Nicht jugendfrei – Tatort 578 #Crimetime 1044 #Tatort #München #Batic #Leitmayr #BR #jugendfrei #nicht

Crimetime 1044 - Titelfoto © BR /  Bavaria Film /  klick, C. A. Rieger

Es wird uns alle treffen, garantiert

Was heißt, es wird? Es ist bereits deutlich spürbar und sichtbar, dass die Zeit nicht stehen bleibt. Kaum einem Wesen sieht man das Altern so deutlich an wie dem (weitgehend) unbefellten und unbepanzerten Menschen. Insbesondere bei Männern ist es außerdem nicht unüblich, dass das wenige Dachfell am Ende gar nicht mehr vorhanden ist. Allerdings ist die Tendenz deutlich zu erkennen, dass auf künstliche oder natürliche Weise dem Einhalt geboten wird. Ganz im Sinne des Jugendwahns, den wir in der Vorschau beschrieben haben. Außerdem mehren sich die Meldungen auch in ernsthaften Publikationen, dass heftig an medizinischen Mitteln gegen das Altern geforscht wird. Wenn man gegen Corona innerhalb eines Jahres Impfstoffe die auf mRNA-Basis fußen, warum dann nicht etwas gegen den Alterungsprozess? Falls es diesbezüglich einen Durchbruch gibt, wird er einen stark klassistischen Einschlag haben, davon kann man schon jetzt sicher ausgehen. Wie aber haben es die Senior*innen in „Nicht jugendfrei“ gemacht, sich den Spaß am Leben zu erhalten? Darüber steht mehr in der -> Rezension.

Handlung

Adi Zeitler, Willy Tindle und deren Freundin Cynthia Lademaker verlangt es nicht nur nach Kaffee und Kuchen. Zahlreiche Altersbeschwerden erfordern bitternötige Linderung. Gerade jetzt, vor der anstehenden Beerdigung von Cynthias Mann, ist das Trio auf die bewährten Schmerzmittel angewiesen.

Wie immer liegt beim alten Apotheker Karl Kreuzer Kaffeeduft in der Luft. Doch im Hinterzimmer neben dem Labor macht Willy einen grausigen Fund: Der Apotheker wurde auf makabre Weise erstochen. Der drogensüchtige Benny Marien kann dem entsetzten Willy gerade noch aus der Toilette entwischen.

Die Münchner Kriminalhauptkommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr müssen Helga Müller, dem guten Geist der Apotheke, den Tod ihres geliebten Chefs mitteilen. Oberkommissar Carlo Menzinger wird aus dem wohlverdienten Kurzurlaub auf seiner Berghütte zurückbeordert.

Nach und nach erhalten die drei Ermittler bei dieser Mordsache Einblick in die Welt der Alten und Alleingelassenen. Doch das Seniorentrio versucht standhaft, sich im Angesicht von Krankheit und Unbilden einen glücklichen Lebensabend zu ertrotzen.

Rezension

Reingeschaut hatte ich zu einem früheren Zeitpunkt schon einmal. Der rote Käfer kam mir bekannt vor. Aber ich glaube, ich hatte den Film damals nicht zu Ende gesehen. Dann wurde mir klar, dass man selbst ein gewisses Alter erreicht haben sollte, um den Film wirklich mögen zu können. Oder ist das Gegenteil der Fall? Was kratzt es einen 20-jährigen, der das seit Jahren tut, wenn ältere Menschen die eine oder andere Droge  konsumieren, wenn er das selbst schon längst tut? Es ist doch nur eine Form von Gerechtigkeit, dass man unterschiedliche Altersklassen diesbezüglich gleich behandelt, auch moralisch. Außerdem kommt bereits im Jahr 2004, in dem der Film entstand bzw. erstmals gezeigt wurde, der Vorschlag auf, bestimmte Drogen aus medizinischen Gründen freizugeben (wie im Vereinigten Königreich und für Menschen ab dem Alter von 65 Jahren, wie nebenbei erwähnt wird).

Gut gelungen ist auch die Sequenz, in welcher die älteren Menschen den beiden München-Cops Haschkekse anbieten und diese danach äußert wohlgelaunt und albern ermitteln. Vielleicht sollte ich, wenn ich einen Magedburg-Polizeiruf schaue, auch mal … nun gut, es gibt Stimmungen, die muss man aushalten. Aber das Altern ist nichts für Feiglinge, das stimmt schon. Kürzlich hat mir den Spruch jemand von Angesicht zu Angesicht wiedergegeben und mir dabei tief in die Augen geschaut. Jetzt weiß ich wenigstens, wo er herkommt, dieser ungute und doch so wahre Satz. In Würde altern ist kein Ponyhof. Doch haben das die wirklich nett gezeichneten Menschen in diesem Tatort nicht getan? Doch, und sie sind, wie sich herausstellt, auch keine Mörder-Gang. Vielmehr ging es um die Vernachlässigung einer unscheinbaren Person, die trotz einer Schenkung von 50.000 Euro zu ihren Gunsten mit einem Löffel dafür gesorgt hat, dass ihr Arbeitgeber, ein Apotheker, der auch im Drogenbusiness tätig war, den Löffel abgeben musste. Von dem Vermächtnis wusste sie zu dem Zeitpunkt aber noch nicht, wenn ich es richtig im Kopf habe. Für das Leben im Turmzimmer des Luxus-Seniorenstifts hätten die 50.000 Euro aber wohl nicht sehr lange ausgereicht.

