Duell am Rio Bravo / Treffpunkt für zwei Pistolen (Invitation to a Gunfighter, USA 1964) #Filmfest 587

Filfmfest 587 Cinema

Einladung zum Trip in die Düsternis

Treffpunkt für zwei Pistolen (Alternativtitel: Duell am Rio Bravo, Original: Invitation to a Gunfighter) ist ein US-amerikanischer Western aus dem Jahre 1964. Die Hauptrolle spielt Yul Brynner.

Ob der seltsam klingende Name des Gunfighters nach Valéry Giscard d’Estaing gebildet wurde? Dieser war immerhin schon international bekannt, als der Film gedreht wurde, und woher sonst sollte sonst dieser einmalige Name kommen? Yules Brynner hatte schon einige nichtamerikanische Figuren gespielt, den König von Siam in „Anna und der König“ (1953), sinnigerweise einen Russen in „Die Brüder Karamasow“ (1957) und Taras Bulba im gleichnamigen Film (1962). Warum also nicht einen Kreolen und einen Gunfighter natürlich auch, in dem auf seine Art kaum zu übertreffenden „Die glorreichen Sieben“ (1960). Alles bereit für eine Komposition, die alles vereint? Wir klären das in der –> Rezension.

Handlung (1)

New Mexico 1865: Matt Weaver hat im Sezessionskrieg für die Südstaaten gekämpft. Jetzt kehrt er nach Pecos zurück, um wieder als Farmer zu leben. Zu seiner Bestürzung findet er im Haus seiner Familie fremde Leute vor: Der örtliche Bankier Sam Brewster hat das Anwesen als Eigentum eines Südstaatenrebellen verkauft. Gleich darauf erwartet Weaver ein weiterer Schock: Seine Freundin Ruth ist in seiner Abwesenheit die Frau eines anderen geworden.

Als der neue Besitzer der Farm ihm nach dem Leben trachtet, tötet Weaver ihn in Notwehr. Der Bankier Brewster hetzt daraufhin die Einwohner der kleinen Stadt gegen Weaver auf und will ihn von einem Auftragsmörder beseitigen lassen. Jules Gaspard d’Estaing, ein gefürchteter Revolverheld aus New Orleans, scheint der richtige Mann dafür zu sein. Als der eigenwillige Kreole sich jedoch in die schöne Ruth verliebt, die sich immer noch zu Weaver hingezogen fühlt, nehmen die Dinge eine unerwartete Wendung. 

Rezension

Wer ihn aber noch als „Chris“ in „Die glorreichen Sieben“ (1960) in Erinnerung hat, einer seiner besten Rollen, der wird sich gehörig wundern, wie ernst, ja düster der Wilde Westen innerhalb weniger Jahre geworden ist. Obwohl es in „Duell am Rio Bravo“ nicht thematisiert wird, wohl aber in „Die glorreichen Sieben“, wirkt der Revolverheld in letzterem Film wie ein echtes Relikt und Brynner, dunkel geschminkt, ziemlich unnatürlich.

Wie sehr die Amerikaner vom Kennedy-Mord geschockt waren und / oder düstere Vorahnungen bezüglich kommender Morde und Vietnam hatten, zeigt sich wohl am besten in Filmen wie diesem, der kompromisslos humorlos und auf eine beinahe Hilfe suchende Art pathetisch ist, ein komplettes Gegenmodell zur Entwicklung des Films in den vorangegangen Jahren. Der Schwung der frühen 1960er ist komplett weg. „Duell am Rio Bravo“ ist langsam und für einen Western klassischer Machart unglaublich dialoglastig. Was hier alles an Hintergründen erklärt wird, könnte zwar dazu dienen, die Charaktere zu erhellen, aber Western sind nun einmal ein aktionsbestimmtes Genre und die Figuren werden kenntlich durch ihr Handeln, angereichert bestenfalls mit einigen trockenen Sprüchen, die auf ein gutes Händchen für die Spannung steigernde Dialoge schließen lassen. Es kam auch in den 1950ern schon zu Erklärungen der Vergangenheit, aber sie waren eben kurz eingestreut,  mehr nicht. Wie man’s richtig macht, Männer mit Vergangenheit glaubwürdig und spannend auftreten zu lassen, haben Anthony Mann und James Stewart mit ihrer bekannten Westernreihe von 1950-1955 gezeigt.

Auch die Handlungslogik ist äußerst fragwürdig. Wenn sich ein Dorf einen oder mehrere Revolverhelden engagiert, um sich einer übermächtigen Bande zu erwehren oder sich ein Großrancher die Finger nicht selbst dabei dreckig machen will, wenn es darum geht, Rivalen in der Stadt auszuschalten, ist das prinzipiell denkbar. Dass aber eine ganze Stadt nicht in der Lage sein soll, einen unerwünschten Rückkehrer aus dem Bürgerkrieg einigermaßen in den Griff zu bekommen, zumal dieser so wild ja nun auch nicht wirkt, ist zu konstruiert. Schließlich ziehen ja doch der Sheriff und der Banker ihre Revolver – warum nicht früher und ohne einen teuren Pistolero bezahlen zu müssen?

