Der Reiz des Bösen – Tatort 1172 #Crimetime Vorschau 19.09.2021 #Tatort #Köln #Ballauf #Schenk #WDR #Reiz #böse

Crimetime Vorschau Das Erste 19.09.2021 20:15 Uhr – Titelfoto © WDR, Martin Valentin Menke

82 Köln-Tatorte mit Freddy Schenk und Max Ballauf gibt es mittlerweile, den neuen inkludiert. Sie werden die Münchener Batic und Leitmayr noch einholen, aufgrund ihrer höheren Taktfrequenz. Aber der wievielte Tatort ist dies, der das Wort „böse“ im Titel führt?

Wir haben nachgeschaut: 475 Filme brauchte es, bis das böse Wort erstmals in einem Titel verwendet wurde, erstmals kam das vor in „Böses Blut“, einem Wien-Tatort mit Moritz Eisner. Also, erst mussten es die Österreicher verwenden, bevor wir uns da rangetraut haben. Aber dann war der Bann gebrochen:

Nur knapp 50 Tatorte später ermittelten Dellwo und Sänger aus Frankfurt in dem Fall mit dem statuarischen Titel „Das Böse“, das Beiwort hatte es also nun zum mächtigen, alles, was wir hassen umfassenden Substantiv gebracht, und später traten die beiden Ungleichen noch einmal in „Weil sie böse sind“ an, damit es nicht so schlimm wird mit der Welt. Der WDR brauchte bis zum Tatort 622, um ebenfalls aufs Böse abzuheben. Aber nicht mit den Kölnern, sondern mit dem Münster-Team Thiel, Boerne & Co. in „Das ewig Böse“. Immerhin, ein zusätzliches Adjektiv, um eine Verwechslung dem etwas älteren Filmkunstwerk aus Frankfurt auszuschließen. Bald darauf durften aber auch die Kölner endlich gegen das Böse ran, in „Die Blume des Bösen“, Tatort Nr. 651. Das ist nun fast 15 Jahre her. Im Tatort 736 gerieten Blum und Perlmann aus Konstanz in „Der Sog des Bösen“ in ebenjenen Sog. Hat der Bodensee eigentlich Stellen mit Sogwirkung? Alsbald folgte der oben erwähnte zweite böse Frankfurt-Tatort „Weil sie böse sind“, das Wort wird zum Adverb zurückgestuft und ein wenig mit gewissen Personen umkleidet, gleichwohl wird dieser Fall bis heute als der beste aller Tatorte mit dem Böswort im Titel gehandelt. Weil Erfolg verführerisch ist, hat man die Nachfolger Steier und Mey schon im Tatort 836 gegen das, von dem man festhalten muss, „Es ist böse“, ins Rennen geschickt, vielleicht war es dieses Mal gar keine Person, aber wir stellen fest, dass in Frankfurt das Böse sein Unwesen offenbar in besonders starkem Ausmaß zu treiben scheint, denn nicht weniger als die Hälfte aller bisher aufgezählten Tatorte mit dem B-Wort spielt dort. Tatsächlich? Warten Sie’s ab.

Danach durfte das Böse ein wenig Pause machen und kam in Gestalt von „Die Geschichte vom bösen Friederich“ zurück. Raten Sie mal, wo dieser Tatort spielt. Richtig, in Frankfurt am Main. Allerdings war dies bereits ein Fall für Janneke und Brix, die noch aktuellen Ermittler:innen in der Bankenstadt, die sich vom Bösen nicht gleich haben besiegen lassen. Im Tatort 1037 war das Böse dann von Menschen oder dem „Es“ auf den Boden übergesprungen und wenn schon die Natur böse ist, weiß man, wir rücken der Jetztzeit näher. Falke und Grosz ermitteln in Sachen böser Boden bei der Bundespolizei, nachdem Falke von Klein-Rambo-Dingens … wie heißt er noch? … jedenfalls wird er von Til Schweiger gespielt, aus Hamburg vertrieben worden waren. (1) Um endlich etwas mehr Ordnung in die Sache zu bringen, hat man im Tatort 1129 „Die Guten und die Bösen“ voneinander geschieden. Ich schreibe es ungern, es geschah wieder in Frankfurt, und zwar im Jahr 2020, ist also noch nicht lange her und wenn ich an 2020 und Frankfurt denke … Aber das war der HR uns eigentlich auch schuldig, nachdem er uns zuvor mit dem Bösen aus dem Hinterhalt über Jahre hinweg geradezu traumatisiert hat.

