Der Besuch (The Visit, IT / DE / USA / FR 1964) #Filmfest 590 Cinema

Filmfest 590 Cinema

Dieses Mal geht es besser aus

Der Besuch ist ein Spielfilm aus dem Jahr 1964 und eine Filmadaption des Bühnenstückes Der Besuch der alten Dame von Friedrich Dürrenmatt.

Die erste bekannte Verfilmung von Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“, das 1956 uraufgeführt wurde. 

Zur Pflichtlektüre in der Schule gehörte für uns „Romulus der Große“ von Friedrich Dürrenmatt. Ein herrliches Stück, wenn auch das vielleicht Unbekannteste aus seiner Feder. Es veranlasste uns, mehr von diesem Schweizer zu lesen und dadurch sind wir auch zu „Der Besuch der alten Dame“ gekommen. Das Feeling danach war begreiflicherweise ein ganz anderes, denn dies ist ein hartes Stück und eine Abrechnung mit der Korrumpierbarkeit durch Geld, mit der sich die Schweizer Autoren besonders auseinandergesetzt haben, die aber sicher kein nationales Phänomen ist.

Handlung (1)

Claire Zachanassian ist eine steinreiche Frau. Sie kehrt nach Jahren der Abwesenheit in ihren Heimatort zurück. Den Bürgermeister der Stadt plagen große Geldsorgen und er macht sich große Hoffnungen, dass die reiche Tochter der Stadt weiterhelfen wird. Frau Zachanassian hat jedoch nicht vergessen, warum sie damals die Stadt verließ. Sie erwartete als Teenager ein Kind von Serge Miller und wurde von den Bürgern aus der Stadt vertrieben. Mit dem Besuch ist die Zeit für die Rache gekommen. Sie ist bereit der Stadt bei ihren Geldsorgen zu helfen. Ihre Forderung ist jedoch, dass Serge Miller dafür getötet wird. Unter dem Druck der Geldsorgen kommt es tatsächlich zum Todesurteil für Serge Miller. Erst kurz vor seiner Hinrichtung begnadigt Claire Zachanassian ihren einstigen Liebhaber.

Wichtige Infos (1)

Der große Unterschied zwischen Filmfassung und Theaterstück ist das in den Film hineingearbeitete Happy End. Bei Dürrenmatt wird Serge Miller (dort Alfred Ill) tatsächlich ermordet. Die 20th Century Fox verlangte jedoch die Änderung von Bernhard Wicki. Eine weitere Änderung war die Verlegung des Handlungsortes von der Schweiz in ein Land auf dem Balkan. Die Dreharbeiten zu dem Film fanden vom 9. September bis zum 17. Dezember 1963 in Ponte Galeria bei Rom statt. Der Film wurde zu den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1964 eingeladen. Im Rahmen des Wettbewerbes fand die Welturaufführung statt. Die deutsche Kinopremiere war schließlich im September 1964.

Bernhard Wicki war gleichermaßen mit Dürrenmatt wie mit Max Frisch befreundet, zwischen denen eine Freundschaft, aber auch eine Rivalität bestand. Damals lebte Frisch in Rom und stattete den Dreharbeiten einen Besuch ab. Dass er im Film einen 8-Sekunden-Auftritt hat, bei dem er deutlich zu erkennen ist, blieb mehr als ein halbes Jahrhundert fast unbemerkt und war selbst Dürrenmatt- und Frisch-Kennern nicht bekannt.[1]

Rezension

Trotzdem ergibt es Sinn, dass sich zwei unserer Lieblingsautoren, Frisch und Dürrenmatt, mit der Schweiz als Standort für Flucht- und Blutkapital und für deren Hilfe für die Nazi- und andere Diktaturen des Verhältnisses zum Geld, zur Korruption, zur Korrumpierbarkeit besonders angenommen haben.  Das Thema lag nach 1945 besonders auf der Hand und ist immer noch brennend aktuell. Es ist in Deutschland zu besichtigen, wie es die Politik beeinflusst und die Demokratie aushöhlt.