Schon zu Beginn gibt es mehrere Szenen, in denen seltsamerweise Gelegenheiten ungenutzt verstreichen, den Dingen eine Wendung im Sinne der Mächtigen in der Stadt zu geben. Offenbar hat man 1964 vor allem eins im Kopf gehabt: Bloß nicht gleich schießen. Und nicht töten. Nicht schon wieder!

Dadurch sind einige seltsame Zwitter oder Übergangsfilme entstanden, die weder die Dynamik des klassischen Westerns noch die lakonische Härte des Spätwesterns hatten, die wiederum vom Italo-Western beeinflusst war. Auf höherem Niveau als „Invitation to a Gunfighter“ kann man das z. B. auch an „Die Söhne der Katie Elder“ aus demselben Jahr beobachten, wo Superstars wie John Wayne und Dean Martin im Vergleich zu Filmen, die erst wenige Jahre alt waren, wie „Rio Bravo“ sehr umständlich agieren. Der ursprüngliche Verleihtitel von „Invitation to a Gunfighter“ in Deutschland war „Treffpunkt für zwei Pistolen“, was kompletter Unsinn ist, denn es gibt keinen Showdown, sondern eine beinahe anrührende Schlussszene, in welcher der Gunfighter in den Staub sinkt, anstatt ins Nichts zu reiten oder zu fahren. Es gibt dabei zwei Varianten: Ganz allein oder mit einer Frau, wie in „Zwölf Uhr mittags“. 

„Duell am Rio Bravo“ ist genauso schräg. Man weiß zwar, dass der Film in New Mexico spielt, aber nicht genau, wo, und der Rio Bravo wird nicht ein einziges Mal erwähnt. Auch hier ist die Idee aber klar: Es soll ein Anklang an den berühmten und erfolgreichen „Rio Bravo“ (1959) geschaffen werden.

Es hilft leider alles nichts, wir haben Yul Brynner noch nie in einer weniger attraktiven Rolle gesehen als hier, auch George Segal als Südstaaten-Heimkehrer kommt nicht an Darstellungen in anderen Filmen heran – die übrigen Schauspieler.innen sind nicht so bekannt, dass wir sie im Rahmen dieser Kritik ausführlich besprechen würden.

Kritiken rühmen diesen Film teilweise ob seiner psychologischen Stimmigkeit. Doch weder gemäß der speziellen Psychologie der Charaktere im Western noch allgemein können wir uns dem anschließen. Es gibt kaum ein Handlungselement, das nicht fragwürdig wirkt. Natürlich kann sich ein Pistolero verlieben und Zweifel an seiner Mission bekommen. Diese Mission hat er sich aber selbst gestellt. Niemand hat ihn in die Stadt gerufen, er kann eine moralische Haltung annehmen und seine Brüche können aus seiner Biografie resultieren, aber dieser innere Zusammenbruch, den wir hier sehen und der sich offensichtlich im Wunsch zu sterben äußert, obwohl die Frau bereit ist, mit ihm zu ziehen, wirkt verdreht. Auch das Verhalten der Städter entspricht dem in seiner windungsreichen und inkonsistenten Art.

Fazit

In gewisser Weise wirkt der Film ratlos bezüglich dessen, was er sagen will. Sicher ist die Botschaft humanistischer als in früheren Western, besonders solchen mit John Wayne, aber es zeigt sich deutlich, dass man noch nicht daran gewöhnt war, diesen Humanismus dynamisch und handlungsorientiert zu zeigen. Auch eine freundliche Botschaft kann spannend sein. In manchen Momenten wirkt der Film eher wie aus einem Sozialdrama abgeleitet wie aus den Vorbildern des staubreichsten aller Genres. Doch das Psychogramm im sozialen Kontext ist nun einmal in Jetztzeit-Bühnenstücken, die man dann grandios verfilmen kann, am besten aufgehoben. Zudem muss die Regie deutlich inspirierter sein, um ausgerechnet bei einem Revanche-Film, der sich kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg abspielt, komplexe Figuren in den Griff zu bekommen. Wir waren enttäuscht von diesem Film, weil wir Yul Brynners intensive Spielweise in anderen Filmen geschätzt haben.

51/100

© 2021 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv und tabellarisch: Wikipedia 

Regie Richard Wilson
Drehbuch Richard Wilson
Elizabeth Wilson
Produktion Richard Wilson
Musik David Raksin
Kamera Joseph MacDonald
Schnitt Robert C. Jones
Besetzung

 

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