Dann doch lieber eine Alten-WG, die mit kleinen Diebstählen und dergleichen geschmiert wird. Dabei machen sich die Herrschaften zunutze, dass man ihnen klassischen Trickdiebstahl gar nicht mehr zutraut, und irgendwie konnte ich ihnen das nicht übelnehmen. Auch nicht, dass die Geldbörse von Franz Leitmayr entwendet wurde.

Weil dieser Film von Senior*innen handelt, besonders von einem Dreiecksverhältnis in einer Lebensend-WG, ist auch sein Tempo nicht so rasant, vielmehr basiert das, was ihn ausmacht, auf überwiegend gelungenen Dialogen und auf einer Kauzigkeit, die schön mit wirklich rührenden Eigenschaften und Szenen austariert wird. Es wird immer bei solchen Filmen heißen: Als Tatort wenig überzeugend. Kleine, feine Ideen fallen  bei dieser Prämisse oft hintenrunter, wie z. B., dass im Seniorenstift eine Folge von „Raumpatrouille Orion“ läuft. In dieser Reihe aus dem Jahr 1966 hatte Dietmar Schönherr den deutschen Captain Kirk gespielt und im Jahr 2004 ist er einer der Senioren aus der WG. So gehen die Tage und die Jahre dahin und ich kann auch verstehen, dass manche Tatort-Fans das unangenehm finden. Siehe oben und in der Vorschau. Deswegen ist es auch wichtig, die Zeit zu nutzen. Wenn’s geht, ohne das Große Ganze dabei aus den Augen zu verlieren und die vielen Menschen, denen das nicht in den Maße vergönnt ist. Gerade in den Zeiten von Corona sollte man das nicht vergessen.

Die Bayern trauen sich was – wie schon so oft in den letzten Monaten – und werden in der Rangliste bestraft ; schade, denn diese feine und amüsante Krimikomödie besitzt einen ganz eigenen Stil, schrieb ein Nutzer des Tatort-Fundus.

So sehe ich es auch. Mich hat geradezu gewundert, dass Thomas Jauch den Film inszeniert hat, der eher für seine nüchternen und sachlich-routinierten Darstellungen bekannt ist, aber das Drehbuch, das die Grundlage darstellt, enthielt nun einmal Dialoge, die man nur mit visuellem Humor verknüpfen kann, sonst funktionieren sie nicht. Damit sind vor allem die High-Szenen der Ermittler gemeint, die ganz nebenbei ihre witzige Seite dieses Mal besonders ausspielen können. Manchmal verbietet ein sehr ernstes Thema das, manchmal wirkt es ein wenig aufgesetzt, aber hier passt es und zerstört doch nicht etwas Besonderes: Nämlich, dass das natürliche Ableben eines alten Menschen gezeigt wird, und dies in einem letzten glücklichen Moment im Kino, in dem gerade „Der Weltraum“ (oder so ähnlich) gezeigt wird. Das hätten die beiden Cops nicht noch kommentieren müssen, aber ein paar überflüssige Sätze muss man in einem so dialogreichen Film eben auch mal aushalten können, es ist nicht so schlimm, nicht so frustrierend, wie wenn nach dem Duschen zu viele Haare in der Duschtasse versammelt sind.

Finale

Seit unserer Vorschau vor 14 Monaten hat der Film in der Gesamtrangliste des Fundus (s. o.) eine Verschlechterung von Rang 548 auf Rang 604 hinnehmen müssen. Das ist deshalb signifikant, weil so viele neue Tatorte seitdem nicht gezeigt wurden, dass der Abstieg nur daraus resultieren könnte, dass diese alle besser platziert sind. Sind sie außerdem gar nicht, es waren einige Filme darunter, die von der Community geradezu als ärgerlich eingestuft wurden. Soll ich mal interpretieren? Es könnte mit Corona zu tun haben. Das Sterben wir im Moment noch ernster genommen als vor der Krise und die Menschen wirken seit einigem Monaten zunehmend entnervt. Deswegen ist es auch so wichtig, dass mit – sic! – Drogen erstmals das Ende der Pandemie in Sicht scheint. Anders war es nicht möglich, und das sollte uns zu denken geben.

