Ein seltsames Paar (The Odd Couple, USA 1968) #Filmfest 599

Filmfest 599 Cinema

Ein seltsames Paar (The Odd Couple) ist eine US-amerikanische Filmkomödie von Gene Saks aus dem Jahr 1968 mit dem Komikerduo Jack Lemmon und Walter Matthau. Es handelt sich um die Verfilmung des gleichnamigen Bühnenstücks von Neil Simon, der auch das Drehbuch zur Filmversion verfasst hat.

Vieles, was mit den guten Seiten der amerikanischen Filmkomödie zu tun hat, hat auch mit Billy Wilder zu tun, der aus Österreich stammt und in Berlin anfing zu filmen. Zu diesen Pluspunkten zählt auch, dass er es war, der den bereits bekannten Starkomiker Jack Lemmon mit Walter Matthau zusammenbrachte, der zuvor in erster Linie Schurkenrollen gespielt hatte. Das war 1965 und das erste gemeinsame Teaming hieß „Der Glückspilz“ („The Fortune Cookie“). Drei Jahre später war die Zeit reif für ein echtes Solo für zwei, auch wenn zeitweise weitere Charaktere auf dem Bildschirm auftauchen. Obwohl „The Odd Couple“ einen typischen Übergangsfilm zwischen dem klasischen und dem neuen Hollywood darstellt, ist er noch vergleichsweise trittsicher und warum man mit ihm nicht viel falsch machen kann, beschreiben wir in der –> Rezension.

Handlung (1)

Der von seiner Frau verlassene Ordnungsfanatiker und Hypochonder Felix Ungar will sich umbringen. Er mietet sich dafür in einem hoch gelegenen Zimmer in einem Hotel ein, kann das Fenster aber nicht öffnen und zerrt sich dabei den Rücken. Nach einem gescheiterten Versuch landet er im Apartment seines Freundes, des schon geschiedenen Sportreporters Oscar Madison, wo gerade die regelmäßige Pokerrunde mit den gemeinsamen Freunden Vinnie, Speed und Roy stattfindet. Nachdem die Pokerfreunde Felix beruhigt haben, beschließt Oscar, Felix bei sich aufzunehmen.

Felix bringt die verwahrloste Wohnung in Ordnung und übernimmt nach und nach die Regie in der ‚Beziehung‘ der beiden. Er kauft ein, kocht und putzt; zudem sorgt Felix dafür, dass Oscar sein Geld besser verwaltet und seiner geschiedenen Frau regelmäßig Geld überweist.

Zunehmend geht Oscar aber sein neuer Mitbewohner mit seinem Putz- und Sauberkeitswahn sowie seinen Eigenarten ziemlich auf die Nerven. Die Situation eskaliert, als Felix ein Rendezvous mit den beiden Schwestern Gwendolyn und Cecily Fink vermasselt. Er bringt sich und die Schwestern mit der Geschichte seiner geschiedenen Ehe zum Weinen und zerstört so die ausgelassene Stimmung.

Oscar redet kein Wort mehr mit Felix und setzt ihn schließlich vor die Tür. Doch schon bald meldet sich sein schlechtes Gewissen. Zusammen mit seinen Freunden macht er sich auf die Suche nach Felix. Es stellt sich heraus, dass der inzwischen bei den Fink-Schwestern eingezogen ist, die ihn wegen seiner erzählten Scheidungsgeschichte als einfühlsam und sympathisch empfinden. Felix und Oscar entschuldigen sich für ihr Verhalten. Felix kündigt an, am nächsten Freitagabend bei Oscar zum Pokerspiel zu kommen. Oscar fordert seine Freunde auf, nach dem Ende des Pokerspiels das Chaos zu beseitigen.

Rezension

In den ersten Minuten dachte ich, endlich die Vorlage für Filme wie „Die Filzlaus“. Sie wissen, dieses Szenario, in dem sich jemand im Hotel umbringen will und ein anderer Gast ihn dabei so lange stört, bis die Sache aus der Welt ist, nicht aber der Selbstmordkandidat. Aber so kam es dann nicht, vielmehr sehen wir die Entstehung einer Männer-WG. Man sagt, Freundschaft wird durch viele kleine Aufmerksamkeiten begründet und gefestigt, sie kann aber auch daraus resultieren, dass alle voneinander genervt sind und genau dies offenbar brauchen.

Diese noch ganz im klassischen Stil gefilmte Zwei-Mann-Show gefällt noch heute. In der IMDb erreicht sie 7,7/10, der Metascore liegt bei 86/100, die Nutzerwertung derselben Plattform hat sich bei 8,3/10 eingependelt und bei Moviepilot kommt es zu 7,6/10. In den Top 250 der IMDb (Einstieg bei ca. 8,1/10) war der Film wohl nie vertreten, was allerdings auch darauf hinweist, dass er nicht zu den Kinostücken zählt, die schlecht gealtert sind, vielmehr blieb seine Rezeption stabil. Die Handlung ist nicht sehr verrucht, man hätte „The Odd Couple“ ähnlich bereits vor der Abschaffung des Hays Code im Jahr 1967 drehen können. Das liegt auch daran, dass die beiden ziemlich besten Freunde nicht gerade Frauenhelden sind und trotzdem so liebenswürdig, dass zumindest Felix eindeutig einen Schlag beim anderen* Geschlecht hat. 

