„Auslaufmodell Supermarkt?“ (FR 2021) | Newsroom | Wirtschaft & Wandel | ARTE #Konsum #Lebensmittel #Food #Amazon #JD #Carrefour

Newsroom | Wirtschaft & Wandel | Gegenwart und Zukunft des Lebensmittelhandels

Der nächste Wandel kommt bestimmt – aber wir können auch dieses Mal wieder entscheiden, ob wir kämpfen oder den bequemen Weg gehen wollen

Es war wieder einmal ein Zufall. Im Anschluss an einen Spielfilm schlug Arte als nächstes Mediathek-Video „Auslaufmodell Supermarkt?“ vor. Die 86 Minuten für diese profunde Dokumentation waren keine vertane Zeit, das können wir gleich zu Beginn festhalten. Außerdem geht uns das Thema Lebensmittel-Einkauf alle an.

Wir werfen mit dem Film einen Blick in die Vergangenheit, vor allem aus französischer Sicht: Wie 1963 die Marke Carrefour als erste entstand, die „Hypermarchés“ auf der grünen Wiese bauten. Ich habe den Vergleich zwischen deutschen und französischen Supermärkten, daher: Von der Größe waren die Franzosen immer vorne, aber dort stapelten sich schon meterhoch die furchtbaren Plastikflaschen, als bei uns noch alles in Kisten & Glas abgepackt war. Es war also auch ein wenig ein Blick in die Zukunft, den man hinter der Grenze werfen konnte. Andererseits: eine atemberaubende Vielfalt, auch an Frischwaren, die hierzulande nie erreicht wurde. Nun aber kommt die Weltdemokratie in Form von Amazon. Obwohl die Dokumentation aus dem Jahr 2021 stammt, spielt zwar der Trend, kleinere Läden in den Innenstädten zu eröffenen und sie nebenbei höherwertiger wirken und markenträchtiger sein zu lassen, eine Rolle, aber nicht die fundamentalen Einschnitte, die Corona mit sich brachte. Der Trend zum Online-Handel beschleunigt sich erheblich. Was Lebensmittel angeht, lässt er sich ja auch sehr gut mit dem Lieferservice verbinden, der den Online-Handel kennzeichnet. Problem: Es muss noch schneller gehen als bei anderen Waren. Zwei Stunden von Bestellung bis Haustür? Kein Problem, die Chinesen machen es vor, das Beispiel, das wir sehen, heißt JD.Com und ist der weltweit zweitgrößte Online-Händler.

Amazon dringt von Branche zu Branche in die angestammten Geschäfte des Präsenzhandels vor und in China wird bereits geprobt, wie die gesamte Lieferkette in einem Konzern bleibt: die Agrarproduktion unter aseptischen Bedingungen inklusive. Damit spielen auch Wetterunbilden keine Rolle mehr und der Ertrag kann immer weiter optimiert werden. So neu ist das nicht, der Gewächshausanbau ist schon lange existent, aber die Logistik vom Säen der Pflanze bis zur Auslieferung an die Kunden in einer Hand, das ist eine neue Stufe der Kontrolle über das gesamte Verfahren. 

Der Einstieg in den Film zeigt aber die heutige Realität, die wir als Verbraucher nicht so gerne zur Kenntnis nehmen wollen: Preisschlachten um Prozente und Promille, ein Kräftemessen zwischen den Handelsketten und den Lieferanten wie in kaum einer anderen Branche und mit Methoden, von denen Sie bisher vermutlich noch nicht alles gewusst haben. Aber was sollen die meisten Verbraucher machen, um über die Runden zu kommen? Des einen Leid ist des anderen Freud, so läuft es in einem besonders entfesselten Bereich der Marktwirtschaft und wieder einmal setzt das Nachdenken über die zerstörerische Kraft ebenjener Form von Wirtschaft ein. Erinnern Sie sich noch, wie die Supermärkte in Deutschland in der Diskussion standen, weil sie die „Tante-Emma-Läden“ an die Wand drückten, die preislich nicht mithalten können? Gegenüber den kleinen Läden waren die Lieferanten noch im Vorteil, es sei denn, die kleinen Läden gehörten Einkaufsgenossenschaften wie der Edeka an. Edeka wiederum hat mittlerweile, wie viele andere Handelsketten, internationale Groß-Einkaufsgemeinschaften gegründet, um den immer mehr zusammenwachsenden Lieferanten überlegen zu sein. Ist Ihnen das auch schon passiert, dass bestimmte Produkte einfach mal nicht mehr da waren? Aktuell könnte man meinen, es geht um Lieferengpässe, aber früher hatte diese Absenz des Beliebten einen anderen Grund: Es handelte sich um Auslistungen, um Lieferanten in die Knie zu zwingen. Dank der internationalen Superpower weniger großer europäischer Einkaufsgemeinschaften wurde vor einiger Zeit sogar Nestlé gebasht. Mit Erfolg. Das hielt man vor wenigen Jahren nicht für möglich, da der Konzern zu groß erschien, als dass man alle seine vielgekauften Produkte einfach mal vor die Tür setzen konnte. Die näcshte Runde ist absehbar: Die Herstellerkonzerne werden weiter wachsen und andere übernehmen, um das Gleichgewicht zurückzuerlangen oder eben die überlegene Position, die man zwischenzeitlich hatte. 

