Drei Rivalen (The Tall Men, USA 1955) #Filmfest 577

Filmfest 577 Cinema

Drei Rivalen (Originaltitel The Tall Men) ist ein US-amerikanischer Western aus dem Jahre 1955. Unter der Regie von Raoul Walsh spielen die Hauptrollen Clark Gable, Jane Russell und Robert Ryan. Der nach dem gleichnamigen Roman von Clay Fisher gedrehte Film „war verdientermaßen einer der erfolgreichsten Groß-Western der mittfünfziger Jahre“[3] und wird neben Red River, Cowboy, Die Cowboys, Greenhorn und Once Upon a Time zu den bedeutendsten Viehtreck-Western gezählt.[4]

Zwei Drittel des Films waren wohl vorüber, bis mein Déjavu kam. Ich hatte von Beginn an überlegt, ob es sich hier um den Western handelt, von dem ich zumindest einmal Ausschnitte gesehen hatte und der mir als sehr kleinräumig und studiohaft in Erinnerung war. Ja, es muss „Drei Rivalen“ gewesen sein, es handelte sich um die Szene, in der Jane Russell im Planwagen sitzt, Spottverse auf Clark Gable singt und dieser irgendwie nicht von seinem Platz wegkommt. Vermutlich kam mir das Setting so eng vor, weil er doch die ganze, weite Prärie gehabt hätte, um auszuweichen.

Allerdings ist der Film insgesamt ganz anders. Er stammt von der 20th Century Fox und nutzt zwei Jahre nach dessen Einführung das Cinemascope-Breitwandverfahren voll aus, um eine riesige Rinderherde auf dem Trieb zu zeigen. Fast alle Aufnahmen sind draußen gemacht und der Film dürfte einer der bis dahin technisch und visuell besten Western gewesen sein. Ob er auch als Film etwas hergibt, darüber mehr in  der –> Rezension.

Handlung

Im Jahre 1866, nachdem sie den Bürgerkrieg (auf konföderierter Seite als Angehörige einer Bushwhacker-Gruppe, der Quantrill’s Raiders) überlebt haben, wollen die texanischen Brüder Ben und Clint Allison ihr Glück machen, indem sie Raubüberfälle begehen. Eins ihrer Opfer, Nathan Stark, bietet ihnen an, eine riesige Rinderherde von Texas nach Montana zu treiben. Da die Rinder in Texas billig gekauft werden können, ist das riskante Unternehmen äußerst lukrativ.

Während der strapaziösen winterlichen Reise nach Texas rettet Ben die attraktive Nella Turner aus der Wildnis, die als Einzige einen Angriff von Oglala Sioux auf ihren Siedlertreck überlebt hat. Einige Tage müssen Nella und Ben wegen eines Schneesturms in einer Hütte verbringen. Die aufkeimende Liebe wird durch ihre unvereinbaren Zukunftspläne beendet; Nella will nämlich hoch hinaus, Ben dagegen will sich mit dem anspruchslosen Leben auf einer texanischen Ranch bescheiden.

Die Umstände zwingen sie, gemeinsam weiterzureisen. Als sie Clint und Nathan Stark in San Antonio treffen, macht Stark Nella in zudringlicher Weise den Hof. Sie ist pikiert, erkennt aber auch, dass er ihre Zukunftsträume verwirklichen könnte.

Stark kauft 4000 Rinder und 1000 Pferde, Ben heuert die Viehtreiber an, die von seinem ergebenen Freund Luis Estrella angeführt werden. Ben ist nicht erbaut, als Stark Nella überredet, in einem geradezu luxuriösen Wagen mitzureisen. Die Streitereien zwischen Nella und Ben verhindern, dass Stark auf den Gedanken kommt, Ben könne ein Nebenbuhler sein.

Als der Treck die Grenze zu Kansas passiert, verlangt eine Gruppe Bewaffneter einen ‚Wegzoll‘ von einem Dollar für jedes Rind. Stark will den Jayhawkers nachgeben, aber Ben und seine Kameraden eröffnen das Feuer. Die Wegelagerer ergreifen unter großen Verlusten die Flucht.

Auch der oft angetrunkene Clint interessiert sich für Nella. Zwischen den Brüdern kommt es zu Reibereien; nach einer Auseinandersetzung mit Stark reitet er dem Treck als Späher voran, um nicht in der Nähe von Stark zu sein. Eines Tages kommt nur sein Pferd zurück, denn Clint wurde von Indianern getötet. Wenig später wird der Treck in einem engen Tal von den Sioux eingeschlossen. Bevor Bens Plan durchgeführt wird, die Umzingelung durch eine Stampede zu sprengen, versöhnen sich Nella und Ben angesichts der drohenden Gefahr.

