Die Normannen kommen (The War Lord, USA 1965) #Filmfest 606

Filmfest 606 Cinema

Helden in der Twilight Zone

Die Normannen kommen (Originaltitel: The War Lord) ist ein US-amerikanischer Ritterfilm aus dem Jahr 1965 mit Charlton Heston nach einem Bühnenstück von Leslie Stevens.

Bereits die Tatsache, dass ein Begriff im Originaltitel vorkommt, den wir heute vor allem aus Gebieten kennen, in denen die Staatsordnung zerstört ist und Banden ihr eigenes Recht oder Unrecht setzen, weist auf eine Veränderung hin, die sich in den 1960ern in Hollyood vollzog. Von „Der Untergang desr römischen Reiches“ über „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“ bis hin zu „Ein Löwe im Winter“ wird der Historienfilm weiter gepflegt, aber nicht mehr so sehr als fantasievolles Märchen wie in jenen Jahren, in denen Ritterfilme vor allem im Zenit standen, weil man mit ihnen Romantik, schöne Kostüme und das, was man sich eben unter Ritterlichkeit vorstellte, gut auf die Leinwand bringen konnte. Vielmehr wurde im darauffolgenden Jahrzehnt viel politischer gedacht und viel kritischer über die alten Zeiten berichtet. 

Handlung (1)

Crysagon de la Crou bekommt vom Herzog ein Lehen, um es vor den Friesen zu schützen. Er bekommt einen alten Wehrturm als Sitz, der als Burg dient. Im umgebenden Wald hängen heidnische Zeichen an einigen Bäumen, wie sich später herausstellt, ist es ein Baumkult.

Von einem Hügel aus beobachtet währenddessen ein Friesenjarl, wie seine Leute das Dorf des Lehens plündern. Als die Normannen die Friesen bemerken, greifen sie diese an. Crysagon erkennt den Jarl, einen alten Widersacher seiner Familie. Crysagon besiegt den Häuptling und verwundet ihn schwer. Doch die Friesen-Krieger können den Häuptling retten, bringen ihn auf eines ihrer Boote und flüchten. Die Friesen haben jedoch in der Hitze des Gefechts den Häuptlingssohn vergessen, der nun seine Häuptlingskette vergräbt und dann hervorkommt. Daraufhin wird er von Volc, dem zwergwüchsigen, als Page genommen und findet die vergrabene Kette des Jungen.

Crysagon nimmt dem Sohn des Dorfältesten eine erbeutete Streitaxt ab und fragt die Bauern nach dem vorigen Lehensträger, woraufhin er erfährt, dass dieser anscheinend tot ist. Jedoch sind seine Bauern begeistert, da sie auf besseren Schutz hoffen, andere wiederum sind misstrauisch. Der Priester wirbt um Verständnis für die Bauern, die trotz der Bekehrung zum Christentum noch viele ihrer heidnischen Bräuche beibehalten haben. Doch Draco, Crysagons Bruder, befürchtet, dass die Heiden den Priester bekehrt haben.

Als Crysagon den verwahrlosten Turm bezieht, ist das Tor ungeschützt und er findet einen Soldaten, sowie den ehemaligen Lehensherrn und eine Braut des Dorfes im Bett tot auf. Er lässt darauf das Bett verbrennen in denen beide Tote lagen und den Burggraben von den Leibeigenen weiter ausheben, damit das Tor nicht mehr ganz so ungeschützt ist. Er sieht vom Turm in Richtung des zwei Tagesreisen entfernten Friesenlands und ist sich sicher, dass die Friesen wiederkommen werden. Sie verschleppten seinen Vater, raubten den Besitz und das übrige musste als Lösegeld gezahlt werden, sodass Crysagon Rache nehmen will.

Auf der Jagd trifft Crysagon das erste Mal auf Bronwyn, die hübsche Pflegetochter des Dorfältesten, die die Schweine hütet. Am nächsten Tag lässt Bors Bronwyn zum kranken Crysagon bringen, die ihm beim Ausbrennen einer Wunde beistehen soll, worauf dieser keinen Laut von sich gibt, und legt ihm einen Moment lang ihre Wange an seine. Kurz darauf trifft der erholte Crysagon im Wald auf Browyn, die Kräuter sammelt. Sie erzählt ihm von dem Baumkult, den ihre Leute betreiben. In diesem Baumkult ist die Eiche in einem Hain heilig, da sie glauben der eingeschlagene Blitz verbindet die Eiche mit den Göttern. Einen Mistelzweig, den sie am Arm trägt, symbolisiert den goldene Zweig, der die heilige Eiche umschließt. Er begehrt sie, will sie überreden mit ihr unter einem Baum zu gehen, lässt jedoch von ihr ab. (…) 

