Jenseits – Polizeiruf 110 Episode 289 #Crimetime 1052 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #München #Tauber #Obermaier #BR #Jenseits

Crimetime 1052 - Titelfoto (c) BR,

Der Blick zurück ins Innere

Rainer Tittelbach von tittelbach.tv meint: „Dieser ‚Polizeiruf‘ hat es in sich. Der quälend gut gespielte Film geht nicht auf Mörderjagd, sondern richtet den Blick auf die Hinterbliebenen, die Mitopfer eines vermeintlichen Verbrechens. Autor Thebe durchleuchtet seine Protagonisten bis in die tiefsten Tiefen ihrer Seele und Eoin Moore gelingt es, aus Bildern, Tönen und zu Chiffren verdichteten Details mit Hilfe einer eleganten Montage ein sinnliches Krimi-Gesamtkunstwerk zu kreieren.“[1]

Die Kritiker der Fernsehzeitschrift TV Spielfilm vergaben die bestmögliche Wertung (Daumen nach oben) und schrieben: „Hochemotionaler Fall, quälend gut gespielt“.[2]

Und der Wahlberliner? Es steht in der – Rezension.

Handlung

Die Kommissare Tauber und Obermaier werden zu einem Verkehrsunfall gerufen, weil einem der Beamten Ungereimtheiten auffallen. Das Unfallopfer ist ein achtjähriger Junge, der sehr wahrscheinlich bereits vor dem Autounfall tot war. Dies bestätigt sich bei der rechtsmedizinischen Untersuchung. Als direkte Todesursache vermutet Professor Leinfelder ein Schädeltrauma, verursacht durch einen heftigen, punktuellen Schlag. Allerdings kann ohne weitere Untersuchung nicht festgestellt werden, womit dieser Schlag erfolgte. Weiterhin finden sich aber auch Anzeichen von Misshandlungen älteren Datums.

Kommissar Tauber hat die undankbare Aufgabe der alleinerziehenden Mutter mitzuteilen, dass ihr Kind nicht mehr lebt. Sie ist außer sich und will ihren Sohn unbedingt sehen, was derzeit einfach noch nicht möglich ist. Erst müssen die Untersuchungen abgeschlossen sein und darum bringt Tauber Nina Hausner persönlich nach Hause. Die Misshandlungen räumt sie ein und sie wären auch der Grund gewesen, weshalb sie sich von ihrem Mann getrennt hatte. Dieser ist als Fernfahrer derzeit im Ausland unterwegs und kommt als Täter daher nicht in Frage. Als die Kommissare bei der Spedition nachfragen, stellen sie allerdings fest, dass Hausners Bruder dessen Tour übernommen hatte.

Manfred Hausner wollte seinen Sohn vor der Schule abfangen und mit ihm ins Ausland gehen. Timmy hatte sich jedoch derart gewehrt, dass Hausner ausgerastet und der Junge gegen eine Kante geschlagen ist. In Panik hatte er ihn auf die Straße gelegt und einfach dort liegen gelassen. Dieses verzweifelte Geständnis spricht er Nina Hausner auf den Anrufbeantworter und springt dann von einem Hochhaus in den Tod.

Rezension

Dieser beschriebene Sprung, ausgeführt von Andreas Schmidt, der schon wieder einen Trucker spielen muss, ist jedoch nicht die letzte Szene. Sie findet in einem Park im Stadtteil „Flöttmanning“ statt, dorthin hat die Mutter ihren Sohn Tim gebracht, nachdem sie den Leichenwagen geklaut hat, lässt ihn ein letztes Mal die Sonne sehen und singt leise ein Kinderlied vom Fliegen, das man erst kann, wenn man größer ist. Nach einer Zeit ist ihr Mund geschlossen, doch das Lied läuft weiter. Indes hat Tauber, der sie verfolgt hat, ohne seiner Kollegin Jo Obermaier davon zu erzählen, den Park ebenfalls erreicht. Die Kamera geht immer weiter von der Frau weg und man sieht, wie Tauber langsam auf sie zuwandert. Im Jahr 2006 wurde diese Szene vermutlich noch aufwendig aus einem Hubschrauber gedreht, heute würde man eine Drohne einsetzen und auf diese Weise alles ohne einen einzigen Schnitt drehen können. Ob das besser wäre, ist eine andere Sache.

Diejenigen, welche der Ansicht sind, die Polizeirufe seien die besseren Tatorte, finden in mir mehr und mehr jemanden, der sich auf deren Seite stellt. Zwar leistet sich die ursprünglich aus Ostdeutschland stammende Reihe keine allzu extravaganten Experimente, die Filme bleiben, so gut sie formal auch gemacht sind, immer einigermaßen verständlich, sie werben weder um ein besonders einfaches, noch ein besonders jugendliches oder ein hauptsächlich an Arthouse-Kino im deutschen Fernsehkrimi-Format interessiertes Publikum. Aber sie loten Grenzbereiche des Menschlichen aus und stellen dabei, vor allem in Relation zur geringeren Zahl von Produktionen (Verhältnis ca. 1:4), häufiger Qualitäten zur Schau, die zu packenden Darstellungen führen.

