Tanz der Vampire (The Fearless Vampire Killers / Dance of the Vampires, USA 1967) #Filmfest 636 #DGR

Filmfest 636 Cinema – Die große Rezension

Der lustigste Vampirfilm aller bisherigen Zeiten?

Tanz der Vampire (Originaltitel: The Fearless Vampire Killers, alternativ auch bekannt als Dance of the Vampires) ist eine Horrorkomödie aus dem Jahr 1967 von Roman Polański, der zusammen mit Gérard Brach auch das Drehbuch schrieb.  

Die Handlung in einem Satz: Ein alter Professor und sein Schüler reisen in die Karpaten, um dem Mythos der Untoten auf die Spur zu kommen, doch die Sache läuft beinahe anders herum, denn die Gesandten vom düsteren Schloss kommen ins Dorf, schnappen sich, ausgerechnet in dem schmalen Zeitfenster und meist durchs Fenster eindringend, sämtliche verfügbaren Schönheiten und setzen damit das wissenschaftliche Duo quasi selbst auf ihre Spur.

Roman Polanski, der bei diesem Film Regie führte und eine Hauptrolle spielt, wurde 2002 für sein Meisterwerk „Der Pianist“ endlich mit dem Oscar für den besten Film und die beste Regie geehrt. Diese Auszeichnung konnte er nicht selbst entgegennehmen, weil in den USA ein Verfahren wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen gegen ihn anstehen würde, seine Einreise vorausgesetzt. Mit der Rezension von „Tanz der Vampire“ ehren wir den Regisseur noch einmal, über dessen „Rosemary’s Baby“ wir in der Jubiläumsedition 175 ausführlich geschrieben haben.

Auch „Tanz der Vampire“ erinnert uns an eine ganz und gar nicht humorige Tatsache. Polanskis Frau Sharon Tate spielt hier die weibliche Hauptrolle, zwei Jahre später wurde sie von der berüchtigten Manson-Bande ermordet. Hauptsächlich diese Tragödie war es, die Polanski dazu veranlasste, nach Europa zurückzukehren, wo seine Wurzeln liegen. Roman Polanski wurde 1933 in Paris als Sohn jüdisch-polnischer Eltern geboren. Damit sind die aktuellen Rezensionen auch eine Hommage zu seinem 80. Geburtstag (der Satz bezieht sich auf das Jahr 2013, der Entwurf zur vorliegenden Rezension entstand im Jahr 2014). Mehr steht in ebenjener –> Rezension.

Handlung (1)

Professor Abronsius, der wegen seiner allzu kühnen Theorien zum Vampirismus seinen Lehrstuhl an der Universität von Königsberg (im Original: ‚‚Kurnigsburg‘‘) verloren hat, reist mit seinem Adepten Alfred in die Südkarpaten, um dort den Vampirismus zu erforschen und zu bekämpfen. In seinem Quartier, einem Dorfgasthof, entdeckt Abronsius erste Hinweise auf Vampire: Knoblauchgirlanden. Er vermutet, ganz in der Nähe müsse ein Schloss, das Nest der Blutsauger liegen. Die Gäste und der Wirt, Yoyneh Shagal, behaupten jedoch, nie von einem Schloss gehört zu haben.

Abronsius und Alfred beziehen das „beste“ Zimmer – mit Bad. Dort pflegt Sarah, die bildhübsche Tochter des Wirtes, zu baden, auch als es schon an die neuen Gäste vermietet ist. Sofort verfällt Alfred den Reizen des Mädchens. Als am folgenden Tag ein unheimlicher, hässlich verwachsener Buckliger – es ist Koukol, Krolocks Knecht – in den Gasthof gehumpelt kommt, um frische Kerzen zu kaufen, ist Abronsius überzeugt, dass das Nest der Vampire ganz nahe liegen müsse. Alfred folgt dem Buckligen, wird aber abgehängt und kehrt zum Gasthof zurück.

