Bitte nicht stören (Do Not Disturb, USA 1965) #Filmfest 610

Filmfest 610 Cinema

Bitte nicht stören! (Originaltitel: Do Not Disturb) ist eine US-amerikanische Filmkomödie von Regisseur Ralph Levy aus dem Jahr 1965 mit Doris Day und Rod Taylor in den Hauptrollen. Als Vorlage diente das Bühnenstück Some Other Love von William Fairchild.

Mir war der Name des Regisseurs Ralph Levy unbekannt, bevor ich „Do Not Disturb“ anschaute. Er hat auch nur zwei Kinofilme gemacht und sich, anders als andere TV-Spezialisten der frühen Ära, nicht zur großen Leinwand hin fortentwickeln können. Seine 1960 mit einem Emmy ausgezeichnete vielfältige Fernseharbeit hat wohl zu dem Versuch geführt, Kinofilme zu inszenieren. Aber ist „Bitte nicht stören“ so misslungen, dass ein früheres Karriereende im größeren Fach nahelag? Wir klären das in der –> Rezension.

Handlung (1)

Als Mike Harper, der für ein US-amerikanisches Wollunternehmen arbeitet, sein Büro nach London verlegt, um die europäischen Märkte zu gewinnen, ziehen er und seine Frau Janet nach England. Auf Janets Wunsch hin lassen sie sich in einem Haus auf dem Land nieder. Mit dem Zug soll Mike nun jeden Morgen nach London fahren. Doch als Janet, die ihn zum Bahnhof fahren soll, den Weg nicht findet und auf der falschen Straßenseite fast gegen einen Laster fährt, kehren sie nach Hause zurück. Mikes attraktive Sekretärin Claire Hackett holt ihn schließlich mit ihrem Wagen ab, während Janet im Garten einen kleinen Fuchs findet und ihn davor bewahrt, von einer Jagdgesellschaft getötet zu werden. Mit Hilfe ihrer Nachbarin und Hauswirtin Vanessa Courtwright versucht Janet, sich in ihrer neuen Umgebung einzuleben. Mike beschäftigt derweil die Frage, wie er für seine Firma neue Aufträge an Land ziehen kann. Von seinem Berater George Simmons erfährt er, dass er, um Erfolg zu haben, in erster Linie den einflussreichen österreichischen Skihosenhersteller Willie Langsdorf von seiner Wolle überzeugen muss. Zunächst jedoch soll sich Mike am Abend mit einem griechischen Textilhändler treffen und sagt zu, obwohl er Janet versprochen hat, pünktlich zum Abendessen zu Hause zu sein. Beim Geschäftsessen mit dem Griechen lässt sich Mike von Claire Hackett begleiten.

Als Mike schließlich nach Hause kommt, wirft ihm Janet – die mit dem Essen stundenlang auf ihn gewartet hat – vor, sie zunehmend zu vernachlässigen. Mike wiederum beschwert sich über das Wohnen auf dem Land, weicht ihr jedoch aus, als Janet die Dinge mit ihm ausdiskutieren will. Als ein Telegramm vorbeigebracht wird, das ihr Mike geschickt hatte, um ihr mitzuteilen, dass er wegen des Geschäftsessens später komme, fangen sie an zu lachen und versöhnen sich. Tags darauf will Janet Mike im Büro einen Besuch abstatten und erfährt, dass Claire Hackett inzwischen Mikes persönliche Assistentin ist. Da Mike nicht da ist, fährt Janet zu seiner Stadtwohnung, wo er mit Claire gerade eine Gruppe von Geschäftsleuten empfängt. Als Janet in seinem Schlafzimmer Frauenkleider von einer Vorführung findet, glaubt sie, Claire sei seine Geliebte. Vanessa Courtwright, die Mike mit Claire im Restaurant gesehen hat, bestätigt Janet in ihrer Annahme und empfiehlt ihr, sich zwecks Revanche einen Liebhaber zu nehmen. Um zumindest so zu tun, als habe sie eine Affäre, schickt Vanessa Janet Blumen und andere Aufmerksamkeiten, die Mike eifersüchtig machen sollen. Mike, der sich davon zunächst nicht beeindrucken lässt, glaubt schließlich, der Antiquitätenhändler Paul Bellari sei Janets Verehrer, und lässt diesen wissen, dass er Janet in Ruhe lassen soll. Janet jedoch versichert Mike, dass sie Bellari gar nicht kennt und sich nur wegen einer neuen Einrichtung mit ihm treffen wollte. (…)

