Verbranntes Spiel – Tatort 271 #Crimetime 1054 #Tatort #Dresden #Ehrlicher #Kain #MDR #Spiel #verbrannt

Crimetime 1054 – Titelfoto © MDR

Eitel und zwecklos ist das Streben nach den Wellen*

„Verbranntes Spiel“ entstand im Jahr 1993 und war der dritte Fall des anfänglich in Dresden arbeitenden, ersten Tatortkommissars auf dem Boden der ehemaligen DDR, der den programmatischen Namen Paul Ehrlicher bekam – und vom in Meißen, Sachsen, geborenen Peter Sodann verkörpert wird.

Manchmal gibt es das im aktuellen Sachsen-Tatort aus Leipzig auch noch: Man wählt Themen mit besonderem Bezug im Spannungsfeld zwischen Ost-Vergangenheit und Einfluss der Wende und der deutschen Wiedervereinigung (1).  In „verbranntes Spiel“ geht es um einen Firmenpatriarchen, der seinen Betrieb erst nach der Wende als Eigentum übernehmen darf und eine hochmoderne und, in die falschen Hände gelegt, mörderische Lasertechnik entwickelt. Dieses Hightech-Unternehmen in den Gemäuern eines alten VEB weckt Begehrlichkeiten aus dem Westen und es wird mit diversen Methoden versucht, den Betrieb zu übernehmen, und, als der Chef nicht mitmacht, dessen Geheimnisse zu knacken.

Handlung

Franz Willigerodt ist der Typ eines patriarchalischen Unternehmers, der als „Familienvater“ alle Fäden in der Hand hält bzw. halten möchte. Nach der Wende erhielt er seine Fabrik zurück. Sein Unternehmen entwickelt medizinisch-technische Geräte und ist dabei, sich erfolgreich den Markt zu erschließen. Kommissar Ehrlicher und Willigerodt sind seit vielen Jahren miteinander bekannt, man kann sogar sagen befreundet. Und so zählt Ehrlicher natürlich zu den Gästen, die sich an einem Spätsommertag in Naumburg versammeln, um Willigerodts 60. Geburtstag zu feiern. Kain hat seinem Chef einen erholsamen Kurzurlaub in Naumburg gewünscht, denn Ehrlicher plant, in der thüringischen Stadt einige Tage zu verbringen.

Schon während der Geburtstagsfeier registriert er jedoch, daß die familiäre Idylle trügerisch ist. Spannungen zwischen Willigerodts Tochter Sophie und ihrem Mann sind nicht zu übersehen. Welche Rolle dabei die kluge und attraktive Assistentin Willigerodts spielt, liegt für Ehrlicher klar auf der Hand. Deshalb nimmt er den Schwiegersohn seines Freundes auch nicht allzu ernst, als der ihn über einen Erpressungsversuch informiert. Was anfänglich wie ein simpler Seitensprung aussieht, stellt sich jedoch sehr schnell als Baustein eines Komplotts gegen den Unternehmer Willigerodt heraus.

Als die Assistentin einem mysteriösen Unfall zum Opfer fällt, nimmt der Fall für Ehrlicher tragische Dimensionen an, weil in diese Geschichte Menschen verstrickt sind, die ihm nahe stehen und die er zu kennen glaubte. 

Rezension

Die Tatort-Reihe weist einen Variantenreichtum auf, der uns immer wieder aufs Neue verblüfft und die Rezensionen nie langweilig werden lässt. Nachdem wir den wohl allerersten Wendekrimi – noch mit dem Polizeiruf 110-Granden Fuchs und als Gast Horst Schimanski aus Duisburg in den Hauptrollen aus 1990 rezensiert haben („Unter Brüdern“), sind wir nun also in der Tatort-Chronologie drei Jahre vorangekommen.

Anstatt alter Schätze geht es um Innovationen in die blühenden Landschaften der Neuen Bundesländer. Aus heutiger Sicht ist zu sagen: Zwar hat Sachsen mittlerweile eine vergleichsweise gut entwickelte Industrie-Infrastruktur, aber kein führendes Unternehmen im High-Tech-Bereich hat dort auch seinen Sitz. Angesichts dessen, was sich in möglichen Marktführern nach der Wende gemäß Interpretation der Tatort-Reihe abgespielt hat, wissen wir auch, warum. Das menschlich-unternehmerische Format der Technologiebesessenen war zu klein.