Wir hatten uns Claire Zachanassian anders vorgestellt als Ingrid Bergmann, älter natürlich, während wir mit Anthony Quinn als Serge bzw. Alfred sofort vertraut waren, obwohl auch er jünger ist als die Figur im Drama sein sollte.  Dabei ist Ingrid Bergman die Idealbesetzung gewesen, denn das Schicksal der Claire Zachanassian weist Parallelen zu ihrer eigenen Biografie auf: Wegen des Verhältnisses und der späteren Heirat mit Roberto Rosselini wurde sie Ende der 1940er, auf dem Höhepunkt des konservativen Rollbacks in Hollywood, von der Filmstadt verstoßen, drehte etwa sieben Jahre lang nur noch in Europa und kam erst mit „Anastasia“ 1956 zurück und erhielt für die Rolle der Frau, welche angeblich die letzte  Zarentochter war, wohl auch entschuldigungsweise den Hauprdarstellerinnen-Oscar.

Dass Dürrenmatts Werk von der US-Firma 20th Century Fox verfilmt wurde, hat zu einer Annäherung an den Publikumsgeschmack geführt, insbesondere bezüglich der Ausstattung und des Handlungsverlaufs. Wir sind durchaus der Ansicht, dass viel von der beängstigenden Atmosphäre des Stückes übrig geblieben ist, außerdem hat man dadurch, dass im Fernsehen das Bildverhältnis von Breitwand radikal aufs alte TV-Format gekappt wurde, wieder mehr den Eindruck eines Kammerspiels. Dass Figuren dadurch zuweilen nur halb im Bild sind, verstärkt den klaustrophobischen Eindruck. Trotzdem handelt es sich um eine Störung der visuellen Konzeption des Films. Dass man ihn in Schwarz-Weiß gedreht hat, entspricht dem guten Ton, der in den frühen 1960ern entweder einen Krimi oder eine Literaturverfilmung, am besten die eines Dramas, evoziert. Ernsthafte oder dunkle Stoffe durch die Verwendung des auf Reduktion zielenden und kontrastreichen Schwarzweiß-Materials zu unterstreichen, kam zu der Zeit, als „Der Besuch“ entstand, allerdings auch schon aus der Mode (im selben Jahr 1964 war Anthony Quinn in dem berühmten „Alexis Sorbas“ zu sehen, der ebenfalls noch in S/W produziert wurde).

Es ergibt einen großen Unterschied, ob Miller, Quinns Rollenfigur, am Ende wirklich stirbt, wie im Stück, oder ob er begnadigt wird und die Güllener Bürger ihn als lebendiges Beispiel ihres moralischen Versagens weiterhin in ihrer Mitte haben werden. Ob für diese Änderung noch der Hays Code verantwortlich war, der sich formal noch in Kraft befand (bis 1967), aber vor seinem Ende schon sehr locker angewendet wurde, oder ob der 20th Century Fox eine tatsächliche Hinrichtung Millers dem angezielten breiten Zuschauerkreis nicht zugemutet werden sollte, wissen wir nicht. Jedenfalls hat Bernhard Wicki („Die Brücke“, 1959) aus der großen Handlungsfreiheit, die ihm sein Freund Friedrich Dürrenmatt gelassen hatte, einiges geschöpft, was im Hinblick auf die Botschaft der Tragödie, die „Der Besuch der alten Dame“ als Stück darstellt, durchaus diskussionswürdig ist.

Vor allem ist das Ende nicht logisch, man merkt ihm die Inkonsequenz an. Serge versucht zwischenzeitlich schon, die Stadt Güllen zu verlassen, um der Hinrichtung zu entgehen, wird aber von den Bürgern daran gehindert. Was aber sollte ihn nach seiner Begnadigung noch hindern, diesem unschönen Ort den Rücken zu kehren und damit doch aus dem Blick, aus dem Sinn der Güllener zu weichen? So, wie sie gestrickt sind, könnten sie ohnehin ein neues Gesetz erlassen, das die Verbannung Begnadigter vorsieht und es sogleich als Fall Nr. 1, Serge Miller, ausführen. Das Geld von Claire Zachanassian haben sie ja nun. Dass diese aus Rachsucht den Ort erst schädigt, ihm dann jedoch auf die Beine hilft, um zu sehen, wie die Bürger sich korrumpieren, wirkt zwar auch seltsam, ist aber, soweit wir uns erinnern, aus dem Stück übernommen.

