Kneipenbekanntschaft – Tatort 45 #Crimetime 1050 #Tatort #Hannover #Brammer #Heising #Kneipe #Bekanntschaft

Crimetime 1050 – Titelfoto © NDR

Keine Panik auf der Titanic!

Kneipenbekanntschaft ist ein deutscher Fernsehkrimi des NDR und wurde am 10. November 1974 im Deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Es ist die 45. Folge der Kriminalreihe Tatort und der erste Fall von Hauptkommissar Brammer, gespielt von Knut Hinz. Brammer hat es mit einem Mord an einer alten Witwe zu tun.

Eine alte Witwe, hm? So alt war sie ja nun wieder nicht, nach heutigen Maßstäben, sondern u. a. sexuell noch recht aktiv, man würde eher sagen, in den besten Jahren, und der Witwentröster gab es einige. Sie bilden auch den Kreis der Verdächtigen im 45. Tatort, was logisch erscheint. Auch der Stiefsohn wird ins Boot geholt, damit der Kreis der möglichen Täter nicht zu einseitig besetzt ist. Warum aber wurde dieser Fall am 15.05.2021 vom NDR ausgestrahlt? Brammers Fälle werden doch sonst (leider) nie gezeigt. Wir klären dies und mehr in der -> Rezension.

Handlung (1)

Kommissar Brammer, ein leidenschaftlicher Hobby-Musiker, besucht ein Konzert von Udo Lindenberg und seinem Panikorchester, bevor er am nächsten Tag nach Hannover umzieht, wo ihn seine neue Dienststelle erwartet. Nach Feierabend bezieht er sein neues Zimmer bei einer wohlhabenden Witwe, die froh ist, einen Polizisten im Haus zu haben. Unterdessen sitzt Bierfahrer Hermann Kohltasch in seiner Stammkneipe und lässt von der Wirtin dort die alte Witwe Anna Schmidt anrufen, um sich mit ihr zu verabreden. Er hat ein Verhältnis mit der deutlich älteren Frau, was von ihrem Stiefsohn und dessen Frau nicht gerne gesehen wird. Allerdings misslingt es ihm, sich mit ihr für das Wochenende zu verabreden, da sie wegfahren möchte. Am nächsten Morgen kommt Marga Höfer, die wohlhabende Eigentümerin eines Herrenausstattungsgeschäftes, überraschend früher von einer Reise zurück und erwischt ihren Ehemann im Ehebett mit der deutlich jüngeren Verkäuferin ihres Geschäfts, Fräulein Waller. Sie erinnert ihn daran, dass er ohne sie in der Gosse gelandet wäre, er kann diese Vorhaltungen nicht mehr hören und fühlt sich zur Marionette degradiert. Als sie die Scheidung ankündigt, bringt er ihren Lieblingsvogel um, um ihr zu drohen. Binnenschiffer Ossi Lörring ist in schlechter Stimmung und möchte in die Kneipe, seine Freundin Eva Meinert folgt ihm.

Derweil bereitet Brammer seinen Einstand vor und berichtet seiner Frau freudig am Telefon, dass ihm seine neue Dienststelle gefällt. Brammers neuer Assistent Henkel sitzt derweil ebenfalls frustriert in der Kneipe, weil sein neuer Dienststellenleiter Brammer viel jünger ist als er. Er hatte sich selbst Hoffnungen auf Brammers Position gemacht. Alle übrigen Kollegen freuen sich jedoch auf die Zusammenarbeit mit Brammer. Mitten aus seinem Einstand wird Brammer jedoch zu seinem ersten Einsatz gerufen, eine ältere Frau ist im Park tot aufgefunden worden. Die Frau wurde mit einem Strumpf stranguliert, die Tat ereignete sich eine bis drei Stunden zuvor. Das Portemonnaie der Frau ist leer, allerdings trägt die Tote teuren Schmuck, was nicht zu einem Raubmord passt. Bei der Toten handelt es sich um Anna Schmidt. Ihr Liebhaber Hermann erfährt am nächsten Tag aus der Zeitung vom Mord und wirkt bestürzt. Brammer und seine Kollegen hören sich um, sie erfahren, dass Frau Schmidt seit dem Tod ihres Mannes ein unstetes Leben führte, sich häufig mit deutlich jüngeren Männern traf und vorwiegend in Kneipen unterwegs war, wo sie diese Männer kennen lernte. Binnenschiffer Ossi wird von seinem Chef und seiner Freundin geweckt, er leidet an den Folgen einer durchzechten Nacht. Höfer versucht derweil, bei seiner Geliebten Waller unterzukommen, weil seine Frau ihn hinausgeworfen hat. Brammer befragt Schmidts Stiefsohn, dieser sagt aus, dass er nicht wisse, warum sie nach dem Tod seines Vaters zum Alkohol und zu Männerbekanntschaften geneigt hat. Sie sagt, dass diese Kneipenbekanntschaften aus einem schlechten Milieu entstammten. Er habe diese Männer häufig des Hauses verwiesen, wenn Anna Schmidt sie mit auf ihr Zimmer genommen habe. (…)

