter gestritten hatte. Auch ein Video, das eine Überwachungskamera aufgenommen hat, hilft nicht weiter, denn die entscheidenden Minuten fehlen.

Tauber und Obermaier finden rasch heraus, dass die 19-jährige Rosi schwanger ist und dass ihre Mutter mit ihr offenbar auf dem Weg zu einer Abtreibungsklinik war. Über den Vater ihres Kindes schweigt Rosi beharrlich. Auch Rosis eigener Vater, Michael Drechsler, der zwar nach der Scheidung von Judith noch Kontakt zu seiner Exfrau und zu seiner Tochter Rosi hat, aber mittlerweile mit Andrea verheiratet ist, kann den Kommissaren nicht weiterhelfen.

Dann deutet alles darauf hin, dass Claus Born, der behinderte Sohn des Zahnarztes Dr. Robert Born, der Vater von Rosis Baby sein könnte. Auch weil Claus zu Aggressionen neigt, kommt er als Täter in Frage. Der Verdacht spitzt sich zu, zumal es gelingt, die fehlenden Minuten auf dem Videoband zu rekonstruieren. Nur eines wird deutlich: Rosi kennt den Täter.

Rezension

Wer wagt, gewinnt. Das gilt auch beim Film, wenn das Gewagte patent gemacht ist. Und daran besteht beim 294. Polizeiruf „Rosis Baby“ kein Zweifel. Der Polizist, der Menschen mit Down-Syndrom als „Mongos“ bezeichnet, wird im Laufe des Films ein richtiger Fan von ihnen – und dann enttäuscht. Die Polizistin, die versucht, politisch korrekt „Trisomie 21“ zu sagen, bleibt immer zugewandt, aber auch in einer gewissen Distanz. Man kann bei einem Thema wie der Darstellung des Lebens und des Wesens Behinderter viel falsch machen, besonders, wenn man versucht, es in ein Krimiformat einzubinden. Aber der Polizeiruf war in Sachen Auslotung neuer Wege und Brechnung von Tabus im (zwischen-) menschlichen Bereich immer schon stärker als der Tatort, das ist aus der DDR-Zeit tradiert und zeichnet diese Reihe noch heute aus. Meines Wissens ist „Rosis Baby“ der einzige Film aus mittlerweile ca. 1.500 Tatorten und Polizeirufen, der eine Figur ganz in den Mittelpunkt stellt, die tatsächlich das Down-Syndrom aufweist. So etwas kann leicht zur Exploitation führen, davor habe ich immer etwas Angst, wenn man sich an Krankheitsbilder heranwagt, die auffällig sind und in weiten Teilen der Bevölkerung mit Vorurteilen und Klischees belegt.

Es gibt auch in diesem Film ein paar Kleinigkeiten, die mich gestört haben: Dass Tauber plötzlich so ruppig agiert, das ist man von ihm gar nicht gewöhnt. Als Versehrter, nicht Behinderter, grenzt er sich anfangs auch strikt gegen die Menschen ab, die jene Erbkrankheit i. w. S. namens Trisomie 21 aufweisen. Rosi besteht aber darauf, dass er ebenfalls behindert ist und vielleicht sieht sie seine seelischen Verletzungen, die der Verlust des linken Arms mit sich gebracht hat. Deswegen sicher eine der schönsten Szenen des Films: Als Rosi ihn zum Tanz regelrecht verführt. Es gibt noch mehr solcher Höhepunkte, durch die ein besonders berührender, wunderbar einfühlsamer, aber auch humorvoller und Fragen aufwerfender Film entsteht.

Man kann es anhand von Taubers Metamorphose vom instinktiv Menschen mit Behinderung Ablehnenden zum Fan zum Enttäuschten nachvollziehen. Seine Abwehr ist nicht unnatürlich, denn selbstverständlich begleitet ihn sein eigenes Handicap und wir wissen aus anderen Filmen, dass seine Einarmigkeit immer wieder thematisiert wird. Es muss für Edgar Selge, der beide Arme besitzt, enorm anstrengend gewesen sein, ca. zwei Mal im Jahr in diese Rolle zu schlüpfen, die ja auch körperlich nicht gerade einfach zu gestalten ist. Und dann wird er mit Menschen konfrontiert, die es, wenn man eine Gradierung bilden will,  härter getroffen hat als ihn selbst, und dies von Geburt an. Andererseits kennen sie sich und die Umwelt nur so, wie sind, während er den Verlustschmerz, denn der Unfall im Dienst, der zu seiner Versehrung geführt hat, ist wohl erst einige Jahre her. Das ist beinahe, wie wenn man immer volles Haar hatte und dann, schon spät im Leben, passiert es doch, beinahe über Nacht und mitten in der Nacht … eine kahle Stelle bildet sich auf der Schädeldecke. Okay, mitten im Ernst muss mal etwas Selbstironie sein.

