Die erste Fahrt zum Mond (First Men in the Moon, GB 1964) #Filmfest 598

Filmfest 598 Cinema

Er hatte einen furchtbaren Schnupfen

Allein wegen des Nachsatzes, den wir oben zum Titel gemacht haben, mussten wir minutenlang unter anderem durch die Zahnpaste hindurch lachen – nach dem Anschauen des Films zu früher Morgenstunde, wie seinerzeit zuweilen üblich. Immerhin hatten wir danach keine Alpträume von Mondbewohner-Insekten oder Käfern, sondern sind recht vergnügt aufgewacht. Der Begriff Schnupfen hat, wie so vieles, mittlerweile eine ganz andere, bedrohlichere Bedeutung, aber der Entwurf wurde vor fünf Jahren geschrieben und damals war die Welt noch in Ordnung, auch wenn wir nach langen Filmnächten stets um sieben Uhr fit für den Tag waren. Mehr zu diesem Film, weniger zur Nacht und gar nichts zur heutigen Bedrohung, die hinter einem Schnupfen stecken könnte, steht in der –> Rezension.

Handlung (1)

Drei Astronauten – ein Amerikaner, ein Russe und ein Brite – landen als erste Menschen auf dem Mond. Doch zu ihrem Erstaunen entdecken sie eine britische Flagge und ein Dokument aus dem Jahre 1899. Die UNO sucht daraufhin Arnold Bedford, dessen Name auf dem Dokument stand. Die Leute von der UNO finden den Mann in einem Altersheim in England. Er wird wegen seiner Geschichten von einer Reise zum Mond für verrückt gehalten.

Diesmal erzählt er die Geschichte den Offiziellen: Der Schriftsteller Arnold Bedford zieht mit seiner Verlobten Kate in das Haus einer Verwandten. Die beiden lernen Professor Joseph Cavor kennen. Arnold und Joseph freunden sich an und beginnen nun, gemeinsam zu forschen. Der Professor hat ein Element zur Aufhebung der Schwerkraft entdeckt. Mit einer Art Salbe bestrichen, kann jeder Gegenstand nun die Schwerkraft überwinden. Zudem hat er eine Kapsel entworfen, die ihn zum Mond bringen soll. Der verschuldete Arnold will den Professor begleiten. Kate gerät kurz vor dem Start in die Kapsel und ist unfreiwillig mit dabei. Der Start, der Flug und auch die Landung verlaufen ohne Probleme. Auf dem Mond entdecken sie eine hochentwickelte insektenähnliche Spezies, die Seleniten. Im Professor erwacht wieder der Forscherdrang, während sich Arnold bedroht fühlt und versucht, sich zu bewaffnen. Arnold und Kate können schließlich den Mond verlassen, der Professor bleibt freiwillig zurück.

Die Astronauten entdecken nun eine weitere Überraschung auf dem Mond. 

Rezension

Der Film ist aber auch gar zu putzig. Von allen Werken der Columbia-Fantasy-Reihe der späten 1950er und frühen 1960er ist dieser wohl der skurrilste. In unsere derzeitige US-Chronologie ist er hineingerutscht, weil wir ihm ohne Recherche unterstellten, ein amerikanisch-britisches Gemeinschaftswerk zu sein, wie die vorausgehenden Filme der Reihe, wenn man diese als Reihe bezeichnen kann. Er wird in der Wikipedia aber nur mit dem Vereinigten Königreich als Produktionsland ausgewiesen, was ja auch seinem Setting entspricht. England war damals einfach nicht zu schlagen, nachdem die Amerikaner Paris im vorausgehenden Jahrzehnt bereits abgearbeitet hatten. Deswegen liegt die Veröffentlichung dieser Kritik auch zwischen jener für „Mary Poppins“ und „My Fair Lady“, die beide im selben Jahr 1964 herauskamen wie „Die erste Fahrt zum Mond“.

Allerdings war „First Men on the Moon“ auch der letzte dieser besonderen Filmreihe, die 1957 mit „Sindbads siebente Reise“ begann, denn er wurde kein Erfolg und die Columbia beendete die Zusammenarbeit mit dem Special Effects-Designer Ray Harryhausen, der auch dieses Mal wieder zahlreiche ruckig bewegte Absonderlichkeiten auffährt, um uns zu unterhalten.

Aber die Tricktechnik entwickelte sich weiter und trotz des moderneren Titeldesigns, trotz Breitwandformat und eines herrlichen Stereotons, bei dem alle Leute immer aus der Richtung sprechen, in der sich wirklich im Bild stehen – mit dem Nebeneffekt, dass sich die auditive Wahrnehmung einer Person nach einem Schnitt oft ruckartig ändert –, wirkt der Film für 1964 bereits veraltet. Anders als „Die Zeitmaschine“ (1960), der ebenfalls nach einem Roman von H. G. Wells entstand, ist „Die ersten Menschen auf dem Mond“ leider auch nicht so atmosphärisch dicht, philosophisch und berührend.