Nun also das zweite böse Ding aus Köln. Angesichts von 82 Tatorten, die Ballauf und Schenk mittlerweile auf zu Buche stehen haben, darf es auch mal wieder böse werden.

Oh nein, ich hatte die Suche schon abgeschlossen. Zu früh. Viel zu früh! Tatort 1163 fehlte noch, „Der böse König“ aus Ludwigshafen, mit Lena Odenthal. Auch sie hat nun um die 70 Fälle gelöst und über 30 Jahre gebraucht, bis sie dabei eine böse Person traf, Respekt. Ein Goodie haben wir aber auch noch: Der nächste Tatort wird „Borowski und der gute Mensch heißen“. Ist das die Wende? Endlich? Oder müssen alle guten Menschen, darunter natürlich auch ich, mit auf Ironie basierender Diskriminierung rechnen? Vielleicht auch nicht, der Film heißt ja nicht „Borowski und der Gutmensch“. 

Und damit zu 1172 und den Stimmen, die ich auch dieses Mal wieder höre:

Bonnie und Clyde – das legendäre amerikanische Verbrecherduo stand gewissermaßen Pate für diese Tatort-Folge 1172 aus Köln mit Dietmar Bär als Freddy Schenk und Klaus J. Behrendt als Max Ballauf. Die beiden Kommissare werden in ihrem neuen Fall mit dem Phänomen der Hybristophilie konfrontiert, auch „Bonnie-and-Clyde-Syndrom“ genannt. Es meint die Neigung, sich von Straftätern, oftmals auch schweren Gewaltverbrechern, sexuell angezogen zu fühlen und eine intime Beziehung zu ihnen aufzubauen – oftmals mit schwerwiegenden Folgen für die Betroffenen. Dabei wird Norbert Jütte, der Assistent der Kommissare, von seiner eigenen beruflichen Vergangenheit eingeholt.

So leitet die Redaktion von Tatort-Fans ihre Beschreibung zum Film ein und kommt auf eine mittelplusgute Bewertung. Und wir haben wieder ein neues Fremdwort gelernt. Wenn ich wieder dem Serien-Frauenmörder (genaue Lokalisierung im Haus gestrichen) nachsteige und ihn frage, ob ich ihm die Tüten zum Müll tragen darf, die so gut riechen. Falls er das nicht als Nachbarschaftshilfe ansieht, sondern aus professionellen Gründen genervt ist, erkläre ich: „Sorry, ich muss Sie stalken, ich leide unter Hybristophilie“. Ob er dann mal eine Ausnahme macht und sich zunächst um mich kümmert? Ich weiß nun jedenfalls, ich bin nicht allein mit dieser Neigung. Ich teile sie unter anderem mit jenen Frauen,  die sich gezielt Männer suchen, die im Gefängnis sitzen, um mit ihnen eine erst einmal sichere Beziehung aufzubauen. Ansonsten finde ich, es ist wichtig, jedwede noch so exklusive psychische Erkrankung mal zu beleuchten, dafür sind Filme wie die Tatorte da. Sie sind volksnah genug, um dies alles auf eine auch für uns Zuschauer verständliche Ebene zu bringen.

Manchmal mit dem Nachteil, dass die halbe Spielzeit für den Einsatz von Talking Heads verbraucht wird, anstatt spannend oder / und richtig böse zu sein. Die Kölner haben jedoch die spezielle Variante der dialektisch agierenden Talking Heads entwickelt, sie arbeiten untereinander mit These und Antithese, damit wir nicht nur fachlich instruiert werden, sondern auch keine auch nur annährend denkbare Meinung zur Sache verpassen. Wenden sie diese hochentwickelte Form der Publikumsedukation im Tatort 1172 noch einmal an? Xplain it again, Max! Counter in vain, Fred! Ich liebe die beiden wirklich. Sie würden mir wohl am meisten von allen Teams fehlen, wenn sie in den Ruhestand gingen. Immerhin erscheint mit Jungassistent Jütte ein neuer Star am Horizont. Nach schwierigem Start hat man ihn innerhalb weniger Episoden von Zero to Hero entwickelt hat, glaube ich wieder mehr an die Zukunft des Menschen im Allgemeinen und im Besonderen. Auch im Tatort 1172 soll er sein neues,  kompetenteres Ich stärken dürfen, so viel ist von der Handlung schon durchgesickert.

