Im Sog des Bösen – Tatort 736 #Crimetime 1048 #Tatort #Konstanz #Blum #Perlmann #SWR #Böse #Sog

Kann Langeweile Sogwirkung entfalten?

Liebe Leser:innen, aus Zeitgründen veröffentlichen wir heute nach langer Zeit einmal wieder ein „Original“, auch wenn die Methode, ältere Rezensionen auch optisch ohne Änderung für „Crimetime“ zu reaktivieren, den ursprünglichen Erscheinungsjahren 2011, 2012 vorbehalten bleiben sollte. Es hat heute schlicht und einfach Zeitgründe. Viel Spaß beim Lesen! Alle zeitbezogenen Angaben beziehen sich auf den Zeitpunkt der Rezension im Jahr 2013.

***

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Durch den Tod einer Disco-Bekanntschaft gerät Kai Perlmann unter Mordverdacht, weiterhin spielen eine Rolle: Eine Combo, die Drogen schmuggelt, zwei Polizeischüler von sehr unterschiedlicher Art und ein Staatsanwalt, der aus einem Grund von seiner Frau aus dem Haus geschmissen wird, den wir zunächst nicht ahnen können.

Plusminus:

  • Schöne Verhörszene am Ende. Blum gegen Perlmann. Die Kommissarin stellt eine Falle und es gibt Tränen auf überraschender Seite.
  • Das übliche Understatement im Spiel von Eva Mattes als Klara Blum hat durch die Komponente, dass sie gegen ihren geschätzten Kollegen ermittelt, besondere Intensität.
  • Großer Einsatz für Sebastian Bezzel als Kai Perlmann, unter den bisher aus der Blum-Reihe für den WB rezensierten Tatorten derjenige, der dem zweiten Hauptkommissar die meiste Spielzeit einräumt.
  • Wie in Konstanz üblich, ruhige und konzentrierte Inszenierung. Die schöne Landschaft spielt allerdings weniger eine Rolle als in anderen Bodensee-Tatorten.
  • Die Spannung leidet unter der Plotkonstruktion. Es ist im Prinzip klar, dass Perlmann nicht der Täter sein kann.
  • Zusammenhangloser zweiter Mord, Überbetonung der Tatsache, dass der Staatsanwalt möchte, dass Klara Blum ermittelt und nicht eine externe SoKo für den (ersten) Mord an der jungen Frau eingesetzt wird.
  • Zu rasche Abhandlung des Plots „Drogenschmuggel“.
  • Teilweise Grenze der schauspielerischen Fähigkeiten von Sebastian Bezzel als Kai Perlmann ausgelotet und überschritten.
  • Der Titel ist allgemein nichtssagend, da in Tatorten immer etwas Böses in Form eines gewaltsamen Todes vorkommt, ein besonderer Bezug zur Handlung erschließt sich nicht. Der Arbeitstitel „Ganz unter uns“ ist auch kein Highlight, hätte aber besser gepasst.

Inhalt:

  • Eine tote Studentin liegt in einem Müllcontainer und ausgerechnet Kai Perlmann ist der letzte, mit dem sie lebend gesehen wurde … Zwar ist Klara Blums Hauptverdächtiger der agressive Freund der Toten. Doch immer mehr Indizien deuten auf eine Verstrickung Perlmanns in den Mordfall. Der streitet alles ab, wird aber vom Dienst freigestellt. Konsequent ermittelt Klara gegen ihren engen Mitarbeiter.
  • Klara Blum und Kai Perlmann sind seit Jahren ein eingespieltes Team. Sie arbeiten gut zusammen und verstehen sich auch privat. Umso schrecklicher ist es, als Klara feststellen muss, dass bei dem Mord an einer jungen Frau unversehens Perlmann ins Fadenkreuz der Ermittlungen gerät. Denn er hatte Constanza noch am Abend ihres Todes getroffen. Bei ihren Recherchen muss Klara feststellen, dass Perlmann ihr nicht die Wahrheit über seine Beziehung zu Constanza sagt. Zudem wirft er ihr vor, sich nur auf ihn als möglichen Täter zu konzentrieren. Auch bei den Kollegen findet Klara kaum Verständnis für ihr Verhalten. Doch das kann sie nicht beirren. Schritt für Schritt geht sie allen Spuren nach, um den Mörder dingfest zu machen…
  • In einem Müllcontainer wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. An Kai Perlmanns schockierter Reaktion merkt Klara Blum, dass er Constanza Heinrich kannte. Nicht nur das, Perlmann war die letzte Person, mit der die junge Frau gesehen wurde. Fabian Keller, der Freund der Toten, beschuldigt ihn sogar, ihr Mörder zu sein. Für Klara ist zunächst Keller selbst der Hauptverdächtige, einschlägig bekannt wegen Drogendelikten und Gewaltausbrüchen. Aber sie muss auch Perlmann in den Kreis der Verdächtigen aufnehmen. Perlmann – unter Druck geraten – verstrickt sich in ein Geflecht von Halbwahrheiten und Lügen. Er verschweigt, dass er ein Verhältnis mit dem Opfer hatte. Als seine DNA am Körper der Toten gefunden wird, wird er zum Hauptverdächtigen. Perlmann wird beurlaubt, trotzdem mischt er sich in die Ermittlungen ein und versucht Beweise dafür zu finden, dass Keller gemeinsam mit Constanza in illegalen Medikamentenschmuggel verwickelt war. Seine Kollegen der Konstanzer Polizei, von Beckchen über Dr. Wehmut bis hin zu den beiden Praktikanten Moritz Fleiner und Karl Mackert, halten ihn für unschuldig und wundern sich über die Konsequenz, mit der Klara zu Werke geht. Die Kommissarin würde es vorziehen, den Fall wegen Befangenheit abzugeben. Doch Staatsanwalt Frentz appelliert an ihr unabhängiges Urteil und lässt sie weiter ermitteln. Als Fabian Keller umgebracht wird und ausgerechnet Perlmann die Leiche findet, gerät er endgültig ins Visier der Kommissarin. Sie bittet ihn zum Verhör.

Besetzung und Stab:

Klara Blum Eva Mattes
Kai Perlmann Sebastian Bezzel
Annika Beck Justine Hauer
Pathologe Wehmut Benjamin Morik
Kriminaldirektor Wagner Thomas Meinhardt
Moritz Fleiner Hanno Koffler
Karl Mackert Oliver Urbanski
Staatsanwalt Bernd Frentz – Wolfram Koch
Kerstin Frentz [Klaras Freundin] – Anna Stieblich
Fabian Keller – Peter Ketnath
Constanza Heinrich – Lea Draeger
Kriminaldirektor Wagner [Klaras Chef] – Thomas Meinhardt
Bernhard Sardis [Pharmagroßhändler, Club- und Yachtbesitzer] – Thomas Dannemann
Musik Christian Biegai
Kamera Jürgen Carle
Regie Didi Danquart
Drehbuch Susanne Schneider

Inhalt (1), Besetzung, Stab: DAS ERSTE

Inhalt (2) und (3), Ergänzung Besetzung: TATORT-FUNDUS

Rezension:

Dieses Mal war es anders. Die ruhige Art, wie am Bodensee Tatorte gemacht werden, die teilweise so tiefgründig sind wie der See selbst und in denen menschliche Irrungen und Wirrungen ans Tageslicht gebracht werden wie fauler Schlamm vom Grund des Dreiländer-Gewässers, gefällt uns normalerweise. „Herz aus Eis“ zum Beispiel gehört für uns zu den besten Tatorten, über die wir bisher für den Wahlberliner geschrieben haben.

Wenn es keine übertriebenen Inszenierungen gibt und keine überfrachteten Plots, ist Raum für Charaktere und psychologisierende Momente. Dazu passt Eva Mattes‘ Spiel ausgezeichnet. Was einige Fans auch mal langweilig finden, ist Understatement, das sich in den Dienst der Sache stellt, ohne deswegen komplett uneitel zu sein. Eva Mattes weiß wohl, dass sie mehr kann, als sie zeigt und belässt es bei Gesten und Blicken, wo andere Schauspieler viel Text brauchen, um sich auszudrücken.