Als Sarah des Abends wieder ihr tägliches Bad nimmt, schwebt ein Vampir – es ist Graf Krolock, Fürst der Vampire – durch die Dachluke herein, beißt das Mädchen in die Halsschlagader und entschwindet mit ihr durch die Lüfte. Der verzweifelte Vater stürmt hinaus in die Schneelandschaft, um sie zu retten, wird aber am folgenden Morgen, zu einem Eisklumpen gefroren, von Dorfbewohnern aufgefunden und zurückgebracht. Abronsius untersucht die Leiche. Triumphierend weist er auf die zahlreichen Bisswunden hin, die seinen Verdacht erhärten. Abronsius rät der Witwe, dem Verstorbenen einen Holzpfahl ins Herz zu bohren, um seine Wiederkunft als Vampir zu vereiteln. Dies weist sie entrüstet von sich. Das rächt sich: Schon in der folgenden Nacht kehrt Yoyneh zurück. Nach einer wilden Verfolgungsjagd durch den Weinkeller entkommt er den beiden Vampirjägern. Sein erstes Opfer ist die schöne Magd Magda, deren Schlafstube er schon zu Lebzeiten nachts heimlich aufzusuchen pflegte. Danach flieht er zum Schloss des Grafen – auf Skiern verfolgt von Abronsius und Alfred.

So finden die beiden Vampirjäger das wie ausgestorben in den verschneiten Bergen liegende Schloss. Dort setzt sie der stumme Koukol in der Tischlerei fest, um sie dann zu seinem Herrn zu bringen: Graf Krolock empfängt sie mit formeller Höflichkeit, erkundigt sich nach Abronsius‘ Königsberger Vampir-Studien und weist ihnen schließlich die Gästezimmer für die Nacht zu. Während sie sich zur Ruhe begeben – Abronsius überglücklich, Alfred in panischer Angst – graut der Morgen. Krolock und sein Sohn Herbert begeben sich in die Gruft und betten sich für den Tag in ihre Särge.

Dort werden sie am nächsten Morgen von den beiden Vampirjägern gesucht. Der Särge tischlernde Knecht versperrt ihnen jedoch den direkten Weg in die Gruft, weshalb sie halsbrecherisch über schneebedeckte Zinnen von außen zu den Fenstern der Gruft balancieren. Alfred gelingt es, durch das schmale Fenster in die Grufthalle einzudringen, Abronsius aber bleibt im Fenster stecken. Von dort aus versucht er, Alfred anzuweisen, die Särge zu inspizieren und die Vampire mit einem durchs Herz geschlagenen Holzpflock zu erlösen. Doch Alfreds Nerven versagen vor Angst. Er flieht und will den Professor von der Außenseite des Fensters befreien, doch auf seinem Weg durchs Schloss wird er von einem betörenden Gesang abgelenkt. Er folgt der Stimme und findet in einem Zimmer Sarah beim Baden. Er will sie zur Flucht überreden, doch das Mädchen schwärmt bereits von einem Ball, der abends im Schloss gefeiert werden soll. Beim Blick aus dem Fenster sieht er den immer noch festsitzenden Professor. Es gelingt ihm, den schon halb erfrorenen Abronsius zu befreien, doch fällt ihm dabei der Koffer mit all den Instrumenten zur Vampirbekämpfung vom Dach, purzelt den Bergabhang hinunter und verschwindet in den verschneiten Wäldern.

In einem alten Buch mit dem Titel „100 Wege sich ins Herz einer Jungfrau zu schmeicheln“ (im Original: ‚‚A Hundred Goodlie ways of Avowing one‘s Sweet Love to a Comlie Damozel‘‘) sucht Alfred nach Verführungskünsten, um das Mädchen zu gewinnen. Dabei wird er von Herbert überrascht, der Alfred umarmt und ihn in den Hals beißen will. Noch bevor er aber zuschnappen kann, gelingt es dem bedrängten Opfer, das Buch schützend vor sich halten, und die langen Vampirzähne landen im Buchrücken statt in der Schlagader. Nach einer wilden Verfolgungsjagd entkommt Alfred dem liebestollen Vampir, indem er mit Abronsius in ein abgelegenes Gemach flüchtet. Von dort gelangen die beiden auf einen Söller und beobachten, wie zahlreiche Vampire aus den Gräbern des Schlossfriedhofs steigen und sich für den Ball bereit machen. Da überrascht sie der Graf. Er malt ihnen drastisch aus, was sie heute noch erwartet, und schildert ihr künftiges Schicksal als Vampire: Mit dem Professor wird er sich nächtens an geistvollen Gesprächen erbauen – viele Jahrhunderte lang. Während dieser Zeit soll sich Alfred mit Herbert anfreunden.

