Stoevers Fall – Tatort 260 #Crimetime 1061 #Tatort #Hamburg #Stoever #Brockmöller #NDR #Fall

Crimetime 1062 – Titelfoto NDR

Stoevers Fall ist ein Fernsehfilm aus der Kriminalreihe Tatort der ARD und des ORF. Der Film wurde vom Norddeutschen Rundfunk unter der Regie von Jürgen Roland produziert und am 5. Juli 1992 erstmals ausgestrahlt. Es handelt sich um die 260. Tatort-Folge. Für Kriminalhauptkommissar Paul Stoever (Manfred Krug) ist es der 18. Fall, für seinen Kollegen KHK Peter Brockmöller (Charles Brauer) der 15. Fall.

Für „Brocki“ ist es zwar der 15. Fall, aber er heißt auch deswegen „Stoevers Fall“, weil Stoever in diesem Fall die Szene beherrscht. Das tut er zwar immer mehr oder weniger, aber dieses Mal besonders viel. Außerdem sehen wir einen bekannten Fernsehmoderator in einer Gastrolle, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es ist lange her, dass wir einen Stoever-Brokmöller-Krimi rezensiert haben, das Wiedersehen hat Freude gemacht und was zum 290. Tatort zu schreiben ist, steht in der –> Rezension.

Handlung (1)

In St.-Pauli überrascht der „St. Pauli-Pate“ Berger einen Einbrecher in seinem Büro. Als er den Mann als Erich Born erkennt, wird er von dem Einbrecher erschossen. Stoever und Brockmöller werden zum Tatort gerufen und erfahren von dem Reporter Horstmann, dass Berger dabei war, die gesammelten Werke seines Archivs zu veräußern. In jahrelanger Arbeit hatte er Filmszenen und Dokumente über interessante Besucher der Bordelle gesammelt. Das dürfte für Nervosität bei einigen der Herren gesorgt haben, denn selbst Mitglieder des Polizeiapparates sind darunter zu finden. Horstmann ist bereits in Besitz eines der Filme, auf dem der heutige Stabsbereichsleiter für Organisierte Kriminalität, Lindemann, Spitzname „Feinfein“, zu sehen ist. Allerdings ist dieser Film schon über zehn Jahre alt und laut Born wäre noch neueres und brisanteres Material zu erwarten. Berger hatte sich an den Reporter gewandt, da er der Polizei nicht traut und dort einen Maulwurf vermutet. Kurz darauf wird Born tot aus der Elbe gefischt. Die Prostituierte Carola Naumann bestätigt Stoever, dass Lindemann in der Tatnacht mit einem Aluminiumkoffer von Berger kam. Als sich Borns Freundin Tanja Schneider bei der Fotojournalistin Uschi Petzold meldet, um eine Aussage zu machen, wird sie kurze Zeit später vom Balkon gestoßen. Stoever hatte Schneiders Anruf direkt mitbekommen und kann den Täter noch in ihrer Wohnung festnehmen, doch einem fähigen Anwalt gelingt es, die Tat als Selbstmord darzustellen und den Täter freizubekommen.

Die Kommissare kommen allmählich dahinter, dass aus den Reihen der Polizei Informationen zum „Kiez“ durchdringen, so wie es Born angedeutet hatte. In letzter Zeit sind jegliche Aktionen im Rotlichtmilieu fehlgeschlagen, was tatsächlich einen Maulwurf vermuten lässt. Für Stoever kommt dafür nur Lindemann in Betracht, was er zu beweisen versucht. Reporter Horstmann kommt ihm zuvor, indem er den Skandal der korrupten Beamten in der Zeitung veröffentlicht. Da er jedoch den Fehler macht und andeutet, noch mehr brisantes Material zu besitzen, wird er am nächsten Tag von Bordellbesitzer Hammesfahr in eine Falle gelockt und erschossen.

Stoever versucht. die gestohlenen Filme und Dokumente zu finden, die Erich Born vor seinem Tod versteckt hat. Als ihm das gelingt, kann er die Verstrickung Lindemanns beweisen, aber ehe dieser zur Rechenschaft gezogen werden kann, richtet er sich selber und erschießt sich. Auch Hammesfahr muss sich nicht mehr vor Gericht verantworten, da er von Stoever im Rahmen der Sicherstellung der Dokumente getötet wurde. Später erfährt er, dass dieser seinen Freund Horstmann erschossen hatte.