Zunächst dachten wir, wir hätten den Mord verpasst, aber der passiert wirklich erst nach mehr als einer Stunde und kündigt sich dräuend an, als sich Konflikte in der nie namentlich genannten Ostfirma immer mehr zuspitzen. Das heißt, wir haben es technisch mit einem seltenen Mix aus exkalierendem Familien- und Beziehungsdrama und anschließendem, sehr kurzem Whodunnit zu tun.

Auffällig ist, wie sehr Kommissar Ehrlicher angsichts zweier faszinierend gespielter Frauenpersönlichkeiten (Tochter des Firmengründers und Angestellter in der Firma) zurücktritt, diese werden dargestellt von Suzanne von Borsody und Corinna Harfouch. Allein wegen deren Spiel ist das Anschauen des Tatorts eine gute Zeitinvestition, die übrigen Darstellungen halten sich auf üblichem, gutem Tatort-Niveau, ohne herauszustechen, das gilt auch für Peter Sodann.

Das Potenzial hängt immer vom Drehbuch ab, und die Idee, sich auf die Familiengeflechte zu konzentrieren, Ehrlichers Assistent Kain (Bernd Lade) aus dem Spiel zu nehmen, indem nicht er, sondern Ehrlicher in Urlaub geht, einen alten Freund (den Patriarchen) besucht und wir bei ihm verweilen, während der Assistent an der Aufklärung eines bestehenden Falles weiterarbeitet, die zeigt die Grenzen der persönlichen Involvierung von Ermittlern auf, gibt andererseits die Möglichkeit, die Verstrickten thrillergerechet zu inszenieren.

Drive und Momentum des Films sind allerdings nicht thrillerhaft, nach traditioneller Art nicht zuletzt des DDR-Krimis (Polizeiruf 110) nimmt man sich viel Zeit für die Charaktere und entwickelt ein psychologisch sehr interessantes, wirtschaftlich und technisch eher unglaubwürdiges Panorama. Man hätte die Hochtechnologie besser weggelassen, wobei wir diese Meinung nicht detailliert begründen wollen, sondern gleichsam gegenargumentieren, dass man dann die originelle Mordausführung nicht hätte filmen können.

Die folgenden Abschnitte enthalten Angaben zur Auflöung!

War es ein Mord oder eher Notwehr gegenüber einem Charakter, der alle zu manipulieren versucht und dem Dr. Willigerodt, der alternde Chef (Gerd Preusche) nicht anders begegnen kann? Jedenfalls war die Lage wohl so bedrückend, dass der Mann eine Frau tötet, obwohl Freund Bruno gerade anwesend ist und man doch weiß, dass der alles aufklärt, was nicht rechtzeitig auf die Bäume kommt. Und kann ein Mann, der im Film beinahe einen Herzinfarkt erleidet, noch so gut klettern?

Offensichtlich nicht, denn die Uhr, welche die Zeit spricht, verrät ihn. Er hat nicht von zuhause, sondern aus der Firma angerufen, um Ehrlicher zum Schach zu bitten und im Hintergrund quäkt gerade diese verflixte Uhr. Okay, was will man mehr tun als ein dummes Accessoire zu sehr in den Vordergrund zu stellen, wenn man einen Whodunnit in weniger als einer halben Stunde auflösen muss? Zudem kann Ehrlicher nicht auf einen Ermittlungsapparat zurückgreifen, weil er gar nicht zuständig ist. Dieses Handlungsmuster hat sich nicht bewährt und wird deshalb in heutigen Tatorten trotz deren enormer Experimentierfreudigkeit nicht angewendet.

Selbstverständlich enthält „verbranntes Spiel“ auch konventionelle Stilelemente; das gilt für die Kamera und den gesamten visuellen Stil des Films. Bis heute ist es ein Kennzeichen der Ost-Tatorte, dass sie nicht avantgardistisch daherkommen. Manchmal bedauerlich und bieder, zuweilen aber steigert es die Konzentration aufs Wesentliche, die bei extrem gestylten Tatorten manchmal verloren geht. Im Grunde ist auch die sehr penible Reflektion über die handelnden Personen konventionell und es ist immer wieder zu beobachten, dass das heutige Tatort-Publikum darauf mit großer Zurückhaltung reagiert. 

Warum handelt vor allem Dr. Evers (Corinna Harfouch), wie sie handelt? Diese Figur ist nicht ganz leicht zu entschlüsseln, aber wenn man Interesse für sie zeigt und dran bleibt, wird sie mit jeder Minute besser. Sie versucht alles, sichert sich mehrfach ab, um einen Fuß in die Leitung dieser Firma zu bekommen und treibt alle anderen damit in die Enge. Der einzige, der sie wirklich durchschaut, ist nicht Ehrlicher, sondern Dr. Willigerodt, der vorgibt, sie heiraten zu wollen, sie dann aber per Laserstrahl vernichtet, als sie im Auto auf dem Firmenparkplatz steht.