Abrupt beendet er das Gespräch und sperrt die beiden ein. Sie können sich jedoch befreien, überwältigen zwei Ballgäste und verkleiden sich mit deren Abendgarderobe. Unerkannt mischen sie sich unter die tanzenden Gäste. Ihre Tarnung fliegt jedoch auf, da sie mit Sarah die Einzigen sind, deren Bildnis von einem der großen Saalspiegel reflektiert wird (Vampire werfen kein Spiegelbild). Ehe die verblüfften Vampire die Situation begreifen, stürmen die Vampirjäger mit Sarah auf den Hof und fliehen mit Yoynehs Pferdeschlitten. Abronsius steuert den Schlitten, hinter ihm sitzen Sarah und der selige Alfred, zärtlich umschlungen. So bemerkt der liebestrunkene Alfred nicht, wie aus Sarahs verführerischen Lippen plötzlich zwei Vampirzähne herauswachsen und sich in seinen Hals graben. Während das Schlittengespann weiter durch die winterliche Vollmondnacht gleitet, kommentiert eine Stimme aus dem Off: „In jener Nacht wusste Professor Abronsius noch nicht, dass er das Böse, das er für immer zu vernichten hoffte, mit sich schleppte. Mit seiner Hilfe konnte es sich endlich über die ganze Welt ausbreiten.“ 

Rezension

Nach seinem Durchbruch mit „Ekel“ (1965), der auch Catherine Deneuve berühmt machte und vor „Rosemaries Baby“, den wir zuletzt für den Wahlberliner rezensiert haben (die Rezension wird auf dem Filmfest demnächst vorgestellt), filmte Roman Polanski eine Gruselkomödie mit ernstem Hintergrund. So sehen wir den Film heute, während wir beim ersten Anschauen im Jugendalter vor allem über die schön getimten Gags gelacht haben. So unschuldig-begeistert sind wir heute nicht mehr von einem Film, der allerdings für sein Entstehungsjahr 1967 recht offensiv bei der Darstellung von Blut war und in erotischer Hinsicht kommende, weniger prüde Zeiten ahnen ließ. Sogar Homoerotik ist vorhanden und damit dürfte „Tanz der Vampire“ einer der ersten Mainstream-Filme gewesen sein, der offen und auf noch heute spielerisch und witzig anmutende Weise das Thema mit jenem des Vampirismus verband. Viele Kinostücke zuvor hatten bereits diesbezügliche Anspielungen und unterschwellige Hinweise enthalten, aber eine fantastische Komödie eignet sich besonders gut, um ein Tabu zu brechen und damit einen Beitrag zur Normalisierung dessen zu leisten, was zu unserer gelebten Normalität gehört.

Bereits Ende der 1950er Jahre hat Roman Polanski das Filmhandwerk durch Kurzfilme gelernt, trotzdem wirkt „Tanz der Vampire“ stellenweise nicht nur provokant und progressiv, sondern durchaus etwas roh und ungeschliffen. Beispielsweise sitzen nicht alle Dialoge so gut, wie die verklärte Erinnerung an vergnügliche Stunden mit dem Film in früheren Tagen es erwarten ließ. Dieser Umstand dürfte jedoch in erster Linie der deutschen Synchronisation geschuldet sein, die viele Feinheiten verschwinden lässt. Auch gestalterisch bleiben Wünsche offen, der Film wirkt durchaus trashig, wie Reinhold Bradatsch auf „allesfilm.com“ festgestellt hat. Das Studio MGM, das „Tanz der Vampire“ produziert hat,  normalerweise für seine hochwertige Technik bekannt, hat zumindest dem ausstrahlenden Sender ARTE keine restaurierte Fassung zur Verfügung gestellt, bei der die Farben besser und die Kontraste hätten stärker werden können. Im Ganzen überwiegt nach wie vor das Positive, wobei sich Akzente verschoben haben.

