Schnelles Geld – Polizeiruf 110 Episode 87 #Crimetime 1043 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Zimmermann #Geld #schnell

Crimetime 1043 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / Deutsches Rundfunkarchiv, Christine Nerlich

Schnelles Geld kann nicht verdient sein

Noch wenige Filme, dann hat sich die Lücke zum Jahr 1984 geschlossen, mit dem ich im März 2019 die Arbeit mit der Reihe Polizeiruf begonnen hatte, der RBB stand damals bei seinen Wiederholungen gerade bei „Draußen am See„. Der Auslöser war aber, dass der MDR damals gerade ganz vorne startete, im Jahr 1971. Mittlerweile, nachdem ich die allermeisten DDR-Polizeirufe kenne, lässt sich ein Film wie „Schnelles Geld“ gut einordnen und alles ergibt einen Sinn. Zum Sinn und zu anderen Aspekten des 87. Polizeirufs steht mehr in der -> Rezension.

Handlung

Eigentlich wollte Peter Lommer mit seiner Frau Astrid und der gemeinsamen Tochter am Wochenende im Auto der kleinen Familie zu Astrids Eltern aufs Land fahren. Am frühen Morgen sucht ihn jedoch sein Freund Horst auf, der sich unbedingt Peters Wagen leihen will. Er gibt Peter 100 Mark dafür, und Peter willigt ein. Horst braucht den Wagen, um beim Verkaufsgespräch mit einem dörflichen Hofbesitzer Eindruck zu schinden, obwohl er in Wirklichkeit kein Geld hat. Das Verkaufsgespräch läuft zunächst gut, doch allmählich durchschaut der Bauer Horst und lehnt schließlich den Verkauf ab. Mit Charme und kleineren Gaunereien, die schon den Charakter von Vertrauensbruch und Diebstahl haben, erlangt Horst anschließend wieder einmal bei einer Frau alte, mehr oder weniger wertvolle Gegenstände, die sich im Zuge der Nostalgiewelle zu Geld machen lassen.

Astrid ist von der freundschaftlichen Hilfe ihres Mannes wenig angetan. Mit Peter und der Tochter läuft sie nun zu ihren Eltern. Es wird deutlich, dass Astrid und Peter den Eltern 5.000 Mark schulden, da Peter sich ein neues Auto gekauft hat. Astrid zahlt immer wieder kleine Raten, während Peter unter den Schulden leidet. Er will mehr als sein bisher Erreichtes, träumt von einem Lottogewinn oder einer großen Erbschaft und von einer besseren Wohnung. Derzeit lebt die Familie in einer kleinen Dachwohnung in einem verwinkelten Altbau mit Galeriezugang.

Eines Tages bietet Horst Peter die Teilnahme an einem angeblich sicheren Verbrechen an. In einer Thüringer Kleinstadt soll es problemlos möglich sein, die Nachtkasse zu überfallen. Nach Horsts Untersuchungen könnten beide bei dem Diebstahl in dem nachts menschenleeren Ort 30.000 Mark erbeuten. Horst verplant das Geld bereits für einen Bauernhof, in dem auch Peter und Astrid wohnen könnten. Nach einiger Bedenkzeit stimmt Peter zu, am geplanten Verbrechen teilzunehmen. Horst hat Arbeiteranzüge und Strumpfmasken besorgt. Beim nächtlichen Überfall auf den Transporteur der Nachtkasse kommt es jedoch zur Rangelei. Peter reagiert zu spät und schlägt den Mann schließlich nieder. Der fällt auf einen Bordstein und bleibt zunächst hilflos liegen. Peter und Horst fliehen im Wagen des Überfallenen, wobei ihnen ein Schneepflug den Weg versperren will. Bei dem Ausweichmanöver schlägt Peter hart mit dem Kopf auf und zieht sich schwere Verletzungen zu. Er blutet heftig, als Horst ihn in seinen Wagen trägt. Bei sich zu Hause angekommen, verbindet Horst Peter und legt ihn ins Bett. Die Schuld sucht er bei Peter, der nicht richtig reagiert habe.