Ich vertrete seit Längerem die Ansicht, dass Drogen weitgehend legalisiert werden sollten. Der Ansatz dazu war zunächst ein durchaus kriminalistischer: Dem organisierten Verbrechen eine wichtige Einnahmequelle entziehen. Hinzu kam, dass der Alkohol, der jährlich mehr Menschen umbringt, als es in Deutschland seit Beginn der Erfassung „Drogentote“ gab, lustig weiter als Genussmittel angesehen wird. Ich würde das auch nicht ändern, sondern ledigich die Abgabe am Jugendliche strikter handhaben. Vielmehr wäre es angezeigt, im Sinne der Gleichstellung z. B. Haschisch komplett freizugeben. Batic und Leitmayr sorgen schon dafür, dass die fidelen älteren Menschen nicht wegen des Backens von Hashcookies belangt werden, aber es ist nicht einzusehen, dass das in all seiner relativen Ungefährlichkeit illegal sein soll. Ganz sicher wird es dann auch findige Unternehmer*innen geben, die Drei-Sterne-Gebäck feilbieten. Im Internet oder in einer schicken Hashkekserie in Berlin-Kreuzberg, wenn die Läden wieder geöffnet werden.

7,5/10

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: es wird uns alle treffen, garantiert

„Nicht jugendfrei“ ist eine Münchener Tatort-Episode, die sich dem Älterwerden und dem Leben der Senioren widmet, welche krampfhaft an dem Spaß und der Gesundheit ihrer Jugend festhalten wollen. Die Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) sowie ihr Kollege Carlo Menzinger (Michael Fitz) lernen diese Welt der Alten kennen, als sie nach dem Mord an einem Apotheker ermitteln. (Redaktion Tatort-Fans)

2021-01-05 Tatort 578 Nicht jugendfrei Batic Leitmayr BR München Ranking der MünchenerWas wird und alle treffen? Das Alter, das Altern. Es ist zwar immer häufiger zu beobachten, dass Menschen dies nicht wahrhaben wollen, witzigerweise migrieren sie dann häufig zurück in die Kindheit und denken, auf diese Weise zieht die Zeit an ihnen vorbei, ohne sie zu bemerken. Dem ist nicht so und wenn wir nicht in einer Welt leben würden, in der es keine Peinlichkeiten mehr gibt, wären diejenigen, die noch ein wenig dem Maß der Dinge Rechnung tragen – und die Zeit ist nun einmal das am meisten objektive Maß von allem, was unser Leben bestimmt – den ganzen Tag über froh gestimmt darüber, wie die anderen sich lächerlich machen.

Von Menschen, die dem Alter ein Schnippchen schlagen wollen, handelt auch der 578. Tatort, der auch schon aus der Zeit gefallen ist: Das München-Team hat sich verändert, Carlo ist weg, dafür gibt es Kalli. Und die Herren Batic und Leitmayr nähern sich optisch mit ihrem Silberhaar zunehmend jenen Person an, die in „Nicht jugendfrei“ mitspielen. Darunter sind beliebte Darsteller früherer Jahre, wie Dietmar Schönherr und Eva Pflug, die bemerkenswert gut gealtert sind und dadurch das Konzept ewige Jugend widerlegen.

Unter allen Tatorten rangiert der Film derzeit auf Platz 548 von ca. 1160 (Stand zur Zeit der Veröffentlichung der Vorschau im Januar 2020), aber unter den Filmen von Batic und Leitmayr kommt er nur auf Platz 51 von 85. Das beliegt wieder einmal, dass die beiden viele Fälle gelöst haben, die als überdurchschnittlich angesehen werden. Wir haben nebenstehend die München-Reihenfolge abgebildet, die gleichzeitig ausweist, dass gerade etwas passiert ist: Sie haben mit Oberleutnant / Hauptmann Fuchs aus der Reihe Polizeiruf gleichgezogen und weisen nunmehr mit die meisten Einsätze von Ermittlern des Sonntagabend-Heimkinos auf.

Ich bin mir sicher, mindestens schon einmal Ausschnitte des Films gesehen zu haben – aber es gibt keinen Text und keine Fotos dazu im Archiv. Tendenz: Auf einem älteren Datenträger archiviert, der beim Sprung zur aktuellen Medien-Receiver und Download-Betrieb hintenrunterfiel bzw. nicht mehr „ausgelesen wurde“, denn es kann noch nicht ewig her sein … ist es Alzheimer? Man soll damit nicht spaßen, denn irgendwann trifft es uns alle – wenn auch nicht unbedingt in dieser Form. Jedenfalls werde ich heute Abend aufzeichnen und es sollte alsbald eine Rezension zu „Nicht jugendfrei“ geben. Selbstverständlich dürfen auch Jugendliche sie lesen. Sie sollten es sogar, denn nichts bereitet so gut auf den Tod vor, wie eine rechtzeitige Vorbereitung.

TH 

Hauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Oberkommissar Carlo Menzinger – Michael Fitz
Hauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Adi Zeitler – Horst Sachtleben
Willy Tindle – Dietmar Schönherr
Helga Müller – Christiane Hammacher
Benny Marien – Max von Puvendorf
Sven – Thomas Limpinsel
Cynthia Lademaker – Eva Pflug

Regie – Thomas Jauch
Musik – Stephan Massimo
Kamera – Clemens Messow
Buch – Gerlinde Wolf

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