Ava Gardner, die Flamenco-Diva Hollywoods (Ava Gardner, la gitane d’Hollywood, FR 2016) #Filmfest 589

Filmfest 589 Dokumentation

Viele große Stars erfahren auf Arte eine 50- bis 55-minütige Würdigung, die jedoch allenfalls ein Herantasten sein kann, ein erster Vorhang, der sich öffnet, ein Mensch wird sichtbar, doch hinter ihm erkennt man weitere Vorhänge. Ava Gardner war einer der ersten Hollywoodstars, die mich faszinierten. Das lag daran, dass sie in wichtigen MGM-Filmen der frühen 1950er auftrat, und die prägten meinen frühen Zugang zum Medium, weil die ARD damals ein großes Kontingent der einst größten Produktionsfirma in Hollywood gekauft hatte. 

Also sah ich „Schnee am Kilimandscharo“, in dem sie die schönste der darin vorkommenden Frauen um Gregory Peck darstellt, „Mogambo“ und „Showboat“. Viel später erst den Film, der sie in den USA bekannt macht, „Rächer der Unterwelt“, einen der essentiellen Films noirs, in denen sie, wie es sich für einen Film noir gehört, die Femme fatale verkörperte. Sie kommt nicht in allen Filmen des Genres vor und manchmal ist sie bösartiger als Kitty Collins, die Rollenfigur von Ava Gardner. Den Namen „Deadly Kitty Collins“ kann ich immer abrufen, aber Ava Gardner hat im realen Leben nie Männer ins Unglück gestürzt, nicht einmal spielerisch, sondern war eher selbst unglücklich. Vielleicht nicht immer mit Frank Sinatra, aber sonst? So stellt es jedenfalls die Dokumentation dar: Ava Gardner als Mensch in einem unerfüllten, getriebenen Leben. Der Originaltitel wurde auf Deutsch recht sinnvoll verändert, weil die hiesige Sprachverwendung die direkte Übersetzung nicht mehr zulässt, u. a. der kulturellen Aneignung wegen. Also wird sie in Spanien verortet, das merkt man schon am Titel und in der Tat: Sie spielte in ihrer letzten ganz großen Rolle 1954 „Die barfüßige Gräfin“, eine spanische Tänzerin und Sängerin, die nach Hollywood geht, dort berühmt wird und alles endet tragisch. Am Grab wird Humphrey Bogart um sie trauern und wenn er das tut, hat das eine größere Bedeutung als bei irgendeinem anderen Star.

Die Probleme des relativ kurzen Formats zeigen sich immer wieder. Auf Spanien wird recht ausführlich eingegangen, mit der Anfangsfrage: Wie kann ein Mensch, der so frei sein will, sich in der übelsten Diktatur der Nachkriegszeit in Europa niederlassen? Ich glaube, man kann ein Land auch lieben, wenn es unfrei ist, vor allem, wenn man selbst außergewöhnliche Freiheiten genießt, die für „Normalbürger:innen“ dort undenkbar sind. Wenn man ein hochgradig privilegiertes Leben in der Oberschicht der Diktatur führt. Doch ist dies das Glück? Offensichtlich nicht oder nicht ganz, denn Gardners Einsamkeit und ihre massiven Alkoholprobleme werden im Film nicht nur nicht verschwiegen, sondern herausgestellt, während der Artikel in der deutschen Wikipedia über sie kein Wort darüber enthält. Der diesbezüglich geradezu prophetische Film dazu, „Showboat“, wird in der Dokumentation hingegen verschwiegen, obwohl sie dort als gestrandete, an einer unglücklichen Liebe gescheiterte halb-afroamerikanische Sängerin so gezeigt wird, wie sie wenig später wirklich war. Als Opfer einer Sucht. Natürlich immer noch auf ihre Weise schön, das verstand sich bei MGM von selbst. 

Ein Vaterkomplex wird angedeutet, das unbehaust sein nach dessen frühem Tod und wie man dieses Mädchen, das offenbar eine Art Tomboy war, für Hollywood auf weiblich und verführerisch konfektioniert hat. So wie damals alle Stars, aber kein anderes Studio hat so perfekt ein künstliches Image für seine Stars aufgebaut wie MGM, das Menschen geradezu gemacht hat. Davon wusste ich nichts, als ich die prächtigen Farbfilme erstmals anschaute, die von dort kamen, wusste nichts von den Schicksalen von Judy Garland oder eben Ava Gardner. Auch männliche Stars litten unter dem System und in den 1950ern kam der Durchbruch, der es erschütterte, denn einige Superstars konnten es sich leisten, ihre Filme selbst zu produzieren. In den Status kam Ava Gardner nie, sie war keine Unternehmerin in eigener Sache und hatte kein politisches Mindset, das ihr die Themen für anspruchsvolleres Kino hätte zuspielen können, wie es im Verlauf der 1950er häufiger zu sehen war als zuvor.