Rezension

Die beiden stilprägenden Day-Hudson-Komödien „Bettgeflüster“ und „Ein Pyjama für zwei“ (1959, 1961), die der Popularität von Doris Day und Rock Hudson einen großen Schub gaben, haben wir für diese Publikation bereits rezensiert und uns weiter vorgearbeitet ins Jahr 1963, als Day mit James Garner als Co-Star im leichten Fach unterwegs war („Was die Frau so alles treibt„). Wieder waren zwei Jahre vergangen und wir sind bei Rod Taylor als Days Partner angelangt, der es dann bis zum Ende ihrer Filmkarriere, wieder zwei Jahre später, blieb. Es gibt einige Filme, in denen ich Taylor gerne gesehen habe, besonders in „Die Zeitmaschine“ (1960), mit dem er bekannt wurde, für diesen eher melancholischen und philosophischen SF-Film hatte er die richtige Ausstrahlung, aber für einen Komödianten ist er zu kantig, ihm fehlt fürs leichte Fach die Leichtigkeit, die niemand besser konnte als Cary Grant, aber auch Rock Hudson und James Garner waren auf unterschiedliche Art kapabel genug, um neben der quirligen Doris Day nicht zu hölzern zu wirken.

„Bitte nicht stören“ ist nicht nur vom Titel her äußerst einfallslos, heißt im US-Original genauso, er ist auch ein Beweis dafür, dass Mitte der 1960er vieles, was Hollywood mal gut konnte, ausgelutscht war. Doris Day wurde langsam zu alt für diese Art von naiv-energischen Rollen und, auf das Studiosystem und die klassischen Filme, die vor dem Aufbruch von New Hollywood den Stil deominierten, traf dies ebenfalls zu. Selten  wurde es so deutlich sichtbar wie an wort- und gagreichen Komödien, die sich schlicht abgenutzt hatten. Was ein paar Jahre zuvor nicht anspruchsvoller, aber schwungvoll und oft mit originellem Schlagabtausch und noch einigermaßen unverbrauchten Gags versehen war, wirkt hier wie eine Zitatesammlung – die Hotelzimmersequenz hat mich z. B. an „Der rosarote Panther“ bzw. an „Ein Schuss im Dunkeln“ aus den Vorjahren erinnert.

Regisseur Ralph Levy hat auch nur zwei Kinofilme gedreht, eine Komödie mit David Niven und Marlon Brando ein Jahr zuvor und eben diesen und war ansonsten nur fürs TV tätig. Das große Format mit vielen Figuren wirkt zwar routiniert eingesetzt, aber das Drehbuch lässt keinerlei Spannung aufkommen und die Inszenierung tut nichts, um aus eigener Kraft ebenjene zu erzeugen. Zudem ist der Film entsetzlich klischeehaft und natürlich, wie alle Doris-Day-Filme, frauenfeindlich. Die Art, wie in diesen Komödien Männer mit Frauen verfahren, wirkte schon rückwärtsgewandt, als Doris Days große Zeit begann, umso mehr aber 1965. Der Erfolg dieser Filme auch bei Frauen ist trotzdem leicht zu erklären, denn es gibt nun einmal ein großes konservatives Publikum, das gar nicht an der Besserstellung der eigenen Gruppe interessiert scheint. Wir meinen das nicht abfällig: Es ist auch ein Hinweis darauf, dass gesellschaftlichen Fortschritt nicht erzwingen und anderen überstülpen kann, die ihn nicht wollen. Man muss sie überzeugen, wenn man ihn allgemeingültig werden lassen will und dafür Mehrheiten schaffen.

Durch das Szenario in Paris und London wird das Gefühl, der Film wirkt eng, auch nicht gemildert, die Hausfrau wird lediglich sozial etwas höher platziert, damit Doris Day Designerklamotten tragen kann. Ob man diesen weiße Hut in der Form einer Melone, wie schon Charles Chaplin oder die Herren Laurel und Hardy und viele andere Komiker sie in dunkel getragen haben, manchmal ebenfalls verbeult, wie es dem Stück von Doris Day widerfährt, ob man sowas also elegant oder albern finden soll, ist Ansichtssache. Heute ist der Hut out, und das ist eine der weniger schönen Eigenschaften des gesellschaftlichen Wandels: Der Verlust an Eleganz, der bei der Frauenmode stärker auffällt. Nun, wer wir ernsthaft etwas gegen einen romantischen Florentinerhut  bei passender Gelegenheit einwenden?