Dabei wiederum ist ausgerechnet der Münchener Polizeiruf, der einzige im Westen verbliebene, nachdem sich HR und WDR aus der Reihe zurückgezogen haben, ganz an der Spitze. Mit den Kommissaren Tauber und, danach, von Meuffels (Edgar Selge und Matthias Brandt) hat man Schauspieler engagieren können, die Dinge machen können, die man anderen so nicht schreiben könnte. Bei Tauber ist es, dass er so in eine Situation eintauchen kann, dass dabei seine eigene Gefühlswelt sich mit derjenigen der Betroffenen verbindet, in der Regel Opfer, aber auch mal Verdächtige. Zuletzt hatten wir das in „Silikon Walli“ gesehen, wo er sich regelrecht in eine geplagte Schönheit verguckt, in „Jenseits“ nimmt er sich einer Mutter an – die kurzfristig im Verdacht steht, ihr Kind misshandelt zu haben.

Dieser Aspekt kommt allerdings erst sehr spät auf und in Wahrheit waren die Misshandlungen durch den Vater der Grund dafür, dass sie sich von ihm getrennt hat. Sie schützt ihn aber auch nachträglich, indem sie behauptet, er habe sie und den Jungen verlassen. Wohl hat sie damit zu lange gewartet und ganz unausgesprochen steht eine Co-Abhängigkeit im Raum, nicht nur im Sinne eines kollusiven Verhältnisses, sondern auch, dass man gemeinsam zur Flasche gegriffen hat, um den Alltag zu bewältigen.

In der Tat ist „Jenseits“ eine Reflexion über das, was geschehen ist, die Suche nach der Täterperson ist nachrangig. Trotzdem wird der Gerichtsmedizin eine besondere Bedeutung beigemessen, sie hat nämlich die Ermittlungsarbeit im Wesentlichen zu erledigen. Dadurch bekommt sie etwas sehr Technisches und, in Person des Professors, der seine Studentinnen um sich schart, auch etwas Eitles, ohne dass das Argument von der Hand zu weisen wäre, dass die Verletzungen von Tim etwas Prototypisches haben, das sich zur Anschauung für die Gerichtsmediziner*innen der Zukunft gut verwenden lässt. Die Diskrepanz zwischen dem persönlichen Drama einer Familie und einer Mutter und dem Gang der Dinge habe ich bisher selten so gut herausgearbeitet gesehen. Zwischen den Stühlen stehen die Ermittler*innen.

Jo Obermaier überträgt die Ängste der Mutter auf ihre eigene Situation und steigt sogar über Nacht in ein Baumhaus, um auf ihren Sohn aufzupassen. Dass es dort zehn Grad minus haben soll, ist jedoch eher ein Gerücht, denn man sieht an vielen Bildern, dass der Film im Sommer gedreht wurde, außerdem kann ich mir Eltern nicht vorstellen, die ihre Kinder mitten im Winter in einer ungeheizten Dünnbrettbude übernachten lassen würden, Schlafsäcke und Daunenklamotten hin oder her.

Ulrike Krumbiegel hatte für die Rolle der Mutter Nina Hausner eine Menge zu leisten, auf ihren Schultern und auf denen von Edgar Selge als Tauber (wieder einmal) lastet der Film und sein Gelingen hängt davon ab, wie diese Figuren auf das Publikum wirken. Bei Selge vertraue ich mittlerweile seinem Können beinahe absolut, außerdem passt man in München auf, dass die Drehbücher zu den Figuren passen und Schauspieler in Dauerrollen nicht zu unterschiedlich agieren müssen – hundertprozentig Kurs halten ist dabei aber nicht immer möglich, wie wir zuletzt im Polizeiruf „Silikon Walli“ gesehen haben, wo Tauber anfangs erstaunlich unempathisch wirkte – damit die Wandlung hin zu seinem Status als Verliebter auffälliger erschien.