Wir verstehen Meinungen wie die des amerikanischen Starkritikers Roger Ebert, der in seiner zeitgenössischen Kritik sehr anschaulich beschrieb, wie niemand während der Vorstellung auch nur ein einziges Mal lachte. Offenbar waren nur Menschen anwesend, die eine echte Vampirfilm-Persiflage erwartet hatten. Oder Premierenvorstellungs-Intellektuelle, die vom Hintergrund des Films schockiert waren.

„Tanz der Vampire“ ist eher eine Slapstick-Komödie als eine echte Parodie. Ein dusseliges, einer verqueren Version von Sherlock Holmes und Dr. Watson nachgebildetes Duo, allgemeiner gefasst: Meister und Lehrling, versucht, die blutsaugende Brut bzw. deren Häuptling zu pfählen, um das Böse aus der Welt herauszuhalten. Das funktioniert leider nicht, weil der alte und der junge Vampirjäger beinahe alles falsch machen, was man falsch machen kann und damit an klassische Stilisten des sich steigernden Chaos, wie Stan Laurel und Oliver Hardy, erinnern.

Trotzdem wäre es viel zu kurz gesprungen, den Film nur als Reminiszenz an die Tage der guten, alten Situationskomik anzusehen. Sicher hat Polanski, wie jeder Mensch mit einem Herz für das Medium Film, diese frühen Giganten der niemals endenden Lachsalven geschätzt. Allerdings meinen wir, „Tanz der Vampire“ steht den Marx Brothers näher als den harmloseren Komikern, denn er ist hinter der Komödie und jenseits der Parodie auch eine böse Satire.

Wie das Böse aufgrund dilettantischen Handelns der Guten in die Welt kommt, das ist der ernste Part, der Subtext dieses Polanski-Frühwerks. Alle haben Angst vor den Vampiren, auch der jüngere der Vampirjäger ist nicht frei davon. Nur ein verrückter Professor geht die Sache mit Mut an, eine Art Attentäter des Guten, der leider kein richtiger Profi ist und außerdem einen Assistenten hat, der noch leichtfertiger ist als er selbst.

Also nähern wir uns der Parabel. Das Dorf mit dem Wirtshaus und den unbedarften Menschen darin, das ist die Welt, und das Schloss des Grafen Krolok, das steht für die  Heimstatt der bösen Mächte, für deren Hort, wo sie sich entwickeln und von wo aus sie harmlose Zeitgenossen angreifen, die außerhalb dieses Machtzentrums wohnen. Sie sind zu ängstlich, um sich mehr als mit untauglichen, symbolischen Mitteln zu wehren, sehen nur den Vordergrund und den Einzelfall und sie unterschätzen die Gefahr in ihrer Gesamtheit.

Es ist nicht weit hergeholt, die blutsaugenden Vampire mit den Protagonisten  blutiger totalitärer Regimes gleichzusetzen, vor allem mit dem, das der deutsche Nationalsozialismus hervorgebracht hat. Weil diese Verbrecher nicht entschlossen gestoppt wurden, weil es nicht nur Unterstützer, sondern auch Mitläufer und naive Gutgläubige gab, konnten sie so viel Leid verursachen. Knoblauch und Kreuz, das ist zwar kein Appeasement, jedoch passive, persönliche, unkoordinierte Abwehr anstatt Aufstand oder kooperatives Vorgehen gegen die hier bereits installierte Unterdrückung. Es gibt natürlich keine direkte Parallele zu Instrumenten der historischen Realpolitik, die weiße Knolle ist, wie so viele, allegorisch für faule Eier gegen Panzer und Kanonen, doch selbstverständlich mussten die allgemein bekannten Elemente der Vampir-Mythen eingebaut werden.

Der Grusel des Films liegt weniger in den offensichtlichen Handlungselementen und die komödiantischen Szenen sind eher einfach, technisch hinter dem Stand der späten 1960er Jahre – aber der Film ist sehr populär geworden. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Fans des Films wohl wissen, dass dieses Mehr darinsteckt, welches wir im vorherigen Absatz beschrieben haben. Manche tun sie’s auch nicht und haben einfach nur Spaß, aber das Unterbewusste ist ein mächtiger Manipulator und es schafft eben doch ein Gefühl für die Bedrohung, die hier dargestellt wird – und für die Doppelbödigkeit dieses führen Polanskis.