Anfangs geht Tauber also ungewöhnlich und ungebührlich hart mit Rosi um – und diese schafft es doch, ihn einzuwickeln und sie macht es wohl nicht einmal mit strategischer Absicht, sondern, weil sie ein absoluter Mensch ist, der alle lieben kann und von allen geliebt werden kann. Die Unmittelbarkeit der Gefühle und die Abwesenheit moralischer Kategorien werden explizit angesprochen. Und da Tauber auch sehr absolut ist und in sich eine hohe Emotionalität trägt, die er meist verbirgt und nicht, wie hier, ins Aggressive transformiert, ist er beinahe versucht, Rosi näherzukommen und wird daher wohl verstehen, was der affektierte Zahnarzt mit ihr gemacht hat. Wobei „mit ihr gemacht“ wieder klischeehaft ist, denn sie ist erwachsen und wollte es wohl ebenso, weil körperliche Liebe für sie ein Ausdruck ihrer grundsätzlichen Liebesbedürftigkeit ist. Sicher, das ist bei uns allen so, mehr oder weniger, aber bei ihr ist es eine Mischung aus einem Mangel, unterscheiden zu können und einer besonderen Empathie:

Auffallend viele Menschen mit Down-Syndrom haben besondere Fähigkeiten im Bereich des Sozialverhaltens und der Emotionalität, die bereits im Kleinkindalter beobachtet werden können. So wurde in Studien festgestellt, dass „viele dieser Kinder deutliche Stärken im sozialen Funktionieren“ zeigen und „öfter eine aufgeweckte Stimmungslage haben, mehr auf Musik ansprechen und weniger anstrengend sind als gleichaltrige andere Kinder“.[34] Dennoch können Menschen mit Down-Syndrom in ihrem Sozialverhalten und ihrer Emotionalität untereinander sehr verschieden sein.

Deswegen ist letztlich auch ihr Schwindeln nicht moralisch zu bewerten, denn es war ihr Vater, der ihre Mutter angegriffen hat, als es darum ging, ob Rosi ihr Kind behalten darf oder nicht, weil die Gefahr besteht, dass es ebenfalls mit Trisomie 21 geboren wird. Bleibt aber noch die Sache mit dem Kind. Man hat die Zuschauer*innen im 294. Polizeiruf nicht damit belästigt, bei welcher Variante der Trisomie 21 nun eine Erblichkeit besonders häufig ist, es gibt jedoch ein erhöhtes Risiko dafür, dass auch das Kind das Down-Syndrom bekommt. Deswegen hat der Zahnarzt seinen Sohn rigoros stilisieren lassen, in seiner perfekten Welt reich schon ein Kind, sein einziges wohl, das niemals so werden wird, wie seine Welt sonst beschaffen ist. Aber mit Rosi Sex haben, das geht, man kennt sich schon so lange. Tauber wird verstanden haben, wie es passieren kann und letztlich ist es tatsächlich die Frage, ob etwas verboten sein darf, weil ein Sexualpartner eine Behinderung hat. Auch die Abtreibungsfrage ist äußerst schwierig zu beantworten – denn es ist heute möglich, vorab nachsehen zu lassen, ob ein Kind, das eine Frau in sich trägt, gesund sein wird. Außerdem hat Tauber insofern recht, als Rosi, die ihr Kind unbedingt behalten will, dauerhaft die „Nichtbehinderten“ brauchen wird, um es aufzuziehen.

Finale

Selten hat ein Film so viele Grundfragen, wie wir’s mit dem Leben halten, so gekonnt verschachtelt. Natürlich musste dafür der Krimi einfach gehalten werden, das Thema und Rosi sollten im Vordergrund stehen. „Um ganz ehrlich zu sein, ich wage es nicht, zu diesen Dingen eine klare Meinung zu äußern“. So vieles spricht dafür, aber auch dagegen, dass Rosi ihr Kind bekommen darf.“ So lautete mein ethisches Fazit im vor etwa einem Jahr geschriebenen Entwurf. Mittlerweile habe ich einige Berichte über Familie angeschaut, in denen Kinder mit Down-Syndrom aufwachsen, auch welche, die sich bewusst für die Adoption von Kindern mit Trisomie 21 entschieden haben. Ich meine deshalb: Ja. Ja zu Rosis Kind.