Der Plan gelingt überraschend gut, nur wenige Tiere gehen verloren. In Mineral City, Montana, kann Stark die Herde mit großem Gewinn verkaufen und versucht, Ben hängen zu lassen wegen dessen Überfalls auf ihn, als sie sich das erste Mal begegneten. Doch Ben kann den Anschlag auf sein Leben vereiteln, nimmt sich von dem Gewinn nur eine bescheidene Summe, mit der er sich eine Ranch kaufen will – und wähnt tief betrübt, Nella verloren zu haben, da sie von Starks Reichtum unwiderstehlich angezogen sei. Er täuscht sich jedoch.

Rezension

Dass „Der Plan“ so gut gelingt, hat mich auch überrascht und zählt sicher zu den weniger glaubwürdigen Handlungselementen dieses Films. Weiterhin hat mich überrascht, dass der Film von den Nutzer:innen der IMDb aktuell nur einen Score von 6,7/10 erhält. Ich hätte ihn auf jeden Fall in den 7ern vermutet. Aber vielleicht bin ich auch ein Fan von Regisseur Raoul Walsh, von dem unter anderem gesagt wird:

„Raoul Walsh machte ein naives Kino, ohne selbst naiv zu sein, und er hielt sich an Traditionen, ohne sie zu verherrlichen. Sein Kino war – jenseits von Flunkerei und Tricks – ein Kino der Präsenz. Es sollte tatsächlich vorhanden sein, was sichtbar wurde. Deshalb entwickelte er das sichere Gespür für Landschaft und Wetter, für Tempo und Rhythmus, Dinge und Details, für Gebärde und Gestik. Wenn es kalt war in seinen Filmen, konnte man spüren, wie kalt, wenn es regnete, konnte man spüren, wie sehr.“ – Norbert Grob[3]

Alles, was in dieser Beschreibung des Regiestils von Walsh steht, trifft auf „Drei Rivalen“ zu. Das Wetter spielt zum Beispiel in den Bergen von Montana eine wesentliche Rolle und da vor Ort gedreht wurde, wird man in ein damals im Westerngenre nicht so häufig vorkommendes landschaftliches Panorama geschickt. Ein weiteres Plus nicht nur dieser Regiearbeit ist, dass die Menschen sich nachvollziehbar verhalten. Nicht nur im Western ist es besser, wenn man im Unterhaltungskino nicht ständig von Fragezeichen begleitet wird. Walsh hat leider nie einen Regie-Oscar gewonnen, aber einen seiner ersten Filme habe ich gesehen, „Regeneration“ aus dem Jahr 1915, der absolut stilprägend für das Gangster-Genre wurde und wie einige andere, etwa John Ford, zählte er zu jenen, die on the Job gelernt hatten, durch Assistenz bei bereits bekannten Größen, in diesem Fall vor allem David W. Griffith, viele, viele schnelle Filme gedreht haben und es dann zu immer größerer Perfektion brachten, als der Tonfilm sich etabliert hatte. Einer seiner großen Stummfilme, die ich ebenfalls kenne, ist „Der Dieb von Bagdad“ mit Douglas Fairbanks aus dem Jahr 1924.

Sein „Captain Horatio Hornblower“ zählt zu meinen Lieblings-Seeabenteuern. Gerade das etwas Steife an Gregory Peck hat Walsh für eine hinreißende und humorvoll angelegte Darstellung als britischer Offizier genutzt, der sich verliebt. Die beiden Bogart-Filme „Nachts unterwegs“ und „Entscheidung in der Sierra“ finde ich in mancher Hinsicht gelungener als den kurz darauf entstandenen „Der Malteser Falke“, mit dem Bogey dann den Sprung an die Spitze schaffte und obwohl auch dessen Regisseur John Huston für mich einer der Besten seiner Zeit ist, ganz zu schweigen von dem epischen „The Roaring Twenties“, dem am größten angelegten Gangsterfilm bis dahin, der als Vorläufer für die epischen werke dieses Genres in den letzten Jahrzehnten gelten kann. „Sprung in den Tod“ („White Heat“) aus dem Jahr 1949 kenne ich noch nicht, doch er soll einer der gelungensten und abgründigsten Films noirs sein. „Drei Rivalen“ hingegen belebte Clark Gables Karriere noch einmal, nachdem dieser 1953 von MGM weggegangen war, manche sagen auch, man habe ihn gefeuert.