Noch einmal hatte sie 1957 eine wichtige Rolle in Ernest Hemingways „The Sun also Rises“, darin sieht sie immer noch verführerisch aus, spielte dann in einem der ersten Endzeitdramen, „On the Beach“ und später keine tragenden Rollen mehr, wenn man Ensemble-Filmen wie „Earthquake“ absieht, der 1974 entstand und in dem sie es noch einmal bis zur Rolle als Frau von Hauptdarsteller Charlton Heston brachte. Die Dokumentation hat etwas Melancholisches und stellt Gardner nicht immer im besten Licht dar, die Abwesenheit eines tieferen Sinns in ihrem Leben ist hingegen stets zu spüren. Aber sie war für ein paar Jahre einer der größten Stars der Traumfabrik und zählt zu jenen Frauen, denen zugeschrieben wird, zu den schönsten ihrer Zeit gehört zu haben. Sie stand dabei vor allem in Konkurrenz mit Hedy Lamarr, die fürs selbe Studio arbeitete und mit Gene Tierney. Alles dunkelhaarige Frauen, die berühmt wurden, bevor die Blondinenwelle Hollywood überrollte oder Hollywood die Blondinenwelle inszenierte, wie man es nimmt, eine mit Gardner zeitgenössische Blondine war bereits Lana Turner, ebenfalls bei MGM unter Vertrag.

Inhalt (1)

1953. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere wagte Ava Gardner das Unfassbare: Sie kehrte Hollywood den Rücken und ging nach Spanien – damals noch die von Franco mit eiserner Hand geführte Diktatur. Warum zog sich eine der begehrtesten Filmdiven fünfzehn Jahre lang von der Außenwelt zurück? Die Dokumentation erinnert an die spanischen Jahre der Femme Fatale Gardner.

Im Jahr 1953 befindet sich Ava Gardner auf dem Höhepunkt ihrer Karriere: Rollen in Filmen wie „Rächer der Unterwelt“, „Pandora und der Fliegende Holländer“ oder „Mogambo“, zwei Blitzehen und zahlreiche schlagzeilenträchtige Liebschaften machen den MGM-Star zur lebenden Leinwandlegende. Genau zu diesem Zeitpunkt beschließt sie, Hollywood – und ihrem Geliebten Frank Sinatra – den Rücken zu kehren, um sich in der spanischen Hauptstadt Madrid niederzulassen. Spanien ist zu diesem Zeitpunkt eine Diktatur, die Menschen leiden unter Not und Unterdrückung. Die freiheitliche Welt der Hollywood-Diva kollidiert mit der Realität des faschistischen Franco-Regimes, Glamour und Technicolor treffen auf den schwarz-weißen Alltag eines nach dem Spanischen Bürgerkrieg ausgebluteten Landes. Ava Gardner lebt 15 Jahre lang in Spanien, feiert, tanzt, lebt wie im Rausch. „Ich weiß nicht, ob es das Klima war, die Männer oder die Musik, aber als ich Spanien entdeckte, habe ich mich sofort in dieses Land verliebt“, sagt sie. Doch sie findet zunehmend Zuflucht im Alkohol. Ihre Ehe mit Frank Sinatra zerbricht. Dann lässt sie sich auf eine leidenschaftliche Beziehung mit dem spanischen Playboy, Nationalhelden und Torero Luis Miguel Dominguín ein. Sie nimmt nur noch Verträge in Europa an. Im Januar 1954 fliegt sie nach Rom, um mit Humphrey Bogart „Die barfüßige Gräfin“ zu drehen, unter der Regie von Joseph L. Mankiewicz. Darin spielt sie die Rolle der María Vargas, einer spanischen Bartänzerin, die zum Hollywood-Star wird. „Die barfüßige Gräfin“ erscheint wie eine Allegorie einer neu entdeckten südländischen Ava Gardner. Die Dokumentation spannt den Bogen von ihrer Kindheit im ländlichen North Carolina, dem frühen Tod ihres Vaters, über den ersten Vertrag der 19-Jährigen mit der MGM, ihr Leinwanddebüt und ihren kometenhaften Aufstieg zum Weltstar bis hin zu den schicksalhaften Jahren in Spanien. Nach einem Reitunfall, der eine bleibende Schwellung auf ihrer Wange hinterlässt, kommt es langsam zum Wendepunkt in ihrer Karriere; sie verlässt Spanien und geht nach London. „Ich verlasse Spanien, aber es ist der einzige Ort, an dem ich mich in Frieden gefühlt habe, der einzige Ort auf der Welt, an dem ich so etwas wie Glück empfinden konnte“, schreibt sie in ihren Memoiren. Ava Gardner stirbt 1990 einsam in London, ohne jemals nach Spanien zurückgekehrt zu sein.
 
Finale
 
Die Vergänglichkeit, der Abschiedsblick spielen in dieser Dokumentation eine bedeutende Rolle, ihr Starruhm wirkt hingegen beinahe episodisch und auf eine Weise nur als Nachhall, weil Gardner während ihrer Zeit in Spanien nur noch wenige Filme machte. Herausgehoben wird „Pandora und der fliegende Holländer“ (1952), der wirklich sehr besonders, sehr poetisch ist und mit James Mason hatte sie einen Filmpartner, der diese Stimmung perfekt unterstützen konnte. Danach ging sie von Bord des Entertainment-Tankers Hollywood und blieb erst einmal in Spanien, wo sie ihre Liebe zu den Machos des Landes entdeckte. Aber es fehlte etwas und es lässt sich auch durch eine Dokumentation nicht auffinden. Meine schönste Filmerinnerung an Ava Gardner ist heute „Mogambo“. Dort spielt sie nicht nur humorvoll, sondern erobert am Ende einen Bruder im Geiste, Clark Gable, während Grace Kelly bei ihrem vertrockneten Wissenschaftler-Ehemann bleiben muss.
 
TH

Regie : Sergio G. Mondelo
Land : Frankreich
Jahr : 2016
Herkunft : ARTE F

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