Ein Land der tausend Handlungselemente, der ausgefallenen Slapsticks oder einer perfekten Mischung von ebensolchen mit Verbalkomik ist „The Odd Couple“ nicht. Vielleicht fehlt ihm doch ein wenig die Handschrift von Meistern wie Billy Wilder und seinem Drehbuchschreiber I. A. L. Diamand, die zusammen Wilders Karrierehöhepunkt um 1960 gestaltet haben. Die Transformation des zugrundeliegenden Theaterstücks in den Film ist in etwa so gelaufen:

„An Situationskomik reiche Komödie nach einem erfolgreichen Boulevard-Stück; zwar recht theaterhaft inszeniert, von Jack Lemmon und Walter Matthau aber bravourös gespielt.“ – Lexikon des internationalen Films[5]

„Trotz einigen Leerlaufs als muntere, unbeschwerte und publikumswirksame Filmkomödie ab 12 zu empfehlen.“ – Evangelischer Filmbeobachter[6]

Das war auch mein Eindruck: Der Film wirkt mehr stagy, als unbedingt sein müsste, auch wenn es  zu ein paar Szenen außerhalb von Oscar Madison kommt. Man kann sich leicht vorstellen, dass im Stück das, was man dort sieht, von Madison oder Ungar fürs Publikum in ebenjener Wohnung diskutiert wird, sodass auf der Bühne immer nur dasselbe Wohnzimmer zu sehen ist. Das ist effizient und sparsam und so wirkt auch der Film, von den beiden Stars abgesehen, die ihn zu einem großen Vergnügen machen. Es gibt sogar ein paar Szenen, in denen es ruhiger und berührend wird und die Splendid Isolation des Stadtmenschen durchschimmert. Bei Wilder wäre dieses Element sicher stärker in den Vordergrund gerückt, ohne dass die Komik gelitten hätte, wie etwa in „Das Appartement“. Den Vergleich mit dieser herausragenden Antikomödie müssen alle anderen Filme, die von Städtern und ihren außergewöhnlichen Lebenslagen erzählen, aushalten, sich an ihm messen lassen. Dabei können sie nicht gewinnen, aber auf den Abstand kommt es an. Und der ist bei „The Odd Couple“ akzeptabel und wir sehen, dass auch zwei Männer so etwas wie eine Ehe führen können, ohne erkennbar homosexuell zu sein. 

Ein Standard-Duo wie Jerry Lewis und Dean Martin oder Laurel & Hardy wurden Lemmon & Matthau nicht, sie machten mehrheitlich weiterhin Filme unabhängig voneinander, sie waren nicht aufeinander angewiesen, aber ihre asymmetrischen Charaktere Ungar und Madison hätten das Potenzial zum Franchise gehabt. Es gab ja auch Fernsehadaptionen, Filme, die auf dem gezeigten Modell basieren und Serien, teilweise mit direktem Bezug zum Film bzw. zum Stück, aber trotzdem ist „The Odd Couple“ nicht der Auftakt zu einer unendlichen Fortsetzungsgeschichte geworden.

Finale

Die Handlung strebt nicht unweigerlich auf ein furioses Finale zu, wie bei einigen großen Komödien, sie ist nicht unfassbar grotesk und auch das Screwball-Element wird nicht mit allen seinen Möglichkeiten augespielt. Der Film wirkt eher kontemplativ und verspielt als dynamisch, eher situationsbezogen als Schicksale entscheidend oder Entwicklungen vorantreibend, er ist ausschnitthaft, nicht episch und dadurch auf eine sympathische Weise unprätentiös. Mit „Barfuß im Park“ mit den aufstrebenden Stars Jane Fonda und Robert Redfort hatte Regisseur Gene Saks im Jahr zuvor die Großstadtkomödie schon geübt, kurz auf „Ein seltsames Paar“ folgte „Die Kaktusblüte“, wieder mit Walter Matthau, den Saks schon von der gemeinsamen Lehrzeit am Broadway kannte und mit „The Odd Couple“ zurückführte auf seine eigentliche Fähigkeit, einen knautschigen Humoristen geben zu können anstatt einen bösartigen Menschen, seine Erscheinung mithin anders zu interpretieren, als Regisseur es bisher getan hatten und ihm damit endlich zu Hauptrollen zu verhelfen. Über Jack Lemmon als Komödienspezialist, der gelegentlich auch ernste Rollen spielte, braucht nicht viel gesagt zu werden, er zählte zu den besten seiner Zunft und wurde spätestens mit „Manche mögen’s heiß“ und „Das Appartement“ von Billy Wilder unsterblich. An unsere Lieblingskomödien oder die Antikomödie „Das Appartement“ kommt der Film nicht ganz heran, außerdem ist er mehr Boulevard als die häufig auch sozialkritischen Topkomödien von Billy Wilder, aber die beiden Stars machen den Unterschied zu ähnlichen Werken, in denen die Szene nicht von so viel Talent beherrscht wird.

81/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv, zitiert und tabellarisch: Wikipedia

Regie Gene Saks
Drehbuch Neil Simon
Produktion Howard W. Koch
Musik Neal Hefti
Kamera Robert B. Hauser
Schnitt Frank Bracht
Besetzung

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