Der Regisseur meinte, seine drei Hauptdarsteller bildeten eine „schöne Kombination“. Bezüglich der Darstellung eines „großen Viehtreiben[s]“ räumte er Ähnlichkeiten mit anderen Filmen ein, insbesondere mit Red River, betonte aber, seine Figuren wiesen keine Ähnlichkeit mit denen in Red River auf.[5] Das Studio hob in seiner Werbung hervor, dass die Herde aus 4000 Rindern bestanden habe und damit die größte gewesen sei, die bis dahin gefilmt wurde.[6]

In der Tat: Howard Hawks‘ „Red River“ mit John Wayne und Montgomery Clift ist episch angelegt, viel pathetischer im Spiel und auch durch die legendäre Musik von Dimitri Tiomkin, Walter Brennan musste in dem Film den komischen Onkel, den Sidekick geben, damit es nicht zu ernst wurde. Das alles ist in „Drei Rivalen“ nicht nötig und vor allem hat der Film eine sehr schöne Rolle für Jane Russell, die hier als selbstbestimmte und durchaus auf die materiellen Dinge des Lebens erpichte Frau im Westen auftritt, nachdem sie zwei Jahre zuvor zuschauen musste, wie ausgerechnet in „Gentlemen Prefer Blondes“ Marylin Monroe an ihr als dem bis dahin größeren Star vorbeizog. Nomen ist Omen, besonders bei Filmtiteln. Clark Gables unverkennbarer Humor eignet sich erstklassig dazu, auch Frauen zu großen Auftritten zu verhelfen und Raoul Walsh hat das geschickt genutzt. Rober Ryan als sein Gegenspieler wirkt glaubwürdig, weil er ebenfalls eine in jeder Hinsicht beachtliche Statur aufweist. Lediglich Gables Bruder Clint fällt etwas ab und man fühlt sich doch etwas an das Vater-Sohn-Verhältnis erinnert, das „Red River“ dominiert, aber es handelt sich in „Drei Rivalen“ nicht um eine Initiationsgeschichte. Die Handlung baut sich ruhig, aber nicht zu gemächlich auf, der Wechsel zwischen Schnee und Halbwüste gelingt einigermaßen, obwohl er nicht zwingend erscheint. Es wird wohl so im Roman stehen, nach dem der Film gefertigt wurde. Vor allem aber machen die generischen Konflikte Spaß, die immer so gelöst werden, dass man den Eindruck hat, man hätte sich wohl ähnlich verhalten, in dieser Situation und als jener Typ.

Das ist in Western, die oft auf exemplarische Situation, aber nicht gleichermaßen auf konventionelle Reaktionen setzen, sondern auf sehr herausgehobene Charaktere, die heldenhafter oder schurkischer sind als die meisten echten Menschen, keineswegs selbstverständlich. Zumindest im Western der klassischen Hollywood-Ära gab es, anders als im Film noir und im Drama, kaum gebrochene Charaktere und Raoul Walsh, den Konventionen treu, bricht seine Figuren auch nicht, sondern lässt sie eben mit einem gewissen Humor und einer beachtlichen Lässigkeit agieren. Obwohl doch die Summen, um die es hier geht, für die damalige Zeit außergewöhnlich hoch sind. Für die Rinderherde steht ein Verkaufspreis von fast 200.000 Dollar in Rede, im Jahr 1866 ein großes Vermögen und alle, die beim Treck dabei waren, haben auch wirklich etwas davon, niemand wird ausgebeutet. Dass sich Ben Allison mit schmalen 10.000 zufriedengibt, ist ein wenig arg auf den Putz gehauen und lässt sich am besten dadurch erklären, dass er sich ja durch einen kleinen Raub in den Deal eingeklinkt hat. Immerhin sollen seine 10.000 für eine Ranch in Texas, woran man sehen kann, was diese Rinderherde wert ist. Natürlich folgt die widerspenstige Frau ihm am Ende doch, sogar ins öde Texas Panhandle, obwohl der andere mit dem Namen Stark viel reicher ist und in einer aufstrebenden Stadt lebt. Aber so gehört sich das, wenn es Liebe ist.

Filmfest

An den legendären Trail-Western „Red River“ kommt „Drei Rivalen“ nicht ganz heran, dazu ist der sieben Jahre später entstandene Film zu flüssig, zu wenig gigantisch und zu schlicht in seiner Anmutung, die Dramatik schlägt nicht so hohe Wellen. Aber gerade dieser Anflug von Realismus, nicht zu sehr auf überlebensgroß ausgerichtete Charaktre und die Abwesenheit von Schnickschnack aller Art sorgen dafür, dass man „Drei Rivalen“ heute noch gut anschauen kann. Deswegen gehen wir auch um einiges höher als die IMDb-Nutzer:innen. Der Film ist nicht geeignet für Vegetarier:innen, denn alles Vieh, das wir sehen, ist für den Fleischer bestimmt, es sei denn, die Vegetarier:innen sind auch Fans klassischer Western, sind überwiegend genau dies und setzen entsprechende Prioritäten.

77/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Raoul Walsh
Drehbuch Sydney Boehm
Frank Nugent
Produktion William A. Bacher
William B. Hawks
Musik Victor Young
Kamera Leo Tover
Schnitt Louis Loeffler
Besetzung

Im Vorspann ungenannt:

 

 

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