Wenige Jahre, bevor er das Rostock-Team „erfand“, führte Eoin Moore in diesem Film Regie und verdiente sich mit diesem und anderen Werken wohl den Status, als Head-Autor und Gestalter der Rostock-Schiene etwas Besonderes erschaffen zu dürfen – auch wenn das Besondere von dem, was wir in „Jenseits“ sehen, stark abweicht, weil ganz andere Typen erschaffen wurden, die, das muss man nach zehn Jahren, unbedingt notwendig waren, um am gleichermaßen derben wie herzhaften Ende der Skala aller aktuellen Polizeiruf- und Tatort-Teams zu operieren. Die sehr einfühlsame Art, wie „Jenseits“ gefilmt wurde, lässt nicht unbedingt auf das schließen, was Moore dann in Rostock auf die Beine stellte – aber die psychologische Stimmigkeit herzustellen, ohne dass die Filme komplett realistisch wirken, ist auf jeden Fall eine Spezialität von ihm.

Eines fehlt in München zum Glück immer: Das Spiel mit den Grenzen des Rechtsstaats, mit denen gerade beim NDR sehr spielerisch umgegangen wird. Man wird nicht dadurch vom Drama und von den Figuren abgelenkt, dass man sich Gedanken darüber machen muss, ob man den politischen Spin noch mitgehen kann („Für Janina“, den Moore zwar nicht inszeniert, für den er aber das Drehbuch geschrieben hat, hallt immer noch nach, weil ich mich richtig darüber geärgert habe, dass ich aus rechtspolitischen Gründen eine Rostock-Polizeiruf stark abwerten musste). München ist die Premium-Schiene nicht nur unter den Polizeirufen und ich bin gespannt, ob sich das mit der „Neuen“, Elisabeth Eyckhoff, fortsetzen lässt, deren zweites Werk „Der Ort, von dem die Wolken kommen“ auf jeden Fall mehr in Richtung Experimental-Tatort ging als alle Polizeirufe, die ich bisher gesehen habe.

Finale

Für Mütter, die ihre Kinder verloren haben, für Helikopter-Mütter und andere Angsthäsinnen und -hasen unserer Zeit ist „Jenseits“ sicher ein schwieriger Film, aber er bringt uns die Gefühle von Angehörigen sehr nah und auch einen Ermittler, zu dem die Mutter des toten Jungen sagen kann: „Dass Sie da keinen Arm haben, ist ja ganz praktisch, dann kann er auch nicht einschlafen“. Was aufs erste Hören wir ein Gag wird, lässt sich, wie der ganze Film, auch weiter ausdeuten: Es handelt sich zwar um eine einfache Frau, aber hier neldet sich ihr ganz frisches Trauma: Was nicht  mehr da ist, kann auch kein Leid verursachen. Natürlich stimmt das so nicht, wie wir aus Taubers Filmen wissen, in denen fast immer auf seine Stellung als Versehrter rekurriert wird. Es wird auch bei Tims Mutter lange dauern, bis sie den Tod des einzigen Kindes verwunden haben wird. Der Vater, der wohl eine recht schwache Impulskontrolle hatte und mit dem fantasievollen und energetischen Kind oft zu ruppig umging, springt in den Tod.

Nach den ersten  Minuten fand ich den Film schwächer als andere „Münchener“, besonders als andere mit Tauber und Obermaier, aber er ich musste auch unterbrechen, weil ich gestern zu müde war, um mich noch richtig auf ihn konzentrieren zu können – heute lief es viel besser und vielleicht hat diese zuletzt zum Glück selten gewordene Variante des Weiterschauens (im Unterschied zum lästigen neu ansetzen) dazu beigetragen, dass ich fand, der 289. Polizeiruf entwickelt nach eher konventionellem Beginn einen starken Sog – und endlich wird etwas thematisiert, worüber ich bei vielen Tatorten und Polizeirufen nachdenke: Wie unterrichtet man die Angehörigen vom unvorhergesehenen, gewaltsamen Tod eines geliebten Menschen? In vielen Krimis wird das dermaßen lieblos und mit einer falschen Tonart abgehandelt, dass Tauber bei mir allein schon deswegen wieder Pluspunkte gesammelt hat, weil er sich beklagt, dass man auf der Polizeischule und in Seminaren alles Mögliche lernt – aber nicht, wie man diesen entsetzlichen Moment so gestaltet, dass sowohl die zu Unterrichtenden wie auch der Bote da einigermaßen durchkommen. Vorherbestimmen lassen sich die Reaktionen sowieso nicht und es ist leider in handlungsreichen Krimis nicht immer die Zeit dazu da, sorgsam mit diesem Moment umzugehen – aber „Jenseits“ setzt ganz auf die Erfahrungen, die damit einhergehen und ist dadurch ein wichtiger Film geworden.

8,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv und tabellarisch: Wikipedia / zitiert nach Wikipedia

Regie Eoin Moore
Drehbuch Markus Thebe,
Boris Gullotta (Bearbeitung)
Produktion Uli Aselmann
Musik Warner Poland,
Kai-Uwe Kohlschmidt
Kamera Bernd Löhr
Schnitt Dirk Göhler
Besetzung

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