Dass man den Ort von der Schweiz weg auf den Balkan verlegt hat, sagt ebenfalls einiges aus. Im Grunde ist es eine krachende Ohrfeige für den Autor und ein Beweis, wie das Geld tatsächlich korrumpierende Wirkung hat. Der Balkan lag in den 1960ern hinter dem Eisernen Vorhang, mit dem konnte man filmisch quasi anstellen, was man wollte. Die Schweiz aber war durch ihre Stellung als Geldgeberland für alle möglichen weltweiten Projekte und sicher auch mit Verbindungen zur Filmindustrie gut geschützt. Dass Autoren wie Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt sich damit befassten, dass die Schweiz unter anderem den Zweiten Weltkrieg dadurch verlängert hat, dass sie von den Nazis geraubte Vermögensgegenstände entgegennahm, für das Deutsche Reich „wusch“ und weiterveräußerte, wobei natürlich die Geschäfte in jeder Hinsicht glänzend waren, wird in „Der Besuch der alten Dame“ allegorisch behandelt, das Stück  hat einen klaren Bezug zur im Zeitpunkt seiner Entstehung (1956) allerjüngsten Geschichte der Schweiz.

Man hätte, wenn man diesen wichtigen, ja für das im Stück enthaltene Gleichnis konstitutiven Bezug schon verwischt, allerdings den so auffällig deutschschweizerisch  und außerdem nach übel riechendem Felddünger klingenden Ortsnamen Güllen (Geld stinkt also doch, wenn Blut an den Händen derer klebt, die es entgegennehmen) dann auch ändern können, wie man es  mit den Figurennamen, außer bei Claire Zachanassian, getan hat.

Dem Schauspiel hat man eine gewisse Bühnenhaftigkeit belassen, was bei Anthony Quinn am wenigsten auffällig ist, mehr schon bei Ingrid Bergman mit ihrer dezidierten, wie auf ein etwas entfernt im Saal sitzendes Publikum gerichtet wirkenden Mimik, deutlicher aber noch bei den Nebenfiguren, die im Grunde wie im Theater agieren, nur manchmal etwas leiser sprechen. Bestärkt wird der Eindruck dadurch, dass der Film sich filmischer Mittel nur in wenigen Szenen ausführlich bedient, etwa beim Treffen von Claire und Serge außerhalb der Stadt, wo die Kamera der Versuchung erliegt, den Moment doch zu emotionalisieren und dadurch die Distanz zu mindern, die wir als Zuschauer insbesondere gegenüber Claire bewahrten, die mit ihrem Geld alles bestimmt – während die Identifikation mit Serge, nicht nur aufgrund der menschlich wirkenden Art, mit der Anthony Quinn ihn spielt, ohnehin vorhanden war. Er ist nun einmal der Verfolgte, und was immer er Claire einst angetan hat, er wird außerhalb jeder Rechtsstaatlichkeit als Opfer konstituiert und man merkt, dass es nicht um Gerechtigkeit geht, als man ihm an den Kragen will. Dass die Menschen bereit sind, ihn im Ausgleich für billigen Konsumtand in den Tod zu schicken, nicht nur für die Rettung von Güllen als einem höheren Wert, ihn also ihn mit Habgier als subjektivem Mordtatbestandsmerkmal hängen zu lassen, ist eine Versuchsanordnung, bringt uns auf seine Seite.  

Fazit

Die Stringenz und Konsequenz des Stück hat die Verfilmung nicht, aber im Rahmen dessen, was ein Hollywoodfilm mit einem so schwierigen Stoff machen kann und wegen der guten Schauspielleistungen kann man von einem gelungenen Werk sprechen, welches die universellen Aspekte des Autorenanliegens mehr herausgreift.

75/100

© 2021 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv und tabellarisch: Wikipedia

Regie Bernhard Wicki
Drehbuch Ben Barzman
Produktion Deutsche Fox Film GmbH, Frankfurt
Films du Siècle, S.a.r.l.
Productions et Editions Cinématographiques Françaises, Boulogne-sur-Seine
Dear Film Produzione S.p.A., Rom, für Twentieth Century-Fox Film Corporation, New York
Darryl F. Zanuck (Gesamtleitung)
Julien Derode
Anthony Quinn
Ingrid Bergman
Musik Hans-Martin Majewski
Richard Arnell
Kamera Armando Nannuzzi
Schnitt Samuel E. Beetley
Françoise Diot
Besetzung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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