Rezension

Ging der bekannte TV-Moderator zum Tatort, weil ihm langweilig war? Immerhin war die Kultsendung, die mit seinem Namen verknüpft ist, schon 1984 eingestellt worden, während der Tatort immer noch lebt. Vielleicht sich seine Figur deshalb selbst umgebracht, aber hängen Sie sich als Maulwurf mal an der Decke auf oder erschießen Sie sich, so einfach ist das gar nicht. Altmeister Jürgen Roland filmt diesen und fünf andere Todesfälle, die sich im Verlauf der Handlung ereignen, ebenso souverän, wie Stoeer durch diesen Leichenberg steigt. Für damalige Verhältnisse dürfte der 290. Tatort einen rekordverdächtigen „Bodycount“ gehabt haben, aber während die ersten drei Todesfälle aufeinander aufbauen, haben sie trotzdem verschiedene Täter und am Ende erschießt auch Stoever (erstmals?) einen Menschen aus der Halbwelt. Eine Menge Action also, für die Verhältnisse der frühen 1990er.

Außerdem fand ich wieder kleine Steinchen fürs große Mosaik der Stoever-Persona und ihrer Entwicklung. Es gibt in diesem Film noch keine Gesangseinlagen zusammen mit Brocki, was Letzteren ebenfalls zurücksetzt, denn in diesen Momenten wirkt er immer sehr beseelt, während er in „Stoevers Fall“ gefühlt sogar hinter Meyer zwo zurücktritt, was nicht bedeutet, dass er auch weniger Spielzeit hat. Hingegen sieht man bereit Stoeers Vorliebe für farbkräftige Sakkos und Krawatten, die Jacken gerne kariert, die Krawatten sehr bunt. Als er im Jahr 2000 noch so angezogen ist, fällt das auf, aber 1992 war die Mode wirklich so, das heißt, sein Outfit hat sich organisch mit dem wechselnden allgemeinen Stil entwickelt und wurde dann aus dem Stil der frühen 1990er heraus konserviert. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich damals auch viel mehr „Farbe“ trug als heute, auch einen türkis-gelb karierten Blazer, die nur durch die Kombination mit einem dunkelgrauen Rolli einigermaßen im Rahmen des Erträglichen blieben. Ich erinnere mich noch an dieses selbst Stoevers Outfit in den Schatten stellenden Teil, was ich es mit mir auf einem Foto abgebildet ist, das zudem ein hübsch buntes Brillengestell zeigt. Dessen Form allerdings entspricht etwa derjenigen, die heute wieder üblich ist.

So viel zu einem Aspekt, der mich stets fasziniert, weil die frühen 1990er den bisherigen Gipfel des schlechten Kleidergeschmacks darstellten. Wer dabei blieb, als es längst wieder gedeckter zuging, bewies Mut zur Konstanz, wurde dadurch von Jahr zu Jahr mehr als Individuum wahrgenommen und bei Stoever passt es auch zu seinem offensiven Charakter. Da kommt einer, dem es nicht an Selbstbewusstsein mangelt, das wird durch diesen Stil unterstrichen und es ist in „Stoevers Fall“ vom Titel über die Optik bis hin zum Auftreten besonders ausgeprägt. Sogar eine Liebesaffäre hat er, einen ONS besser geschrieben. Ich kann mich nicht an einen anderen Fall mit ihm erinnern, in dem man derlei sieht.

Allerdings bewirken Jürgen Rolands wenig subtile Inszenierung und Stoevers unemotionale Art auch, dass der Film ein sehr raues Gepräge hat. Das ändert sich erst am Schluss, als Stoever mit der Reporterin schimpft, die Sex mit ihm hatte, weil sie für den Tod ihres Kollegen verantwortlich sei. Die Begründung hören Sie sich bitte selbst an, aber in dem Moment verstärkte sich etwas deutlich, was ich schon vorher wahrgenommen hatte: Es ist wieder ein typischer Film von Menschen aus den 1960ern, die es unter anderem mit der Frauenfreundlichkeit nicht so haben. Jürgen Roland hatte u. a. mit den Edgar-Wallace-Filmen begonnen, in den meisten davon gab es noch keine Frauen in aktiven Rollen und schauen Sie sich mal die Biografie des Drehbuchautors an, die ist schon recht interessant. Ich habe das erst getan, nachdem der Satz zuvor fertig war, aber ich finde, es passt zu dem rauen Duktus des Films.

