„Afghanistan-Analyse 3: (K)eine Perspektive für die Massen?“ (KgK) + Kommentar | #Newsroom #Geopolitik #Weltpolitik | #Afghanistan #China #USA #Imperialism #Islamism

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Das Afghanistan-Desaster lässt sich weder revidieren noch kaschieren. Es beeinflusst gegenwärtig sicher auch den Bundestagswahlkampf, obwohl Außenpolitik nicht als eines der zentralen Themen gilt. Falsch ist das ohnehin, denn Klima- und Umweltschutzpolitik sind auch Außenpolitik. Aber dieses Mal geht es darum, wie man 20 Jahre lang behaupten konnte, die Freiheit in Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt und dann sang- und klanglos die Segel streicht und nicht einmal alle schützt, die durch die Truppeneinsätze des Westens nun in Gefahr sind. Wie konnte es dazu kommen? Das behandelt der erste Teil der Analyse, siehe unseren Kommentar dazu. Der zweite Teil befasst sich mit einer möglichen Intervention Chinas in Afghanistan. Nach dem sehr gelungenen zweiten Teil der Analyse, die „Klasse gegen Klasse“ erstellt hat, wenden wir uns dme dritten zu. Die Bestandsanalyse, welche die ersten Abschnitte umfasst, unterschreiben wir, dort stehen Aussagen wie diese zu lesen: Diese politisch zutiefst regressiven Bewegungen stellen sich aktiv gegen die Interessen der Massen vor Ort. Es ist auch kein Zufall, dass sie Bündnisse mit Autokratien und bonapartistischen Regimen wie dem chinesischen, dem russischen und dem iranischen suchen. Und hier geht’s zum Originalartikel von KgK, Teil 3 der Analyse. In dem abschließenden Teil (3/2, wenn man ihn so nennen will), in dem es um die aktivistische Perspektive für die Zukunft geht, wird es allerdings schwierig. Wie schon im ersten Teil wird die Linke angegriffen, aber fünf Abgeordnete in nicht „Teile“, sondern nur ein kleiner Teil der Fraktion im Bundestag. Auch die KPF hat ihr Unverständnis darüber geäußert, warum diese fünf Personen sich nicht wenigstens enthalten haben, aber wer die Berliner Linke ein wenig kennt und weiß, wer da im Bundestag mit wem in der aktuellen Stadtregierung „kooptiert“ ist, der weiß, dass das ideologische Fundament an allen Ecken und Enden ausfranst, weil analytisches Denken leider nicht so ausgeprägt ist wie machtstrategischisches Wollen. Es ist auch ein wenig im Lied von der Partei: Dummheit und Schlechtigkeit sind nicht immer zu trennen bzw. es ist schwierig, sie auseinanderzuhalten, deswegen muss man sie beide als Gründe für Fehlverhalten gleichrangig nebeneinander erwähnen. Nicht dumm, aber ein wenig arg naiv klingt es dann auch in der Analyse zum Ende hin. Wenn in einem Absatz, der eigentlich nur aus einem Satz besteht, fünf Mal „Imperialismus“ oder „imperialistisch“ vorkommt, weist das sogar für uns darauf hin, dass einiges ins Leere läuft. Es beginnt in etwa in dem Moment, in dem von Verstaatlichug in Arbeiter:innenhand die Rede ist. Bisher hat es eine Verstaatlichung in Arbeiter:innenhand nie gegeben. Entweder man lässt selbstverwaltete Strukturen zu, oder man verstaatlicht. Bisher waren nämlich nach der Definition, die an anderer Stelle verlinkt ist, alle Staaten mindestens bonapartistisch, die Verstaatlichungen durchgeführt haben. Wenn tatsächlich Menschen aus der Arbeiterklasse in die herrschende Klasse aufstiegen, dann waren sie nicht mehr Arbeiter:innen, sondern Teil des Staates, dann waren sie Kader mit unzähligen Privilegien und vielfach bourgeois, ohne selbst Großkapitalisten zu sein. Der Großkapitalist war der Staat alleine. Das ist keine Empfehlung für eine dezentrale, ökologisch und sozial ausgerichtete Wirtschaft, sondern nur eine Verlagerung des Produktivkapitals von einem Machtzentrum auf ein anderes. Menschen tendieren zur Macht, einige zumindest, deswegen ist es unendlich schwierig, Strukturen zu etablieren, in denen der Staat zwar die Schwächeren schützt und soziale Ungerechtigkeit ausgleicht, aber nicht vorrangig Macht ausübt. Es gibt diese kollektiven und kooperativen Strukturen, die man als vorbildlich bezeichnen kann. Es gibt viel zu wenige davon, aber wenn alles, was nun auch anhand des Beispiels Afghanistan dargelegt