Der Glückspilz (The Fortune Cookie, USA 1966) #Filmfest 617

Filmfest 617 Cinema

Der Glückspilz (Originaltitel: The Fortune Cookie) ist eine US-amerikanische Filmkomödie von Billy Wilder aus dem Jahr 1966.

„Der Glückspilz“ brachte Walter Matthau einen Oscar als bester Nebendarsteller ein und eine Zusammenarbeit mit Jack Lemmon bei weiteren neun Filmen. Billy Wilder lichtet die beiden noch im Jahr 1966 in Schwarz-Weiß ab und erhält so die Atmosphäre seiner früheren Filme, insbesondere „Das Appartement“ (1960) lässt optisch grüßen. Ist er auch sonst mit dem Meisterwerk vergleichbar, das sechs Jahre zuvor entstand und in dem ebenfalls Jack Lemmon die männliche Hauptrolle spielte? Wir klären dies und mehr in der –> Rezension.

Handlung (1) 

Harry Hinkle wird, als er einen Einsatz als Kameramann bei einem Football-Spiel hat, von dem Spieler Luther „Boom Boom“ Jackson überrannt, geht k.o. und landet erst einmal im Krankenhaus. Sein Schwager, der gerissene Winkeladvokat Willie Gingrich, wittert seine Chance. Der Rechtsanwalt verdient sein Geld mit dem Einklagen von Schadenersatzansprüchen.

Willie überredet Harry, so zu tun, als ob er teilweise gelähmt wäre. Auf diese Art möchte er der Versicherung eine hohe Entschädigung abringen. Harry ist zunächst dagegen, bis er hört, dass seine Ex-Frau Sandy, eine nur mäßig erfolgreiche Darstellerin von Werbespots, ihn besuchen will. Er gibt also vor, schwer verletzt zu sein, auch um sie wieder für sich zu gewinnen.

Die Versicherungsgesellschaft vermutet Täuschung und setzt den Detektiv Purkey auf Harry an, der Harrys Wohnung verwanzt und vom gegenüber liegenden Haus aus beobachtet und filmt. Doch Harry spielt die Rolle des Gelähmten perfekt, übersteht sogar ärztliche Untersuchungen, bis er sich immer mehr mit Luther Jackson anfreundet. Dieser glaubt noch immer, schuld an Harrys Schicksal zu sein und betäubt seine Schuldgefühle immer häufiger mit Alkohol, wodurch er auch seine Sportlerkarriere gefährdet. Inzwischen hat Sandy von dem Spielchen erfahren, das Gingrich eingefädelt hat. Sie spielt mit, weil auch sie ein Stück vom Kuchen abhaben will. Gingrich hat den Scheck der Versicherung schon in der Tasche, als der Schwindel doch noch auffliegt. Purkey beleidigt Luther, worauf Harry aus dem Rollstuhl springt und Purkey k.o. schlägt. Während Sandy verzweifelt ihre Haftschalen sucht, windet sich Willie aus der Affäre, indem er den Scheck zerreißt und ankündigt, Purkey wegen Beleidigung zu verklagen. Harry sucht nach Luther und findet ihn im Footballstadion. Die beiden werfen einige Pässe, bei denen Harry schon wieder stürzt und vorgibt, sich nicht mehr bewegen zu können. Doch es war natürlich nur Spaß und so finden die beiden wieder zueinander.

Rezension

Ganz so scharf, komisch und berührend zugleich wie der für mich allerdings auch beste Film von Wilder ist „Der Glückspilz“ nicht, dafür hat er zu viele Längen, die nur dadurch nicht so auffallen, dass mit Lemmon und Matthau ein wirklich wunderbares Paar zusammenfindet und gleichrangig die Leinwand beherrscht. Natürlich ist die Sympathie des Zuschauers auf Seiten des harmlosen Harry Hinkle (Lemmon), während wohl kaum jemand sich besonders für den durchtriebenen Anwalt Gingrich (Matthau) erwärmen wird, der witzigerweise in der US-Politik ein Nachnamenspendant hat, dem ähnliche Eigenschaften zugeschrieben werden.  

