Die Kaktusblüte (The Cactus Flower, USA 1969) #Filmfest 611

Filmfest 611 Cinema

Kaktus, wo ist dein Stachel?

Der Film Die Kaktusblüte ist eine romantische Komödie aus dem Jahr 1969 nach dem gleichnamigen Bühnenstück Cactus Flower von Abe Burrows in einer Bearbeitung von Pierre Barillet und Jean-Pierre Grédy unter dem Titel „Fleur de cactus“.[1]

Das Drehbuch für den Film stammt vom Autor I. A. L. Diamond, einem langjährigen Freund der Hollywood-Legende Billy Wilder. Goldie Hawn gelang mit dieser Komödie der Durchbruch im Filmgeschäft. Sie erhielt für ihre Rolle in diesem Film mehrere Preise, unter anderem den Oscar als beste Nebendarstellerin.

Der Mann, der für Wilders Komödienklassiker von 1957 bis 1966 und wieder ab 1970 die Skripte verfasste und eine Nachwuchsdarstellerin, die eine der bekanntesten Komödiantinnen in Hollywood in den 1970ern und 1980ern wurde. Und natürlich der Komödienstar Walter Matthau. Kann da etwas schiefgehen? Wir klären dies und anderes in der -> Rezension.

Handlung (3)

Julian Winston, ein Zahnarzt aus New York, ist mit der temperamentvollen und wesentlich jüngeren Toni Simmons liiert. Er kann sich nicht vorstellen, verheiratet zu sein. Deshalb erzählt er Toni, er sei seit zehn Jahren mit einer anderen Frau verheiratet und mittlerweile Vater dreier Kinder. Eines Nachts hält Toni den Druck nicht mehr aus und versucht, sich in ihrem Zimmer das Leben zu nehmen. Zuvor schreibt sie Julian einen Abschiedsbrief, um ihm zu sagen, wie sehr sie in ihn verliebt sei. Gerade noch rechtzeitig erscheint ihr Nachbar Igor Sullivan und rettet sie. Igor ist Schriftsteller und wohnt erst seit einiger Zeit nebenan.

Sie bittet Igor um einen Gefallen: Er soll am nächsten Morgen in der Zahnarztpraxis anrufen und Julian mitteilen, dass sie lebt. Doch der Anruf kommt zu spät, da Julian Tonis Brief schon gelesen hat und auf dem Weg zu ihr ist. Als er sie in ihrem Zimmer sieht, merkt er erst, wie wichtig ihm Toni ist. Er will sich von seiner – nichtexistierenden – Ehefrau scheiden lassen und Toni heiraten. Toni will jedoch vor einer Heirat unbedingt diese Ehefrau kennenlernen, um ihr ein paar Fragen zu stellen. Sie hat mit der Frau Mitleid, da sie doch während der Ehe eine Affäre mit Julian hatte und sich wegen der anstehenden Scheidung schlecht fühlt.

Julian muss nun schnell eine Frau finden, die sich für eine Stunde als seine Ehefrau ausgibt. Er überredet Stephanie Dickinson, die Ehefrau zu spielen. Stephanie ist seit fast zehn Jahren seine Sprechstundenhilfe; sie liebt Julian, ohne dass er davon weiß. Sie lebt mit ihrer Schwester, zwei Neffen und einem Hund in einer kleinen Wohnung. Am nächsten Morgen lernt Toni die angebliche Ehefrau im Plattenladen kennen. Sie unterhalten sich eine Weile über das zukünftige Leben von Stephanie. Als Toni sie nach ihren Gefühlen fragt, erkennt sie, dass Stephanie die vermeintliche Trennung noch nicht verwunden hat. Toni hat Mitleid mit Stephanie und schenkt ihr eine schwarze Nerzstola, die sie zuvor von Julian als Geschenk erhalten hat. Toni will nun unbedingt den Freund von Stephanie kennenlernen, um zu erfahren, ob sie jemanden hat, der ihr bei der Trennung hilft.