Gemäß Wertung der IMDb wird der Film von Männern etwas mehr geschätzt als von Frauen, die ja auch keine sehr tragenden Rollen spielen, sondern entweder nur Opfer oder Opfer und zusätzlich mit dem Bösen infiziert sind, das sie auf einer Winterfahrt im Schnee vom Schloss der Vampire nach draußen transportieren können. Signifikant ist, dass dieser US-Film von Nicht-Amerikanern deutlich besser bewertet wird als von US-Nutzern der IMDb, und dies, obwohl die Komik darin amerikanischen Vorbildern nachempfunden ist und andere Polanski-Filme nicht diese signifikante Differenz aufweisen. Dies könnte darauf hinweisen, dass der Subtext von Europäern besser verstanden wird, auch von denen, die den Film nicht in der Originalsprache und mit allen darin enthaltenen Anspielungen sehen konnten. Die Idee, dass weniger Verständnis dem lockeren Umgang und einer guten Bewertung dienlich sein könnte, ist allerdings auch nicht von der Hand zu weisen.

Eine weitere Spur verwischt leider die deutsche Synchronisation. Als Assistent Alfie (Polanski) dem Wirt, der mittlerweile Vampir geworden ist, das Kreuz entgegenhält, antwortet dieser mit einer abwertenden Handbewegung: „Das schreckt doch nur die alten Vampire ab“ (sinngemäß). Im Original heißt es aber: „Sie haben den falschen Vampir erwischt“. Der Wirt ist eindeutig jüdischer Herkunft und damit ist klar, warum das christliche Kreuz ihn als nunmehr Vampir gewordene Person nicht treffen kann. Auch seine unterwürfige Art gegenüber den adeligen Vampiren im Schloss ist gar nicht witzig gemeint. Der polnische Katholizismus wird durch die Auslegung des Kreuzes im Schloss, der die Vampire aber nicht wirklich aufhält, ebenfalls thematisiert und hinterfragt. Möglicherweise ist darin auch eine Anspielung auf die Mentalität der sehr gläubigen christlichen Polen enthalten, welche die Juden gerne geopfert haben, um sich von den Deutschen eine Rettung vor den Russen zu erhoffen – anders herum bei den linksgerichteten Kräften.

Die Juden hingegen, wie sie im Film beschrieben sind, waren keine Helden des Aufstandes, sind nicht die Menschen, die das Warschauer Ghetto bevölkert und sich dort in großer Not gegen die Besatzer erhoben haben, sondern jeder allein auf sich gestellt und versuchen sich, wie der zum Vampir gewordene Wirt, irgendwie durchzuschlagen und den Herrenmenschen sogar dienlich zu sein. Sie sind Repressalien von Schergen ausgesetzt, die aussehen wie Quasimodo, suchen sogar Schutz im Dunstkreis der Herrscher, in dem sie in leere Särge kriechen, um dem Tod zu entkommen. Dass der jüngere der Vampir-Grafen strohblonde Haare hat und einen zwar im Britischen auch vorkommenden, aber in Deutschland bekannten Vornamen trägt (Herbert), ist kaum misszuverstehen. Dass dieser Arier schwul ist, kann man als Zusatz-Gag ansehen und an die damals einsetzende Nazi-Sexploitation.

