Gefährliches Vertrauen – Polizeiruf 110 Episode 285 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Brandenburg #Krause #Herz #RBB #Vertrauen #gefaehrlich

Crimetime 1051 - Titelfoto © RBB

Gefährliches, spannendes Brandenburg

Der 285. Polizeiruf zeigt die Brandenburg-Schiene von ihrer besten Seite. Von der Seite, auf der sie ihre individuellen Stärken hat. Polizeihauptmeister Krause hat ja oft persönliche Umstände zu bewältigen, die dazu führen, dass er in den Fall involviert ist – nicht nur, weil er fast alle Menschen in Potsdam und Umgebung zu kennen scheint, sondern manchmal auch noch familiär eingebunden ist. In diesem Fall muss er auf seine Nichte aufpassen. Laura heißt sie. Seine Obhutspflichten gelingt ihm leider suboptimal, weil er noch recht analog konstruiert ist und nicht erkennt, welche Gefahren im Internet lauern können. Was es darüber und sonst über diesen Krimi zu schreiben gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung

Die Journalistin Clara Voigt, die über ein Bauprojekt in Brandenburg berichten will, wird auf einer Baustelle tot aufgefunden. Kriminalassistentin Katrin Schubert stellt einen Sturz aus großer Höhe fest. Bauleiter Wilfried Rausch, der sie als erster gefunden hat, kann sich nicht erklären, was die Frau hier zu suchen hatte.

Kommissarin Herz spricht mit dem Bauherrn Thomas Kotschek, der offen zugibt, im Visier der Presse zu stehen und als gewissenloser Investor verschrien zu sein. Er deutet illegale Absprachen zwischen dem Bauunternehmer Wilfried Rausch und dem Leiter des örtlichen Bauamts, Hans Regensberger, an, was sich Herz gern von Rausch bestätigen lassen will. Nur zögerlich räumt er gewisse Absprachen ein und so geht die Kommissarin davon aus, dass die Journalistin deshalb sterben musste. Rausch wird daraufhin in Untersuchungshaft genommen. Auch Bauamtsleiter Regensberger wird festgenommen, nachdem in dessen Garage der Personalausweis von Clara Voigt gefunden wird. Regensberger reagiert empört und beteuert, nichts mit dem Tod der Journalistin zu tun zu haben, den Ausweis müsse ihm jemand untergeschoben haben, um den Verdacht absichtlich auf ihn zu lenken.

Krause gelingt es, das Auto der Journalistin zu finden, das jemand am Bahnhof abgestellt hat. Die Überprüfung der Fingerabdrücke am Lenkrad schließt sowohl Rausch als auch Regensberger als Fahrer aus. So findet sich allmählich eine ganz neue Spur. Thomas Kotschek hat ein fragwürdiges Hobby. Per Internet-Annonce sucht er junge Mädchen, die Interesse zum Modeln haben. Unerwartet meldet sich ausgerechnet Krauses Nichte Laura auf diese Anzeige. Ihr Onkel ist absolut nicht begeistert von den Ambitionen und will es ihr verbieten. Kurzerhand reißt sie aus und flüchtet zu Kotschek, der sie auf einer seiner Baustellen versteckt. Dort entdeckt sie eine Videokamera mit den Aufnahmen des Absturzes der Journalistin. Sie hatte die Kamera laufen, weil sie Kotschek auf die Spur seiner pädophilen Machenschaften gekommen war.

Als er sie dabei ertappte und von dem Gebäude stieß, lief die Kamera weiter. Erschrocken über diese Entdeckung will Laura fliehen, doch Kotschek verhindert dies und nimmt sie kurzerhand mit. Inzwischen hat Krause mithilfe seiner Schäferhündin Vera das Versteck von Laura gefunden, doch ist sie nicht mehr dort und weiter in Kotscheks Gewalt. Zusammen mit Kommissarin Herz verfolgt er die Flüchtigen. Nachdem es gelingt Koschek zu stellen ist Laura weiter verschwunden. Entgegen allen Befürchtungen hat Kotschek ihr nichts getan und sie zu Hause abgesetzt, wo Krause seine Nichte wohlbehalten in die Arme schließen kann.

Rezension

Andererseits erzielt der rundliche Mann mit dem Motorrad mit dem Beiwagen und dem Hund, der zumeist im Beiwagen sitzt und sich den Wind um die Schnauze wehen lässt, in „Gefährliches Vertrauen“ besonders gute Ermittlungsergebnisse und darf seine Pfiffigkeit voll ausspielen (mehr als oftmals dann, wenn Bernd Böhlich für den RBB Regie führt, der als Krause-Spezialist gilt). 

In einer Nebenhandlung kann Krause eine Bestechungskette aufdecken, Bilder, die in der Schweiz erstanden wurden, kommen dabei zutage. Es muss nicht immer der Geldkoffer oder das Backoffice auf den Cayman Islands oder gar Kaviar sein. Aus der Aufdeckung dieser Baukorruption könnte zum Beispiel der Tod der Journalistin resultieren, das Motiv wäre allemal vorhanden.