Der Film nimmt die Industrie der aberwitzigen Zivilklagen in den USA aufs Korn, die in einem Land, das sich als besonders liberal darstellt und auf die Eigenverantwortung der Menschen betont, für die absurdesten Vorgänge eine Art Herstellerverantwortung mit langer Kausalitätskette etabliert hat, in der zum Beispiel in diesem Film nicht mehr der Kamermann, der unglücklich stolpert oder auch der Footballspieler, der ihn anrempelt, die Schuld oder Verantwortung tragen, sondern der Betreiber des Stadions, der Verein, mit einer für damalige Verhältnisse riesigen Summe haftbar gemacht werden soll, weil er eine Regenplane hat am Spielfeldrand liegen lassen, obwohl das offenbar nicht den Vorschriften entsprach – wobei diese Plane für jedermann gut sichtbar war. Das erinnert an Handhabungen wie jene, dass Sportwagenhersteller in ihre Bedienungsanleitungen schreiben müssen, dass es beim Treten des Gaspedals zu starker Beschleunigung kommen kann. Das amerikanische Schadensersatzrecht, dessen jüngstes prominentes Opfer Volkswagen wurde, wirft ein ziemlich schräges Licht auf das Land der offenbar auch haftungssummenmäßig unbegrenzten  Möglichkeiten, ein Stoff wie geschaffen für Billy Wilder, dem wohl sozialkritischsten Komödienregisseur seiner Zeit.

Allerdings gibt es auch eine Lesart, die dann doch wieder das Individuum im Strudel der Zeiten mit Wohlwollen behandelt: Große Konzerne werden von kleinen Verbraucher:innen in die Knie gezwungen,  und das stärkt wiederum den Glauben an die Gerechtigkeit und den American Way of Life. In Wirklichkeit zahlt die Gemeinschaft der Versicherten für solche Fälle.

Deswegen wird auch „Der Glückspilz“ eher als Tragikomödie bezeichnet und folgt im Ton, nicht nur in der Visualität, ebenfalls dem berühmten So-läuft-das-Business-Erklärer „Das Appartement“, der herausstellt, wie man in der sogenannten Leistungsgesellschaft eben nicht durch Leistung, sondern durch moralisch fragwürdige Gefälligkeiten und einer auf jenen Gefälligkeiten aufgebauten Form von Networking am Schnellsten vorankommt. Da sich aber in diesem Land alles um Geld dreht, lag es nahe, eine andere Variante des leichten Verdienens großer Summen unter die Lupe zu nehmen – den Versicherungsbetrug.

Billy Wilder und sein kongenialer Drehbuchautor I. A. L. Diamond sind in „Der Glückspilz“ schon auf der Seite von Harry Hinkle, der sich, befördert durch den Wunsch, seine  Exfrau zurückzugewinnen, von Gingrich in diesen Betrug hineintreiben lässt, noch  mehr aber  auf der Seite der Versicherungsgesellschaften und von deren Beitragszahlern.  Der Film hat zwar nicht die Dichte und die entfesselte Wucht genialer Dialoge wie „Das Appartement“ und vor allem fehlt ihm deutlich das „Good Girl“, das die Satire ein wenig mildern und den Zuschauer emotional binden könnte, eine Figur, wie Shirley MacLaine sie in „Das Appartement“ perfekt gespielt hat.

Es gibt dafür den Sidekick Luther „Boom Boom“ Jackson, einen interessanten Charakter – leider vor allem deshalb, weil er Afroamerikaner ist und die Art, wie er eingesetzt wird, ein Licht auf das Autorenduo des Films wirft, das ja noch in der klassischen Ära Hollywoods groß wurde, in der Farbige nur als Dienstpersonal auftraten. Hier immerhin schon als gut verdienender Sportler, der mit seinem Vater zusammen eine typische Altersversorgung in Form einer Bowlingbahn betreibt, ähnliche Engagements kennt man hierzulande von Fußballspielern jener Epoche, in der schon recht gut verdient wurde, aber nicht in den Maß, dass man danach selbst nicht mehr arbeiten musste, dafür aber mehrere Vermögensverwalter haben sollte, die sich gegenseitig kontrollieren, damit nicht plötzlich Millionen an Steuerschulden zur Debatte stehen. Luther ist emotional intelligent, in der Rolle eines gutmütigen Menschen, der auch von eniem Weißen hätte so gespielt werden können, aber trotzdem würde Spike Lee sich im Grab umdrehen, wenn er schon gestorben wäre, ersatzweise könnte man Malcolm X heranziehen, eher als Martin Luther King, auf den sich der Name der Figur bezieht und der ein Jahr nach dem Dreh von „Der Glückspilz“ ermordet wurde. Schon im Jahr nach diesem Film kam mit „In der Hitze der Nacht“ ein wesentlich moderneres Werk heraus, in dem Sidney Poitier erstmals in einem US-Film einen Afroamerikaner darstellt, der Weißen intellektuell und charakterlich überlegen ist.