Es ist frappierend, wie in diesem Film der Untergang Polens im Würgegriff der russischen und der deutschen Armeen und mindestens Anzeichen des Holocausts illustriert und vordergründig mit einer lächelnden Note beschrieben wird. Darin steckt der sarkastische oder ironische jüdische Witz, der viele Hollywoodfilme durchzieht, denn viele Filmschaffende, besonders in den USA, waren emigrierte europäische Juden oder sind deren Nachfahren. Diese Herangehensweise versucht, das Schreckliche in Komik zu transformieren, weil es zumindest 1967 noch nicht möglich war, es in einem Drama wie „Schindlers Liste“ oder dem ewähnten „Der Pianist“ angemessen ernst und episch zu beschreiben. Schon wesentlich früher gab es zwei berühmte komödiantische Bearbeitungen dieses Themenkomplexes: Ernst Lubitschs „Sein oder nicht sein“, der im Jahr 1942 entstand, zu einem Zeitpunkt, als der Zweite Weltkrieg sich seiner Entscheidung näherte (Rezension ebenfalls beim Wahlberliner), die aber auch kontrovers aufgenommen wurde („Darf man Witze über Hitler machen?“ – zumal zu einem Zeitpunkt, da er noch nicht besiegt war), und natürlich, vor dem Kriegseintritt der USA, Charles Chaplins „Der große Diktator“. Der Film wurde erst akzeptiert, als diese politische Entscheidung gefallen war.

Genau diese nachdenklich machende Ebene von „Tanz der Vampire“ konnten wir als Erstbetrachter und Jugendliche von vielleicht 15 Jahren nicht erkennen. Man muss einige Filme gesehen und ein paar Grundinformationen über die Geschichte des Mediums und die jüngere Geschichte der Welt haben, um diese Elemente so klar identifizieren zu können. Dies zu tun, macht aber „Tanz der Vampire“ nicht witziger, sondern gibt ihm eine bittere, traurige Note, zu der dann endlich auch die klagende Musik passt, die das Hauptthema bildet und das einzige wirklich gruselige Element des Films darstellt –  und die sich nur bei wilden Verfolgungsjagden anpasst, schneller wirkt und humoriger klingt.

Zur Zeit seiner Entstehung war aber auch den Verantwortlichen bei MGM wohl nicht klar, was in dem Film steckte. Einige technische Schwächen könnten nämlich auch darauf zurückzuführen sein, dass der Film  kein Premium-Projekt war und außerdem gekürzt wurde. Einem jungen Regisseur wie Polanski, der gerade erst einen einzigen erfolgreichen Spielfilm gemacht hatte, wurde auch wohl kein Einfluss auf den letzten Schnitt zugestanden.

Finale

Selten hat sich unsere Wahrnehmung eines Film für uns im Lauf der Jahre so stark gewandeltwie bei „Tanz der Vampire“. Der Prozess ist möglicherweise nicht abgechlossen und wir halten es für möglich, dass es zu einer Re-Revision kommen wird.

Deswegen ist er nicht schlechter geworden, nur anders. Keine einfach witzige Vampirfilm-Parodie mehr, sondern ein Werk, das schon erahnen lässt, dass Polanski eines Tages einen Film wie „Der Pianist“ drehen musste, ebenso wie Spielberg „Schindlers Liste“ – die jeweils persönlichsten Werke der Regisseure, deren individuelle Schicksale Teil des Schicksals der unterdrückten Völker Europas während des Zweiten Weltkrieges waren; Einzelschicksale innerhalb des großen Traumas vom Sterben jüdischer Kultur in Europa. Schon im folgenden Jahr bewies Polanski mit „Rosemary’s Baby“, dass das Ernste und abgründig Gruselige mehr sein Metier ist als die Komödie.

Wenn man „Tanz der Vampire“ in diesen Kontext stellt und zudem die Umgangsweise Polanskis mit der dunkelsten  Phase des 20. Jahrhunderts berücksichtigt, kann man daraus etwas ableiten, was auch in „Das Leben ist schön“ von Roberto Benigni eine zentrale Rolle spielt: Dass der Wille zu leben nur erhalten werden kann, wenn er allen Schrecken und aller Ohnmacht mit dem einzigen Mittel begegnen darf, das den Ohnmächtigen verbleibt: Dem Lachen oder wenigstens dem tapferen Lächeln im Angesicht des Todes über diejenigen, die den Tod bringen.

86/100

© 2021, 2015 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Regie Roman Polański
Drehbuch Roman Polański,
Gérard Brach
Produktion Gene Gutowski,
Martin Ransohoff
Musik Krzysztof Komeda
Kamera Douglas Slocombe
Schnitt Alastair McIntyre
Besetzung

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