Trotz allem, was einen richtigen Männerfilm ausmacht, wenn man „Stoevers Fall“ so bezeichnen will, inklusive der Funktion von Frauen als „exotisches“ Beiwerk, das vor allem deshalb auch handelt, damit sich die Männer darin spiegeln können, ist dieser Tatort nicht besonders spannend. Nicht bloß meineemotionale Integration in den Film blieb aus, ich fand ihn auch recht monoton. Die Mischung aus vielen Handlungselementen und einer zu klassischen Filmweise lässt ihn gestopft, aber nicht sehr rhythmusorientiert wirken. Viele Telefonmomente beispielsweise hätte man einfach weglassen können. Wenn Stoever sich eh schon nie oder selten mit Namen einstellt, obwohl er gar nicht wissen kann, wer am anderen Ende der Leitung ist, dann hätte man dieses Aufnehmen der Gespräche und auch manchen Satz aus den Gesprächen weglassen können. Zwei Jahre später waren bereits jene Handys in Gebrauch, die vieles erleichterten und nebenbei einige Handlungsmuster außer Dienst stellten, sofern nicht mit Funklöchern oder leeren Akkus arbeiten wollte. Ich erwähne das, weil das Telefonieren in dem Film so herausgehoben wird und ihn deutlich verlangsamt.

Was man hier schon lernen kann und woran damals niemand dachte: Wie man sich gegen Hatespeech wehrt. Stoever sagt „Arschgeige“, legt auf und gut is. Er wird angemacht, nachdem er zu erkennen gibt, dass er auch intern ermittelt, als der „Maulwurf“ in der Polizei sich zu bestätigen scheint. Allerdings kann man in den sozialen Netzwerken eben nicht einfach auflegen, Kommentare in Form von Beleidigungen oder umgekehrt stehen da und stinken manchmal ohne Ende zum Himmel. Man kann aber blockieren. Das ist aber psychologisch nicht das Gleiche wie eine kurze, knackige Antwort am Telefon und den Hörer aufknallen und es passt zu Typen wie Stoever, nicht aber zu Menschen, die etwas dünnhäutiger sind. Wie man zu Stoevers Mentalität steht, ist deswegen auch ein weiterer wichtiger Bewertungsansatz.

Finale

Die Nutzer:innen des Tatort-Funds sehen dieses Werk derzeit auf Rang 24 von 41 Stoever-Fällen, also ziemlich mittig, ich würde ihn eher im unteren Drittel ansiedeln. Dieses Mal war mir Stoever zu dominant, zu allpräsent, auch wenn der Titel schon darauf hinweist, dass er im Mittelpunkt stehen wird. Außerdem werden sechs Tote auf eine Weise abgehandelt, die an jene ungute Mentalität erinnert, die dazu geführt hat, dass Menschenleben nicht viel wert sind. Es wirkt vieles sehr lapidar und manchmal auch heruntergenudelt. Dabei achtet man auch recht wenig auf die Motive der Täter, es wirkt alles ein wenig überzogen und zu riskant für Kiezprofis, aber vielleicht waren es auch keine echten Profis und mussten deshalb den Clans von heute weichen. Was wir sehen, ist eine Show für Manfred Krug mit ein paar interessanten Momenten und Mitdarsteller:innen, aber kein Highlight, sondern etwas für Fans der beiden Hamburger Ermittler, die alles von ihnen gesehen haben wollen.

6/10

© 2021 Der Wahlaberliner, Thomas Hocke

Regie Jürgen Roland
Drehbuch Willi Voss
Produktion Studio Hamburg Filmproduktion
Musik Klaus Doldinger
Kamera Lothar Elias Stickelbrucks,
Randolf Scherraus
Schnitt Dagmar Pohle,
Karin Kraemer
Besetzung

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