wird, nicht dazu führt, dass es zu massiver Selbstermächtigung kommt, dann ist es egal, wer wen anführt, es wird nicht passieren, dass es der Mehrheit besser geht. Wir sind auch der Ansicht, dass der Klassenkampf den anderen Kämpfen übergeordnet ist und sie eher bündeln kann als umgekehrt, aber von einer Anführerschaft sind wir weit entfernt und wir sollten auch nicht zu sehr darauf bestehen, nur, weil die gut informierten unter uns sich zutrauen, das revolutionäre Prozedere am besten zu beherrschen. In Afghanistan könnte man, so, wie das Land organisiert ist, schon froh sein, wenn wenigstens einige Gruppen sich zum Widerstand aufraffen, immer in der Gefahr, von den Taliban repressiv behandelt und ermordet zu werden. „Wisch und weg“ ist dort keine Perspektive, zumal darin wieder einmal ein Eurozentrismus zum Ausdruck kommt, der sich zutraut, den Weg vorzugeben, unabhängig davon, wie die lokalen Verhältnisse wirklich gestaltet sind. Die Bauernaufstände im 16. Jahrhundert sind nun wirklich kein Vorbild. Nicht nur, weil sie nicht zum Erfolg führten, obwohl die gesamte Welt damals technologisch nicht sehr weit entwickelt war. Heute aber stehen Menschen mit Mistgabeln hochgradig technisierten Armeen gegenüber und auch die Taliban, die von Pakistan aus gerüstet und geschult wurden, es wird in der Analyse erwähnt, und gleichermaßen zum Partisanenkrieg wie zu offenen Angriffe fähig, die von Großmächten unterstützt werden, die keinerlei Bedingungen an die Art und Weise des Vorgehens dieser Krieger stellen, werden einen Volksaufstand auf jeden Fall besiegen. Und die Taliban selbst sind, anders als das demotivierte Militär, das sie ungehindert hat vorrücken lassen, von ihrer Sache überzeugt und dementsprechend bereit, grausame Maßnahmen gegen die Bevölkerung durchzuführen. Anders ausgedrückt: Eine revolutionäre Situation ist in Afghanistan erst einmal nicht zu erwarten. Deswegen ist es gerade richtig, verantwortlich zu handeln und Menschen aufzunehmen, die vor den Folgen der hiesigen Politik flüchten. Die Lage ist, wie sie ist, wir können sie vorerst nicht ändern und das sollten wir uns eingestehen. Wir könnten politische Konsequenzen daraus ziehen und kriegstreibende Parteien abwählen. Aber ist uns das Thema wichtig genug? Den meisten hierzulande ist es nicht wichtig genug. Wir verweisen noch einmal darauf, dass sich unter den 18- bis 25-Jährigen nur knapp 10 Prozent einer Umfrage gemäß überhaupt für Außenpolitik interessieren. Die Zahl derer, die Außenpolitik unter Gesichtspunkten des Klassenkampfs betrachtet, dürfte demnach bei höchstens einem Prozent liegen. Das ist misslich und vielleicht deprimierend, aber wir müssen erst einmal unser Mindset aufräumen und danach fragen, warum bei anderen noch so viel Chaos im Kopf herrscht. Die Frage ist indes nicht so schwierig zu beantworten, wir überspringen deshalb auch einen Schritt und schließen damit: Wie ist einer Mehrheit im Land, die neoliberal-egoistisch und imperialistisch indoktriniert wurde, klarzumachen, dass die unfriedliche, ungleiche, rassistische und klassistische Welt das Spiegelbild unseres eigenen inneren Zustands ist? Wir sind ein Teil des Imperialismus, solange wir uns von ihm vereinnahmen lassen, das muss uns klar sein, bevor wir losziehen und behaupten, wir wüssten es besser. Bei Linken zum Beispiel bin ich oft bass erstaunt über deren unreflektiertes Konsumverhalten, um nur ein Beispiel dafür zu nennen, warum auch bei uns derzeit keine revolutionären Wolken am Horizont bzw. eine revolutionäre Sonne hinter den Wolken erkennbar ist. Wir alle arbeiten dem Kapital zu, anstatt uns jeden Tag um die Selbstermächtigung zu kümmern und aus dieser Falle zu entkommen. Und damit wir weiter konsumieren können, brauchen wir Rohstoffe, unter anderem jene, die jetzt dem Westen in Afghanistan verloren gegangen sind. Das ist nicht eine zynische journalistische Feststellung, das ist die Wahrheit über die Welt, die wir mitgestalten und es ist schlimmer, dies wider besseres Wissen zu tun, als keine Ahnung von den Auswirkungen seines Tuns zu haben. TH

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