Eine Großstadtpolizistin würde sie vielleicht anders spielen. Ihre Darstellung ist auch in „Im Sog des Bösen“ wichtig, dem direkten Nachfolger von „Herz aus Eis“ und dem 16. von bisher 25 Blum-Tatorten (Stand Oktober 2013). Ungeachtet der zeitlichen Nähe der Entstehung beider Filme hatte die Nr. 16, die Perlmann in den Mittelpunkt stellt, eine ganz andere Wirkung auf uns als „Herz aus Eis“.

Die kühle Brillanz des letztgenannten Films wird von „Im Sog des Bösen“ nach unserer Ansicht lange nicht erreicht. Mehr noch: Wir fanden diesen Tatort langweilig. Das schreiben wir selten so direkt, weil unser großes Interesse am gesamten Format selten dieses Gefühl aufkommen lässt, selbst dann, wenn ein Tatort weit weg von der Perfektion ist. Auch schlechtere Filme der Serie haben bisweilen ihren besonderen Reiz, zum Beispiel als Zeitdokumente mit viel Subtext.

Um ein Faszinosum letzterer Art darzustellen, ist „Im Sog des Bösen“ aber zu jung und nicht spezifisch genug. Diese Haupthandlung mit dem Polizisten, der in Mordverdacht gerät, ist außerdem so gestaltet, dass kaum relevante Zeitthemen angeschnitten werden. Es ist auch nicht die Stärke der Bodensee-Krimis, jedes Sozialsujet durchzunudeln und dabei immer Gefahr zu laufen, von der Realität überholt zu werden. Viele Bodensee-Tatorte sind schön darauf zugeschnitten, uns überzeitliche Gefühle zu  zeigen und damit zeitlose Fragen zu stellen. Ewig ist der See und sind die Wälder um diesen See, ewig dieselben zwischenmenschlichen Verstrickungen, und man kann sie immer wieder so variieren, dass sie nicht aus der Mode kommen.

Aber gerade hier hat „Im Sog des Bösen“ eher wenig zu bieten. Das liegt am dieses Mal doch zu komplexen und außerdem aus nur mühsam miteinander verknüpften Teilen bestehenden Plot. Anstatt genial verwoben zu sein, wie es gute Plots mit vielen Handlungselementen zeigen, wird hier Füllmaterial verwendet, das sich zwischen den eigentlichen Bausteinen, die aus Verdachtskomponenten gegen Perlmann bestehen, hässlich ausnimmt und lieblos in die Lücken gepropft wird, um die 90 Minuten zu füllen  – wobei am Ende dann doch beinahe die Zeit ausgeht und die Zweithandlung – die sich auf den zweiten Mord bezieht – auf eine sehr rüde Weise mit einem lächerlichen Geständnis gelöst wird, schnell mal herbeigezaubert auf einem Bootssteg. Das kontrastiert sehr mit der Verhörszene zwischen Blum und Perlmann, dem Höhepunkt des Films, in dem sich, ohne dass man es sogleich bemerkt, alles in Blums Augen abspielt, nicht in Perlmanns verbalen oder mimischen Reaktionen.

Zweifelsohne gibt es Überraschungsmomente in diesem Film. Zum Beispiel dachten wir zwischenzeitlich, der Staatsanwalt sei mindestens in den ersten Mord verstrickt, da werden wir als Publikum gut hinters Licht geführt, weil wir denken, der Polizeischüler Karl Mackert geht beim Staatsanwalt ein und aus, um ihn über Blums Ermittlungen auf dem Laufenden zu halten und wird evtl. von diesem sogar zur Manipulation angewiesen. In Wirklichkeit haben die beiden ein homoerotisches Verhältnis miteinander und die dienstlich aussehenden Besuche dienen wohl nur dessen Vertuschung, was letztlich dazu führt, dass die Frau des Staatsanwaltes sich von ihm trennt und wohl auch Klara Blum mitteilt, warum. Das erfahren wir aber nicht. Wir wissen auch nicht, warum sie Karl protokollieren lässt. Auch ihm hatten wir den Mord an der Studentin immer wieder zugerechnet, weil er so streberhaft gezeigt wird und die Streber ja oft pathologische Seelen sind, die über Leichen gehen – oder, was wir vermuteten, in irgendeiner Weise vom Staatsanwalt angestiftet wurden.