Rezension

Charlton Heston hatte den biblischen Moses, den fiktiven Ben Hur und den historischen El Cid gespielt, warum sollte er nicht einen normannischen Lehnsnehmer hinbekommen, dieser Dasteller für die übergroßen Rollen in überlangen Filmen? Er war die beste denkbare Besetzung zur damaligen Zeit, wobei er das heute wohl auch wäre, denn es gibt keinen ähnlichen Schauspieler, der auf so intensive und – im Fall des Crysagon – schmerzlich zerrissene Art Typen geben kann, die zugleich eine überragende physische Präsenz aufweisen. Das Hollywood der Gigantenfilm-Ära hatte auch die passenden Schauspieler dafür. Auch heute tendieren die Filme wieder zur Länglichkeit, aber ob damit auch deren Statur wächst, ist eine andere Frage.

Dabei ist „The War Lord“ (Originaltitel) kein solch buntes Spektakel mehr wie Ritterfilme à la „Ivanhoe“ oder „Knights of The Round Table“, die in den frühen 1950ern Hochkunjunktur hatten. Zehn Jahre später war das Interesse an historischen oder historisierenden Filmen dieser Art wiedergekehrt, aber die Darstellung war etwas differenzierter und vor allem um einiges realistischer geworden. Dass der Rammbock, der Belagerungsturm und vor allem die Onager nach römischem Vorbild, die sogar Feuerkugeln abschießen können, eine Art Gegengewicht zum sonst historisch exakter anmutenden Gepräge des Films darstellen, vermuteten wir schon, bevor wir recherchierten, dass Historiker den Gebrauch solcher High-Tech-Maschinen in jener Zeit und von jenen Angreifern kritisch sehen. Wenn man so will, waren technischerseits die guten alten Technicolor-Ritterfilme wiederum die lebensnäheren, in ihnen wurde nur mit dem Schwert und im Turnier mit der Lanze gekämpft, aus Gründen der bereits eingangs erwähnten Ritterlichkeit. Wenn es ganz schlimm kam, wurde von den Burgzinnen allerdings erhitzter Teer und dergleichen auf die Angreifer gegossen.

„The War Lord“ verbindet klassisches Hollywood und Ansätze einer neuen Form von Genauigkeit auch in der psychologischen Differenzierung, die in anderen Genres längst Einzug gehalten hatte. Beim Monumentalfilm lag und liegt diese Differenzierung noch immer im Clinch mit den unabdingbaren Schauwerten dieser hoch budgetierten Filme. Ein Kampf, der letztlich darin mündete, dass das Genre beinahe ausgestorben war, bevor es in Fantasyform eine neue Blüte erlebte.

Außerdem hat der Film eine der schönsten Liebesgeschichen, die wir in einem Epos bisher bewundern durften. Verständlich deshalb, weil das zugrunde liegende Bühnenstück „The Lovers“ heißt, und damit klar ist, dass diese von äußeren und inneren Konflikten beherrschte Beziehung zwischen dem Normannen-Regionalfürsten und der Adoptivtochter eines flämischen Dorfoberen das emotionale und inhaltliche Zentrum des Films darstellt. 

Charlton Heston als Superstar hatte durchaus eigene Ideen zu diesem Film, so wollte er zum Beispiel Julie Christie als sein Flamenmädchen, auch hätte er gerne David Lean oder Peter Ustinov auf dem Regiesessel gesehen, nicht den damals noch recht unbekannten Franklin Schaffner. Diese Wünsche liegen nah, denn nach „Die Brücke am Kwai“ und „Lawrence von Arabien“ war David Lean der Topregisseur fürs Große und auch fürs Innovative im Großen – doch der blieb lieber an der Wende des 20. Jahrhunderts und drehte etwa zeitgleich mit dem Entstehen von „The War Lord“ das Russland-Revolutionsepos „Doktor Schiwago“. Julie Christie hätte sicher eine kapable und glaubwürdige Liebende abgegeben, als Charakter sicher stärker und kantiger, mehr dem Typ von Charlton Heston entsprechend, als die zarte Rosemary Forsyth, die man sich als Flämin allerdings gut vorstellen kann und die so eine stille und anmutige Intensität hat, dass man sich dann doch die erdigere Julie Christie wieder besser als Dorfschönheit vorstellen kann, die Schweine hütet. Crysagon und Drago haben ihre eigenen Meinungen zu dieser Schönheit:

Chrysagon: [of Bronwyn] She has a calm face.
Draco: So has a cow.

Beide Darsteller füllen die Liebesgeschichte jedenfalls auf eine natürlich wirkende Weise aus, die keine Zweifel daran aufkommen lässt, dass Gefühle in der Lage sind, Schranken zu überwinden, Freundschaften zu zerstören und ein Herrschaftsgefüge ins Wanken zu bringen.