Sicher war es eine honorable Idee von Wilder und Diamond, den Betrug ausgerechnet anhand des vorgeschobenen Rassismus von Detektiv Purkey auffliegen zu lassen, weil Hinkle auf dessen Äußerungen hin aufspringt, dem Detektiv eine reinhaut, sich damit verrät und natürlich ist der Kommentar vordergründig PoC, aber hat eben doch einen etwas seltsamen Beigeschmack, weil er leider nur allzu realistisch ist und damit die Satire unterläuft, in die er eingebunden ist.

Dabei spielt eine wesentliche Rolle, dass Purkey diese Einstellung gegenüber den Afroamerikanern nur simuliert, also benutzt, um Hinkle zu provozieren.  Bei einem hintergründigen Typ wie Wilder bin ich nicht ganz sicher, ob er nicht sogar einen negativen Kommentar zur aufgeregten Diskussion im Land um die Bürgerrechtsbewegung liefern wollte, der nicht so leicht herauszufiltern ist, aber dafür sprechen könnte aber, dass Wilder den Footballspieler zwar sympathisch, aber auch in einer recht naiven Position gefangen darstellt. Er merkt zwar schnell, welcher Typ Hinkles Frau ist, aber spielt eben doch zu sehr den Dienstfertigen, der sogar sein Training vernachlässigt und anfängt zu trinken, weil er mit dem Schicksal des angeblich gelähmten Hinkle nicht klarkommt, für das er sich die Schuld gibt.

Wie oben geschrieben, diese Rolle ist im Grund ganz und gar ethnisch neutral, aber weil sie so besetzt ist, wie sie ist, wird sie zu einem Kommentar innerhalb des Kapitalismuskommentars, den „Der Glückspilz“ darstellt. Heute so nicht mehr denkbar, angesichts der astronomischen Gagen im US-Profisport, die natürlich auch dafür sorgen, dass die Stars eine andere Einstellung zu den Dingen des Lebens haben.

Gut gelungen ist auch dieses Mal, wie in allen Wilder-Filmen, die Handlungslogik. Auch wenn der Film kontemplativer ist, nicht so furios wie Wilders vorausgehende Werke, am Ablauf ist nichts auszusetzen, herausgerissen wurde ich eigentlich nur einmal, nämlich, als plötzlich die Bowlingbahn zum Setting wird. Dort wird die subjektive Perspektive von Harry Hinkle verlassen, die ansonsten den Film beherrscht. Dieser abrupte Wechsel ist für Wilders Stil eher ungewöhnlich und weist darauf hin, dass eben hier doch zwei Themen miteinander verknüpft werden sollen,  zwischen denen es ein wenig knirscht. Außerdem hat der Film nicht nur ein geringeres Gesamttempo als fast alle früheren Wilders, sondern nimmt auch einen sehr langen dramaturgischen Anlauf, was man vor allem in den Krankenzimmer-Szenen bemerkt, die etwas zu sehr ausgespielt sind und entscheidend dazu beitragen, dass der Film um etwa eine Viertelstunde zu lang geraten wirkt.

Finale

Lemmon und Matthau sind ein Muss, man sollte den Film aber auch gesehen haben, weil man alle Billy-Wilder-Filme kennen sollte, um zu verstehen, wie perfekte Unterhaltung aussieht – und wie eben auch jeder Künstler eine Karrierekurve hat. Die von Wilder zeigte, wie jene vieler  Kollegen, die in der klassischen Ära ihr Handwerk gelernt hatten, Ende der 1960er eher nach unten, auch wenn diese herausragenden Filmemacher nie ein wirklich schlechtes Werk hervorgebracht haben. Eine frappierende, aber eben dem sich wandelnden Stil geschuldete geschuldete und daher erklärbare Parallele gibt es z. B. zu Alfred Hitchcocks schwindender Inszenierungssicherheit während der 1960er. Beide erreichten ihren künstlerischen Höhepunkt in den Jahren 1959-1960. Elemente wie der nicht ganz geglückte Rassenkommentar in „Der Glückspilz“ weisen darauf hin, dass die Orientierung an den Themen der Zeit nicht mehr so einfach war. In seinen letzten Filmen hat Wilder derlei auch nicht mehr thematisiert.  

77/100

© 2021 (Entwurf 2018) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Billy Wilder
Drehbuch I. A. L. Diamond
Billy Wilder
Produktion I. A. L. Diamond
Doane Harrison
Billy Wilder
für Mirisch Corporation
Musik André Previn
Cole Porter
Kamera Joseph LaShelle
Schnitt Daniel Mandell
Besetzung

 

 

 

 

 

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