Die Moral der Menschen gegenüber den Mondbewohnern wird zwar angedeutet, aber nicht zu einer Klimax gebracht. Vielmehr finden die Astronauten aus 1964 den Mond verlassen vor, weil ausgerechnet der mondbewohnerfreundliche Professor Carvor einen Schnupfen mitgebracht hatte, den die Mondbewohner nicht überstanden, weil sie keine Abwehrkräfte gegen Grippeviren hatten. Ja, das klingt böse, im Jahr 2021, aber wer hätte das 1964 vorausahnen können. Nicht einmal 2016 zeichnete sich ab, was mittlerweile unseren maskierten Alltag darstellt.

Im Grunde ist trotzdem eine wenig freundliche Ironie zu erkennen, wenn man bedenkt, wie rücksichslos und unsympathisch die eigentliche Hauptfigur, Brentford, sich verhält – im Prinzip von Beginn an, als er seine Verlobte mit einem Grundstücksgeschäft in Schwierigkeiten bringt.

Nichts in diesem Film ist aber konsequent durchgezogen, Logik ist nicht vorhanden, die Dialoge und die Inszenierung wirken heute wie eine ungewollte Parodie. Regisseur Nathan Juran ist in den Werken, die wir bisher von ihm gesehen haben, kein Meister der feingeschliffenen Figurenzeichnung, aber in seinem „Sindbads siebente Reise“ stimmt doch das Grundtableau noch, weil der Held sehr sympathisch ist. Auch in diesem orientalischen Abenteuer gibt es Fragwürdigeiten, aber man kann nicht sagen, der Film besteht fast nur aus solchen, wie „Die erste Fahrt zum Mond“.  Die Physik wird ohnehin ziemlich auf den Kopf gestellt, ebenso die Chemie – und es ist auch keine immanente Plausibilität zu erkennen, wie sie viele Science-Fiction-Welten durchaus vorweisen können und die sich oftmals sehr bemüht, einen wissenschaftlichen Anstrich zu vermitteln. Von einem solchen Anspruch ist „Die erste Fahrt zum Mond“ relativ weit entfernt.

Der „moderne“ Teil, der in 1964 spielt, sieht immerhin schon eine Raumfähre vor und ein Mutterschiff, das um den Mond kreist. Da man sich gemäß Vorspann von der NASA beraten ließ, versteht sich eine gewisse Realitätsnähe hier von selbst, auch wenn viele Details nicht mit der echten Mondlandung im Juli 1969 übereinstimmen und die Landefähre wesentlich größer ist als der oder das echte „Eagle“ mit den Astronauten Armstrong, Aldrin und Collins.

Aber was für ein Zufall, dass man genau dort landet, wo 65 Jahre zuvor, im Jahre 1899, die erste echte Mondmission ihr Ziel fand und sogleich die britische Fahne findet sowie die Notiz von Kathy Brentford. Von da an nimmt das Karussell der Unwahrscheinlichkeiten Fahrt auf.

Die Schauspielleistungen schwanken zwischen erheblicher Exaltiertheit, Unauffälligkeit und einem Spiel, das zu wenig Identifikationspotenzial zulässt.

Finale

Unter der Prämisse, dass man den Film nicht ernst nimmt, ist er durchaus vergnüglich, hat aber auch etwas von Ed Woods Werken, was dadurch gemildert wird, dass das Produktionsdesign von einem großen Studio stammt und demgemäß nicht so rudimentär wirkt.

Wenn man bedenkt, dass zwischen diesem Film und Stanley Kubricks „2001“ nur vier Jahre liegen, merkt man, wie groß das Kino ist, wie unendlich der Weltraum, wie groß die Unterschiede, Kino innerhalb einer einzigen Genre-Galaxie zu machen. „Die erste Fahrt zum Mond“ hat noch einen Touch 1950er, während „2001“ die Maßstäbe für kommende SF-Filme setzte. Für Fans von Raumfahrer-Filmen als Subgenre des SF gehört aber auch „Die erste Fahrt zum Mond“ unbedingt zum Kanon, schon wegen des Cavorids, dessen Formel leider mit ihrem Erfinder auf dem Mond verblieben war und nie geborgen wurde.

67/100

© 2021 (Revision 2017, Entwurf 2016) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv und tabellarisch: Wikipedia

Regie Nathan Juran
Drehbuch Nigel Kneale,
Jan Read
Produktion Charles H. Schneer
Musik Laurie Johnson
Kamera Wilkie Cooper
Schnitt Maurice Rootes
Besetzung

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