Und was ist über die Meinungen der anderen durchgesickert? Der erste Schock: Der SWR3-Tatortcheck zeigt nur Bilder und ansonsten eine leere Seite. War das Böse auch im gemütlichen Südwesten am Werk? Was bleibt uns, wir haben keine Zeit, nachzuschauen, ob irgend etwas Technisches nicht okay ist und wenden uns der nächsten Telle zu, Tittelbach-TV, wo Martina Kallweit zusammenfasst:

Die Kölner Kommissare ermitteln im Fall einer ermordeten Krankenschwester. Susanne Elvan gehörte zu einer kleinen Gruppe von Frauen, die über vermittelte Brieffreundschaften zu inhaftierten Männern ihr Glück suchen. Das kann gut gehen, muss aber nicht. Der „Tatort – Der Reiz des Bösen“ widmet sich der Vorgeschichte eines Verbrechens, reflektiert die Risiken, die das Zugeständnis einer zweiten Chance mit sich bringt und erzählt eine (trotz Mehrwissen des Zuschauers) gut getarnte Rachegeschichte. Ein spannend gebauter Fall mit später Auflösung und lang ersehntem Befreiungsakt für den dritten Mann im Kommissariat.

Dafür gibt es 4,5/6, eine etwa durchschnittliche Tatort-Bewertung im Rahmen dessen, was diese Publikation auskehrt, der Tenor ist aber positiv, wie sich aus dem obigen Zitat bereits erkennen lässt. Es bestätigt sich auch, dass Jütte uns und sich selbst Spaß machen wird. Einen weiteren Fund aus dem wie immer ausführlichen Besprechungstext von Tittelbach-TV dürfen wir nicht verschweigen:

Kluge Informationspolitik: So lässt man sich das Phänomen Hybristophilie als Zuschauer gern erklären. Mit Hilfe der Psychologin Rosenberg (Juliane Köhler) in einer offenen Diskussionssituation. Davor gab es schon einmal eine Szene mit ihr und Ballauf & einem aparten (nonverbalen) Beziehungssubtext. Bär, Behrendt, Riebeling

Ich mag Lydia Rosenberg eigentlich auch ganz gerne, obwohl sie immer mal wieder daran arbeitet, mir Max abspenstig zu machen, aber jetzt bin ich ein wenig enttäuscht. Das ist nicht klug, das ist genau der typische Talking Head, über den ich weiter oben geschrieben habe. Es ist egal, ob er aus einem Teammitglied oder mehreren besteht oder einer Figur, die immer dann auftaucht, wenn es psychologisch wird. Okay, eine gewisse Glaubwürdigkeit könnte der Vorteil dieser Erklärungstechnik sein. Pro und contra, where are you? 

Je lieblicher das Lied, desto monströser der Mord. Romantische Gefühle für Gewalttäter? Im Köln-»Tatort« suchen Schenk und Ballauf einen Frauenmörder – und lernen junge Mütter kennen, die auf gefährliche Nähe zu Schlägern und Vergewaltigern gehen.

Es geht tatsächlich um einen Frauenmörder. Mir wird ganz mulmig. Das obige Zitat stammt von Christian Buß, dem Tatort-Starkritiker vom Spiegel, der auch dieses Mal wieder mit einem besonders einprägsamen Titel glänzt (der erste im vorausgehenden Zitat wiedergegebene Satz). Nun sind es also Mütter, nicht nur Frauen. Es ist dringend angezeigt, etwas gegen die ebenso wie das Böse um sich greifende Hybridingens … Hybristophillie zu tun, oder etwa nicht? Ich frage mich zwar gerade, was diese Neigung mit einer Hybris zu tun hat, aber ich werde es eigens für Sie nachlesen und damit, anstatt weiterer kritische Stimmen zum Klingen zu bringen, die Vorschau demnächst abschließen. Vorher aber noch die Bewertung: Buß vergibt 7/10 und folgt damit seiner Linie der letzten Zeit, die neuen Tatorte überwiegend recht annehmbar bis sehr gut zu finden. Nun aber in medias res:

Hybristophilie (von griech. ὑβριστής hybristes „Übeltäter“, und φιλία philia „Freundschaft, Zuneigung“) ist eine Paraphilie, die darin besteht, dass sich Betroffene von Kriminellen, insbesondere Tätern aus den Bereichen der Sexual-, schweren Gewalt- und Tötungsdelikte, sexuell angezogen fühlen. Sie wird auch als Bonnie-und-Clyde-Syndrom bezeichnet.