Nun muss Julian einen Mann finden, der sich als Freund seiner Ehefrau ausgibt. Harvey Greenfield, ein langjähriger Freund von Julian, willigt ein. Harvey und Stephanie versuchen, ihre Rolle als Liebespaar so gut wie möglich vorzuspielen. Sie unterhalten sich miteinander, bis Harvey als erster den Club verlässt. Toni fand ihn auf den ersten Blick unsympathisch und ungeeignet für Stephanie.

Am Ende erfährt Toni die ganze Wahrheit über Julian und seine Lügen. Toni will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Sie verliebt sich in den Schriftsteller Igor, der ihr in der schweren Zeit sehr geholfen hat. Julian erkennt, dass Stephanie ihn liebt, und verliebt sich in sie.

Rezension

Cactus Flower schleppt sich, was wahrscheinlich das Schlimmste ist, was man von einer leichten Komödie sagen kann. Es ist auf die schlampige Regie von Gene Saks und die Fehlbesetzung von Walter Matthau gegenüber Ingrid Bergman zurückzuführen. (1)

Es ist nicht so, dass die Dialogsätze etwas bedeuten; Es ist mehr so, dass die drei zentralen Darstellungen (von Walter Matthau , Ingrid Bergman und – wow! – Goldie Hawn ) so engagiert sind, dass wir uns trotz allem in ihre Geschichte verwickeln. (2)

Was nun? Variety oder unser Lieblings-Starkritiker? Roger Ebert hat in derselben Rezension einen Satz geschrieben, den man als Bonmot auswendig lernen sollte, wenn man Texte zu Filmen verfasst: The movie press agents have a theory that critics shouldn’t be allowed to see a comedy in a screening room. Unless they can hear the people laughing, the theory goes, they won’t know the movie’s funny.

Es bleibt also schwierig. Zum Beispiel weiß niemand, wie die Dialoge ins Deutsche synchronisiert wurden: exakt, sinngemäß, klüger oder, wie meistens, weniger witzig als im Original. Ich finde, man spürt durchaus die Fähigkeit von I. A. L. Diamond, knackig und memorabel zu formulieren, aber er braucht auch einen kongenialen Partner wie Billy Wilder, der die Schauspieler dazu bringt, diese Dialoge mit Leben zu füllen und kein Mensch kennt bei uns einen Typ namens Gene Sacks, was Gründe haben dürfte. Das Publikum hat also 1969 gelacht, als der Film Premiere feiert, das ist anhand von zeitgenössischen US-Kritiken überliefert. Die deutschen Stimmen, die in der der Wikipedia aufgelistet sind, kann man als durchweg wohlwollend bezeichnen.

Ich stelle der Theorie, die Roger Ebert oben zitiert hat, die eine oder andere Überlegung bei: Der Film war im Grunde schon veraltet, als er herauskam. Auch Billy Wilder hatte es, wie alle Regisseure der klassischen Studio-Ära schwer, sich auf New Hollywood umzustellen – so richtig ist das keinem von ihnen gelungen, da können sie in den 1940ern bis in die frühen 1960er noch so gut gewesen sein. Man sollte nun meinen, beim Genre Komödie spielt der Stil, der sich innerhalb weniger Jahre stark veränderte, am wenigsten eine Rolle, denn gute Texte funktionieren immer, wie sich daran zeigt, dass wir heute noch über sehr alte Screwball-Komödien lachen können. Okay, wir mögen vielleicht auch weiterhin klassische Dramen oder Western. Und spätestens nach der Abschaffung des Hays Codes im Jahr 1967 durfte man tatsächlich sexuelle Begriffe frei einsetzen, sodass es in „The Cactus Flower“ tatsächlich dazu kam, dass von „miteinander ins Bett gehen“ gesprochen wird. Gezeigt wird der Vorgang aber weiterhin nicht und das ist gut so. Man würde noch mehr merken, dass der Film noch stark den Traditionen verhaftet ist, wenn nicht Goldie Hawn in einer Studentenbude als It-Girl den Film bereichern würde.