Aber was ist mit den regionalen mittelständischen Lieferanten? Sie könnten sich zu Produktionsgenossenschaften zusammenschließen, aber das ist in unserem Wirtschaftsmodell auf dieser Ebene interessanterweise noch nicht sehr üblich. Es wird auch durch extrem ausgeklügelte Verträge verhindert, die einzelne Lieferanten immer wieder auf sich selbst zurückwerfen. Sind Ihnen im Supermarkt schon Mitarbeitende begegnet, die nicht zum Markt gehören, sondern entweder anonym aussehn oder dank ihrer Dienstkleidung als Angestellte der Lieferanten erkennbar sind? Dann haben Sie das Modell live vor sich, dass die Lieferanten die Bestückung der Regale selbst vornehmen müssen, natürlich auf eigene Kosten, auf dem Boden des Gegners, wenn man so will. Wenn dabei die Logistik nicht funktioniert, bleiben die Regale leer oder der Service, den ohnehin die Läden zu leisten hätten, wird den Lieferanten gesondert in Rechnung gestellt. Dass man die Lebensmittelproduzenten sogar mit Fake-Dienstleistungen zwiebeln kann, ist ein weiterer Trend der aktuellen Übermacht der Einkäufer. Wie nun, wenn alles am Ende in einer Hand ist? Wie es sich in China und auf bestimmten Gebieten auch bei uns dank Amazon abzeichnet? Lieferanten werden auf einen Sklavenstatus zurückgeworfen, so viel ist sicher. Denn wenn man ohne eine bestimmte Handelsplattform nichts mehr umsetzen kann, weil alle diese Plattform nutzen, ist die vollkommene Einseitigkeit erreicht, während bei den Vor-Ort-Supermärkten wengistens noch etwas wie eine Oligarchie vorherrscht und darauf geachtet wird, dass besonders häufig gekaufte Produkte in verschiedenen Geschäften zu einigermaßen ähnlichen Preisen zu haben sind. Ist das nicht der Fall, schlägt nämlich die Stunde der Schnäppchenjäger unter den Verbrauchern, die heute wiederum Internet-Plattformen zwecks Preisvergleich nutzen können.

Auch ich tue das mittlerweile, aber ich würde es nicht erwähnen, wenn es dabei immer auf  Amazon hinausliefe. Das ist definitiv nämlich nicht so und Mittelständer können Amazon manchmal toppen, und zwar auf Basis ihrer eigenen Plattform, nicht als Amazon-Subunternehmer. Wie das möglich ist? Ganz ehrlich, ich möchte es nicht so genau wissen. Die Margen können nicht riesig sein. Aber gerade bei seltener zu erstehenden und etwas teureren Produkten kann ich mir nicht aus ethischen Gründen den höchsten Preis aussuchen. Das kann nur der gehobene Mittelstand oder das Großkapital, der die anderen ausbeuten darf, zum Beispiel die Eigner von Lebensmittel-Handelsketten. Die können es sich aussuchen. Wir sind alle Teil des Prozesses, der im Gange ist, das vergisst die Dokumentation ein wenig, dafür hätte sie aber auch zwei Stunden lang sein müssen, denn, siehe oben, sie ist sehr faktenreich, es wird keine Zeit verschenkt. Auch die Interviews sind erstaunlich  und instruktiv, sie stellen kaum eine Entschleunigung dar und außerdem ist es immer imposant, wenn Betroffene berichten. Manche von ihnen komplett anonymisiert, damit sie nicht unter Druck kommen. 