Alles falsch, in Wirklichkeit ist Karl der Gute und deckt seinen Luftikus-Kollegen Moritz, der die junge Frau im Affekt getötet hat – eine nicht gewollte Tötung. Nur eine seltsame Vertauschung von DNA-Proben allerdings macht es möglich, dass durch das auf diese Weise manipulierte Ergebnis der KHK Perlmann noch stärker verdächtig wird. Man merkt mit einiger Erfahrung leider schnell, wo es beim Schreiben des Drehbuchs geklemmt hat.

Fazit

Dass dieses ganze Szenario uns nicht sehr berührt hat, war nicht überraschend. Jeder Mensch, auch wenn er regelmäßig und so objektiv, wie es ihm möglich ist, über eine Serie schreibt, hat seine Präferenzen und außerdem Stimmungen. Vielleicht war unsere Aufnahmefähigkeit nicht die beste, als wir diesen Tatort angeschaut haben und kamen deswegen nicht richtig rein. Einen weiteren Grund sehen wir als sicher an: Dass wir keine Fans von Plots sind, in denen Polizisten zu Gejagten werden. Nicht nur, weil das in Tatorten im Vergleich zur Realität zu häufig vorkommt, wobei persönliche Verstrickungen zwischen Ermittlern und Verdächtigen oder Opfern auf dem Land, also auch am Bodensee, tendenziell glaubwürdiger wirken als in Millionenstädten.

Sondern vor allem, weil dadurch eine Thriller-Atmosphäre entstehen soll, die mit einem Whodunnit verknüpft ist. Üblicherweise ist der Thriller aber ein Howcatchem, ein Duell  zwischen bekannten Größen und nicht auf Identifikation mit einem Menschen geschrieben, der gegen Unbekannt kämpft, wie Perlmann es hier auf eine ziemlich unprofessionelle Weise tut. Damit er das überhaupt kann, muss Blum sehr inkonsequent handeln und ihm mehr oder weniger freie Hand lassen und ihn dann dafür tadeln, dass sie das tut. Stellenweise wirkt das linkisch und zu sehr gedehnt und sie muss untypisch häufig ihre Motivation erklären und er muss immer wieder sein Unverständnis darüber äußern, dass sie einfach ihren Job macht. Dass sie das wiederum kann, ist einer unrealistischen Handhabe seitens der StA zu verdanken. Normalerweise würde wohl kaum ein direkter Teamkollege gegen den anderen ermitteln. Deswegen tritt leider etwas in den Hintergrund, dass sie die Sache vielleicht in der  Hand behalten will, weil sie eben von Perlmanns Unschuld überzeugt ist und glaubt, sie mit ihrem bekannten Gespür für Menschen leichter nachweisen zu können als ein externer Ermittler, der hinzugezogen wird.

Manches bleibt psychologisch trotz ungewöhnlich starker Ausformung des Perlmann-Charakters und viel Erklärungszeit für Blum im Dunkeln. Einerseits darf man also interpretieren, andererseits bleibt man kühl, weil man sowieso weiß, der Perlmann, nein, der war es nicht – und mit anderen Verdächtigenfiguren baut man keine hinreichende Identifizierung auf. Das ist es wohl, was die Langeweile letztlich verursacht, nicht so sehr die Unglaubwürdigkeiten, die es ja in vielen Tatort-Plots gibt. Deswegen die für einen Bodensee-Tatort niedrige Bewertung von 6,5/10 Punkten.

© 2021, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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