Tut er aber nicht, vielmehr wird entblättert, dass der Investor sich mehr oder weniger anschaut, wie die regionalen Größen einander bekungeln, zu seinem Vorteil – aber dieser führt ein Doppelleben. Eines muss man diesem Polizeiruf lassen, gerade unter dem Eindruck, dass wir kürzlich für den Rostock-Krimi „Für Janina“ geschaut haben und noch nicht ganz klar darüber sind was wir mit diesem Film anfangen sollen: Der Herz-Krause-Film wird nie platt oder allzu manipulativ, wenn es um das Thema Pädophilie oder um die Intimität eines erwachsenen Mannes mit einer Minderjährigen geht.

Es ist interessant, zu sehen, wie ein eigentlich attraktiver und noch nicht allzu alter Typ mit einem Mal oder auch leise, beinahe unbemerkt, zunächst auch von ihm selbst, anfängt, seine Tochter sexuell anziehend zu finden. Um sich dieses Gefühls zu entwinden, gründet er eine Bildagentur, die er neben seinem Baugeschäft betreibt – dort zeigen sich Mädchen oder junge Frauen wie Laura vor der Kamera. Der nunmehr Nebenerwerbs-Agenturchef fotografiert sie nicht etwa nackt, sondern macht, mit Verlaub, billig dargestellte Collagen, in denen die realen Fotos mit den nackten anderen Körpern anderer Frauen kombiniert werden.

Die Polizeirufe haben schon einen deutlichen Schlag in Richtung Sexualdelikte, das war von Beginn an so (schon der 7. Polizeiruf „Blutgruppe AB“ aus dem Jahr 1972 hatte eine Vergewaltigung zum Thema und in Nr. 9, „Minuten zu spät“, kam es erstmals zu sexuellen Handlungen an Kindern, die gerade erst im schulfähigen Alter waren). in letzter Zeit habe ich so viel von dieser Deliktklasse gesehen, dass ich etwas wie einen Wunsch nach Erlösung verspüre.

Doch der Vorteil gegenüber rechtspolitisch höchst bedenklichen Darstellungen neuerer Art, wie etwa in „Für Janina“, ist in „Gefährliches Vertrauen“, dass man versucht, der psychologischen Disposition der Beteiligten nachzuspüren, ohne sie oder die Verbrechen zu sehr zu exploitieren. Ein Mädchen von 12 Jahren, welches sich in Chats als 13 ausgibt, fühlt sich zu Hause vernachlässigt, und sucht nach Anbindung, ja, auch nach Liebe. Da geht es nicht nur um Vertrauen, wie der Titel suggeriert, sondern darum, dass das Mädchen bereits aktiv daran mitwirkt, dass der Mann es schwer hat, sich zu entziehen. Irgendwie gelingt ihm dies, zudem versteht sich von selbst, dass er diesen Gefühlen gegenüber einer Minderjährigen nicht nachgeben darf. Das war knapp und das bringt der Film gut rüber, ohne eine Verurteilung auszusprechen – die Fotos, die per se nichts Anstößiges zeigen, zumindest die unmanipulierten Versionen nicht, die anderen gehen nicht ins Internet, sind eine Sache, Sex mit Laura wäre eine andere gewesen.

Aber man merkt auch, dass der Film vor 13 Jahren noch nicht das spiegeln konnte, was heute im Pädophilen Milieu fast täglich enttarnt wird, was eine ganz andere Dimension und eine weitaus weniger bedächtige und sensible Abfassung hat. Aber es gibt neuere Filme, die Handlungskombinationen von unfassbarer Grausamkeit zeigen.

In dem eher leisen „Gefährliches Vertrauen“ wirkt sich auch die zurückgenommene Art von Johanna Herz, die mir manchmal auf die Nerven geht, positiv aus, weil sie den Zuschauer*innen Raum für eigenständiges Nachdenken über das Geschehene lässt. Sie gibt keine rechts politischen Statements ab. Krause tut das ja sowieso nicht, sondern macht alles mit seiner Art zu sprechen und mit seiner Mimik. Das Hierarchische und etwas von oben herab wirkende von Herz gegenüber Krause verschwindet hier fast vollkommen. 

Finale

Für mich einer der besten Brandenburg-Polizeirufe aus der Ära Herz & Krause – unter denen, die ich bisher gesehen habe. Die Story ist einigermaßen schlüssig, auch wenn ich nicht verstanden habe, an welcher Haustür Laura anfangs klingelt, um Lars herauszulocken den sie doch bisher nur in einem Büro in dem fiktiven Ort, der wie „Prittwitz“ oder so ähnlich klingt, gesehen hat.

8/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), tabellarisch: Wikipedia

Regie Bodo Fürneisen
Drehbuch Jan Hellstern,
Felix Mennen
Produktion Volker von der Heydt,
Frank Schmuck
Musik Rainer Oleak
Kamera Guntram Franke
Schnitt Matthias Behrens
Besetzung

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