Wie der langjährige Haudegen Crysagon, der durchaus hochfahrend und wenig rücksichtsvoll gezeigt wird, seine weiche Seite entdeckt:

Chrysagon: From under his right hand, I took that sword. I’ve lived twenty years with that cold wife.

Am vorstehenden Satz kann man auch wieder eindrucksvoll sehen, was Synchronisation einem Film zu geben oder zu nehmen in der Lage ist und wie man damit manipulieren kann. Im Deutschen ist nicht von einer „kalten Frau“ als Metapher für das scharfe Schwert die Rede, die Crysagons Sätze für die deutschen Ohren der Mitte 60er zu pathetisch hätte wirken lassen. Zumindest schien das Synchronstudio dieser Ansicht zu sein. Die Rhetorik wird in der Übersetzung schlicht eliminiert. Vieles an der Sprache, untermalt durch die Musik von Jerome Moross, wirkt aber angemessen mediävistisch, ohne für unsere Ohren lächerlich zu klingen – auch hier ein guter Kompromiss, wie wir finden.

Wir sehen aber auch, wie Crysagon in Herrschermanier diese Gefühle gegen alle Widerstände durchsetzt, ist viel interessanter als die konventionellen Geschichten von Ruhm und Ehre, die erst errungen werden müssen, damit nebenbei ein schönes Fräulein erobert werden kann. Hier ist die Liebe auch das Morgenrot, wie es in prächtigen, aber unheilschwangeren Farben gemalt wird. Das Ende des Films ist offen, auch dies ein Bruch mit der Tradition des Genres, die gerade bei Epen  ein affirmatives Finale voraussetzt. In den 1960ern war man tatsächlich so weit, dass es dem Zuschauer überlassen wurde, wie er sich die Story weiterdenkt. Bronwyn half Crysagon auf eine sehr weibliche Art, den Schmerz zu überstehen, den seine erste Verwundung ihm verursachte, doch im Kampf um sie erleidet er wiederum eine schwere Verletzung und reitet am Ende geschwächt zu seinem Lehnsherrn, damit dieser ihm das Chaos verzeihen möge, das seine Gefühle in dem ihm zugedachten Herrschaftsgebiet angerichtet haben.

Crysagon ist im Grunde schon ein Antiheld, wenn auch einer von beachtlicher Statur. Er zerstört die Bande von Ehre und Treue, die seine Welt beherrschen und denen er verpflichtet ist, entfacht einen Aufstand gegen sich und seine Mannen, beschwört einen blutigen Zwist mit dem jüngeren Bruder Draco herauf, der ohnehin eifersüchtig ist und für dessen Befindlichkeit Crysagon wenig Sensibilität aufbringt. Dass er zwar militärisch obsiegt, aber moralisch nach den Maßstäben nicht nur seiner Zeit versagt hat, bringt ihm am Ende eine symbolisch gemeinte Blessur ein.

Man weiß nicht, ob er dort, nur begleitet von dem treuen Schildknappen Bors, je ankommen und wie es ihm ergehen wird. Dass die Friesen gut auf Bronwyn aufpassen, deren Schutz er sie anheim gegeben hat, und wie es zu dieser Wende im Bündnisverhalten der drei beteiligten Parteien (Normannen, Flamen, Friesen) kam, das ist zumindest nachvollziehbar.

Finale

Es war vielleicht keine so schlechte Idee, dass Franklin Schaffner, der sich als TV-Regisseur mit innovativen Ansätzen einen Namen gemacht hatte, diesen Film inszenieren durfte. Hätte die Universal, die zugleich Julie Christie ablehnte, ihm diese Chance nicht gegeben, hätte er zwei Jahre später nicht sein Meisterwerk „Planet der Affen“ drehen können, wieder mit Charlton Heston, dieses Mal nicht in der Vergangenheit und mit Mittelalterfrisur, sondern als Raumfahrer, der auf eine dystopische Erde zurückkehrt und dort von zivilisierten Affen für ein niederes Wesen gehalten wird. Auch die Verfilmung des Gefängnisdramas „Papillon“ (1973) mit Dustin Hoffman und mit Steve McQueen zählt zum bleiben Bestand von Schaffners Werk.

77/100

© 2021 (Entwurf 2015) Der Wahlbeliner, Thomas Hocke

(1), kursiv und tabellarisch: Wikipedia

Regie Franklin J. Schaffner
Drehbuch John Collier,
Millard Kaufman
Produktion Walter Seltzer
Musik Jerome Moross
Kamera Russell Metty
Schnitt Folmar Blangsted
Besetzung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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