Interessant, dass die Handlungsbeschreibung in der Wikipedia (hier nicht abgebildet) von einem offenen Ende ausgeht. Vor allem anhand von KHK Obermaiers Reaktion hatte ich die Lage so gedeutet, dass Rosis Kind abgetrieben wurde, ohne dass sie das selbst registriert hat. Dass sie nachher so befreit wirkt, könnte daher kommen, dass man ihr etwas anderes gesagt hat. Allerdings passt dazu nicht, dass sie behauptet, das Kind bewegt sich – ist dies nur Einbildung? Oh je. Das Herz sagt, man muss Rosi selbst entscheiden lassen, ob sie das Kind kriegen darf, aber ihre Eltern sind auch gleichzeitig ihre rechtlichen Betreuer und wenn es eine rechtliche Betreuung gibt, bedeutet dies, dass jemand nicht in der Lage sind, seine rechtlichen Angelegenheiten selbst zu regeln und daher auch nicht Entscheidungen von so großer Tragweite zu treffen, wie sie hier gefordert sind.

Außerdem wird anhand von Rosis Verhalten in der Familie des Vaters, nachdem ihre Mutter im Koma liegt und sie nicht mehr betreuen kann, drastisch geschildert, wie schwierig diese Situation für eine Familie ist, die nicht damit gerechnet hat und außerdem finanziell schlecht dasteht, sodass sie sich nicht entlasten kann. Ein Deal mit dem Vater, der das Kind los sei will und Geld ohne Ende hat, verspricht einen Ausweg. Nach einem heftigen Streit mit Rosi, die das Kind unbedingt austragen möchte, spielt die Mutter dann aber nicht mit und es kommt zu einem weiteren Streit mit ihrem Exmann – wobei sie so unglücklich aufschlägt, dass sie später an den Folgen verstirbt.

Bis auf ein paar kleine Wischer, die dieses Mal vor allem mit Tauber zu tun haben, ist dies ein großartiger Film, intensiv und mutig, ein Muss für alle, die verstehen wollen, warum manche finden, der Polizeiruf sei der bessere Tatort. „Rosis Baby“ ist natürlich eine Anspielung auf „Rosemaries Baby“, dem Kultthriller von Roman Polanski aus dem Jahr 1968 – in dem es aber nicht um eine Behinderung geht, sondern, ob ein Kind das Böse sozusagen implantiert bekommen und dann verkörpern kann. Wenn man traditionelle Sichtweisen auf den Tatbestand einer Behinderungs sieht und wie in vielen Ländern immer noch mit behinderten Menschen umgegangen wird, wirkt die Titelwahl aber nicht so weit hergeholt.

Kritiken

In der Frankfurter Allgemeinen kritisiert Torsten Körner und meint: „Der Film hat viele Geschichten in petto. Dank Andreas Kleinerts zudringlicher Regie kommt ihm die Gradlinigkeit aber nicht abhanden. […] Es ist auch dem Drehbuch von Matthias Pacht und Alex Buresch zu verdanken, dass dieses Liebespaar [in der Geschichte des Films] derart überzeugend zusammenfindet. Die Autoren loten nicht nur die Sprache der Liebe aus, sie stellen auch unsere Semantik in Frage. Sind vielleicht wir die ‚Fehler‘ und die anderen sind ‚richtig‘? Sind wir, die Nichtbehinderten, nicht vielmehr die verhinderten Menschen? Sind nicht wir diejenigen, die Rosis Hilfe brauchen? Der Film gibt keine plakativen Antworten, aber er hilft, Barrieren zu überwinden.“[3]

Rainer Tittelbach von tittelbach.tv meint: „‚Rosis Baby‘ ist ein wendungsreicher Krimi, der sich zum Familiendrama auswächst. Bei allem aber bleibt das ‚Sorgenkind‘ Rosi im Mittelpunkt. Sie ist das Herzstück des Falls, der Aktivposten. Sie führt die Kommissare in diesem winterlichen ‚Polizeiruf‘ aus München gelegentlich aufs Glatteis, sie sorgt aber auch für die nötige ‚Wärmezufuhr‘. Und sie lässt den so unsensiblen Tauber eine völlig neue Seite von sich entdecken.“[4]

„Die Suche nach dem Täter und dem Vater des Kindes schürt die Spannung. Aber der Krimi vollbringt das Kunststück, diese Suche zeitweilig völlig vergessen zu lassen. Gebannt folgen wir Rosi in ihre Welten folgt und sehen, wie Tauber sein Herz an sie verliert. Dabei ist der Film ungemein dezent, nie hat man das Gefühl, hier werde uns Rührung billig abgeluchst. Und schließlich bangt man bis zum Schluss: Wird Rosi ihr Baby behalten können?“ – Torsten Körner: Frankfurter Allgemeine Zeitung[3]

9/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Andreas Kleinert
Drehbuch Alex Buresch,
Matthias Pacht
Produktion Jakob Claussen,
Uli Putz
Musik Andreas Hoge
Kamera Johann Feindt
Schnitt Gisela Zick
Besetzung

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