Weniger Lohn im Homeoffice? + Kommentar | Newsroom | Wirtschaft, Arbeitswelt

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Man hätte es sich denken können. Die GAFAM-Konzerne versuchen, auch die Corona-Pandemie zu nutzen, um Mitarbeiter:innen das Gehalt zu kürzen. Der neue Spin: Wer im Homeoffice arbeitet, soll weniger verdienen, weil er Vorteile hat. Keine Anfahrt, Umgebung nach Wahl, weniger Lebenshaltungskosten.

Hier zum Bericht von WEB.de.

Die Gewerkschaften sind gegen eine neue Form des Lohndumpings. In der Schweiz wird umgekehrt gedacht: Prämien für diejenigen, die ins Büro kommen, obwohl sie zu Hause arbeiten könnten.

Letztere Variante ist die einzige, die eventuell Sinn ergibt. Einen Bonus dafür, dass man die Wegzeit in Kauf nimmt und die Gemeinschaft pflegt. Darüber kann man also nachdenken. Alles andere ist ein typischer Kapitalistenwitz, den sich natürlich zuerst Firmen wie Facebook, Twitter, Google für ihre Mitarbeitenden einfallen lassen, wer sonst? Bei Amazon kann man wohl kaum noch kürzen, aber sicher kommt da auch noch etwas, damit Jeff Bezos noch mehr Profit machen und sich noch häufiger ins erdnahe All schießen lassen kann.

Ein deutscher Gewerkschafter sagt, dort, wo Tarife gelten, kann man eine solche Entwicklung gut verhindern. Aber gerade in den Großstädten arbeitet die große Dienstleistungscommunity kaum nach Tarif und dort ist das Homeoffice besonders leicht durchzuführen, weil eben viele Arbeiten, die hier angeboten werden, auch daheim erledigt werden können. Sind die Lebenshaltungskosten dadurch niedriger? Höchstens, wenn man Geld für ein Verkehrsmittel spart, ansonsten muss man zu Hause auch essen und der Vergleich Umland-Großstadt zieht sowieso nicht, weil in der Großstadt das Wohnen und allgemeinen Lebenshaltungskosten teurer sind. Wer also eine weite Anfahrt hat, wohnt zum Ausgleich meist günstiger. Zumindest für Deutschland kann man das überschlägig sagen. Außerdem haben in Großstädten viele Unternehmen Kantinen oder Vereinbarungen mit anderen, die eigene Restaurants betreiben und die es ermöglichen, dass die Mitarbeitenden dort günstig essen können. Das fällt weg oder spart keine Zeit, wenn man im Homeoffice arbeitet, es sei denn, das Homeoffice ist in direkter Nähe zum Arbeitsplatz, dann hat man aber auch keinen langen Arbeitsweg.

Ein weiterer Aspekt wird im Artikel ebenfalls genannt: Unternehmen können durch Homeoffice-Arbeit ihrer Angestellten Büroflächen sparen, inklusive deren Reinigung und dem Equipment. Was sie ebenfalls sparen: Strom für den Betrieb der Computer und die Arbeitsplatzbeleuchtung, Heizkosten, Wasser und weitere Kleinigkeiten. Das trifft in viel geringerem Umfang zu, wenn die Arbeitsplätze im bisherigen Rahmen vorgehalten werden und wird erst dann richtig interessant, wenn aufgrund der Tendenz zum Homeoffice eine Art Anwesenheits-Schichtplan erstellt wird, der insgesamt die Besetzung der Büros verringert. Das Homeoffice ist also auch ökologisch der richtige Schritt. Weniger Verkehr, weniger Energieverbrauch. Was dem entgegensteht: Der Kontakt mit anderen Menschen entfällt oder vermindert sich. Viele Arbeitende sind nach dem, was wir aufgenommen haben, der Ansicht, bei bestimmten Themen können ausschließliche Videokonferenzen Vor-Ort-Meetings nicht ersetzen.

