Südwest nach Sonora (The Appaloosa, USA 1966) #Filmfest 627

Filmfest 627 Cinema

Der Sombrero steht im gut

Südwest nach Sonora (Originaltitel: The Appaloosa) ist ein US-amerikanischer Western von Sidney J. Furie aus dem Jahr 1966. Das Drehbuch basiert auf dem gleichnamigen Roman von Robert McLeod. In Deutschland wurde der Film erstmals am 21. Oktober 1966 in den Kinos gezeigt.

Bei diesem Film an der Grenze zum Spätwestern ist die Frage, wer dem Film seinen Stempel am meisten aufdrückt. Die Regie hat alles im Griff, bis auf Marlon Brando, der wirkt, als ob ihm die Sonne zu sehr aufs Hirn gebrannt hätte. Dadurch handelt er sich eine Menge Ärger ein, ohne wie ein klassischer Westernheld sofort die maximale Antwort auf Provokationen und vor allem auf den Diebstahl seines wunderbaren Appaloosa-Hengstes zu haben. Erst zum Ende hin entwickelt er die Fähigkeiten, die es braucht, um den entscheidenden Gegner den verschneiten Hang eines Canyons herunterkullern zu lassen. Mehr dazu findet sich in der –> Rezension.

Handlung (1)

Matt Fletcher will sich in der Nähe der mexikanischen Grenzstadt Ojo Prieto niederlassen und mit seinem Appaloosa-Hengst eine Pferdezucht aufbauen. In einer Kirche in Ojo Prieto beichtet Matt seine Taten und erklärt seinen Willen, ein neues Leben zu beginnen, was der Priester gutheißt. Doch noch in der Kirche wird Matt von dem Bandenführer Chuy Medina bedroht, weil Matt angeblich dessen junge Frau Trini belästigt haben soll. Trini, die als Kind an Chuy verkauft wurde, will von diesem fliehen und springt auf Matts Hengst. Einer von Chuys Männern bringt sie wieder zurück. Um sein Gesicht zu wahren, versucht Chuy, das Pferd zu kaufen. Doch Matt weigert sich.

Mit Hilfe seines mexikanischen Freundes Paco beginnt Matt mit der Arbeit auf dessen kleiner Farm. Als Matt eines Abends betrunken ist, kommen Chuy und Lazaro, um das Pferd zu stehlen. Chuy beschimpft dabei Matt, schleift ihn mit einem Lasso und »hängt ihn zum Trocknen auf«.

Als Matt sich von seinen Verletzungen erholt hat, sucht er, rasiert und als Mexikaner verkleidet, Chuy auf. Er wird geschnappt, und Chuy schlägt einen Wettkampf vor. Der Gewinner soll das Pferd erhalten. Die beiden machen Armdrücken, wobei auf beiden Seiten giftige Skorpione darauf warten, den Unterlegenen zu stechen. Matt verliert zwar, kann aber sein Leben retten, indem er die gestochene Stelle mit einer Glasscherbe aufschneidet. In einer Hütte, die dem Ziegenhirten Ramos gehört, kommt ihm Trini zu Hilfe und versorgt ihn. (…)

Rezension

Würde dessen Flinte nicht so ultraverdächtig in der Sonne geblitzt haben, wer weiß, ob er seinen Stiefbruder Paco und dessen reizende Familie je wiedergesehen hätte. Auch die Mexikanerin Trini hätte sich, nachdem sie sich Brando, der hier Mat(eo) heißt, angeschlossen hat, möglicherweise wieder zurück zu ihrem Geliebten und Peiniger orientieren müssen.

Aber es geht alles gut und dieser Western ist einer der letzten mit einem wunderbar total affirmativen Ende, in dem alle sich finden, die zusammengehören und die, die einander noch nicht so gut kennen, werden in heißen Wüstennächten zu einem Leib verschmelzen.

Vielleicht ist es Russel Metty, der hochgradig erfahrene Kameramann, der am meisten für „The Appaloosa“, wie der Film im Original treffend heißt, getan hat. Wir sind echte Fans von Metty, weil er in den frühen 1950ern bei Universal die tiefstmöglichen Rot- und Grüntöne aus dem, wenn man nicht aufpasst, ohnehin rot- und grünlastigen Technicolor herausgeholt hat, und wenig später hat er Douglas Sirks Melodramen so erlesen fotografiert, dass man nicht nur den Dialogen, sondern auch den Bildern anmerkt, hier geht es um edle und höchste Gefühle und echte Liebe, die tiefer und schöner sein muss als jede erfahrbare Wirklichkeit. Nein, wir sind durchaus Sirks Filmen geneigt, wenn auch nicht allen von ihnen in gleichem Maß, weil sie das klassische amerikanische Kleinstadtmelodram auf die höchste denkbare Höhe gehoben haben.

Viele Western der 1960er sind bereits so fotografiert, wie man es heute bei epischen Filmen grundsätzlich auch noch tut. Das trifft nicht nur auf „Südwest nach Sonora“ zu. Die   Farben sind nicht mehr ganz so übertrieben wie zehn Jahre zuvor, doch allemal prächtig genug, um dem Auge reinen Genuss zu bieten. Auffallend ist aber, dass die Bildführung vorsichtig Elemente des gerade in die Gänge kommenden Italo-Westerns übernommen hat. Die extremen Nahaufnahmen und unendlich weiten Totalen sind typisch für den neuen, härteren Schlag. Wer hätte wenige Jahre zuvor noch daran Interesse gehabt, einzelne Augen und Zahnreihen ohne jede Umgebung abzulichten?