Die Ermittler, zu denen auch Oberleutnant Lutz Zimmermann gehört, haben inzwischen am Tatort zahlreiche Spuren sichern können. Sie wissen, dass der Beifahrer – Peter – sehr schwer verletzt sein muss, fanden sie doch neben Blutspuren auch Knochensplitter im ersten Fluchtauto. Über einen Fingerabdruck können sie schließlich Horst ermitteln. Sie erwarten ihn in seinem Haus und verhaften ihn. Für Peter jedoch kommt jede Hilfe zu spät. Er war benommen aus dem Bett gestiegen und kurz darauf zusammengebrochen. Die Ermittler können beim Eintreffen nur noch seinen Tod feststellen. Lutz Zimmermann überbringt Astrid, die bei ihren Eltern war, die Nachricht vom Tod ihres Mannes.

Rezension

Auf der einen Seite wird in diesem Drama aus dem Jahr 1983 noch einmal die tradionelle Karte ausgespielt, die da heißt „Verbrechen lohnt sich nicht“ und die jeder traditionelle Krimi ziehen muss, wenn sich bei traditionellen Zuschauer*innen nicht Irritationen einstellen sollen. Am besten kann man dieses Schema heutzutage bei Vermögensdelikten brechen, denn dass die Reichen sich meist nicht legal bereichern und es viel gemeiner ist, eine Bank zu gründen, als eine auszurauben, weiß in diesen zunehmen von Desillusionierung geprägten Zeiten fast jeder. Wo es mehr Schwierigkeiten gibt, aud dem gängigen Muster, das sind Kapitalverbrechen.

Hier geht es zunächst nur um ein Vermögendelikt, aber es ist höchst deprimierend, wie ein bisher unbescholtener Bürger-Handwerker sich von einem Freund, der ein etwas lockerer Vogel ist und vorbestraft, in in einen Bankraub bzw in den Überfall auf den Geldboten einer Bank hineinziehen lässt.

Regisseur Manfred Mosblech kriegt es irgendwie hin, dass man sich bis zu einem gewissen Grad mit den Figuren identifizieren kann, mir hat jedenfalls das Schicksal des mehr oder weniger Überredeten, des Kumpans ohne starken Gegenwillen, leid getan. Und natürlich auch das seiner Frau, und seiner Tochter. Aber da sind schon auch kleine Haken drin, wie z. B. die im Zustand der Verzweiflung vorgetragene Ansicht, mit ehrlicher Arbeit könne man zu nichts kommen (mitzulesen: in diesem System).

Selbstredend ist dies eine polizeiruf-typische Anspielung darauf, dass diejenigen, welche Schmu machen, noch am weitesten kommen. Im kleinen Stil geht es auch mit nebenbei arbeiten wie z. B.  dem Restaurieren von alten Stühlen, dem sich Peter widmet. Aber das ist mühsam, vor allem, wenn das Auto doch wichtiger ist als eine bessere Wohnung.  Es gibt auch immer wieder witzige und ein wenig nachdenklich machende Standards, etwa, wenn Zeugen sagen: „Dieser Mann sah gar nicht aus wie ein Verbrecher .“ Die Polizei antwortet: „wie soll denn ihrer Meinung nach ein Verbrecher aussehen .“ Der Witz ist, dass ich eine Diskriminierung von Menschen mit starken Nasen stattfindet, denn derjenige Michael Narloch, der den bösen, manipulativen Horst spielt, wurde gerne in solchen Gauner-Rollen besetzt. Das suggeriert, dass eine ganz bestimmte Verbrechervisage eben doch existiert. Wer einige Abzocker in Nadelstreifen kennt, weiß, dass die keine Ledermäntel und Rollkragenpullover mit übergroßen Kragen tragen, sondern auf eine beängstigende Weise unauffällig wirken. Und was bei deren Aktionen an Volksvermögen draufgeht, sind keine Peanuts.

Aber Peter ist auch ein willensschwacher Mensch. Anders als in früheren Filmen, wird hier nicht einmal einer Frau eine Mitschuld zugespielt, Astrid geht ihrem Mann nicht auf die Nerven mit Sonderwünschen, vielmehr denkt er sich bloß, sie müsse unzufrieden sein und seine Schwiegereltern warnen ihn permanent vor krummen Touren, während das Paar mit der kleinen Tochter bei ihnen zu Besuch ist.