Neben allgemeinen Wandlungen und mit ihnen einhergehend war die Zeit sowieso kritisch für solche Filme. Die Sicherheit in ihrer Gestaltung ging in gleichem Maß verloren wie die Sicherheit des Landes, aus dem sie kamen. Auch viel bekanntere Regisseure hatten ähnliche Probleme, wie dieser Film sie zeigt, und ihr Schaffen wies erhebliche Verschleißerscheinungen auf oder kam ganz zum Erliegen. Viele jener Filmschaffenden, die das US-Kino seit der Stummfilmzeit mitgeprägt hatten, hörten in jenen Jahren auf. Selbstverständlich spielten auch Altersgründe eine Rolle, aber manche wären noch fit genug gewesen, um weiterzumachen. Aber sie waren oft auch nicht in der Lage, den von ihnen mitgeprägten Stil weiterzuentwickeln und neue Einflüsse wie etwa den 1965 schon sichtbaren Italo-Western als eine Art genre-interne Revolution, konnten sich nicht mehr aufnehmen. Allgemein wurde es ab 1966-1967 härter, deftiger – und zunehmend desillousionierter. Man kann gar nicht hoch genug bewerten, wie sich der Kennedy-Mord Ende 1963 und die zunehmende Verwicklung des Landes in den Vietnamkrieg und die weiteren politischen Morde bis 1968 auf die Moral und auf die Filme auswirkten. Watergate war 1974 der Tiefpunkt einer rasanten ethischen Abwärtsentwicklung. Hollywood versuchte aber im Komödienfach erst einmal weiterzumachen wie bisher und das Gespür dafür, dass die Menschen diese einfältigen Stücke satt hatten, war nicht sehr ausgeprägt. Komödien der Jahre 1964 und 1965 sind oft qualvoll anzuschauen: Man hatte sehr wohl gemerkt, irgendetwas ist im Gang war, dass das Spiel sich verändert hatte – aber was? Das konnte man aus der Mitte des Geschehens heraus nicht ermitteln und versuchte, diesen Mangel durch noch wortreichere, umfangreichere und auch durch allzu konstruierte Handlungen ermüdendere Filme als zuvor zu kaschieren.

Finale

Genau dies alles zeigt „Bitte nicht stören“ leider geradezu exemplarisch und ist natürlich, wie alle Filme, sogar diejenigen, die nicht in der Gegenwart spielen, in der sie entstanden sind, ein Zeitdokument. Eines, das nicht besonders viel Laune aufkommen lässt. Ich muss bei Doris Day ohnehin immer ein wenig gutmütig ans Werk gehen, wenn ich einen Film von ihr rezensiere, weil ich ein Gegner dieses konservativen, aus den frühen 1950ern übernommenen Frauenbildes bin, das sie repräsentiert und es geht mir in allen ihren Filmen mehr oder weniger auf den Zeiger, dass sie eben keine Überzeugungsarbeit für den Fortschritt leisten wollen. Wenn man bedenkt, wie progressiv Hollywood bis in die 1940er bezüglich der Rollenbilder oftmals war, ist es einfach ürgerlich, dass man die Macht, die man hatte, nicht zum Besseren nutzte. Aber die Verunsicherung und der Unwille, Neues zu wagen, zeigten sich eben sehr deutlich. Auch bei der 20th Century Fox, die den Film produzierte und in den 1950ern technisch und inhaltlich zu den modernsten Studios zählte.

Es sind doch nur Unterhaltungsfilme? Gerade Unterhaltungsfilme verkaufen oft Botschaften, die man lieber nicht zu genau beleuchten sollte, sonst kommt man noch darauf, wie gerade das vorgeblich Harmlose eingesetzt wird, um Klischees zu transportieren und gesellschaftliche Weiterentwicklung zu behindern. Das galt allerdings nicht für alle Epochen des Kinos und es gab auch während der Doris-Day-Zeit Filmemacher, deren Witz etwas progressiver war als derjenige, der in den Filmen mit der prüdesten Blondine aller kinematografischen Zeitalter gepflegt wurde, bei der jeder sexuelle Konnex wirkt, als bräche die Welt zusammen. Dies ist kein Statement gegen die PoC, im Gegenteil, denn Übergriffe sind durch diese gewollte Ungleichstellung der Geschlechter an der Tagesordnung.

„Bitte nicht stören“ ist nicht nur der schwächste Doris-Day-Film, den ich bisher gesehen habe, er bekommt auch die bisher niedrigste Bewertung des Jahres (2018, als der Entwurf des Textes verfasst wurde).

51/100

© 2021, 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursvi und tabellarisch: Wikipedia

Regie Ralph Levy
Drehbuch Milt Rosen,
Richard L. Breen
Produktion Martin Melcher,
Aaron Rosenberg
Musik Lionel Newman
Kamera Leon Shamroy
Schnitt Robert L. Simpson
Besetzung

 

 

 

 

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