Jetzt sind wir fast so schlau wie zuvor. Was ist eine Paraphilie? Eine Unterform der Parapsychologie oder gar eine Mutation? 

Die Paraphilien (griechisch παραφιλία von pará, ‚abseits‘, ‚neben‘, und philía, ‚Freundschaft‘, ‚Liebe‘) bezeichnen sexuelle Neigungen, die deutlich von der empirischen Norm abweichen. Dazu zählen insbesondere ausgeprägte und wiederkehrende sexuelle Fantasien, Bedürfnisse oder Verhaltensweisen, die sich auf unbelebte Objekte (sexueller Fetischismus), SchmerzDemütigung, nicht einverständnisfähige Personen wie Kinder oder auf Tiere beziehen.

Hm. Mir war nicht bekannt, dass Straftäter unbelebte Objekte sind. Sie sind vielleicht nicht immer sehr liebenswürdig, aber unbelebt? Okay, in der USA kann das vorkommen, speziell nach der Hinrichtung. Dann weinen tausende von verlassenen Frauen am Grab eines so vom Leben zu Tode gebrachten Menschen. Das letzte Geleit als nekrophiles Event (ha, wieder eine Philie!). Doch weiterhin bleibt der Mensch für mich Subjekt, auch wenn er für Menschen mit Hybristophilie-Paraphilie zum Objekt der niemals zu stillenden Begierde sich wandelt, noch bevor die Totenstarre eintritt. Darüber könnte man eine sehr kühlerdige Kurzgeschichte schreiben. Die Themen liegen wirklich auf der Straße und manchmal auch im gerade erst zugeschaufelten Grab. Wir wollen den Bogen aber nun nicht so lange spannen, bis er bricht, sondern noch etwas Spannung für mogen Abend übriglassen, daher nur die offizielle Handlungsangabe der ARD als endgültiger Abschluss dieses Textes, welche, wie Kenner:innen der Crime Scene wissen, niemals dumm herumspoilert.

Handlung

Susanne Elvan hat ihren Mann Tarek, einen verurteilten Gewaltverbrecher, über ein Brieffreundschafts-Portal während dessen Haft kennengelernt. Die Hochzeit fand noch vor seiner Entlassung statt. Als Susanne ermordet aufgefunden wird, ist Tarek erst seit kurzem wieder auf freiem Fuß. Der Fall scheint klar. Doch als Assistent Norbert Jütte sieht, dass der Mörder seinem Opfer einen Gürtel über die Augen gebunden hat, bekommt der Fall eine unerwartete Wendung: Jütte ist überzeugt, dass er schon einmal mit dem Mörder zu tun hatte.

Das war nun wirklich eine kurze Beschreibung der Handlung, selbst für Das Erste. Mich erinnert das darin dargestellte Szenario an die Dokumentation „Into the Abyss“ von Werner Herzog, auf Deutsch „Tod in Texas“. Ich wusste, irgendetwas wird mich noch auf die Todgeweihten, die Hinterbliebenen von Opfern und Tätern und auf eine kleine, zaghafte Hoffnung inmitten von Gewalt und Deaster bringen. Ich komme langsam zu der Ansicht, wir brauchen mehr Menschen mit Hybristophilie und überhaupt mehr Menschen mit Philien anstatt Phobien.

(1) Es fiel mir wärend des Korrekturlesens ein: Nick Tschiller!

TH

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Oberkommissar Norbert Jütte – Roland Riebeling
Kriminaltechnikerin Natalie Förster – Tinka Fürst
Lydia Rosenberg – Juliane Köhler
Ines – Picco von Groote
Bastian „Basso“ Sommer – Torben Liebrecht
Susanne Elvan – Neshe Demir
Tarek Elvan – Sahin Eryilmaz
Bianca Ambach – Tanja Schleiff
Justizbeamter Leonard Schröter – Theo Trebs
Mia – Tesha Moon Krieg
Lenny – Wulf Kurscheid
Torsten Merser – Nikolaus Benda
Melanie – Nadja Zwanziger
Johann Rehbaum – Arved Birnbaum
u.v.a. 

Drehbuch – Arne Nolting & Jan Martin Scharf
Regie – Jan Martin Scharf
Musik – Ali N. Askin

 

 

 

 

 

 

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