Das Ende ist, dass der Mann sich auf der Flucht mit dem Wagen des überfallenen Geldboten eine Kopfverletzung zuzieht, als ein Schneepflug das Auto absichtlich rammt, um es aufzuhalten. An dieser Kopfverletzung verstirbt Peter – das ist eine der deprimierendsten Räubergeschichten, die ich bisher in einem DDR-Polizeiruf gesehen habe. Zu allem Überfluss sind nicht 30.000, sondern nur 5.000 Mark Beute gemacht worden, zudem wurde das Ganze dilettantisch aufgezogen, woran man sieht, dass Horst auch eher eine große Klappe hat als eine große Begabung für Raubüberfälle.

Der eine oder andere Regisseur der Reihe Polizeiruf 110 zu DDR Zeit hätte den film vielleicht anders aufgezogen, wenn er eine ähnliche Drehbuchidee gehabt hätte. Z B. in der Form, dass der Film mit dem Überfall beginnt, die Polizei involviert wird und dann das Geschehen mit Rückblenden aufgerollt wird. Das hat Manfred Mosblech aber nicht gemacht, sondern strikt chronologisch gefilmt. Wie die psychologische Lage sich bis zur Tat entwickelt, kann man damit gut nachbilden, aber in diesem Fall hat der Film doch eine Aufbauschwäche, denn die Polizei kommt gar zu spät zum Einsatz.

Gefühlt sind es nur die letzten 20 Minuten, in denen Lutz Zimmermann aus der Einsatzgruppe (des bekannten und beliebten Hauptmann) Fuchs aus Berlin nach Thüringen fährt, um vor Ort bei den Ermittlungen zu helfen. Damit jene in einer halbwegs für Polizeirufe üblichen Zeit abgeschlossen werden können, müssen die Täter massenhaft Fehler machen und Spuren hinterlassen. Da „Schnelles Geld“ ohnehin nur 76 Minuten lang ist, wirkt das Geschehen ab der Tat ziemlich gestaucht.

Das ist für die Dramen, die Max Mosblech inszeniert hat, unüblich. Denn diese Psychostücke leben von ihrer inneren Spannung und nicht davon, dass die Dramaturgie so plötzlich angezogen werden muss. Werner Schubert, der hier den unglücklichen Peter spielt, wird von Manfred Mosblech allerdings fünf Jahre später in einem der besonderen Polizeirufe eingesetzt werden, er wird den Mann im Baum im spielen, einen Sexualverbrecher, aus dessen Sicht der polizeiruf in „Der Mann im Baum in“ im gleichnamigen Film sein. Dabei kann er wesentlich mehr zeigen als in der Rolle des braven Kerls, der sozusagen von einem Freund verführt wird, ein Harakiri-Unternehmen durchzuführen, von dem man als Zuschauer von Beginn an weiß, dass es nicht funktionieren wird.

Finale

Zum Anfang: Im traditionellen Krimi funktionieren diese Verbrechen nie, aus den unterschiedlichsten Gründen; manchmal ist nur ein ganz seltener Zufall schuld, dass es nicht klappt und daraus sind schon wunderschöne Heist-Movies gemacht worden. Doch im 87. Polizeiruf ist die Ausführung doch sehr stupide geraten. Durch den stark verkürzten Howcatchem, der sich an die Tatausführung anschließt,  steht die Entwicklung zum Verbrechen hin im Mittelpunkt. Dies ist per se in Polizeirufen, besonders jenen aus der DDR-Zeit nicht unüblichs, allerdings auch nur eine relativ wenig abweichende Variante in Relation zu anderen Filmen mit ähnlicher Aufbautechnik. Wenn man dieses Werk mit anderen von Manfred Mosblech vergleicht, muss man von einer Routinearbeit sprechen. Die Figuren sind wieder recht gut gezeichnet, aber etwas Innovatives oder Besonderes haftet diesen Film er nicht an.

6,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Manfred Mosblech
Drehbuch Manfred Mosblech
Produktion Uwe Herpich
Musik Hartmut Behrsing
Kamera Winfried Kleist
Schnitt Gerti Gruner
Besetzung

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