Rezension

Die Wiki-Handlungsbeschreibung haben wir dieses Mal gekürzt, denn mit ihr hat jemand offensichtlich für eine Dissertation geübt, jedenfalls ist sie länger als der Film selbst. Andererseits hilft sie, das Werk zu verstehen, das doch sehr verfitzelt wirkt, zumal für die Verhältnisse von 1974. Sogar so sehr, dass man damals ungewöhnliche Sprungschnitte eingebaut hat, die das Ganze stellenweise etwas flotter wirken lassen. Ach ja, der Grund: Udo Lindenberg wird morgen 75 Jahre alt, der alte Stier. Die Aufnahmen mit ihm und seinem Panikorchester, mit dem er im Film Liedgut zum Besten gibt, wirken wunderbar nostaglisch. Lindenberg noch ohne Hut und mit deutlich höherer und flacherer Tonlage als später. Ich habe ihn übrigens 1988 erstmals live gesehen. Natürlich schon mit Hut. Die interessante Frage ist, ob er sich den von Brammer abgeschaut hat, seinem Premium-Fan in diesem Film, der einen wirklich interessanten Kommissar abgibt.

Er wirkt auf eine recht stylische Weise modern und posthippiemäßig, aber er ist ein im Dienst sehr gewissenhaft und hat das Problem, dass ein älterer Kollege sich ihm zunächste nicht unterordnen will, als er nach Hannover versetzt wird. Die Hannover-Tatorte, nebenbei bemerkt, begannen also nicht mit Charlotte Lindholm, sondern fast 30 Jahre früher. Der Kollege schickt sich schnell in sein Schicksal, aber konnte er denn erwarten, nur aufgrund seiner größeren Erfahrung als Polizeihauptmeister einem Kommissar vorgesetzt oder als gleichberechtigt behandelt zu werden? Und hat er zuvor diese Dienststelle geleitet? Wohl kaum, schon gar nicht, wenn es sich um eine Mordkommission handelt. Möglicherweise ist dies das erste Mal, dass eine solche Problematik in einem Tatort vorkommt, denn einen, wenn auch in diesem Fall nur als Ausgangsbasis gezeigten Teamwechsel hat es zuvor nicht gegeben, schließlich war die Reihe gerade erst vier Jahre alt. Was wir hier sehen, ist jedenfalls ein Muster, das später vielfach wiederholt wurde, auch in unserem „Heimat-Tatort“ von der Saar, und das mindestens zweimal (Der Bayer Kappl wurde dem Protosaarländer Deininger vorgesetzt, Stellbrink der aus dem Norden kommende, schrullige Chef der ortsansässigen Powerfrau Lisa Marx).

Wir wollen jetzt nicht alle Fälle dieser Art durchgehen, aber dass mal von Beginn an einfach gut zusammengearbeitet wird, ist wohl eher die Ausnahme und heute wird das Ganze oft in eine sich über viele Filme hinziehenden Zickenkrieg ausgefächert, der auch moderne feministische Ansätze in Tatorten auf eine sehr tückische Weise konterkariert (z. B. bei Odenthal / Stern in Ludwigshafen).

An die Leine. Brammer hat immerhin vier Fälle gelöst und alle zusammen mit dem Polizeimeister Henkel zusammen, die beiden werden dargestellt von Knut Hinz und Günther Heising. Im Zeitalter vor der Hilfe durch das Auffinden von DNA-Spuren wird wohl immer wieder die Situation eingetreten sein, dass ein genervter Kommissar äußert: Wir kommen irgendwie nicht weiter! Später musste man viel mehr konstruieren, ein so einfacher  Verdächtigenkanon wie in „Kneipenbekanntschaft“ war nicht mehr möglich, auch die in diesem Film viel Raum einnehmende Rekonstruktion der Zeitabläufe an jenem Abend bei den einzelnen Verdächtigen steht jetzt nicht mehr so im Vordergrund. Das ist eigentlich ein Gewinn, dass man Dinge, die hier auch den Zuschauer irgendwann nerven, so viel rascher abgehandelt werden können.

Trotzdem schafft man es aber in „Kneipenbekanntschaft“ noch, „Typen“ zu zeigen. Das war, als der Tatort laufen lernte, allerdings Stat of the Art. Die oft leblos wirkenden heutigen Figuren sind eben ein Abbild unserer Zeit und die damalige Zeit war anders. Da kriegte man mit einem Lindenberg-Hut in einer typischen Saufkneipe kein Bier. In Berlin war es vielfach umgekehrt. Nun ja, nicht gerade, aber das Milieu der Kneipengänger, das seinerzeit offenbar mindestens die Hälfte der männlichen Bevölkerung umfasste, hat sich doch stark reduziert auf einige Überbleibsel vergangener Alltagskultur mit verräucherten Alkoholbuden, häute bei uns in Berlin als „Raucherkneipe“ kenntlich. Auch diese Restanten wird es bald nicht mehr geben. Der sonntägliche Frühschoppen war damals auch eine ganz wichtige Sache im Laben eines Mannes, oft gleich im Anschluss an den Kirchenbesuch vollzogen. Gibt es das heute noch? Wenn ja, dann nur in sehr ländlichen Gebieten, in denen der einzige Gasthof auch der einzige soziale oder soziokulturelle Treffpunkt ist. 