Aber sonst? Der jederzeit mögliche Austausch? Ist dieser konstitutiv für das Wohlgefühl bei der Arbeit oder gar für die Arbeit an sich? Gab es den früher bei der Feldarbeit? Da konnte der Bauer sich den lieben langen Tag über höchstens mit dem Zugochsen oder Zugpferd oder den Schweinen im Stall austauschen. Das kann derjenige, der heute auf dem weiten Feld der computergestützten Dienstleistungen rackert, im Homeoffice mit Katze, Hund oder sogar Kindern und Partner.

Was haben wir noch nicht erwähnt? Die freie Zeiteinteilung. Die hat allerdings Vor- und Nachteile und ist per se erst einmal etwas für disziplinierte Menschen, die nicht dazu tendieren, gar nicht mehr aufzuhören und in kleinen Portionen den ganzen Tag und sieben Tage lang herumzuwerkeln, anstatt eine klare Struktur zu bewahren. Aber grundsätzlich ist die Flexibilität ein Vorteil, vor allem für Menschen mit Kindern. Darf man ihnen dafür das Gehalt kürzen? Selbstverständlich nicht. Es ist eine freie Entscheidung, ob sie die Gemeinschaft im Büro bevorzugen oder die Möglichkeit, den Tag nach verschiedenen Anforderungen zu gestalten. Was zählt, ist die Arbeit, die geleistet wird. Auch im Büro ist Anwesenheitszeit nicht gleich Arbeitszeit, wie wir alle wissen. Man geht davon aus, dass ein Achtstundentag im Büro im Durchschnitt etwa fünf, höchstens sechs Stunden Arbeitszeit in Form ausschließlicher Konzentration auf den Auftrag beinhaltet. Wir können das aus eigener Erfahrung in etwa bestätigen.

Ein Grund dafür, dass Unternehmen die Vorteile nicht gerne nutzen, die sie selbst davon haben, dass ihre Angestellten zu Hause arbeiten, ist der Kontrollfreakismus. Wer anwesend ist, kann besser überwacht werden. Wir sind schon gespannt, wann die ersten Unternehmen damit um die Ecke kommen, dass sie es zur Pflicht machen, dass Heimarbeitende eine Kamera im Arbeitszimmer installieren müssen.

Sicher bringt die Verschiebung hin zu dieser Heimarbeit eine Tendenz zur Orientierung am Ergebnis, der messbaren Leistung, aber es ist doch ohnehin in den Jobs, die auch zu Hause erledigt werden können, überwiegend der Fall, dass es Deadlines für bestimmte Arbeiten gibt. Diese dürfen natürlich für zu Hause Arbeitende nicht anders gestaltet werden als für jene, die das Büro-Dasein bevorzugen. Denn auch das ist schnell passiert: Dass es den Firmen egal ist, wie viel Zeit wirklich gebraucht wird, um eine Arbeitsleistung zu erbringen, wenn jemand aus dem Blickfeld verschwindet und man z. B. Abwicklungsprobleme und mehr Zeiteinsatz für Problemlösungen als veranschlagt nicht mehr so mitbekommt. Eines lässt sich leider ohnehin nicht ausschließen: Dass die Homeoffice-Arbeitenden mehr Verantwortung für technische Belange übernehmen müssen. Wenn etwas nicht richtig funktioniert, sind sie häufig mehr gefordert, weil Fehler auch in der eigenen Installation zu Hause begründet sein können.

Es ist selten etwas nur so oder so, nur vor- oder nachteilhaft. Das gilt auch fürs Homeoffice. Besonders für Menschen, die immer ihr Ohr am Puls des Unternehmens haben wollen, für das sie tätig sind und den sozialen Austausch benötigen und auch bei Karriereansprüchen, für das Netzwerken, ist das Homeoffice möglicherweise gar kein Plus, nicht einmal eine Option. Und wir dürfen nicht vergessen, dass es immer noch sehr viele Arbeitsplätze gibt, die nicht nach Hause verlegt werden können.

Trotzdem muss eines klar sein: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, vielleicht in Kombination mit einer maßvollen zusätzlichen Vergütung dafür, dass jemand freiwillig im Büro erscheint. Und sei es nur, weil dort ein:e Kolleg:in anwesend ist, die den besten Kaffee im Kiez zubereitet oder immer Tipps für wichtige Lebensfragen auf Lager hat.

TH

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