Dann inszeniert er auch noch ein Indiz so, dass der Verdacht von ihm weg auf seinen ungeliebten Schwiegersohn abgelenkt wird. Diese Figur ist im Grunde auch kein ehrlicher wie Ehrlicher, auch wenn seine Motive nachvollziehbar sind. Hätte er die Frau geheiratet, hätte seine Tochter das nicht verkraftet, hätte er’s nicht getan, hätte sie weiter seinen charakterschwachen Schwiegersohn als Transmissionsriemen für ihre Ziele verwendet. Dass Menschen sich so unter Druck gesetzt fühlen, dass sie zu einer für sie passenden Waffe greifen, das gibt’s und deswegen und wegen einiger starker Figuren finden wir den psychologischen Teil von „Verbranntes Spiel“ gut gemacht.

Finale

Ohne allzu simpel argumentieren zu wollen – dass eine kleine Ostfirma, die offenbar überhaupt keine Werktätigen beschäftigt – zumindest sieht man keine, bis auf eine treue Seele von Sekretärin, die für wenigen Minuten in Mordverdacht gerät – sozusagen aus dem Nichts eine waffenfähige Technologie entwickelt, hinter welcher der Westen her ist wie der Teufel hinter der armen Seele, das ist ein Text aus demselben Märchenbuch, in dem auch die Geschichte des 1-MB-Chips steht, den noch 1988 feurige FDJler, die als Jungbotschafter ihres Staates im Westen unterwegs waren, als Beweis der systemischen Überlegenheit des Realsozialismus verkaufen wollten.

Da war die Funktionabilität der günstigen Textilien-Herstellung durch Ostproduzenten für Westlabels weitaus devisenrelevanter; jedoch, damit, dass man als Werkbank des Kapitalismus tätig war, wie ein Entwicklungsland, während dieser die wirkliche Hochtechnologie voran brachte, hielt man sich öffentlich lieber zurück.

Immerhin soll dieser Präzisions- und Starklaser, um den es in „Verbranntes Spiel“ geht, nur für medizinische Zwecke verwendet werden, so ist es Wunsch des Patriarchen. Dass so etwas nicht realistisch ist und Technologie mit der Zeit immer dorthin wandert, wo die Erfinder sie aber auch niemals haben wollten, ist der Lauf der Dinge.

Der Mix aus eher schwachem wirtschaftlich-technischem Hintergrund und einer schönen Charakterstudie nebst wenig praktikabler Handlungsanlage, sind uns doch etwas wert, denn wir sind ja erst heute, beinahe 30 Jahre** nach diesem Tatort, so überragend instruiert- weil wir über die Systeme und ihre Schwächen alles wissen, was für die unerfahrenen Ost-Zeitgenossen noch im Nebel lag. Doch wie eitel ist das Streben nach einem Lebensinhalt, der nur durch eine technische Neuerung definiert wird?

(1) Diese Aussage bezieht sich auf das Leipzig-Team Saalfeld und Wuttke und u. a. auf den Tatort „nasse Sachen“ aus 2011 – die zwischenzeitliche Veröffentlichung 2016 war eine Tandem-Rezension mit der zu „Auf einen Schlag„, den ersten Film von deren Nachfolger-Team Sieland / Gorniak / Schnabel, der nach der Leipzig-Phase des MDR-Sachsentatortes wieder in Dresden angesiedelt ist.

© 2021, 2016, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

*Angaben mit Zeitbezug oder dem Stand irgendwelcher Dinge beziehen sich auf den Entwurf des Textes aus dem Jahr 2013 oder die Erstpublikation 2016.
**Angabe auf aktuelle Veröffentlichung 2021 angepasst.

Kommissar Ehrlicher – Peter Sodann
Kommissar Kain – Bernd-Michael Lade
Dr. Willigerodt – Gerd Preusche
Dr. Lore Ewers – Corinna Harfouch
Sophie Fischer – Suzanne von Borsody
Dr. Günter Fischer – Henry Hübchen
Dr. Dunkert – Gunter Schoß
Frau Schuster – Gudrun Ritter
Dr. Gawron – Johannes Terne
Kommissar Ballmann – Alfred Müller

Buch – Knut Boeser
Regie – Bodo Fürneisen

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