Ihr Gegenüber Walter Matthau wurde erst in den 1960ern richtig populär, aber man kauft ihm den konservativen Typ ab, der sich vor einer vertieften Beziehung dadurch schützen will, dass er eine Ehe erfindet. Dieser Generationenunterschied, der nicht so sehr auf dem Mindset wie auf dem Gepräge der beiden Darsteller fußt, ist im Grunde reizend. Mich hat Ingrid Bergman in ihrer Rolle mit Haube und weißem Kittel mehr irritiert als die beiden übrigen Schauspieler zusammen, wenn man von Irritation sprechen kann. Sie spielt ihre Rolle zu dezent und wirkt für die Position, die sie bekleidt, zu klassisch und der Unterschied zwischen ihrer Alltagserscheinung und der Verwandlung im Tanzclub ist zu groß. Das Pygmalion-Symptom hat mich dazu gebracht, mir in der Rolle eine andere Schauspielerin zu denken: Audrey Hepburn, die eine radikale Verwandlung von der Straßenverkäuferin zur Lady als Eliza Doolittle in „My Fair Lady“ fünf Jahr zuvor schon einmal vorgeführt hatte. So ausgefallen ist die Änderung ja in „Die Kaktusblüte“ nicht, aber das Problem bei Ingrid Bergman ist für mich, dass sie Komödie nicht kann. Sie kann wirklich viel, aber alles innerhalb einer Spanne in dramatisch angelegten Filmen. Auch in „Indiscreet“ mit Cary Grant, elf Jahr vor „Die Kaktusblüte“, funktionierte die Chemie nicht so recht, obwohl die beiden im Hitchcock-Thriller „Notorious“, wieder 12 Jahre zurück, durchaus als Paar eine gute Figur machten.

Wenn die Regie schon als schwerfällig bezeichnet wird, wie dann erst Ingrid Bergmanns viel zu zurückgenommene Darstellungsweise, die sich in der Tanzszene nicht ins Komödiantische, sondern ins Romantische dreht. Ihre legendäre Landsfrau Greta Garbo war ebenfalls ein Dramen-Typ, sie brauchte einen Regisseur wie Ernst Lubitsch, der die Sensation verkünden konnte, dass die Garbo lacht, damit das lustig wirkt, was in „Ninotschka“ auch der Fall war. Bei Ingrid Bergmans Darstellung fehlt aber ein glaubwürdiger Schlüsselmoment, der beispielsweise dafür hätte sorgen können, dass sie plötzlich offensiv wird und die Rolle als des Zahnarztes Ehefrau richtig auszufüllen beginnt, neugierig wird und dadurch das Leben von Julian erheblich kompliziert. Billy Wilder hätte dieses Problem bemerkt und mit I. A. L. Diamond die Dialoge nochmal gefeilt, die dorthin führen.

Im Bühnenstück hatte zuvor Lauren Bacall die Rolle inne, die Ingrid Bergman im Film spielt und wenn man die beiden Frauentypen vergleicht, versteht man sofort den Unterschied, den die Besetzung ausmacht: Bacall hätte niemals so zart-defensiv wirken können wie Bergman, mit noch so viel Anstrengung nicht. Sie hatte nun einmal das Gepräge und das Image der schlagfertigen, taffen Frau, die Humphrey Bogart im Sturm eroberte und das man sich auch dann hinzudenkt, wenn sie eine zunächst unscheinbare Person spielt. Man traut ihr die plötzlich offensivere Haltung einfach zu, während Bergman wirkt, als sei sie zufrieden mit der passiven Haltung, den Zahnarzt ihres Herzens jeden Tag anschmachten zu dürfen. Sicher würde es bei Lauren Bacall schwerer fallen zu erklären, warum sie Jahr und Tag nichts unternommen hat, aber „Die Kaktusblüte“ kommt auch so schwer ins Rollen, weil man Ingrid Bergman einfach nicht mit einem Kaktus gleichsetzen mag. Sie darbt in dem gefühlsmäßig für sie sehr unergiebigen Praxisbiotop vor sich hin, aber Kakteen sind bekanntlich sehr genüg sam– nur fehlt ihr das Stachelige, das diese Pflanzen zum Ausgleich vorweisen können. Wenn sie Julian absichtlich in Bedrängnis gebracht hätte, dann hätte man ihr das zuschreiben können, aber sie will ja selbst für ihre Konkurrentin immer nur das Beste.