Auch der Schnitt ist ein wenig beschleunigt gegenüber Filmen, wie sie wenige Jahre zuvor üblich waren – aber es gibt keine wesentliche Zoomtechnik und die Einstellungen wechseln nicht so rasant, dass sie eine eigene Dynamik erzeugen, wie etwa bei Sergio Leone. Mit dem Italowestern hat „Südwest nach Sonora“ auch das staubtrockene Setting gemeinsam, doch auch dies folgte einer allgemeinen Tendenz: In den 1960ern verlagerte sich  Western zunehmend ins mexikanische Grenzgebiet, wo Gut und Böse nicht immer so einfach auseinanderzuhalten sind wie in diesen klassischen Pionierstädten, in denen die neue Zivilisation am Ende gegenüber der Gesetzlosigkeit der wilden Anfangszeit den Sieg davonzutragen hatte. Drüben in Mexiko, da ist es sowieso nicht weit her mit der Zivilisation, so suggerieren es die Western, also muss am Ende auch nicht alles so eindeutig sein. Passenderweise wurde zu jener Zeit auch der Production Code aufgegeben, sodass es möglich war, nicht nur die Gewaltdarstellung erheblich zu erweitern, sondern auch Endings zuzulassen, die vom bisherigen Schema abwichen.

Diese Chance hat „Südwest nach Sonora“ allerdings nicht genutzt und wir waren geradezu verblüfft darüber, wie Marlon Brando mit seiner flammend rot gekleideten Flamme auf die kleine Farm seiner Kindheit zieht, um eine Pferderanch daraus zu machen. Kein Wunder, dass dieser Superstar ein wenig lässig mit seiner Rolle umgeht und daher nicht seine beste Performance liefert. Sie reicht aber aus, um die Figur zu tragen, selbst dann, wenn sie erwähntermaßen ziemlich unprofessionell agiert – was auch deshalb seltsam wirkt, weil Mat anfangs eine Kluft trägt, die man als zerschlissene Armee-Uniform identifiziert, er ist also ein Profi im Töten und allgemein im Reagieren auf die Herausforderungen des rauen Grenzlebens.  

Weil er sich der Rolle unterzogen hat, durfte er aber erstmalig seit „Viva Zapata!“ (1951) dann doch wieder einen Sombrero tragen, und von dem Revolutionsepos wissen wir, dass Brando das normale Bild mit Sombrero auf dem Kopf vollkommen ausfüllt. Das gelingt ihm im Breitwandformat auch ganz gut, wobei die passenden Perspektiven hilfreich sind und alles dem erwähnten Drang zur Makro-Aufnahme folgt.

Obwohl man aus dem mexikanischen Staub eine traditionelle Westernstory ausbuddeln konnte, dem Zeitgeschmack angepasst in Optik und Spielort, zeigt der Film etwas, das über die formalen Liebesbezeugungen nahestehender Person nicht nur im Western hinausgeht: Da ist manchmal eine Wärme in dem Film, die verblüfft und anzieht, und das ist wohl der wichtigste Unterschied zu den Italowestern. Zu diesem Gefühl trägt Brando mit seiner hier zwar etwas zurückgenommenen, aber doch variantenreichen, authentisch wirkenden Spielweise bei. Wir könnten uns vorstellen, dass die Szenen auf der Farm ihn an seine schwierige Kindheit erinnert haben und er deshalb in ihnen am überzeugendsten wirkt.

Finale

Einen originellen ersten Showdown gibt es auch, und jeder Mann weiß, was es heißt, ihn auszuführen: Armdrücken ist eine Sache der Ehre, da gibt niemand freiwillig auch nur einen Fingerbreit nach. Vor allem dann nicht, wenn ein Skorpion nur darauf wartet, den Verlierer zu beißen und zu töten. Der Skorpion in „Südwest nach Sonora“ ist allerdings ein schwaches Exemplar – wie sein Besitzer, merkt Matt süffisant an. Natürlich ist das auch eine Anspielung auf die Potenz seines Gegners, und die Südländer verstehen bezüglich ihrer Potenz bekanntlich keinen Spaß, während wir Mitteleuropäer sie als letztes Druckmittel verwenden, um Frauen in einer uns zunehmend entgleitenden Welt zu liebevollem Verhalten zu bewegen. Das war auch Spaß.

Dem Film angemessen, der durchaus Humor hat – unter anderem deswegen, weil die Figuren allgemein nicht überernst genommen werden und daher überhaupt eine sinnvolle Handlung zustande kommt. Bei Provokationen, wie sie hier vorkommen, wäre ein Western früherer Zeiten spätestens nach 30 Minuten zu Ende gewesen.

70/100

© 2021 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Sidney J. Furie
Drehbuch James Bridges
Roland Kibbee
Produktion Alan Miller
Musik Frank Skinner
Kamera Russell Metty
Schnitt Ted J. Kent
Besetzung

 

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