Aber die Branche, so sehr sie auch die Lieferanten gegen die Wand drückt, ist in der Krise, eben wegen des Online-Handels, der Jahr für Jahr mehr Marktanteile erobert. Werden wir einst als Verbraucher und werden die Lieferanten von einem Monopolisten abhängig sein oder einem Duopol? Alibaba und JD in China, Amazon in den USA und Europa? Interessanterweise geht gerade Amazon den entgegengesetzten Weg und bindet zugekaufte Präsenzläden in seine Strategie ein. Ändert das etwas. Leider nicht, denn die Lieferanten sind dadurch nicht weniger unter Druck und die Verbraucher laufen Gefahr, auch durch eigenes Verhalten in eine Monokultur zu geraten. Nach allem, was ich gesehen habe, glaube ich aber nicht, dass es zu einem vollkommenen Sieg der Internetgiganten kommen wird: Irgendwann werden die Wettbewerbshüter einschreiten, bevor diese Giganten die Preise vollkommen bestimmen können. Warum das so ist? Weil die Verbraucher weiterhin marginalisiert werden und nur mit günstigen Preisen im System zu halten sind. Leidtragend: Die Lieferanten und vor allem die Nachhaltigkeit der Produktion durch regionale Zyklen. Es liegt auch an uns, ob wir diese Nachhaltigkeit stärken. Aber nicht nur wegen unseres aktuellen Konsumverhaltens. Sondern in der Form, dass wir darum kämpfen, endlich gerecht entlohnt zu werden, damit wir uns gute Dinge leisten können.  Oder wir gehen den chinesischen Weg. Beim Anschauen dessen, was dort schon üblich ist, dachte ich: Und das soll wirklich effizienter sein als der schlichte Einkauf um die Ecke, beim Händler des Vertrauens?

Nachhaltiger, menschenwürdiger und ressourcenschonender ist es auf keinen Fall und unser hiesigen Auslieferer und auch viele Mitarbeiter:innen bei den Produzenten dürfen sich schon einmal gratis anschauen, wie sie durch Roboter ersetzbar gemacht werden können. Der Kapitalismus lagert seine Folgekosten aus, damit die marginalisierten Arbeitenden noch nicht hungern müssen. Wenn aber diese im Grunde miese Vereinbarung mal ganz kippt, wie gegenwärtig bei den Energiepreisen absehbar, dann wird doch der Staat wieder eingreifen müssen. Nicht zulasten des Marktes, wie die Liberalen es so gerne darstellen, sondern, damit deren Marktspielwiese erhalten bleibt, wird reguliert. Die meisten Branchen wären längst tot, wenn keine Eingriffe in den sogenannten freien Markt stattgefunden hätten. Das könnte bald auch für den Lebensmittelhandel gelten. Schauen Sie sich die Dokumentation an, sie hilft dabei, die Wirtschaft zu verstehen, und zwar in einer Form, die besonders eindringlich ist. Wir dürfen hinter die Kulissen blicken, in die Branche, deren Fassade wir täglich sehen, deren Konditionen uns aber normalerweise nur dann interessieren, wenn etwas allzu plötzlich teurer wird.

8,5/10

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Wir haben auch ein wenig am Service gearbeitet und binden die Dokumentation hier ein:

Infos von Arte:

Jahrzehntelang beherrschten große Supermarktketten den globalen Lebensmittelmarkt. Doch allmählich scheint ihr Geschäftsmodell überholt: Ein harter Preiskrieg zwischen den Einzelhändlern und die Ankunft digitaler Großkonzerne wie Amazon und Alibaba stürzen Supermarktketten in eine immer tiefere Krise. Der Dokumentarfilm zeigt auch, wie das Einkaufen von morgen aussehen könnte. Seit den 1960er Jahren gelten große Supermarktkonzerne als unanfechtbar. Doch seit einigen Jahren befinden sie sich in einer tiefen Krise – und ziehen traditionelle Akteure der Lebensmitteldistribution in Mitleidenschaft. Im Zuge eines erbitterten Preiskriegs zwischen den Einzelhändlern setzen die Konzerne auf immer aggressivere kommerzielle Verhandlungsmethoden zu Lasten der Lieferanten, Landwirte und Hersteller, und verlassen dabei oftmals die Grenzen der Europäischen Rechtsordnung. Doch nicht nur zwischen den Supermarktkonzernen herrscht ein erbitterter Geschäftskampf: Seit der Ankunft digitaler Großkonzerne, wie Amazon und Alibaba, müssen sich Supermärkte auch gegenüber neuen Akteuren behaupten, die exponentiell in den Lebensmittelsektor investieren und das Geschäft der historischen Konzerne zusehends bedrohen. In den Vereinigten Staaten hat Amazon eine eigene Supermarktkette eröffnet, um seine Geschäftsrivalen Walmart und Target auszustechen und den amerikanischen Lebensmittelmarkt zu erobern. In China investieren Alibaba und JD.com in verschiedene Bereiche der Lebensmittelversorgungskette. Sie eröffnen eigene Geflügel-, Obst- und Gemüsefarmen und ersetzen dabei menschliche Arbeitskräfte durch Maschinen, die von Künstlicher Intelligenz betrieben werden.Welche Auswirkungen hat eine derartige Handelsrevolution auf die Beschäftigungsbedingungen, die Qualität unserer Lebensmittel und die Zukunft unseres Planeten? Anhand seltener Zeugenaussagen und Dokumente führt der Dokumentarfilm hinter die Kulissen der Konsumtempel und ihr zwielichtiges Geschäft.

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