„Die Kaktusblüte“ wird recht häufig wiederholt. Ich habe ihn immer zurückgestellt, gerade an Festtagen, jetzt wurde er an Weihnachten ausgestrahlt, hat es immer Kinostücke gegeben, die anzuschauen mir wichtige war.

Finale

Wenn ich jetzt schreibe, so schlecht ist er ja gar nicht, ist das kein Widerspruch – ich messe ihn an den Topwerken, an denen I. A. L. Diamond mitgewirkt hat oder in denen Walter Matthau mitgespielt hat. Bei Ingrid Bergman fehlt mir der Vergleich mit einer gelungenen Komödie, die durch sie geprägt worden wäre. Ob man Goldie Hawns Darstellung mit häufig eingezogener Unterlippe so super findet, ist Ansichtssache, aber als Typ war sie in jener Zeit genau richtig. Etwas Hippie, etwas Twiggy, aber nicht so, dass dem Mainstream-Publikum davon so blümerant geworden wäre wie angesichts der wilden Horde in „Easy Rider“ oder von Woody Allens frühen, manchmal ziemlich derben Filmen, die viel zukunftsweisender waren als der auf klassischen Mustern basierende „Die Kaktusblüte“. Selbstverständlich sehen wir ein hochkarätiges Trio am Werk, ein Quartett, wenn man den Drehbuchautor einbezieht – aber so recht zündend ist der Film nicht, obwohl der eine oder andere Dialogsatz von Diamond durchaus funkelt. Wenn ich eine Romantikkomödie aus jenen Jahren empfehlen soll, dann eher „Barfuß im Park“ mit Robert Redford und Jane Fonda, der die Bedingungen einer Beziehung in einer neuen Zeit unter jüngeren Menschen sehr schön ausverhandelt.

Schon seltsam, dass ich beim Durchsuchen des WordPress-Entwürfe-Archivs auf einen Film gestoßen bin, den wir schon zeigen können, während wir uns derzeit auf neueres Kino konzentrieren, zu dem wir aber gemäß der chronlogischen Leitplanken „Internationales Filmverzeichnis Nr. 8“ (Stand derzeit: 1984) und älterer Rezensionen ab 2011 (aktuelle Chronologie, USA, 1965 erreicht) noch keine Rezensionen zeigen. Gleiches gilt generell für alle Produktionen, bei denen die USA nicht führend waren. Durch die Vorgabe, dass wir generell Filme aus den 1960ern zeigen können, schließt sich nun „Die Kaktusblüte“ an „Do Not Disturb„, eine Doris-Day-Komödie, die vier Jahre zuvor entstand, an. Und plötzlich relativiert sich alles und „Die Kaktusblüte“ wirkt geradezu progressiv. Wir hatten aber ohnehin 14 Punkte mehr für den Nachfolger von „The Odd Couple“ vergeben. „Ein seltsames Paar“ hingegen hatten wir kürzlich rezensiert und er ist noch einmal eine Klasse besser als „Die Kaktusblüte“, obwohl auch dieser Film von Gene Sacks inszeniert wurde.

65/100

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

(1) https://variety.com/1968/film/reviews/cactus-flower-1200421952/
(2)  https://www.rogerebert.com/reviews/cactus-flower-1969
(3) Wikipedia

Regie Gene Saks
Drehbuch I. A. L. Diamond
Produktion M. J. Frankovich
Musik Quincy Jones
Kamera Charles Lang
Schnitt Maury Winetrobe
Besetzung

 

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