Der Tatort bietet mir immer noch Entdeckungen und ist daher ein bleibendes Faszinosum. Typen wie Ossi (was sicher damals für Oswald stand, nicht für Bewohner der späteren neuen Bundesländer) oder Herr Kolltasch hat man mit einiger Hingabe inszeniert und mancher Busen blitzt auffällig nebensächlich blank, es war ein einfaches, aber recht leidenschaftliches Leben, das die Menschen offenbar geführt haben und natürlich ein sehr alkohollastiges, sonst wäre „Kneipenbekanntschaft“ nicht ein soll alltäglicher Titel, wie er es damals sicherlich war, als der Film herauskam. Den mittleren Mittelstand sieht man dieses Mal nicht, nur gehobeneres Milieu im Mode- oder Frachtbusiness und das, was man heute Prekariat nennen würde. Die sozialen Gegensätze sind wichtig, sonst würden sie nicht so detailliert gezeigt, aber der eigentliche Knaller ist weniger, dass einer der Verdächtigen sich tatsächlich als Täter herausstellt, sondern, dass er einer von den Working Poor ist, der trotz Vormastknoten oder wie das Ding heißt, die Frau A. doch gar nicht erwürgen wollte. Mastwurf heißt die Schlaufe oder Schlinge. Das ist die freie Liebe der Matrosen & wo rohe Kräfte sinnlos walten!

Regelmäßig sind es in Tatorten die Angehörigen der gehobeneren Schichten, die Dreck am Stecken haben, in den DDR-Polizeirufen war das notabene noch ausgeprägter, denn gutbürgerliche Überbleibsel gab es dort offensichtlich auch und sie waren nicht gerne gesehen. Es ist ja auch, bezogen auf deren Anteil an der Bevölkerung, die Wahrheit, dass sie häufig illegal handeln. Oftmals geht es dabei nicht um Kapitalverbrechen geht, sondern um Vermögensdelikte und manchmal um beauftragte Kapitalverbrechen.

Finale

Die Plotanlage von „Kneipenbekanntschaft“ ist sehr konventionell und mit einer seltsamen Mischung aus zuweilen modernen Schnitten und großer Zähigkeit ausgeführt, aber der heute vergessene Kommissar Brammer hatte immerhin vier Fälle gelöst und zumindest, wenn ich vom ersten ausgehe, hatte das Team Potenzial. Jedenfalls nicht weniger als einige andere. Ein weiteres Highlight neben dem Auftritt von Udo Lindenberg ist der professionelle Auftritt des legendären Kommissars Finke. Damals waren diese Gastauftritte von Ermittlern, die in anderen Städten tätig waren, sehr häufig, und da Brammer und Finke für den NDR arbeiteten, sicher problemlos zu koordinieren. Ein Highlight ist seine Einbindung aber nicht, sondern eher der damalige Standard.

Der tabak- und alkoholreiche Duft der 1970er weht aus diesem Film mit langer Fahne, seine Funktion als Zeitdokument erfüllt auch dieser Film bestens. Die Figuren sind überwiegend nicht sehr stark überzeichnet, aber wirken sehr milieugebunden. Man konnte anhand des Gepräges die Schichtzugehörigkeit eines Menschen gut bestimmen. Das ist heute nicht mehr so einfach, und dass es das nicht mehr ist, sorgt mit dafür, dass dieser Laden noch einigermaßen läuft. Trotz eines interessanten Einstiegs für Brammer, der übrigens, anders als etwa Finke, auch schon etwas Privatleben im Hintergrund mit sich herumschleppt („Mein Sohn hat schon wieder eine Fünf geschrieben!“), des Zeitkolorits, manchen Einblicks in das Dasein verschiedener sozialer Schichten und wie Autoren sich die Verhältnisse dort und das Verhalten der Angehörigen dieser Schicthen vorstellten und trotz Udo Lindenberg ist punktemäßig für diesen Film nicht so viel drin.

6/10

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiv: Wikipedia

Regie Jörg-Michael Baldenius
Drehbuch Hans Drawe,
Rüdiger Humpert
Produktion Dieter Meichsner,
Günter Handke
Musik Rolf Kühn
Kamera Frank A. Banuscher,
Wolf Wiedenroth
Schnitt Wolfgang Skerhutt
Besetzung

 

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